E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Lange Florenturna – Die Kinder der Sonne
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-400967-4
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 3
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Reihe: Fischer Schatzinsel Hardcover
ISBN: 978-3-10-400967-4
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kathrin Lange wurde 1969 in Goslar am Harz geboren. Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei Söhnen in einem kleinen Dorf bei Hildesheim in Niedersachsen. Seit 2005 schreibt sie sehr erfolgreich Romane für Erwachsene und Jugendliche. Für ihren historischen Jugendroman ?Das Geheimnis des Astronomen? wurde sie 2009 von der Jugendjury der Stadt Bad Segeberg mit der Segeberger Feder ausgezeichnet.
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I. Die Zeit verrinnt
Grell schien die Sonne auf die Piazza della Signoria hinab und ließ die Fassaden der umliegenden Häuser und Paläste leuchten. Menschen hasteten über das weitläufige Pflaster oder blieben stehen, um sich zu unterhalten und die neuesten Nachrichten auszutauschen.
Rings um den niedergebrannten Scheiterhaufen, der sich mitten auf dem Platz befand, hatte man eine Absperrung aus rot und schwarz bemalten Balken errichtet, die von vier Wachen beaufsichtigt wurde. Wie Statuen standen die Männer da, ein jeder in eine andere Himmelsrichtung blickend und die Hand am Knauf des Schwertes. Sie hatten den Auftrag, dafür zu sorgen, dass niemand sich dem Scheiterhaufen näherte und die Asche jenes Mannes stahl, der am Tag zuvor seinen Tod in den Flammen gefunden hatte. Der Verurteilte war von seinen Anhängern wie ein Heiliger verehrt worden. Und jetzt, da er tot war, hielten sie ihn für einen Märtyrer und wollten seine sterblichen Überreste als Reliquien mit nach Hause nehmen.
Und um das zu verhindern, waren die Wachen da.
Die Asche roch noch immer nach Feuer. Ab und an, wenn ein leichter Windstoß aufkam, wölkte sie in die Höhe.
Eine Frau kam über den Platz geschritten. Die langen schwarzen Locken lagen ihr um Gesicht und Schultern, und das schlichte Gewand, das sie trug, verriet nicht, wer sich in Wahrheit hinter ihrer schlanken, hochgewachsenen Gestalt verbarg.
Langsam, mit gemessenen Schritten näherte sie sich dem Scheiterhaufen, und es war, als hätte ein Zauber die Blicke der Wachen getrübt, denn sie rührten sich nicht. Sie reagierten auch nicht, als die Frau sich unter der Absperrung hindurchduckte und dahinter stehenblieb, um die verkohlten Überreste eines dicken Pfahles zu betrachten.
In dem Blick der Frau lagen Trauer und Resignation. Eine Weile stand sie einfach da, still, als würde sie ein Gebet sprechen. Endlich gab sie sich einen Ruck, bückte sich und füllte ein wenig der Asche in ein bauchiges Gefäß.
Die Menschen ringsherum schienen sie ebenso wenig zu sehen wie die Wachen, und so richtete die Frau sich schließlich völlig unbehelligt wieder auf und hielt das Gefäß prüfend vor ihre Augen.
Es war eine Urne aus dickem, halb durchsichtigem Glas. Das schwarze Gestell aus Ebenholz, das sie hielt und schützte, war kunstvoll gedrechselt. Die Frau schüttelte das Gefäß sachte, und die Asche darinnen wölkte in die Höhe.
»O Girolamo!«, murmelte die Frau. Dann seufzte sie.
Gleich darauf verbarg sie das Gefäß in den Falten ihres weiten Umhangs, duckte sich erneut unter der Schranke hindurch und wandte sich zum Gehen.
Mit langen, weit ausgreifenden Schritten durchmaß sie die engen Gassen unten am Fluss, bis sie zu einem kleinen Laden kam, der sich unauffällig zwischen zwei Häuser duckte. stand auf einem hölzernen Schild über der Eingangstür, weiter nichts.
