Legault | Der Phönix | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 411 Seiten

Legault Der Phönix


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-905574-25-8
Verlag: Kommode
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 411 Seiten

ISBN: 978-3-905574-25-8
Verlag: Kommode
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf einem öffentlichen Klavier in der Altstadt von Montreal spielt ein verwirrter Landstreicher virtuos ein Rachmaninow-Konzert. Derselbe Mann, der weder seinen eigenen Namen noch seine Herkunft nennen kann, verwandelt einen einfachen Eintopf in ein göttliches Mahl, löst unmögliche Berechnungen und faselt unzusammenhängende Worte in beinahe jeder Sprache dieser Welt. Außerdem scheint das anonyme Wunderkind in verrufenen Ecken der Stadt schillernde Graffitis zu erschaffen, deren rätselhafte Charakteristik einen schweren Verdacht auf ihn lenkt. Wer ist dieser unbekannte Mann mit dem Gesicht eines Schiffbrüchigen, der von vielen Bewohnern der Stadt »Phönix« genannt wird? Was verbindet ihn mit einer virtuosen chinesischen Pianistin, einem meisterhaften spanischen Konditor, einer hochbegabten englischen Mathematikerin und vielen anderen Genies auf der ganzen Welt? Eine engagierte, idealistische Streetworkerin und eine hartnäckige, wissenschaftsgläubige Neuropsychologin begeben sich auf die Suche nach der Geschichte des Mannes mit dem mystischen Namen. Diese spannende Odyssee, die von einem bildreichen und wortgewandten Schreibstil getragen wird, führt uns von Montreal durch die ganze Welt bis nach Babylon, und überall erfahren wir die Geheimnisse des Genies und die heilende Wirkung der Kunst.

Marie-Anne Legault stammt aus Abitibi und zog nach Montréal, um dort Kommunikationswis- senschaften zu studieren. Ihre Leidenschaft für das Vermitteln von Wissen brachte sie im Laufe der Jahre dazu, verschiedene Nachschlagewerke für den Verlag Québec Amérique zu schreiben und herauszugeben. 2013 erschien ihr Debüt Le Mu- seum. La traque du Phénix folgte 2020 und ist ihr Debüt auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt.
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SAINT-HENRI, MONTRÉAL, JUNI 2016


In ihrem Lieblingscafé auf der Rue Notre-Dame wartet Sarah Dutoit geduldig auf ihre Freundin. Sie summt das Jazzstück mit, das gerade läuft, und trommelt im Takt der Melodie mit ihren Fingern auf ihre Trinkschale, die den cremigsten Milchkaffee der Welt enthält.

Das sagt viel darüber aus, wie sanftmütig sie ist. So sanftmütig wie ein angenehmes Parfum, das aus ihrem seligen Lächeln, ihren treuherzigen Augen und ihrem Sommer-Sonnen-Kleid strömt. Es harmoniert wunderbar mit ihrem verführerischen Teint, den sie den flüchtigen Gefühlen ihrer Mutter für einen Baritonsaxofonisten aus New Orleans verdankt, der Ende der 1960er Jahre nach Montréal kam. Er blies sein Instrument in einigen Nachtclubs und spielte sich ins Herz einer Barfrau aus Saint-Henri, bevor er wieder aus der Stadt verschwand, deren Zeit als Mekka des Jazz vorbei war – leider. Der unbekannte Musiker kehrte zurück, woher er gekommen war, ohne im Geringsten zu wissen, dass er in der Metropole nicht nur sein gedämpftes Notengeflüster verstreut hat, sondern auch seine Gene. Die Barfrau hat sich nie über ihr Schicksal beschwert, ganz im Gegenteil, sie wollte ihr »Geschenk des Himmels« nach einer Königin benennen. Sie schwankte zwischen Billie, Ella, Nina und Sarah. Die Entscheidung fiel, als das Baby bei der Geburt sein einzigartiges Vibrato erklingen ließ, eine würdige Nachahmerin Sarah Vaughans. Viereinhalb Jahrzehnte später summt die Frau, die ihren Vater nicht kennt, in ihrem Lieblingscafé die Jazzmusik auf eine atemberaubende natürliche Art.

13:17 Uhr. Ihre Freundin lässt wie immer auf sich warten. Aber wen würde das angesichts des wunderbar cremigen Milchkaffees vor der Nase schon stören? Außerdem ist Sarah von Berufs wegen ein überaus geduldiger Engel. Als Sozialarbeiterin in den Refugien Montréals kämpft sie für die Wiedereingliederung obdachloser Menschen – auch wenn sie in Wirklichkeit Pazifistin ist und auf dem Fahrrad in die Schlacht zieht.

