Lazarescu | Seelenstarre | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

Lazarescu Seelenstarre


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-99047-100-5
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 232 Seiten

ISBN: 978-3-99047-100-5
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Roman erzählt mit bitterem Humor und Anteilnahme die Geschichte Jewgenis, eines durch das Leben irrenden Jungschriftstellers, und die seiner Vermieterin Valeria. Doch Florin L?z?rescu nimmt nicht lediglich die als Seelenstarre bezeichnete Lebenskrise seiner Protagonisten unter die Lupe, die sich bei Jewgeni vornehmlich durch eine ewige Schreibblockade äußert, und bei Valeria durch die permanente Panik vor der lauernden Alzheimer-Krankheit, sondern auch die Seelenstarre der ganzen Stadt. Denn die Stadt mit all ihren kleinen, dramatischen Geschichten ist die dritte Hauptfigur des Romans, sie wird mit bitterer Ironie und sarkastischem Realismus beschrieben. 'Seelenstarre' ist ein Roman über notwendige, jedoch unrealistische Hoffnungen und kleine Alltagsfreuden, die über die Absurdität des Lebens hinwegtäuschen.

Florin L?z?rescu, geboren 1974 in Ia?i, Rumänien, wo er auch heute noch lebt, studierte Philologie. Er ist einer der bekanntesten rumänischen Schriftsteller. Florin L?z?rescu arbeitet auch als Publizist und Drehbuchautor. Seine realistisch-ironischen Bücher wurden in zehn Sprachen übersetzt. Jan Cornelius geboren in Reschitz, im rumänischen Banat, studierte Anglistik und Romanistik. Er floh vor Ceau?escus Diktatur und lebt seit 1977 in Deutschland als Schriftsteller, Kulturjournalist und Literaturübersetzer.
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1


Um Mitternacht sieht die Stadt ganz schön merkwürdig aus. Wie ausgewechselt. Sobald die Menschen verschwunden sind, wirkt sie völlig irreal. Das im Dunkeln an einem Baum lehnende Fahrrad sieht wie ein gefangener, sich totstellender Außerirdischer aus, der geduldig den geeigneten Moment abwartet, seine Kette durchzusägen und von der Erde abzuhauen. Die Gestalten der Lichtreklamen scheinen wie versteinert, bestraft für eine unbekannte Tat, durch den bösen Zauber einer aus dem Nichts aufgetauchten Hexe. Die Straßenleuchten – verkrüppelte hungrige Riesen, die demütig, geneigten Hauptes, mit einer als Tarnung dienenden Neonlampe im Mund, verspäteten Passanten auflauern, um sich auf sie zu stürzen und sie zu verschlingen. Der mit einem roten Ziegelsplitter in den Asphalt geritzte Hickelkasten – ein mystisches Gebiet, in welchem man bloß dreimal auf einem Bein zu hüpfen braucht, um in eine Parallelwelt befördert zu werden. Der wirre, die Dunkelheit heiser anbellende Hund – der einzige Überlebende des Weltuntergangs. Und zu guter Letzt die Häuserblocks – unendlich prachtvolle Gruften, die in den ersten Morgenstunden wie auf Knopfdruck ihre halb lebendigen, halb toten Kreaturen aus ihren Fängen entlassen, die sich krampfhaft bemühen, ihrem Dasein einen Sinn zu verleihen.

Gegen zwei Uhr nachts schreitet Jewgeni, kaum hat er das Haus verlassen, hastig durch irgendeine Straße einer Provinzstadt, die Mütze auf der beginnenden Glatze, den Rucksack auf dem Rücken. Und plötzlich, beim Klacken der Absätze seiner spitzen Schuhe auf dem Asphalt, schießt ihm durch den Kopf, dass die Schuhe die größte Errungenschaft der Menschheitsgeschichte darstellen, und die Zähmung des Feuers im Vergleich dazu rein gar nichts bedeutet. Er hat gerade im Discovery-Kanal mitbekommen, dass ein im Mittelpaläolithikum, vor über vierzigtausend Jahren, für diese Erfindung verantwortlich war. In einer Höhle in Russland hatte man ein Skelett aus der damaligen Zeit gefunden, und die gründliche Analyse von dessen Fußknochen erbrachte den eindeutigen Beweis, dass der schon ewig Verblichene bereits anno dazumal Sandalen trug. Jewgeni war jedoch klar, dass nicht ausgesprochen dieser Mensch die Sandalen erfunden hatte. Es wäre ein viel zu großer, ein geradezu befremdlicher Zufall gewesen, heutzutage genau auf das Skelett des ersten Sandalenträgers zu stoßen.

