E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Álamo de la Rosa Nicht weit von Atlantis
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-88769-462-3
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-88769-462-3
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Segelboot treibt im aufgewühlten Meer vor Isla Menor, der kleinen Kanareninsel El Hierro. Das Problem ist nicht nur der Schiffbruch, nein, die Passagiere sind Leprakranke. Sie waren in Marokko aufgebrochen, um in Spanien Heilung zu suchen. Die Tücken des Meeres zerstören ihren Traum. Auf der Insel bringt man sie in eine von Land aus unzugängliche Lavahöhle. Die Angst vor Ansteckung geht um. Anselmo, ein portugiesischer Seemann, wird zur wichtigsten Bezugsperson der Kranken. Im Auftrag der Inselregierung versorgt er sie über das Meer mit Nahrung und Kleidung. Dabei begegnet er Marina, einer jungen Insulanerin, die sich bei der Rettungsaktion selbst infiziert hat und mit den Schiffbrüchigen in die Höhle verbannt wurde –
Zwischen Anselmo und Marina entsteht eine Liebe wider alle Vernunft, eine Liebe, die alle Hürden hinter sich lässt. Marina wird dem von der Einsamkeit getriebenen Seemann, der verzweifelt nach seinen Wurzeln sucht, zum sicheren Hafen, eine Zeitlang …
Víctor Álamo de la Rosa beherrscht vollendet die Klaviatur der Stimmungen des Leidens und der Leidenschaften. Er schuf einen Roman von überbordender Fantasie, mit kräftigem Inselkolorit und voller Gegensätze: drastisch und lyrisch, skurril und makaber, humorvoll und überaus spannend. Auch kennt er das Paradies, in dem alle zur Ruhe kommen: Atlantis, nicht weit von Isla Menor. (P.S.: An manchen Stellen braucht der Leser, die Leserin starke Nerven.)
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3 A nselmo Viveiros kümmerte sich wenig um sein Schicksal, doch ein einziges Mal konnte er daran fühlen. Man erzählt sich, dass er vor seinem Ende im Karzer von Masilva tatsächlich lächelte, obwohl der Richter ihn mit der vollen Last des Gesetzes bedachte. So hieß es, zumindest verlautete es so von denen, die gesehen hatten, wie er, nach dem Geständnis seiner spitzfindigen Tat die schwierige Situation meisterte. Sie hörten die Stimme des Richters, der zornerfüllt das Urteil gegen den sprach, der sich bei den zwanzig Aussätzigen als Herr über Leben und Tod vorgekommen war. Es handelte sich um die, welche der Inselrat in jener Höhle im Mar de las Calmas, dem Meer der Stille, weggesperrt hatte. Hat man jemals eine solche Unverfrorenheit erlebt? Und der Holzhammer des Richters schien die Frage zu unterstreichen. Aber wie schon gesagt, der Eifer der Justiz konnte dem Portugiesen nur ein müdes Lächeln entlocken. Bei diesem Stand der Dinge war sowieso alles egal. Selbst wenn es gelogen scheint, dass jemand beim Anhören eines Richterspruchs, der ihn zum Tod in einer Gefängniszelle verurteilt, glücklich wirkt. So schien er in den Augen der Anwesenden fast Heiterkeit auszustrahlen, gerade als ob er ein solches Ende und die verheerende Erfüllung seines Plans mit tödlicher Sicherheit vorausgesehen hätte. Aber die Geschichte hatte ja ein paar Jahre vorher begonnen, als ein Segelschiff die Küste von Isla Menor erreichte. Es kam von der nahen Küste Marokkos und hatte ein paar Mauren an Bord, die durch einen gewaltigen Sturm in Seenot geraten waren. Fast wäre es zum Schiffbruch gekommen. Schlimm anzusehen! Taue, Seile, Segel, Masten –, alles dahin. Tagelang schwankte das Schiff durch die Wellen. Ein einziges Tohuwabohu. Vor lauter Tauen schienen die Menschen auf den schwankenden Planken zu willenlosen Hampelmännern geworden zu sein. Die Männer und Frauen, welche die Küste Europas ansteuerten, wo sie sich Heilung und ein besseres Leben erhofften, waren bereits im