Lehmann | Eine Liebe in Zeiten des Krieges | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Lehmann Eine Liebe in Zeiten des Krieges

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7844-8215-6
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-7844-8215-6
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit der Kraft der Verzweiflung In einer vom Krieg geprägten Welt begegnen sich die deutsche Journalistin Doro und der kaukasische Freiheitskämpfer Aslan. Sie geben einander Halt, während Tschetschenien in Angst und Gewalt versinkt. Sie sind verliebt, aber von einer glücklichen Beziehung weit entfernt. Denn während Doro mit ihrer Vergangenheit kämpft, verliert sich Aslan immer mehr im Fanatismus des rebellischen Kriegers. Um Abstand zu bekommen, nimmt Doro Reportage-Aufträge auf der ganzen Welt an, bis sie erfährt, dass Aslan in Gefangenschaft geraten ist. Doro bricht sofort nach Tschetschenien auf und schafft es, in die höchsten politischen Kreise vorzudringen. Sie kann nur an Aslan denken und tut alles dafür, ihn zu befreien. Zwischen den Fronten - ein eindringlicher und spannungsgeladener Liebesroman.

Barbara Lehmann lebt in Berlin und schreibt als freie Autorin Features und Reportagen für Die ZEIT sowie für verschiedene Rundfunkstationen. Zudem ist sie Dramaturgin, Projektmanagerin und Moderatorin. Aus dem Russischen übersetzte sie Stücke von Tschechow bis Sorokin sowie Prosa des russischen Skandalautors Eduard Limonow. Dank eines Grenzgänger-Stipendiums der Robert Bosch Stiftung reiste sie im Jahr 2007 nach Tschetschenien.
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Erster Teil

1

Damals. Herbst, Winter, Frühjahr – keine Ahnung. Ich weiß auch nicht mehr, was es für ein Tag war, als Aslan und ich uns zum ersten Mal begegneten. Kalt war es, nasskalt und dunkel und ich kam zurück von einer Reportagereise, die mich durch die militärischen Sperrzonen Russlands geführt hatte, welche seit Kurzem auch westlichen Journalisten zugänglich waren. Auf dem Weg nach Berlin musste ich noch einen Zwischenstopp einlegen, um einen Vortrag zu halten. Vom Flughafen hetzte ich zum Bahnhof, hetzte durch die Fußgängerzone, sah die Zerstörung, über die in allen wiederaufgebauten deutschen Städten der Beton gegossen wurde, sah die Käufer, ihre Hast, ihren ungestillten Hunger, sah die Plastiktüten mit Dingen, von denen sich die Käufer ein Heil versprachen. Ich komme aus der Vergangenheit, dachte ich – und das ist nun die Zukunft. Keine schöne Aussicht. Im Saal vor mir: Neonlicht, Plastikstühle und dreieinhalb Menschen, deren Gesichter das Neonlicht grünlich färbte. Sie schwammen durch das trübe Wasser meines Vortrags wie Fische im Aquarium. Als sie begriffen, dass ihnen kein Licht, sondern nur Worte dargeboten wurden, verließen sie den Raum, unaufgeregt und leise. Auch gut. Zum Schluss saß da noch eine schwarz gekleidete Gestalt hinten in einer Ecke. Dann war ich alleine.

Auf nach Berlin, sagte ich mir, nach Hause. Endlich!

Tausend Quadratmeter Deutschland. Abflughalle. Um mich herum Hektik. Hinter mir eine Schlange, die im Vergleich zu den russischen Schlangen, die mir auf meiner Reise begegnet waren, organisiert und geordnet wirkte, auch wenn sie stetig anwuchs. Vor mir ein Typ, der seit realen zwei und gefühlten hundert Minuten den Betrieb aufhielt.

»Die Boarding Card ist abgelaufen!«, sagte die Stewardess nun schon zum dritten Mal zu ihm. Ihn lenkte das Rollfeld ab. Er starrte auf die Boeing, deren Nase beim Versuch zu landen Zacken in die Luft schnitt, ins Schlingern kam, taumelte, Sträucher und Krüppelkiefern streifte. Beim Aufkommen machte sie einen Freudenhüpfer, sodass die Flügel im Sonnenlicht vibrierten. Kein weltbewegendes Schauspiel also, und dass er jetzt pfiff war sowieso unpassend.

Die Stewardess wedelte mit dem zerfledderten Dokument und versuchte ihr Glück zum vierten Mal, in diesem Fall auf Englisch.

Ich trat vor. Auf dem Pult lag ein dunkelroter Pass mit kyrillischer Aufschrift. Die Boarding Card trug einen tschetschenischen Namen.