Kurz verschwand die Frau in dem Laden, und als sie wieder herauskam, trug sie die Urne nicht mehr bei sich. Dafür lag nun ein zufriedenes Lächeln auf ihren Zügen.
Sie streckte die Arme aus, als wolle sie nach einem unsichtbaren Vorhang greifen.
Ihr Lächeln vertiefte sich.
Dann zerteilte sie den Schleier zwischen den Welten und war im nächsten Moment verschwunden.
Girolamo erwachte mit einem Ruck. Er musste lächeln, denn er hatte einen schönen Traum gehabt. Lil war darin vorgekommen, seine beste Freundin, und ein seltsames bauchiges Gefäß aus Glas und Ebenholz. In all seinen Träumen tauchte in letzter Zeit dieses Gefäß auf, aber er dachte nicht weiter darüber nach. Stattdessen erinnerte er sich lieber an seinen Traum von Lil, daran, wie sie beide zusammen, Hand in Hand, über die Stadtmauer von Florenzia gegangen waren.
Girolamo setzte sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Die Morgensonne schien schräg durch die Fensterläden, die er aus Gewohnheit seit langem nicht mehr schloss. Er mochte es, nachts die Sterne und den Mond zu betrachten. Ein paar Staubkörner tanzten in der Luft vor seinem Bett, und eine Weile folgte er ihren Bahnen mit den Blicken, während er dabei seine Gedanken schweifen ließ.
Wo Lil jetzt wohl war?
Meistens hielt sie sich in Selenes Welt auf, kam nur selten in die von Girolamo. Wahrscheinlich befand sie sich zusammen mit Nadir, Ursa und Ben, Girolamos anderen Freunden, in einem ihrer Verstecke in Florenzia. Auf der anderen Seite des Schleiers …
Eine Weile dachte Girolamo über die beiden Welten nach, über jene, die sein Gott geschaffen hatte und in der er zusammen mit seinem Vater Piero lebte. Und über die andere, die Schöpfung einer Göttin namens Selene. Beide Welten wurden nur durch einen Schleier voneinander getrennt, und nur wenige Menschen, sogenannte Narratori, waren in der Lage, diesen Schleier zu durchschreiten. Girolamo und seine Freunde gehörten dazu.
Girolamo räkelte sich, dann hob er die Hände und drehte sie so, dass sie mit den Rücken zueinanderwiesen. Er musste sich kaum konzentrieren, so einfach war es neuerdings, den Schleier zu durchdringen. Wie ein dünner Vorhang aus Seide ließ er sich beiseiteschieben, und Girolamo konnte einen Blick in die jenseitige Welt werfen. Dort, auf der anderen Seite, befand sich ebenfalls ein Zimmer, etwas größer als das seine, aber ebenso unordentlich. Girolamo sah ein paar buntgeringelte Strümpfe auf einem schmutzigen Fußboden liegen und einen einzelnen Schuh, der so riesig war, dass Girolamo ihn als Waschschüssel hätte benutzen können.
Er musste schmunzeln.
Er drehte den Oberkörper ein wenig, so dass ein anderer Ausschnitt zwischen seinen Händen erschien. Eine massige Gestalt saß an einem Schreibtisch, der für sie viel zu klein, fast zerbrechlich wirkte. Lange, wie Flechten aussehende Haare fielen ihr über den breiten Rücken. Ein paar davon waren an dem dunkelroten Gürtel festgeknotet, den die Gestalt trug.
»Guten Abend, Folletto!«, rief Girolamo, und die Gestalt wandte sich um. Ihre Glieder verursachten dabei ein deutlich hörbares Knirschen. Es klang, als bestünde der massige Körper nicht aus Fleisch und Knochen, sondern aus trockenem Holz.