Augenblick des Aufbruchs betrogen worden. Das schäbige Boot, das sie bei einem andalusischen Söldner – er nannte sich Mansito – zu einem horrenden Preis gemietet hatten, hätte nicht einmal bei ruhiger See die Meerenge von Gibraltar kreuzen können. Nachdem sie wochenlang Treibgut der Wellen waren, zog man sie nach Rijalbo in den Hafen, wo die mutigsten Bewohner des Viertels mit eigenen Augen den schrecklichen Zerfall zu Gesicht bekamen, den die gefürchtete, grauenvolle Krankheit verursacht. Obwohl diesmal die Regierung von Isla Menor einigermaßen auf der Hut war, gab es doch einige Ansteckungsfälle. Der Bazillus nahm keinerlei Rücksicht auf Glaubensbekenntnis oder Rasse und machte sich auch in Rijalbo breit, dessen Umland rasch von der Polizei und Jägern mit absolut sicherem Schuss kontrolliert wurde. Sie gingen im Schlund der nahen Vulkane in Stellung und hatten ausdrücklichen Befehl, jeden, der es wagte, die unsichtbare, von den Behörden errichtete Mauer zu missachten, niederzuschießen. Egal, welch zwingenden Grund er vorbrachte. Man mag es kaum glauben, aber es kam noch schlimmer. Mit dem falschen Versprechen, alle Infizierten in ein Krankenhaus auf Isla Mayor zu bringen – der gebräuchliche Namen war laut eingesehenem Atlas Teneriffa oder Tinerfe –, stellte der Inselrat ein Schiff mit dem Namen Esperanza zur Verfügung, das von Abel Caballero gesteuert wurde. Heute ist er in den Schulbüchern als Held der Lepra bekannt. Einige Wochen nach den unglücklichen Ereignissen stach er mit einem völlig anderen Ziel in See: er sollte die Kranken in einer weitläufigen Felsenhöhle im Mar de las Calmas im Süden der Insel aussetzen. Der einzige Zugang war vom Meer her, und einen Ausgang über Land gab es nicht, weder bei Flut noch bei Ebbe, denn der dunkle Eingang lag innerhalb schroff aufragender Steilwände. Unter dem Vorwand einer Havarie – eine nochmalige Täuschung, die gut bezahlt wurde –, ließ Abel Caballero die Kranken in der Höhle aussteigen. Als er das Schiff für die Rückfahrt nach Rijalbo startklar machte und sich stolz wie ein Held fühlte, zerriss ihm ein gewaltiger Schuss, der nicht zu lokalisieren war – als ob es sich um die Entladung eines aus dem Nichts kommenden Donners handelte –, die Eingeweide und beförderte ihn ins Jenseits. Armer Mann! Das hätte man sehen müssen! Es geschah in einem einzigen Augenblick, blitzschnell. Einige Leprakranken konnten aber noch mit erschrockenen Augen die weißlichen Därme und das hervorschießende Blut erkennen, bevor Abel als lebloses Bündel ins Meer stürzte. Die Sonne schien heiß an diesem furchtbaren Tag. Am liebsten hätten sie gedacht, es sei gar nichts passiert, so etwas war doch nicht möglich, mein Gott, so was konnte es gar nicht geben. Doch dann verstanden sie plötzlich, alle verstanden gleichzeitig den üblen Schachzug der Behörden. Jetzt erfüllte sich auch ihr Schicksal, und sie sahen, wie das Schiff, das sie hierhergebracht hatte, mit jeder Welle mehr in Not geriet, ohne Steuermann, ausgeliefert an die wilden Wellen, die es immer wieder gegen die Klippen der Steilküste warfen. Die Esperanza war schließlich nichts mehr als eine jämmerliche Handvoll Trümmer. Aber es blieb ihnen noch der Bruchteil einer Sekunde, um die erstaunten Augen des Leprahelden zu sehen, Abel Caballero, der sterbend verstehen wollte, was passiert war. Was bei einem so großartig entworfenen Plan schiefgelaufen war. Warum er an so einem glücklichen, einem so lichtdurchfluteten Tag sterben musste. Der Betrug, das Täuschungsmanöver, seine Rolle als Strohmann, all dies kam ihm nicht in den Sinn; auch dachte er nicht im Geringsten daran, dass er nicht zufällig für diesen Auftrag ausgesucht worden war. Was geschah, geschah wegen seiner Habgier. Denn Abel Caballero scheute, wenn