Jeden ersten Sonntag im Monat trifft sie sich mit der Neuropsychologin Régine Lagacé, die wie sie aus Saint-Henri kommt. Während die eine im Gelände unterwegs ist, steht die andere im Labor. Treffen sie sich, arten ihre Gespräche immer aus, weil sie zwangsläufig auf Themen von beruflichem Interesse kommen: Trunksucht, Drogenabhängigkeit, Schizophrenie … Sie besprechen gern besondere Fälle und mögliche Herangehensweisen. Die Cafés dienen ihnen als Treffpunkte, sind die besten in der Stadt, wahre Paradiese, in denen die Aromen von gerösteten Bohnen schon von Weitem berauschen und zu einem Kniefall vor dem Barista verleiten.

»Philippe, dein Milchkaffee zergeht wie Samt auf der Zunge!«

»Danke, Sarah! Aber der Samt bist du.«

Die Tür geht auf, Absätze klackern. Eine überaus aufgebrachte Régine kommt an.

»Scheiß Verkehr! Stau am Sonntag, unfassbar.«

Sarah lächelt Philippe an, wendet sich dann Régine zu, die sich jeden Tag kleidet, als wäre es Sonntag, sogar an einem Sonntag.

»Hallo, Régine!«

»Hallo … Philippe, einen Bodumkaffee, herb.«

So wie sie, jähzornig und gediegen. Doktor Lagacé lehrt und forscht an der Universität von Montréal. Sie ist Expertin in Neuroimaging und zählt zu den herausragendsten Mitarbeiterinnen am Forschungszentrum für Neuropsychologie. Sie arbeitet im Bereich MRT oder, wie sie es liebevoll nennt, »im Showbiz der grauen Materie«, aber bitte in Farbe. Die monatlichen Treffen mit Sarah versorgen ihre Mühlen mit Wasser; neurologische Störungen, heißt es, sind bei obdachlosen Menschen an der Tagesordnung – der einzige Tagesordnungspunkt, auf den sie gern verzichten würden.

Doch zurück zum gemütlichen Café. Um 13:23 Uhr macht sich der Barista ans Werk, bereitet sorgfältig Régines Nektar zu, und kommentiert:

»Herber Bodumkaffee passt zur Formel 1, die gerade in der Stadt ist.«

»Und zu dem ganzen Getöse«, ergänzt Sarah.

»Deswegen das Chaos«, schlussfolgert Régine immer noch bissig.

Sie hätte die besagte Formel 1 fertiggemacht, hätte sie sich vor ihr materialisiert.

»Hoch lebe das Fahrrad«, wirft Sarah ein.

Was Régine nicht besänftigt.

»Sagt die heilige Teresa. Nicht die ganze Welt kann so perfekt sein wie du und sich unentwegt für andere auf dem Drahtesel einsetzen. Und das auch noch für Mindestlohn, wo wir gerade schon mal dabei sind!«

Diese Spitze wirft die Frage auf, warum zwei so unterschiedliche Menschen miteinander befreundet sind. Denn Sarahs Bescheidenheit und Naivität kontrastieren mit Régines prunkvollem und böswilligem Gehabe, trifft Régines Streitlust auf Sarahs Unschuld. Wie kann jenseits der beruflichen Nähe eine Persönlichkeit der Wissenschaft, die im höher gelegenen, schicken Westmount wohnt, ernsthaft eine Sozialarbeiterin mögen, die sich ein Bein ausreißt für die Obdachlosen der niedrigeren Viertel?

Um das zu verstehen, hilft ein Blick in die Vergangenheit, zurück in die späten 1980er Jahre.

Damals wohnten die Lagacés in der Rue du Couvent, eine Enklave der Reichen in dem Arbeiterviertel Saint-Henri.

