Lamar | Viper's Dream | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Lamar Viper's Dream

Kriminalroman
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96054-485-2
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-96054-485-2
Verlag: Edition Nautilus GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



New York, 1961. Clyde Morton, genannt Viper, hat gerade seinen dritten Mord begangen, den ersten, den er bereut. Doch anstatt zu fliehen - sein Kontaktmann bei der Polizei hat ihm drei Stunden gegeben -, hängt er im Cathouse der Baroness Pannonica de Koenigswarter, kurz Nica, und grübelt. Wie allen Musikern, die bei ihr ein- und ausgehen, hat die Schutzpatronin der New Yorker Jazzszene ihm aufgetragen, drei Wünsche aufzuschreiben. Viper weiß, dass ihm nicht viel Zeit bleibt und er sicher im Knast endet, wenn er nicht augenblicklich verschwindet, aber das scheint plötzlich nicht wichtig. Er blickt zurück auf seine Ankunft in Harlem im Jahr 1936, als er noch hoffte, hier seinen Traum als Trompeter zu verwirklichen. Da sein Talent dafür nicht ausreicht, fängt er als Geldeintreiber an, steigt in den Drogenhandel ein und wird bald zu einem gefürchteten und respektierten Boss. Im Rhythmus des Jazz und im Rauch von Marihuana regiert er Harlem. Doch abseits seiner Kontrolle breitet sich das Heroin aus und richtet auch unter den Jazz-Leuten Verheerung an. Das ehemals pulsierende, bunte Harlem geht vor die Hunde, und Viper wird von seiner Vergangenheit eingeholt ... Mit einem fesselnden Figurenensemble und in unvergleichlichem Sound erzählt Jake Lamar in diesem preisgekrönten Gangster-Jazzroman vom Aufstieg und Fall eines gewalttätigen Antihelden inmitten New Yorks zu Zeiten der Segregation - mit Gastauftritten von Miles Davis, Thelonious Monk, Charlie Parker und Little Richard. »Ein einziger langer Höhenflug, der uns durch das Harlem der 1930er bis 1960er Jahre fegt, zu Riffs von melancholischer Poesie, durchzogen von den hardboiled Beats der Gangster und ihrer Straßen. Ein wahrhaftiger, purer Jazz-Noir-Klassiker, der süchtig macht.« David Peace »Man kann förmlich sehen, wie der Schweiß von den angeschlagenen Saiten eines Kontrabasses fliegt. Man hat der Musik zugehört, im Buch gelesen, schon seit Stunden - und es steckt immer noch voller Überraschungen.« James Sallis »Ein hervorragender historischer Thriller, der es mit dem großen US-Krimiautor Chester Himes aufnehmen kann.« The Sun »Ein stimmungsvoller Noir. Lamars größte Stärke ist sein Gespür für Orte.« The New York Times »Düster, poetisch und mitreißend.« Deborah Levy

Jake Lamar (*1961) wuchs in der Bronx/New York auf, studierte an der Harvard University und schrieb für das Time Magazine. Er lebt seit 1993 in Paris und unterrichtete Kreatives Schreiben an der Sciences Po. Er schreibt Romane, Essays, Rezensionen, Kurzgeschichten und Theaterstücke und wurde mehrfach ausgezeichnet. »Viper's Dream« erhielt einen CWA Dagger Award 2024, »Das schwarze Chamäleon« wurde mit dem Deutschen Krimipreis 2024 ausgezeichnet (1. Platz International). Robert Brack (*1959) lebt als Autor und Übersetzer in Hamburg. Er wurde mit dem Marlowe der Raymond-Chandler-Gesellschaft und mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und übersetzte u.a. die Kriminalromane von Declan Burke. Zuletzt erschien 2023 sein Kriminalroman »Schwarzer Oktober«.
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1


