E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Laufer Der Traum der Schildkröte
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-99055-511-8
Verlag: TERRA MATER BOOKS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Meine Freundschaft mit einem besonderen Geschöpf und die Geschichte seiner Art
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-99055-511-8
Verlag: TERRA MATER BOOKS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Laufer, Autor, Journalismus-Professor und Dokumentarfilmer lebt in Oregon. Seinen vielfältigen Interessen geht er in der ganzen Welt nach. Mit dem geschulten Auge des Journalisten und der Liebe zum Detail begegnet er brennenden Themen. Die Beziehung zur Schildkröte kam durch das Engagement bei einer Initiative zum Schutz dieser Art, in der Laufer gemeinsam mit Richard Branson aktiv ist.
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Einleitung
Ich lade Sie herzlich ein, mich auf meiner Dokumentationsreise zu begleiten, auf der ich auch versuche, die uralte Leidenschaft der Menschen für Schildkröten zu ergründen. Folgen Sie mir zum riesigen, berühmt-berüchtigten indonesischen Tiermarkt in Jakarta, zu einer Santería-Opferzeremonie auf Kuba, zum Meeresschildkröten-Niststrand in Gabun und bis zu den Schildkröten-reichen Bayous in Louisiana. Begleiten Sie mich, und lernen Sie eine wilde Mischung menschlicher Charaktere kennen, einschließlich einer bunten Sammlung von Gesetzesbrechern und ihren Kunden. Ich stelle Ihnen Wilderer vor, die mit Tierschützern Katz und Maus spielen, obsessive Sammler auf der Suche nach gefährdeten Arten für ihre illegalen Kollektionen, Patienten, die verzweifelt nach Heilmethoden suchen und davon überzeugt sind, dass eine erfolgreiche Behandlung auf Schildkrötenbestandteilen beruht, und Gourmands, die bereit sind, sich für eine einzigartige Mahlzeit strafbar zu machen.
Schildkröten sehen nicht nur prähistorisch aus, sie sind es auch, denn sie sind eine Reminiszenz aus dem Dinosaurierzeitalter. Die sich langsam bewegenden und eilegenden Tiere leben in Wasser und an Land. Einige Arten sind Fleischfresser, sie benutzen ihre scharfen Schnäbel und starken Kiefer, um die Beute zu töten und zu reißen. Andere Arten ernähren sich strikt von Pflanzen. Das gemeinsame Merkmal aller Schildkröten ist: Ihre Körper sind von einer schützenden Schale umschlossen, die in Form, Größe und Farbe variieren kann. Viele, wenn auch nicht alle, können ihre Hälse und Köpfe in ihre Panzer einziehen, die normalerweise hart genug sind, um sie vor dem Biss der Fressfeinde zu schützen. Ihre Längslinie auf der Bauchseite des Panzers kann Hinweise auf ihr Alter geben, und die Form des Panzers weist darauf hin, ob sie Wasser- oder Landschildkröten sind. Das tun auch ihre Gliedmaßen: Die einen haben Füße, die anderen Flossen. Sie scheinen nachts gut zu sehen, und Studien deuten darauf hin, dass sie über ein bemerkenswert langes Erinnerungsvermögen verfügen. Manche leben über 100 Jahre lang. Seit es Menschen gibt, waren Schildkröten und ihre Eier zentrale Elemente der menschlichen Kultur: sei es als Medizin, als religiöse Talismane, Nahrungsmittel, Objekte der Zierde, Haustiere, Stoff für Geschichten. Sie stellten für Sammler und Händler schon immer einen großen Wert dar.
Deshalb gehören die kuriosen und fabelhaften Wasser- und Landschildkröten zu den Tieren, die weltweit am meisten gehandelt werden und die am stärksten vom Aussterben bedroht sind. Menschliche Gier, Pragmatismus und Rationalisierung sind die größten Feinde dieser Tiere. Dieses Buch begibt sich auf die Spuren der Schildkröten sowie zwielichtiger und heldenhafter Menschen an ganz unterschiedlichen Orten, luxuriösen wie heruntergekommenen. In Zeiten der Globalisierung, des vereinfachten Welthandels, hat der Stress, der auf Schildkrötenarten ausgeübt wird, zugenommen, da das Angebot begrenzt ist und die Nachfrage steigend. Das Anwachsen der Mittelklasse in China und Vietnam, wo die Schildkröte einen besonderen Stellenwert hat, beschleunigt das Drama um Leben und Tod. Aber Asien ist nicht der einzige Markt, der den Reptilien schadet. In diesem Buch geht es nicht nur um gefährdete Schildkröten, sondern auch um menschliche Fehler, Schwächen und Verwundbarkeiten. Dennoch ist es versetzt mit einer optimistischen Hoffnung auf Veränderung durch engagierte Schildkrötenschützer.
Es besteht eine existenzielle, weltweite Bedrohung für die Populationen der Wasser- und Landschildkröten. Dabei muss uns auch bewusst sein, dass die Schildkrötenpopulationen Indikatoren für unser eigenes Überleben sind. Wenn es auf der Welt für ein solch stoisches Tier, das seit der Dinosaurier-Ära auf dem Planeten existiert, nicht länger Platz gibt, muss davon ausgegangen werden, dass auch der Rest des Tierreiches in Gefahr ist – und wir Menschen, die wir selbst auch nichts anderes als Tiere sind, sollten alarmiert sein.