Dank des ansehnlichen Gehalts des Vaters, einem PR-Berater der Imperial-Tobacco-Fabrik, konnten sie sich die Hypothek auf ein schönes Einfamilienhaus mit makellosen Backsteinen, einer Veranda mit Säulen und einem mit Blumen übersäten Hof leisten. Eine in dieser Gegend seltene bürgerliche Gemütlichkeit, die zum Ende der Straße hin verschwand. Schon ein paar Meter weiter westlich, zum Beispiel in der Rue Beaudoin, gab es immer mehr Reihenhäuser, die gering verdienende Familien bewohnten. In einer dieser winzigen Wohnungen lebte Hélène Dutoit mit ihrer Tochter. Samstagabends, während Régine in ihrem Boudoir am Klavier Chopin lernte, lauschte Sarah hinter dem Tresen einer Bar, in der ihre Mutter Bier ausschenkte, der Musik aus den knisternden Lautsprechern oder den Improvisationen der durchreisenden Musiker. Mit zehn Jahren waren beide Mädchen bereits sehr musikalisch. Sie gingen auch auf die gleiche Schule, hatten aber kaum etwas miteinander zu tun. Régines Lebensstandard ließ sie auf Sarah herabschauen. Wer aus gutem Hause kam, gab sich nicht mit illegitimen Mädchen ab, sogar dann nicht, wenn der Bastard Klassenbeste war.

Doch …

Manchmal mischt sich das Schicksal ein und stürzt die herrschende Ordnung, macht, dass das Kartenschloss zusammenfällt. In den 1980er Jahren stiegen die Tabaksteuern, verzehnfachten sich die Anti-Nikotin-Kampagnen, verlor die Zigarettenlobby an Einfluss und brachte zu allem Überfluss auch noch Nicorette seinen Kaugummi auf den Markt. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte verbuchte die Zigarette einen Einbruch. Die Fabrik in der Rue Saint-Antoine entließ ein paar ihrer Werbefachleute, darunter auch Normand Lagacé. Régines Vater war ein ambitionierter und stolzer Mann, der beharrlich nach standesgemäßen Anstellungen suchte. Ein langwieriges und erfolgloses Unterfangen, bei dem eine Enttäuschung auf die nächste folgte. Hoch verschuldet musste er schließlich das reizende Haus verkaufen, bald darauf auch das Auto und das Klavier, und musste zu allem Überfluss mit seiner Familie in eine der winzigen Wohnungen an der Rue Beaudoin ziehen. Er bemühte sich weiterhin um eine akzeptable Arbeit, bis er all seine Anstrengungen und seine Verzweiflung schließlich unter eine U-Bahn warf. Der letzte Akt einer Tragödie, die die Linie der Lagacés und die damals neu eröffnete Station Place-Saint-Henri befleckte.

Die kultivierte Madame Lagacé, die allerdings nur Petits Fours herzustellen vermochte, war fortan Witwe, alleinerziehend und mittellos. Wer hätte ihr sonst helfen können, wenn nicht ihre Nachbarin Hélène Dutoit, deren unerschütterlicher Charakter und die Arbeit hinterm Tresen sie darin gestärkt hatten, diversen Nöten zu begegnen? Die Barfrau ermunterte die Unglückliche, sich ihre Freiheit und ihren Mädchennamen wiederzuholen: »Verlinskaya ist so hübsch!« Sie half ihr, die Kontrolle wiederzuerlangen, und begleitete sie sofort zu einem Kurs für Sekretärinnen. Ihre Tochter Sarah, die ebenfalls vor Wohlwollen nur so strotzte, nahm Régine unbefangen unter ihre Fittiche. Noch geschockt vom familiären Niedergang erlitt das Mädchen einen weiteren Schock, als ihr ausgerechnet die Person einen Rettungsring zuwarf, die sie eigentlich verachtete. Es war eine Lektion in Sachen Menschlichkeit, die Régine alles hinterschlucken ließ: ihre Arroganz, ihre Selbstgefälligkeit, ihre Lästerei. Es wurde Zeit, den Hang langsam wieder hinaufzusteigen.

Und Régine kletterte ihn rasend wie eine Furie hinauf. Auf dem Weg zum Olymp ging sie durch die Hölle,...


Legault, Marie-Anne
Marie-Anne Legault stammt aus Abitibi und zog nach Montréal, um dort Kommunikationswis- senschaften zu studieren. Ihre Leidenschaft für das Vermitteln von Wissen brachte sie im Laufe der Jahre dazu, verschiedene Nachschlagewerke für den Verlag Québec Amérique zu schreiben und herauszugeben. 2013 erschien ihr Debüt Le Mu- seum. La traque du Phénix folgte 2020 und ist ihr Debüt auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt.

Marie-Anne Legault kommt aus Abitibi (Kanada). In Montréal studierte sie Kommunikationswissenschaften. Ihre Leidenschaft für das Vermitteln von Wissen brachte sie im Laufe der Jahre dazu, verschiedene Nachschlagwerke zu schreiben. Diese erschienen bei dem Verlag Québec Amérique sowie 2013 ihr Debüt "Le Museum". "La traque de Phönix" folgte 2020 und ist ihr Debüt im deutschsprachigen Raum.



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