Langlotz-Weis | Körperorientierte Verhaltenstherapie | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 116 Seiten

Langlotz-Weis Körperorientierte Verhaltenstherapie


2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-497-61393-9
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 116 Seiten

ISBN: 978-3-497-61393-9
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
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Dieses Buch schließt eine Lücke in der klinischen Verhaltenstherapie: Der Körper gehörte von Anfang an dazu, nun werden systematisch wichtige Anwendungsbereiche und Interventionen zusammengestellt. Körpererleben kann Gefühle moderieren und so in der Gegenwart den Selbst-Zugang fördern. Das Körpergedächtnis hilft dabei, effektiv in die Biografiearbeit einzusteigen. Die theoretisch fundierten und praxiserprobten Interventionen werden im Therapieprozess nachvollziehbar vorgestellt und mit vielen Fallbeispielen veranschaulicht. Informationen zu Materialien, Setting sowie Vorschläge für Gruppen ergänzen das Buch zum unverzichtbaren Praxisleitfaden (nicht nur) für VerhaltenstherapeutInnen, die das Potenzial des Körpers künftig therapeutisch stärker nutzen wollen.

Dr. Maren Langlotz-Weis, Dipl.-Psych., Ladenburg / Neckar, Verhaltenstherapeutin, Weiterbildung u. a. in Schematherapie, Körperpsychotherapie n. George Downing, ist niedergelassen in eigener Praxis und Dozentin, Supervisorin u. Selbsterfahrungsleiterin.
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Zielgruppe


VerhaltenstherapeutInnen in Ausbildung und Praxis, PsychotherapeutInnen anderer Richtungen, AusbildungskandidatInnen für Verhaltenstherapie, Sport- und PhysiotherapeutInnen als Co-TherapeutInnen in psychosomatischen Kliniken


Autoren/Hrsg.


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2 Theoretische Grundlagen

Im Sinne Grawes, der aufgrund seiner Analyse für die weitere Therapieforschung und -entwicklung die Empfehlung ausgesprochen hat, wieder mehr die Grundlagenwissenschaften der Psychologie heranzuziehen (Grawe 1998, 2004), soll im Folgenden durchforstet werden, welche davon für den Zweck einer körperorientierten Verhaltenstherapie sinnvoll sein könnten.

2.1 Entwicklungspsychologie

Bereits Piaget (1992) postulierte: „Alles Lernen ist motorisch“, d. h., lange vor der verbalen Verarbeitungs- und Repräsentationsmöglichkeit lernt das kleine Kind über Bewegung, Berührung und Begreifen (im Wortsinne!) die Gesetzmäßigkeiten der inneren und äußeren Welt kennen.

Ein anschauliches Beispiel dafür ist das Zählenlernen von Kindern: Das Aufsagen der Zahlenreihenfolge ist immer mit mindestens einer Bewegung verbunden, und erst, wenn die Benennungen sicher sind und zentral abgespeichert werden können, wird die Begleitmotorik eingestellt.

Auf einer anderen Ebene schildern uns die Worte „Bewegung“ und „Berührung“ selbst ein Beispiel für (möglicherweise noch nicht benennbare) Gefühle: Wir sind bewegt oder berührt, wenn uns etwas emotional betrifft, also auch hier geht der Weg erst einmal über die Motorik bzw. Sensorik, erst später erfolgt die zentrale Verarbeitung. Dieses Sprachspiel gibt es übrigens auch im Englischen: E-motion. Vereinfacht könnte man sagen: Bewegung und Lernen gehören zusammen, und Lernen bzw. Verlernen und Neulernen sind eine Domäne verhaltenstherapeutischen Arbeitens. Es liegt also nahe, die bewegte, körperorientierte Seite menschlichen Lernens näher ins therapeutische Handeln zu bringen.

Weitere Argumentationshilfen aus der Entwicklungspsychologie kommen aus der experimentellen Säuglings- und Bindungsforschung (z. B. Brazelton, Cramer & Bertrand 1991, Brisch 2003, Downing 1996, Dornes 1993, Stern 1992), auf die in Kapitel 2.4 näher eingegangen werden soll. Spannend ist u. a. deren Aufgreifen durch Young, Klosko und Weishaar 2005 im Rahmen ihrer Schematherapie: Sie gehen ebenfalls davon aus, das sich viele Schemata in der präverbalen Entwicklungsphase herausbilden, also entstehen, bevor das Kind sprechen kann. In der Erinnerung werden nur Emotionen und Körperempfindungen gespeichert. Aufgabe des Theapeuten ist es, dem Patienten zu helfen, „mit dem Erlebnis des Schemas Worte zu verbinden bzw. Emotionen und Körperempfindungen mit Kindheitserinnerungen in Verbindung zu bringen“ (Young et al. 2005, S. 63).