»Also, Viper«, sagte die Baroness, »was sind deine drei Wünsche?«

Ich spreche jetzt vom November 1961. Es war gegen Mitternacht im Cathouse, wo ungefähr zwanzig Jazzmusiker versammelt waren. Sie redeten, lachten, tranken und tanzten, aßen, rauchten und spielten auf ihren Instrumenten. Aus einer Ecke weiter hinten drang das Geräusch eines sanft gezupften Kontrabasses, aus einer anderen das schräge Quäken eines Saxophons, beantwortet vom Echo eines zweiten Horns und dem verspielten Klimpern eines Klaviers. Dazwischen mischte sich eine Kakophonie miauender, schnurrender, fauchender Katzen, deren Klauen über die Oberflächen der Möbel kratzten. Das Cathouse war eine Art Zuflucht für die zweibeinigen Cats der Jazzszene wie auch die Heimat von über hundert Vierbeinern mit flauschigem Fell.

Das Cathouse gehörte der Baroness Pannonica de Koenigswarter, von ihren vielen Freunden schlicht »Nica« genannt. Sie war eine Rothschild-Erbin, eine blaublütige Europäerin, die in der New Yorker Jazzszene auftauchte, als wäre sie vom Himmel gefallen, um zur Patronin, Beschützerin und zum Groupie der Bebop-Generation zu werden. Sie veranstaltete nächtliche Jam-Session-Partys in verschiedenen Hotels in Manhattan, was immer lustig gewesen war, bis eines Tages Charlie Parker tot in der Suite der Baroness im Stanhope Hotel gefunden wurde. Sehr zum Verdruss des Managements. Das war vor sechs Jahren. Der nachfolgende Skandal hatte zur Folge, dass Nica nirgendwo in der Stadt eine Unterkunft fand, die ihr gefiel und genügend Platz bot für die nächtlichen Jams. Also kaufte sie ein im Bauhaus-Stil errichtetes Gebäude in Weehawken, New Jersey, am anderen Ufer des Hudson River, wo riesige Panoramafenster den Blick auf die glitzernde Metropole freigaben. Thelonious Monk war im Cathouse mehr oder weniger zu Hause, und die Gästeliste der Musiker, die vorbeikamen oder länger blieben, umfasste Duke, Satchmo, Dexter, Dizzy, Mingus, Miles, Coltrane … ich könnte noch mehr aufzählen. Viele bekannte Namen, aber auch viele, von denen ihr noch nie gehört habt. Dies ist die Geschichte eines Mannes, von dem ihr wahrscheinlich nie gehört habt. Er war kein Musiker, aber er war genauso willkommen im Cathouse wie all die berühmten Jazzmen. Sein Name war Clyde Morton. Aber alle nannten ihn Viper.

Ihr habt vielleicht nie von ihm gehört, aber ihr habt ihn ganz bestimmt mal gesehen, auf grobkörnigen Schwarzweiß-Fotografien, manche davon schon aus den 1930ern. Darauf sieht man ihn, immer im Schatten stehend, in Jazzclubs, Aufnahmestudios, bei spontanen Jam-Sessions, meist am Rand oder ganz weit hinten, in einem piekfeinen Anzug, die Lippen unter dem bleistiftdünnen Schnurrbart zu einem listigen Lächeln verzogen, die Haare immer glatt gegelt. Vielleicht habt ihr ihn auch mal auf einer After-Show-Party gesehen – an einem Tisch in der hinterletzten Ecke sitzend, hinter halb geleerten Schnapsflaschen, überquellenden Aschenbechern und Tellern mit übereinandergestapelten abgenagten Hühnchenknochen – und diesen Blick bemerkt. Gleichgültig, träge und doch gefährlich. Wie erstarrt, aber immer wachsam. Irgendwas an diesem Mann erinnerte tatsächlich an eine Schlange. Alle hatten Angst vor Clyde »The Viper« Morton. Mit Ausnahme der Baroness vielleicht.