Ich musterte den Mann genauer. Hakennase, Dreitagebart, kahlrasierter Schädel. Schultern, die Lasten zu tragen gewohnt waren und für die der kleine Rucksack und die Kamera, eine Leica, viel zu leicht waren. Boxerhundfalten, die sich in die Stirn gruben, sobald die Flughafenangestellte das Wort an ihn richtete.

Meine Füße schmerzten. Müde, war ich, müde.

»Ungültig«, flötete die Stewardess wieder, dieses Mal auf Französisch. Er sah weiter auf das Rollfeld.

»On usche nje dejstwujet.« Meine Übersetzung dessen, was ihm die Stewardess zum wiederholten Male beizubringen versuchte, kam mir flüssig, wenn auch nicht akzentfrei, über die Lippen. Dann erkundigte ich mich auf Russisch, ob er sein Dokument zum Einsteigen nicht vielleicht verwechselt hätte.

»Ne dejstwiteljen!«, verbesserte er mich. Die Boxerhundfalten wurden tiefer.

Blödmann. Lern gefälligst erst mal Deutsch so gut wie ich Russisch, lag mir auf der Zunge. Müde, war ich, müde.

Er nestelte am Schulterriemen seines Rucksacks. Dann streifte er ihn ab, hockte sich auf den Boden und kramte darin herum. Eine Gitanes-Schachtel, ein Fläschchen mit der Aufschrift Sainte-Reine-de-Bretagne, Zettel und Dokumente landeten auf dem Boden, bis er die die richtige Boarding Card gefunden hatte. Die wirkte in der Tat unverbrauchter.

»Biete sähr.« Sein Deutsch klang eigentlich ganz passabel.

»Ja, das ist sie. Abflug nach Berlin 17.15 Uhr«, sagte die Schalterfee. Erleichtert beugte sie sich über ihr Mikro: »Flug 1056 nach Berlin, letzter Aufruf. Wir bitten alle Passagiere, sich zügig zum Gate 25 zu begeben.«

Die Schlange hinter uns murrte und scharrte. Er aber hatte es weiterhin nicht eilig.

Seine Augen wanderten an mir herunter. Es war der Blick des Fremden auf die Fremde – und der Blick des Fotografen. Sein Blick glitt tiefer und drang dorthin vor, wo ich mich versteckte.

Er sah das kleine Mädchen auf einem Schemel. Er sah, wie es mit steifem Nacken den Verlauf der Küchenuhrzeiger verfolgte. Er sah, dass es auf die Mutter wartete, bis sie endlich, zur versprochenen Stunde, von der Schneiderin heimkam. Er sah das Mädchen im Dunkeln, nach der Nachbarstochter rufend, weil die Eltern aus waren, tanzen. Er sah das Mädchen zur Strafe für nicht begangene Taten auf einer Bank im Keller sitzen, während es drum herum raschelte und fiepte. Dasselbe Mädchen kuschelte sich am Sonntagmorgen im Kinderbett an den Vater, während sich kleine Zehen in großen verhakten. Damals schwor es, ihn niemals zu verlassen.

Sein Blick wanderte wieder nach außen und begutachtete die Fassade.

Rote Locken. Rote Lippen. Rote Nägel. Rotes, kombiniert mit Weißem. Hexe, Engel. Alles poliert, geglättet, geschliffen, um dem Bild einer erfolgreichen Journalistin zu entsprechen. Ich sah gut aus, wenn ich beruflich unterwegs war. Nur jetzt, am Ende dieses langen Tages, hatte die Fassade Sprünge und Risse bekommen. Auch das sah er. Er sah auch, dass es mir in diesem Moment egal war. Er erkundigte sich, wo ich gelernt hätte, so gut Russisch zu sprechen. »Theorie an der Uni, Praxis vor Ort. Als Reporterin. Immer da, wo im Osten was los ist.«

Die Boxerhundfalten wurden zu Furchen. »Neuscheli? Und in Grosny? Warst du da auch schon?«

»Es ist nicht mein Bier, wenn sich da unten im Kaukasus tschetschenische Wilde und sibirische Bauerntölpel gegenseitig die Schädel einschlagen.«

Ich wies auf die Boarding Card, die bereits seit Längerem an den Fingern der Stewardess klebte und befreit werden musste. Dass sein Sitzplatz zwanzig Reihen von meinem entfernt war, sah ich in diesem Moment nicht unbedingt als Verlust an. Demonstrativ zückte ich meinen Ausweis. Das verstand er. Ein Griff einer Tatze mit schwarzen Härchen – und das Papier war in seinem Jackett verschwunden. Ohne ein Wort des Abschieds bewegte er sich mit elastischem Schritt zur Wartezone. Den Oberkörper beugte er nach vorne. Ein Tier auf der Lauer. Niemals durfte man es in die Enge treiben.