2.2 Allgemeine Psychologie

Hier sind vor allem die Konzepte aus der Lernpsychologie hilfreich, da es in der Verhaltenstherapie ja um das Verlernen, Umlernen und Neulernen geht,: z. B. ganzheitliches Lernen, zustandsabhängiges Lernen (state-dependent learning), der sog. Carpenter-Effekt und das Differenzierungslernen.

Das Modell des ganzheitlichen Lernens könnte man auf das oben bereits erwähnte Konzept der Verhaltensanalyse auf den vier Ebenen der Reaktion (R-kog, R-emot, R-phys und R-mot) beziehen: Etwas wird umso besser erinnert, je mehr Ebenen beim Wiedererkennen reaktiviert werden können. Wenn zu einem Ereignis nicht nur die kognitive, sondern auch die emotionale oder physiologische bzw. körperlich-sensuelle/motorische Ebene mit aktiviert wird, ist das Wiedererinnern lebendiger und nachhaltiger, Neu- und Umlernprozesse können ganzheitlich besser verankert und integriert werden (deswegen wird u. a. auch so viel Wert auf die Variable „Problemaktualisierung“ nach Grawe gelegt). Wenn in einem Rollenspiel der Abstand zu einem imaginierten Vater in Metern oder Zentimetern dargestellt wird, kommen über sensomotorische oder kinästhetische Wahrnehmungen möglicherweise auch noch andere Merkmale dieser Beziehung ins Spiel (werden also erinnert), die für die Fragestellung oder Zielerreichung relevant sein könnten. Oder man denke nur an die Filmszene aus „Harold & Maude“, in der der Duft von „5th Avenue im Schnee“ ausreicht, um sich dorthin zu imaginieren. Körperliche, sensomotorische oder sinnliche Erfahrungen können also relevante Bausteine im Sinne des ganzheitlichen Lernens sein.

Beim zustandsabhängigen Lernen (state-dependent learning) geht es um ähnliche Prozesse, die Erinnern erleichtern: Um ein Ereignis umfassend wieder erinnern zu können, braucht es manchmal alle am Vorgang beteiligten Faktoren; Beispiele aus der Alltagspsychologie sind uns gut bekannt, indem jemand z. B. erst bei der Wiederholung eines Weges sich erinnert, was er eigentlich vorhatte, oder ein alkoholisierter Autobesitzer den im Rausch gewählten Parkplatz nach der Ernüchterung erst wieder erinnert, wenn der entsprechende Pegel wieder erreicht ist. Für den Einsatz körperorientierter Verfahren sind hier wiederum Faktoren von propriozeptiver Wahrnehmung, Kinästhetik und Physiologie von Interesse.

Der Carpenter-Effekt beschreibt die äußerlich nicht sichtbaren, dennoch messbaren Muskelerregungen und Nervenimpulse, die bei der reinen Beobachtung oder Vorstellung einer Bewegung oder Berührung festzustellen sind: Sportler (z. B. Ski-Abfahrer vor einem Slalomrennen) machen sich diese Erkenntnis zunutze, indem z. B. Bewegungen in der Vorstellung trainiert werden, die danach in der Realität reibungsloser und schneller vonstattengehen, einfach, weil sie „geübt“ worden sind. Genutzt wird dieser Effekt auch für die vielen Interventionen der „covert desensitization“ oder im Rahmen von Imaginationsverfahren. Für die körperorientierte Verhaltenstherapie hat dieser Effekt den großen Nutzen, dass therapeutische Berührungen nicht stattfinden müssen, um Veränderungen zu erreichen, sondern deren anschauliche Imagination kann u. U. durchaus ausreichen; speziell bei traumatisierten Patienten kann das ein großer Vorteil sein (s. u.).