»Hatschi!«

»Viper, hast du eine Allergie?«

»Bisschen.«

»Ist mir nie aufgefallen.«

»Ist nicht schlimm, Nica.«

»Das überrascht mich aber. Ich dachte immer, du hättest keine Schwächen. Tränen deine Augen?«

»Mir geht’s gut, Nica.«

»Viper, weinst du etwa?«

»Nein, das ist nur wegen der Katzen.«

»Soll ich dir was zu trinken holen? Bourbon on the rocks, richtig?«

»Ja.«

Nein, der Viper war kein Musiker. Aber er wäre gern einer gewesen. Mit ganzem Herzen. Leider fehlte ihm das Talent dazu. Und da er nun mal keine Musik machen konnte, hatte er sich entschlossen, denen zu helfen, die es konnten, indem er sie mit dem versorgte, was sie brauchten: Inspiration, genauer gesagt mit jenem Elixier, das ihre Kreativität förderte. Weshalb ihm auch in dieser Nacht alle Musiker mit der gewohnten Dankbarkeit und Achtung begegneten.

»Hey, Viper, wie geht’s denn so, Mann? Vielen Dank noch mal für dieses Hammerzeug.«

»Viper, hast du noch was von diesem unglaublich guten Shit für mich?«

»Yeah, Mann, ich weiß nicht, ob es dieses kalifornische Zeug war oder dieses Kraut aus Indochina, aber ich war so high bei meinem Gig im Vanguard letzte Woche – ich hab noch nie so gespielt. Besten Dank, Viper!«

An diesem Abend waren fast alle im Cathouse berauscht von der Green Lady. Der süße Duft von Marihuana hing in der Luft. Und Clyde Morton hatte die Anwesenden mit dem Stoff versorgt, wenn nicht direkt, dann über sein Netzwerk von Dealern. Jede Unze, jedes Körnchen stammte von ihm.

»Yo, Mann, willst du mir nix von deinem Joint abgeben?«

»Zieh dir noch einen rein und versuch’s dann mal mit B-Moll.«

»Nee, so wie Pops es gespielt hat! Die Trompete muss richtig quietschen am Schluss. Du musst sie zum Quietschen bringen …«

Viper lehnte sich auf Nicas Wohnzimmersofa zurück und schaute sich um, träge und wachsam zugleich. Niemand außer der Baroness hatte eine Veränderung an ihm wahrgenommen. Aber er kämpfte tatsächlich mit den Tränen. Seit fünfundzwanzig Jahren ging er seinem Beruf nach. Und bis zu diesem Abend im November 1961 hatte er nur zwei Menschen umgebracht. Aber heute war ein drittes Opfer hinzugekommen. Zum dritten Mal in diesen fünfundzwanzig Jahren hatte er einen Menschen getötet. Aber es war das erste Mal, dass er es bereute.

* * *

Eine Stunde zuvor hatte Clyde Morton in einer Telefonzelle an der Lenox Avenue gestanden und die Nummer seines alten Kumpels bei den Cops gewählt.

»Hallo, Detective Carney.«

»Viper, bist du das?«

»Schick eine Streife rüber zu Yolandas Wohnung. Und einen Krankenwagen.«

»Ist jemand tot?«

»Yeah.«

»Ich kann dir drei Stunden geben, Viper, mehr nicht.«

»Danke, Carney. Muss wohl sein.«

»Mein Rat: Verlass das Land. Geh nach Kanada. Oder nach Mexiko. Oder steig in ein Flugzeug nach Europa. Aber mach schnell, Viper. Mehr als drei Stunden sind nicht drin.«

Klick. Freizeichen.

