Lankers Verrückt nach New York - Band 4
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-649-66777-3
Verlag: Coppenrath
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Träume lernen fliegen
E-Book, Deutsch, Band 4, 272 Seiten
Reihe: Verrückt nach New York
ISBN: 978-3-649-66777-3
Verlag: Coppenrath
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Katrin Lankers, geboren 1977, dachte sich schon in der Schule Romane aus, brachte aber nie mehr als eine Seite zu Papier. Nach dem Studium der Journalistik an der Uni Dortmund arbeitete sie mehrere Jahre für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien, bis sie schließlich beschloss, sich an ein Großprojekt zu wagen: Sie ließ ihrer Fantasie freien Lauf und schrieb ihren ersten Jugendroman. Heute lebt Katrin Lankers als freie Autorin für Jugend- und Sachbücher mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Bornheim bei Bonn.
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Kapitel 1
Als ich seinen Schlüssel in der Haustür hörte, atmete ich tief durch. Ich hatte meinen Entschluss gefasst und meinen Koffer gepackt. Ich würde gehen. Heute Abend. Ich musste es ihm nur noch sagen.
»Hi.« Alex ließ sich müde auf einen Küchenstuhl fallen. Seine Haare standen zu Berge, als hätte er den Tag damit verbracht, sie sich zu raufen. »Alles klar?«
Anstelle einer Antwort stand ich auf und ging zum Kühlschrank. Als ich dabei an Alex vorbeikam, musste ich den Impuls niederringen, ihm über den verstrubbelten Kopf zu streichen. Aber ich war gut darin geworden, solche Impulse nicht mehr zuzulassen.
»Möchtest du etwas trinken?«, fragte ich und starrte angestrengt in den geöffneten, aber dunklen XXL-Kühlschrank. »Es gibt saure Milch und warmes Bier.«
»Leitungswasser wäre prima.«
»Sorry. Das ist leider aus.«
»Shit. Schon wieder? Seit wann?« Ich hörte ihn seufzen, wandte mich aber nicht um.
»Heute Morgen.«
»Erst der Strom. Und jetzt das Wasser. Was kommt wohl als Nächstes?« Wieder seufzte er schwer.
»Viel bleibt ja nicht. Das Telefon ist schon seit Wochen lahmgelegt. Immerhin haben unsere Handys noch Empfang.« Nun drehte ich mich doch zu Alex und lehnte mich mit dem Rücken gegen den Kühlschrank, ohne mir die Mühe zu machen, ihn vorher zu schließen. Hätte er funktioniert, wäre seine kalte Luft eine willkommene Erfrischung gewesen. Die hochsommerliche Hitze verwandelte unsere Küche in eine Sauna, seit vor ein paar Tagen mal wieder der Strom und damit auch die Klimaanlage ausgefallen waren. Aber so war das Einzige, was dem Gerät entströmte, der intensive Geruch nach überreifem Käse.
»Ich geh gleich noch mal los und besorge uns ein paar Kanister Wasser«, bot Alex an und stützte den Kopf in seine Hände, die Ellbogen auf dem Tisch.
»Quatsch, spar dir den Weg. Bier tut’s auch.« Ich nahm zwei Dosen aus dem Fach in der Tür und schloss sie dann, um den penetranten Käsegeruch einzudämmen.
»Und womit sollen wir uns die Haare waschen? Auch mit Bier?« Alex seufzte bereits zum dritten Mal.
»Das soll dem Haar zumindest Glanz verleihen. Meine Omama schwört drauf.« Ich stellte eine Dose vor ihn auf den Tisch, setzte mich ihm gegenüber und drückte den Verschluss meines Budweisers mit dem Daumen nach oben.
»Und die Zähne putzen wir uns auch mit Bud?« Alex blickte zu mir auf und verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen, bevor er seine Dose ebenfalls mit einem zischenden Geräusch öffnete.