Als letztes in dieser Reihe sei noch das sogenannte Differenzierungslernen genannt: Es geht darum, dass mit dem Patienten zusammen genau geprüft wird und dann auch körperlich nachempfunden werden kann, welche Unterschiede es in der Wahrnehmung und Bewältigung (theoretisch und praktisch) von früheren Ereignissen aus der Kindheit und den heutigen Umständen gibt. Auch hier gibt es wieder eine deutliche Parallele zur Schematherapie, nur dass in der körperorientierten Verhaltenstherapie eben die Wahrnehmung und das Erleben der körperlichen Reaktionen eine wichtige Rolle spielen und zur Problemlösung mit herangezogen werden.

2.3 Neurobiologie und -psychologie

Mit der Entwicklung der bildgebenden Verfahren haben die Neurowissenschaften einen sprunghaften und umfassenden Erkenntniszuwachs erhalten, der den Zusammenhang von Körper und Psyche näher beschreiben kann und sich im Rahmen körperorientierter Interventionen nutzen lässt (vgl. z. B. Schiepek 2010). Ausgehend von zunächst theoretischen Überlegungen von Damasio (2002, 2011) haben eine Reihe von Klinikern diesen Ansatz erweitert und mit anschaulichen Beispielen belegt. Hierher gehören z. B. die nützlichen und ideenreichen Überlegungen zum Embodiment von der Forschungsgruppe um Maja Storch (Storch, Cantieni, Hüther & Tschacher, 2006) und von Gerald Hüther (2005).

Unter Embodiment wird hier verstanden, dass „das kognitive System bzw. die Psyche mitsamt […] dem Gehirn immer in Bezug zum gesamten Körper steht“ (Storch et al. 2006), d. h., vereinfacht ausgedrückt, dass es sowohl Beeinflussungen des Körpers durch die Psyche bzw. das Gehirn gibt als auch andersherum – und dies in einem Wechselspiel oder sogar gleichzeitig. So kann z. B. das Einnehmen einer bestimmten Körperhaltung oder Mimik bzw. Gestik durch eine Rückkoppelung mit dem neuronalen Netzwerk Einstellungen, Gefühle, Motivationen und Verhalten beeinflussen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Peanuts-Comic über Charlie Brown, der Lucy darüber informiert, wie man stehen sollte (nämlich mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf), wenn man „etwas von seiner Depression haben“ wolle. Oder das sogenannte buddhistische Lächeln, mit dem Borderline-Patienten dem Hirn signalisieren sollen, dass alles in Ordnung sei und es keinen Grund zum Impulskontrollverlust gibt. Therapeutisch genutzt wird hier die Richtung von der Körperhaltung („außen“) zur Stimmung/Gefühl („innen“).

Im Übersichtsband „Das Gedächtnis des Körpers“ von Joachim Bauer (2015) wird auf der Grundlage der Epigenetik untersucht, wie durch körperliche Erfahrungen (z. B. Traumata oder langanhaltenden Stress) Gene „lernen“, sich zu verändern, womit sich sowohl psychische Krankheiten erklären als auch teilweise behandeln lassen. Ein sehr anschauliches Beispiel ist hier die Fibromyalgie mit ihren „Schmerzen ohne Befund“, deren Hintergrund oft körperliche Misshandlungen in der Kindheit sind, die nicht mehr erinnert werden, aber im „Gedächtnis des Körpers“, d. h. sogar auf Zellebene, gespeichert sind.

Eindrücklich auch das Resümee von Gerald Hüther (2005): „Mein Körper, das bin doch ich“ als Ermutigung, mithilfe von Körperpsychotherapie eigene Ressourcen (wieder) zu entdecken und zu stärken.

2.4 Modelle

Aus der schier unübersehbaren Fülle körperorientierter Ansätze in der Psychotherapie (vgl. Röhricht 2000, Marlock & Weiss 2006, Kern 2015, Geuter 2015) soll als Grundlage für die weitere Darstellung von Interventionen das Modell von Downing (1996) näher erläutert werden, weil es sich aus meiner Sicht als sehr kompatibel mit Denken und Grundsätzen der Verhaltenstherapie erwiesen hat. Downing knüpft mit seinem Modell an die...


Dr. Maren Langlotz-Weis, Dipl.-Psych., Ladenburg / Neckar, Verhaltenstherapeutin, Weiterbildung u. a. in Schematherapie, Körperpsychotherapie n. George Downing, ist niedergelassen in eigener Praxis und Dozentin, Supervisorin u. Selbsterfahrungsleiterin.



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