es ums Geld ging, vor nichts zurück, gerade als ob es weder Moral noch Grundsätze gäbe, und das war bekannt. Das wussten alle, so war sein Ruf. Doch fragte sich Abel Caballero im Sterben, was nicht geklappt hatte, wo der Fehler lag, und noch als er ins Meer stürzte und mit den Wellen kämpfte, die ihn ertränken wollten, versuchte er, sein Gedärm zusammenzuhalten. Dumm und schwer von Kapee, bis zum Ende. Nach dem Tod von Abel Caballero wurde es still. Dann aber überstürzten sich Schluchzen und Wehklagen. Während ein Schwarm Fische im offenen Bauch des Leprahelden in unbekannten Tiefen herumschwamm und in den Eingeweiden des Ertrunkenen schmatzte, sahen sich die Kranken überrascht und wie gelähmt an und fragten sich, was um alles in der Welt geschehen war. Der Schütze aber rannte atemlos bergauf, das Blut pochte in seinen Schläfen, und er war sicher, seinen Auftrag, es ging ja um Leben und Tod, erfüllt zu haben. Da oben lief er, Richtung ebenes Land. Trotz der Geschwindigkeit ist er leicht zu erkennen. Bis zu seinem Versteck rennt er und rennt, als ob er der Verfolgte wäre und seine hastenden Beine Angst hätten, doch Angst wovor? Er konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, woher der Befehl gekommen war, Abel Caballero zu liquidieren. Natürlich nicht! So handhabt man eben bestimmte Angelegenheiten. Kaum war er in seiner Berghütte, wohin er sich nach der Jagd zurückzog, angekommen, hatte er den auf ein sorgfältig gefaltetes Papier geschriebenen Auftrag, der in einem Umschlag steckte, erhalten. Drei Schreibmaschinenzeilen mit doppeltem Abstand enthielten den unmissverständlichen Befehl, der durch eine schöne Summe, die der Sendung beilag, unterstrichen wurde. Denn er war ein guter Schütze, und außerdem wäre es sozusagen ein humanitärer Schuss, ein freundschaftlicher Dienst, fast ein Liebesbeweis, keineswegs Töten um des Tötens willen. Abel Caballero hatte aus reiner Dummheit nicht daran gedacht, dass auch er sich anstecken, dass auch er nach Überführung der Leprakranken nicht ins Dorf zurückkehren könnte. Niemand, der mit den Kranken Kontakt hatte, konnte ins Dorf zurück. Absolut niemand. Deshalb ließ der Jäger Mauro el Mocho es sich nicht zweimal sagen, sondern behielt das Geld und war doppelt stolz, denn jetzt war er der Held, wenn auch nur im Geheimen. Niemand mehr würde bei den Wetten auf den Dorffesten an seiner Treffsicherheit zweifeln. Niemand wird mich übertrumpfen, nicht einmal der Leibhaftige, so wahr ich Mauro el Mocho heiße. Ich bin einfach der Beste. Und am vereinbarten Tag suchte er ein gutes Versteck. Hoch oben auf dem Felskessel, in dessen Innerem die Kranken leben sollten, erschien hinter ein paar Büschen versteckt der Lauf seines Gewehrs. Er wartete geduldig und seiner Sache sicher, obwohl er vor Aufregung kaum Luft bekam – man tötet ja nicht alle Tage –, denn aus dieser kurzen Entfernung konnte jeder treffen, egal ob betrunken, blind oder nur zerstreut. Das Schiff erschien mit den vielen Kranken an Bord; es trug zu Ehren der ersten Braut des Eigentümers den Namen Esperanza. Welch ironischer Zufall! Die Aussätzigen gingen an Land. Der Morgen war strahlend hell, weshalb der Schuss sein Ziel nicht verfehlen konnte. Mauro el Mocho hatte keinerlei Gewissensbisse – er erwies der Inselgesellschaft ja nur einen kleinen Dienst, und die Bewohner von El Hierro, der Eiseninsel, galten schon als etwas merkwürdig, auch wenn sie selbst nicht aus Eisen waren. Nach allen Regeln der Kunst – besser kann man es nicht ausdrücken – betätigte er den Hahn und zielte auf Abel Caballeros Mitte. Diese genau auf den Magen gerichtete Ladung hätte nicht einmal ein Pferd überstanden. Finger am Hahn und Geld in der Tasche. Ein donnernder Schuss mit Knall und Schall und...