»Besser mit Bier als mit Wein, der verfärbt die Zähne.« Ich ignorierte das Glücksgefühl, das sich in meinem Bauch ausbreiten wollte, als Alex’ Grinsen bei meiner Bemerkung breiter wurde, prostete ihm zu und trank einen großen Schluck aus meiner Dose. Brr! Ich stand ohnehin nicht auf Bier, aber warm schmeckte es zum Abgewöhnen! Trotzdem nahm ich schnell einen weiteren Schluck.
Vermutlich war dies die letzte Gelegenheit, bei der Alex und ich gemeinsam etwas trinken würden. Ich war es ihm schuldig, dieses Bier mit ihm zu leeren. Und ehrlich gesagt war ich froh über die Gnadenfrist, die es mir verschaffte, bis ich mit meinem Entschluss herausrücken und dieses Haus – und damit auch Alex – verlassen musste. Obwohl mir mein schlechtes Gewissen zusetzte, weil ich ja bereits wusste, wie dieser Abend enden würde – und Alex noch keine Ahnung hatte.
»Wie war dein Tag?«, fragte ich möglichst unbeschwert, aber ich fand selbst, dass ich wie die mäßige Parodie einer übereifrigen Ehefrau klang, die etwas zu verbergen hatte. Auch Alex schien es bemerkt zu haben, irritiert runzelte er die Stirn.
»Ganz okay, schätze ich.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich war noch mal bei den Cops wegen der Schmierereien, aber sie haben wieder nur gelacht. Sie meinten, die Chance, die Sprayer zu fassen, liege exakt bei Nullkommanull.«
»Dabei wissen wir genau, wer dahintersteckt …«
»Ja, nur hilft uns das nicht weiter. Denn er würde die Spraydose niemals selbst in die Hand nehmen.« Alex fuhr sich mit gespreizten Fingern durch die ohnehin chaotischen Haare und stützte das Kinn dann resigniert auf die geballte Faust.
Die Sprayerattacke der vergangenen Nacht war nicht die erste auf Pinkstone gewesen, aber de?nitiv die scheußlichste. Schon mehrmals zuvor hatten wir in den letzten Wochen auf unserer Fassade eilig hingeschmierte Beschimpfungen vorgefunden und notdürftig immer wieder mit pinker Farbe überstrichen. Doch dieses Mal hatten die Sprayer sich mehr Mühe gegeben. Mit dicken Buchstaben aus roter Sprayfarbe hatten sie ihre Drohung auf der Wand verewigt: Letzte Warnung: Verschwindet! Sonst wird es euch leidtun!
Es war erstaunlich, dass weder Alex noch ich aufgewacht waren, als der oder die Sprayer ihre Botschaft überbracht hatten. Das sprach meiner Meinung nach dafür, dass es sich nicht bloß um eine Horde besoffener Jugendlicher gehandelt hatte, sondern um Pro?s, die Investor Larry Miller engagiert hatte, um uns Angst einzujagen. Und auch wenn ich es ungern zugab, war ihm mittlerweile – zumindest was mich betraf – genau das gelungen.
Als ich morgens das Haus verlassen hatte, um zur Arbeit zu gehen, und den blutroten Schriftzug bemerkt hatte, war mir der Schreck durch den ganzen Körper gefahren. Nach allem, was in den letzten Tagen Furchtbares vorgefallen war, war diese Drohung wie der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht und mich schließlich meinen schweren Entschluss hatte treffen lassen.
»Alex«, sagte ich jetzt zögerlich. »Ich denke wirklich, du solltest mit dieser ganzen Sache aufhören. Vielleicht wäre es das Beste, du würdest mit deinem Vater reden …«
»Nein.« Alex ließ die Faust, mit der er sein Kinn abgestützt hatte, auf den Tisch fallen. Es wirkte eher entkräftet als energisch. »Das kommt nicht infrage.«
»Aber … ich bin mir sicher, dass er dir ein gutes Angebot machen wird. Trotz allem. Damit wärst du aus der Geschichte raus und könntest wieder anfangen, dein Leben zu leben.«
»Nein.« Er streckte seine Hand über den Tisch, um nach meiner zu greifen, aber ich umfasste schnell meine Bierdose und hoffte, dass es wie zufällig wirkte. »Falls du es noch nicht bemerkt hast: Das hier ist jetzt mein Leben.« Er machte eine vage Geste durch unsere Küche.