»Unser Flugzeug steht nun zum Abflug bereit. Wir bitten die Passagiere der Sitzreihen eins bis zweiundzwanzig zum Einstieg.«

Die Schlange vor dem Einstiegstunnel hatte sich im Nu gebildet: Businessclass an der Spitze, Anzüge, feine Lederschühchen und Brillen mit sehr schmalen, sehr teuren Gestellen. Handys. Computer. Alles mittlerweile sehr ähnlich, im Osten wie im Westen. Am Anfang meiner beruflichen Laufbahn wurden die Unterschiede mit jeder Flugmeile, die man in Richtung Osten zurücklegte, größer. Ungeachtet der Proteste der Mitreisenden strebte mein neuer Bekannter an ihnen vorbei zum Flugzeug. Schon drohte ihn der Durchgangsschlauch zu verschlucken, da blieb er stehen und drehte sich noch einmal um. Die Anzüge marschierten an ihm vorbei, bemüht um Abstand. Im trüben Licht der Menschentraube, die ihn einspann, ähnelte er einem entlaufenen Sträfling.

»Komm doch mal vorbei«, schallte es durch die Wartezone, »frag im Internet Café nach Aslan Tabulajew. Wedding, Badstraße 84.«

Weit weg in meinen Gedanken schaute ich auf die Theke und die dort liegenden Dokumente. Goldenes auf rotem Grund. Kranichschwingen, die Dunkelrotes übertünchten und es in Schach hielten. Zwei Pässe? Ein Pass? Egal, alles egal, jetzt. Ich steckte alles ein und lief ebenfalls zum Ausgang.

2

Nackte Mauern. Buntes über Dunklem. Graffiti. Ich schäme mich so, ein Deutscher zu sein! Muster. Mein Muster. Ich starrte auf die Schuld meiner Eltern, ihrer Eltern, meine Schuld und die der nachfolgenden Generationen. Ich starrte auf die Taten, die wir alle begangen hatten, aber auch jene, die wir nicht begingen und für die man uns dennoch strafte. Eine Schuld, für die wir uns gegenseitig die Verantwortung zuschoben und die uns als Erbsünde auf ewig verdammte. Worte. Warum war ich hier? Ich hockte auf dem Treppenabsatz, starrte weiter auf diesen Satz, meine Schuld, fremde, die Eingangstür, an der kein Schild war. »Dritter Stock, mittlere Wohnung.« Hatte ich mich verhört? Oder war meine Flughafenbekanntschaft entgegen der Auskunft dieses gebleichten Bürstenhaarschnitts im Internet-Café nicht zu Hause? Ich trat näher zur Tür und lauschte. Irgendwo raschelte es und zischte. Irgendwo ertönten Schritte, sprudelte Wasser. Irgendwo läutete ein Handy. Ich klopfte wieder. Stille.

Should I stay or should I go? Kopf oder Zahl? Vor meinen Augen erschien eine Münze, schnellte hoch in die Luft.

Als ich noch überlegte, sprang die Tür auf.

»Krasawiza! Hattest du solche Sehnsucht nach mir?«

»Und Sie?!« Das »Sie« betonte ich. »Ihnen fehlt wohl gar nichts?«

Er winkte mich herein, mit einer unmerklichen Drehung des Kopfes.

Zunächst hatte ich beim Auspacken geglaubt, ich sähe doppelt. Goldene Kranichschwingen auf rotem Grund. Zweifach. Einmal mit lateinischen Schriftzeichen, das andere Mal kyrillische. Im Innern dann alles lateinische, so wie es sich bei einem Auslandspass gehörte, der in Russland immer nur befristet ausgestellt wurde: Aslan Tadulajew. Nazionalnost: russkij. Mesto roschdenija: Grosny. Von den Tschechen hatte er eine befristete Aufenthaltserlaubnis...


Barbara Lehmann lebt in Berlin und schreibt als freie Autorin Features und Reportagen für Die ZEIT sowie für verschiedene Rundfunkstationen. Zudem ist sie Dramaturgin, Projektmanagerin und Moderatorin. Aus dem Russischen übersetzte sie Stücke von Tschechow bis Sorokin sowie Prosa des russischen Skandalautors Eduard Limonow. Dank eines Grenzgänger-Stipendiums der Robert Bosch Stiftung reiste sie im Jahr 2007
nach Tschetschenien.



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