Doch wie sah der wahre Sandalen-Erfinder überhaupt aus? Und wie viel Zeit hatte es ihn gekostet, dieses kaum wahrnehmbare Erheben vom Erdboden hinzubekommen, das aber in Wahrheit wesentlich wichtiger als der erste Schritt auf dem Mond war? Man konnte dies leider bis heute noch nicht einmal mit den Forschungstechniken der modernen Wissenschaft feststellen, sodass sich die Ausstellung des besagten Skeletts mit den durch das Sandalentragen deformierten Füßen in einem heutigen Museum als ziemlich fragwürdig erwies. Die Füße waren ganz bestimmt deformiert, überlegt Jewgeni weiter, zumal man davon ausgehen kann, dass der damalige über den Unterschied zwischen dem linken und rechten Fuß nie ernsthaft nachgedacht hat. Also wurden die Schuhe den entsprechenden Fußwölbungen erst zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt angepasst, durch einen anderen Menschen, über den Jewgeni sich im Augenblick jedoch keine Gedanken machen möchte. Er fühlt sich lediglich solidarisch mit dem ersten Wesen, das sich das Schuhwerk für seine Füße ausgedacht hat.

Die bescheidene Freude über die neuen, frisch gekauften Schuhe hellt Jewgenis Alltag, der sich in letzter Zeit anfühlte, als würde er durch Schlamm kriechen, noch etwas auf. Er hat sich schon seit Langem spitze Schuhe gewünscht. Vor zehn, fünfzehn Jahren lag man damit völlig im Trend. Ja, es stimmte, in letzter Zeit hatte er, bis auf die Westernhelden im MTV, keinen Einzigen gesehen, der solche Schuhe trug. Doch als er sie im Regal eines mickrigen Shops in seinem Wohnviertel ausfindig machte, schlug sein Herz plötzlich höher, er schlich um sie herum, bat den Verkäufer, sie, bis er das Geld von zu Hause holte, für ihn zur Seite zu legen, und kaufte sie, als Erinnerung an die Tage, wo er in ein Mädchen mit riesigen Möpsen verliebt war – er wusste gar nicht mehr, wie es hieß – und er ein paar Tennisschuhe mit zerschlissenem Innenfutter trug.

Die Kälte des ausklingenden Winters ist gar nicht so schlimm, doch Jewgeni kriecht sie in alle Knochen. Er erreicht den Ort des Treffens, nimmt Platz an der Straßenbahnhaltestelle, zieht die Schuhe aus und beginnt, sich die durch die Schuhe betäubten Füße leicht zu massieren. Die in die Jahre gekommene Neonröhre über ihm flackert müde, dann geht sie aus, sodass er nun im Halbdunkeln sitzt. Und als das Licht wieder angeht, nimmt Jewgeni einen Fremden in seiner Nähe wahr, der ihn reglos anstarrt.

Jewgeni hebt den Kopf, hat jedoch nicht den Mut, die Augen auf den Fremden zu richten. Er merkt durch den Spiritus- und sogar Formalingestank, den sein Gegenüber scheinbar ausströmt, mit wem er es zu tun hat. Er hört auf, seine Fußsohlen zu bearbeiten, in der Hoffnung, der mutmaßliche Säufer würde sich angesichts der beendeten Vorführung von dannen machen. Vergeblich. Der SpiritusAtem entfernt sich nicht. Jewgeni nimmt sich vor, bis zwanzig zu zählen, nein, besser bis dreißig, um dem Eindringling noch eine zusätzliche Chance zu gewähren, und ihm danach eins über die Rübe zu ziehen. Die beste Verteidigung ist letztendlich der Angriff. Bei achtzehn unterbricht der Säufer das Zählen.