»Alex«, versuchte ich erneut, an seine Vernunft zu appellieren. »Ich weiß, dass du das alles nur gemacht hast, weil du dich schuldig fühlst. Aber das musst du nicht. Du hast wirklich mehr als genug für uns getan. Und für Pinkstone.«
»Glaubst du das wirklich?« Alex fuhr sich einmal mehr durch die wirren Haare. »Dass ich das alles bloß getan habe, weil ich mich schuldig fühle? Kannst du dir immer noch nicht vorstellen, dass mir wirklich etwas daran liegt? An dem Haus? Und an dir?«
»Doch, schon …« Mein schlechtes Gewissen drängte sich nun mit aller Macht vor. »Aber du musst doch auch einsehen, dass wir keine Chance mehr haben. Pam, Rick, Saida und Abby sind weg. Pinkstone ist ohnehin nicht mehr das, was es war. Welchen Sinn hat es noch, hier zu hocken, bloß um deinen Vater zu ärgern?«
»Maxi!« Obwohl Alex leise gesprochen hatte, klang es wie ein Aufschrei. »Glaubst du wirklich, ich würde an Pinkstone festhalten, nur um meinem Vater eins auszuwischen?«
»Ja, ehrlich gesagt glaube ich das.« Ich sah ihm fest in die meerblauen Augen, auch wenn es mir schwer?el, weil sie in diesem Moment beinahe schwarz funkelten, ein untrügliches Zeichen dafür, dass Alex wütend war. Doch dann sank er von einer Sekunde auf die andere in sich zusammen und die Wut verpuffte.
»Tja, vielleicht hast du recht. Vielleicht ist das der Grund. Aber ist dieser Grund nicht so gut wie jeder andere?«
»Mag sein«, antwortete ich. »Aber es ist nicht mein Grund. Mein Grund war immer nur die Freundschaft, die hier zu Hause war.« Ich schluckte trocken. Ich musste es ihm sagen. Jetzt. »Und deshalb werde ich auch ausziehen.«
»Das meinst du nicht ernst!« Alex’ sonnengebräuntes Gesicht wirkte plötzlich kalkweiß. Fassungslos starrte er mich über den Tisch hinweg an.
»Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr. Und es sind ja auch nur noch ein paar Wochen bis zum Ende meines Praktikums. Dann werde ich zurück nach Deutschland gehen. Und so lange kann ich bei meiner Mutter wohnen …« Ich redete hektisch, als würden meine Worte irgendetwas erklären, aber ich war mir bewusst, dass sie das nicht konnten. Alex zumindest schüttelte die ganze Zeit den Kopf, als würde er nichts davon verstehen.
»Wann wirst du mir endlich vergeben?«, fragte er schließlich leise. Es versetzte mir einen Stich direkt ins Herz, ihn so traurig zu sehen und ihn diese Frage stellen zu hören, trotzdem war ich fest entschlossen, an meiner Entscheidung festzuhalten. Es war das Beste, auch wenn es mir unsagbar schwer?el.
»Darum geht es doch gar nicht …«, erwiderte ich ausweichend, aber Alex ließ mich nicht ausreden.
»Doch, genau darum geht es. Darum ging es die ganze Zeit …« Er stand auf, und ich dachte, er wollte die Küche verlassen, aber stattdessen kam er um den Tisch herum zu mir. Er legte seine Hände auf meine Schultern, und ich begann, ganz ?ach zu atmen, als ich seinen schwachen Duft nach Minze wahrnahm, seinen Alex-Geruch, den ich so mochte. Sanft drückte er mir einen Kuss auf den Kopf.
»Dann verschwinde besser, bevor es dunkel wird.« Er drehte sich um und ging nun tatsächlich hinaus.
Ich blieb noch einen Moment sitzen, während das...