»Ah, Girolamo!« Ein breites Grinsen huschte über das runde Gesicht der Gestalt. Dutzende von Rissen durchzogen es wie Falten, aber wenn man genau hinsah, dann erkannte man, dass es tatsächlich Borke war. »Dir ebenfalls einen guten Abend!«
Girolamo verzichtete darauf, Folletto darauf hinzuweisen, dass, wenn drüben auf der anderen Seite des Schleiers die Abenddämmerung heruntersank, es in seiner Welt Morgen war. Folletto hatte zwei riesige bernsteingelbe Augen, in denen goldene Funken glitzerten. Wie immer, wenn Girolamo ihrem Blick begegnete, fühlte er sich bis in sein Innerstes durchleuchtet.
»Ich bin fast fertig!«, erklärte Folletto stolz und wies auf einen Stapel Papier, der vor ihm auf seinem zierlichen Schreibtisch lag. Girolamo hatte Folletto bei einem Ausflug in Florenzias Umgebung kennengelernt. Er wusste, dass das trollartige Wesen an einer schier endlos langen Ode über den Wald schrieb. Jedes Mal, wenn sie sich begegneten, behauptete Folletto, fast fertig zu sein, und jedes Mal fiel ihm danach wieder ein neuer Aspekt ein, den er unbedingt festhalten musste. Einmal hatte er Girolamo ein Stück seines Werkes zu lesen gegeben. Es hatte sich um die seitenlange Beschreibung eines einzigen Pilzes gehandelt, und Girolamo war es so gähnend langweilig geworden, dass er es seitdem tunlichst vermied, noch einmal eine Seite des Gedichtes in die Hand zu nehmen.
»Willst du mal ein Stück les…«
»Nein, nein! Danke!«, wehrte Girolamo rasch ab. »Ich warte lieber, bis du ganz fertig bist. Dann kann ich dein Werk besser würdigen.«
Er war erleichtert, als Folletto bereitwillig nickte. »Dauert nicht mehr lange«, sagte der Troll und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
Girolamo ließ die Öffnung im Schleier zufallen und verließ endlich sein Bett.
Unten in der Küche konnte er seinen Vater Piero werkeln hören. Dem Klang nach zu urteilen, war Piero gerade dabei, ihren morgendlichen Getreidebrei zu kochen. Girolamo verzog das Gesicht. Zwar schmeckte der Brei, den sein Vater zubereitete, gar nicht so übel, aber Girolamo war ein gutes Honigbrot immer noch lieber.
Er streckte sich ein letztes Mal, dann stand er auf. Rasch ging er zu seinem Waschgeschirr, das auf dem Tischchen neben dem Fenster stand. Er goss sich etwas Wasser aus dem Krug in die dafür vorgesehene Schale und wusch sich Gesicht und Hände. Mit gespreizten Fingern fuhr er ein paarmal durch die wuscheligen Haare. Das musste genügen.
Mit knurrendem Magen verließ er sein Zimmer.
Der Flur im oberen Geschoss ihres Hauses war kurz, und Girolamo brauchte nur zwei Schritte, um an eine schmale Treppe zu gelangen, die um zwei Ecken herum nach unten führte. In einer dieser Ecken stand jemand, und Girolamo erschrak.
Es war eine hochgewachsene Frau mit langen schwarzen Haaren. Alessandra!
»Mutter!«, entfuhr es Girolamo.
Alessandra blickte zu ihm auf. Sie wirkte schmerzerfüllt und gehetzt. Kurz legte sie den Kopf schief, und Girolamo ahnte, dass sie auf Geräusche aus der anderen Welt lauschte. Dann konzentrierte sie sich auf Girolamo. »Du musst mir helfen!«, sagte sie.
Sie sprach sehr leise, und Girolamo hatte den Eindruck, dass sie nicht wollte, dass sein Vater Piero in der Küche sie hörte.
Rasch blickte er nach unten. Die Küchentür war nur angelehnt. Dahinter werkelte Girolamos Vater mit Tellern und Bechern herum, jedenfalls hörte es sich so an. »Wie kann ich dir helfen?«, flüsterte Girolamo.
Er war es inzwischen gewohnt, dass Alessandra...