»Du bist wohl ein ganz Schlauer, was?«, fragt er Jewgeni in einem ziemlich aggressiv-provozierenden Ton.

Jewgeni überlegt, ob er ihm normal antworten oder eine knallen soll.

»Nein«, entschließt er sich schließlich für die pazifistische Variante, »ich möchte einfach nur meine Ruhe haben.«

Der Säufer ist mit der Antwort zufrieden, sie scheint sogar Jewgeni einigen Ärger zu ersparen.

»Wann meinst du, dass der Krieg losgeht?«

»Keine Ahnung«, zuckt Jewgeni mit den Schultern. »Es hängt nicht von mir ab.«

»Ich denke, es dauert nicht mehr lange«, verkündet der Säufer.

»Wenn du meinst«, sagt Jewgeni.

»Also, ich bin dann mal weg.«

»Gute Reise.«

Da Jewgeni ihn nun verabschiedet hat oder schlicht und einfach aus eigenem Willen, entfernt sich der Eindringling torkelnd. Jewgeni holt eine DSLR-Kamera aus dem Rucksack, und ohne sie zu den Augen zu führen, schießt er aus der Hüfte, wie ein Revolverheld, ein Foto der wankend in die Nacht entschwindenden Gestalt. Er stopft die Kamera in den Rucksack zurück, zieht seine Schuhe an und patrouilliert durch die Straßenbahnhaltestelle.

Sein Handy klingelt. Er holt es aus der Tasche, blickt auf das Display und reagiert nicht. Obwohl das Handy in der Tasche weiterhin klingelt, ignoriert er es. Er bemüht sich, durch das Schritttempo der Regel anzupassen, wenn es denn eine geben sollte, nach der die Neonlampe an- und ausgeht. Eins, zwei, drei … siebenundzwanzig … aus! … Eins, zwei, drei … an! Eins, zwei, drei … acht … aus! … Eins, zwei, drei … neunundvierzig … aus! Es gibt keine Regel.

Danach, zeichnet sich eine andere bizarre Gestalt in der Dunkelheit hinter den Häuserblocks ab, die Jewgeni unbewegt anstarrt. Jewgeni freut sich, als er Casimir wiedererkennt. Er ruft ihm zu: »Was nun, gehen wir oder nicht?«

Casimir nähert sich unsicher. Er sieht aus, als wäre seine Mutter gerade gestorben, aber er scheint nichts getrunken zu haben, wie Jewgeni beim Hören seiner Stimme am Telefon vermutet hatte.

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich nicht treffen möchte«, wirft ihm Casimir vor. »Geh wieder nach Hause.«

»Und ich habe dir gesagt, dass ich dich treffen möchte. Und dass ich extra dafür aus dem Bett steigen, mich anziehen und wie ein Idiot um zwei Uhr nachts hierher zu deinem Wohnblock marschieren würde.«

»Komm, geh jetzt nach Hause, ich bitte dich«, wiederholt Casimir.

Jewgeni greift automatisch nach den Zigaretten, und obwohl er es geschafft hat, in den letzten drei Tagen das Rauchen einzustellen, steckt er sich eine an.

»Komm, Mann, geh jetzt endlich nach Hause«, wiederholt Casimir.

Jewgeni hatte sich schon seit Langem an Casimirs Anfälle gewöhnt. Er kannte ihn noch aus der Gymnasialzeit, als sie nebeneinandergesessen hatten, was fast ein Vierteljahrhundert zurücklag. Regelmäßig und unabhängig von den schönen Dingen, die ihm im Leben widerfuhren, wurde Casimir von Depressionen befallen. Die Erfolge, die ihm geradezu in den Schoß fielen, waren mehr, als er tragen konnte. Er war ein erfolgreicher Schriftsteller, hatte eine hübsche Freundin, wurde von allen geliebt und fand allerseits Anerkennung. An seiner Stelle...



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