Eins meiner Themengebiete ist die Beziehung zwischen Menschen und anderen Tieren. Darüber habe ich schon viel recherchiert, berichtet und geschrieben. Das Buch war die Erkundung der wenig bekannten Enklaven des international sehr hochpreisigen Schmetterlingschmuggels. war eine Studie über Menschen, die mit gefährlichen und gefährdeten Tieren leben, wie etwa Schimpansen und Tiger, und umriss die Bandbreite von scheinbar glücklichen Interspezies-Familien bis zu entsetzlichen Tragödien. spürte nach, wo die Grenze liegt, ab der das Nutzen der Tiere in Tiermissbrauch kippt.
Während ich für das Schmetterlingsbuch recherchierte, erfuhr ich von der Philippinen-Erdschildkröte. Man war davon ausgegangen, dass sie ausgestorben sei, bis im Hinterland einer isolierten Insel eine Kolonie dieser Schildkröten gefunden wurde. Die Entdeckung führte dazu, dass fieberhafte Sammler Schmugglern bis zu 2.500 Dollar pro Tier zahlten. Die Schmuggler wiederum zahlten den Einheimischen, die die Tiere einfingen, nur etwa 50 Dollar. In einer Weltgegend, in der man seine Familie kaum ernähren kann, sind 50 Dollar jedoch sehr kostbar. Die Wiederaufnahme des Handels mit dieser Schildkrötenart brachte sie wieder an die Grenze des Aussterbens, und das Auf und Ab ihrer Überlebensgeschichte weckte mein Interesse. Die Philippinen-Erdschildkröte brachte mich dazu, das Leben der Schildkröten als eine Metapher für unseren eigenen Überlebenskampf zu sehen.
Die Schildkröte ist nicht das typische charismatische Tier, das auf Tierschutzplakaten mit seiner Niedlichkeit die Herzen der Menschen erobert. Sie ist kein kuscheliger Koala, keine hundegesichtige Robbe und auch kein anthropomorpher Eisbär. Sie ist aber in vielen kulturellen Identitäten verwurzelt, einschließlich der westlichen. Schildkröten kommen in den Schöpfungsmythen der indigenen Völker Amerikas genauso vor wie in der Geschichte und den Kulturen weltweit: Die Schildkröte ist ein Symbol für Fruchtbarkeit und für Langlebigkeit.
Los geht die Reise: Auf den folgenden Seiten erwarten Sie Einblicke in die wenig bekannte Schildkrötenschmuggelpraxis, eine Dokumentation bedrohter Arten, die sich kurz vor dem Aussterben befinden und eine Würdigung aller Schildkröten dieser Erde. ist ein Liebeslied für diese magischen, mystischen und mythologischen Lebewesen. Und es ist ein Aufruf zum Handeln.
Fred, mein Schildkrötenkumpel
Ich sitze auf einem abgenutzten und staubigen Stuhl im Warteraum der Autowerkstatt Trackside in Eugene, während mein alter Volvo repariert wird. Trackside ist eine ungezwungene Werkstatt mit einem 60er-Jahre-Flair: An der Wand hängt ein eingerahmter Artikel mit einem Foto, auf dem der Sänger Jerry Garcia zusammen mit Rick, dem grauhaarigen Mechaniker mit Pferdeschwanz und Baseballkappe, und zwei Schrottplatzhunden posiert. Ich sitze da und lese. Ein kleiner Köter (später erfahre ich, dass er Axle heißt) springt, ohne dass ich ihn dazu ermuntert hätte, auf meinen Schoß und macht es sich bequem. Warum tut er das? Möchte er gekrault werden oder erwartet er ein Leckerli? Was auch immer ihn genau bewegt, es ist eindeutig, dass Axle eine Entscheidung getroffen hat. Er hat sich dafür entschieden, um meine Aufmerksamkeit zu buhlen. Wird meine Schildkröte auch so lebhaft sein? Ich bezweifle es, aber ich bin sehr gespannt, ihn (oder sie) zu treffen, und habe auch ein wenig Angst davor.
Ich habe über Schildkrötennamen nachgedacht, und mir kam Fred in den Sinn. Fred verspricht eine solide Identifikation. Und klingt einzigartig für eine Schildkröte. Dieser Name funktioniert auch unabhängig vom Geschlecht. Ein weiterer Kandidat war Speedy, aber das klingt klischeehaft. Als ich meinen Schildkrötenbeschaffer Matt Frankel nach dem Namen des Tieres fragte, war seine Antwort abweisend. »Es hat keinen Namen«, erwidert er. »Diese Tiere reagieren nicht auf Namen.« Das kann schon sein, ich werde meiner Schildkröte aber dennoch einen geben.
Unser letzter Kater hieß Schrödinger, ein Himalaja-Streuner, der sich nie vollständig von den erlittenen psychischen Schäden erholt hat. Der arme Kater kam an unsere Türschwelle und hatte Fleischwunden am ganzen Körper, seine Schnurrhaare waren kurz geschnitten. Schrödinger schlief oft auf meinem Schoß ein, genoss es, gestreichelt und getätschelt zu werden; er folgte mir die Straße hoch bis zum Briefkasten. Aber regelmäßig und aus keinem ersichtlichen Grund wurde er schreckhaft und verhielt sich so, als wären wir Fremde.
Wird meine Schildkröte jemals etwas anderes als eine Fremde sein? Wird Fred reagieren, wenn ich ihren (oder seinen) Namen rufe?
Frankel ermutigt mich in Sachen Pflege und Fütterung. »Sie können die Schildkröte in einer ungeheizten Garage halten«, sagt er. »Alles, was Sie brauchen, ist eine etwa 30 mal 30 Zentimeter große Kiste, Licht und eine Heizmatte.« Ansonsten könne ich...