Leicht benommen trat Viper aus der muffigen, übelriechenden Telefonzelle in die neonfarbene Kakophonie der Lenox Avenue. Jetzt traf es ihn mit voller Wucht, und ihm wurde klar, was passiert war, was er getan hatte. Das ganze Ausmaß seines Verbrechens, seiner Todsünde, wurde ihm bewusst und es packte ihn, als hätte er eine Droge genommen. Sein Blick trübte sich, als ihm die Tränen in die Augen schossen. Er kam sich vor wie in einem Traum, aber nicht so, als würde sein ganzes Leben vor seinen Augen vorbeiziehen, eher als würde seine Vergangenheit wie eine Welle über ihm zusammenschlagen. Er schaute sich um auf dem fiebrigen, pulsierenden Boulevard, den er so liebte. Schon war ein kalter Hauch zu spüren und ein leichter Nieselregen setzte ein. Aber noch immer tobte auf dem Boulevard das nächtliche Leben. Autoverkehr, Stimmengewirr. Aus den Bars und Clubs traten die Leute und reihten sich ein in den hektischen Menschenstrom. Die Tür eines Restaurants schwang auf und Viper wehte ein würziger, aromatischer Lufthauch entgegen, der Fettgeruch aus der Küche, von in Pfannen gebratenen knusprigen Hühnchen, kräftiger Barbecue-Sauce und erdigem Kohlgemüse. Down home cookin’ nannten die Leute das. Soul Food war der neu geprägte Begriff dafür. Die Küche der Schwarzen. Der Duft von Zuhause. So hatte es in der Küche seiner Mutter in Meachum, Alabama gerochen. Und jetzt hier in der Hauptstadt des Schwarzen Amerika.

»Wir Schwarzen müssen aufwachen!« Viper bemerkte einen gestriegelten jungen Mann in schwarzem Mantel mit bestickter Mütze auf dem Kopf, der beschwörend auf die Passanten einredete, die ihn ignorierten. »Amerika gehört nicht uns. Dieses Land ist nicht unser Land. Und es wird niemals unser Land sein, auch wenn unsere Vorfahren schon dreihundert Jahre als Sklaven hier gelebt haben. Der amerikanische Traum gilt nicht für die Schwarzen. Wacht endlich auf! Erkennt, dass Afrika eure schwarze Heimat ist! Wir müssen wieder nach Hause – zurück zu Mutter Afrika!«

Viper konnte nicht anders als hämisch grinsen, obwohl ihm zum Heulen zumute war. Die gleichen Slogans hatte er schon oft an den gleichen Straßenecken gehört, seit über einem Vierteljahrhundert, seit dem Tag, an dem er hier angekommen war, in Harlem, dem Zentrum des afro-amerikanischen Universums. Wie er da stand, inmitten des unverschämten Treibens auf der Lenox Avenue, leicht schwankend und zutiefst erschüttert, in dieser Nacht seines dritten Mordes, wusste Viper, dass er sie zum letzten Mal sah, seine süße Hure Harlem.

»Wir haben unsere eigene Geschichte vergessen«, rief der propere junge Mann mit der bestickten Mütze den Passanten zu, die im leichten Nieselregen an ihm vorbeieilten. »Die Schwarzen haben den Kontakt zu ihrer Vergangenheit verloren!«

Vielleicht stimmt es ja, was dieser junge Bruder da sagt, dachte Viper jetzt, als seine eigene Vergangenheit in Wellen über ihn stürzte und die Lenox Avenue sich in einen wirbelnden Strom verwandelte.

Haarlem. Mit...


Jake Lamar (*1961) wuchs in der Bronx/New York auf, studierte an der Harvard University und schrieb für das Time Magazine. Er lebt seit 1993 in Paris und unterrichtete Kreatives Schreiben an der Sciences Po. Er schreibt Romane, Essays, Rezensionen, Kurzgeschichten und Theaterstücke und wurde mehrfach ausgezeichnet. »Viper's Dream« erhielt einen CWA Dagger Award 2024, »Das schwarze Chamäleon« wurde mit dem Deutschen Krimipreis 2024 ausgezeichnet (1. Platz International).

Robert Brack (*1959) lebt als Autor und Übersetzer in Hamburg. Er wurde mit dem Marlowe der Raymond-Chandler-Gesellschaft und mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und übersetzte u.a. die Kriminalromane von Declan Burke. Zuletzt erschien 2023 sein Kriminalroman »Schwarzer Oktober«.



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