E-Book, Deutsch, 564 Seiten
Lenz Gedämpfte Schreie
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7427-0810-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Psychothriller
E-Book, Deutsch, 564 Seiten
ISBN: 978-3-7427-0810-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bisher veröffentlichte Mario Lenz drei Thriller, ein erotischer Roman erschien unter Pseudonym. Außerdem schreibt er Liedtexte, von denen zwei vertont wurden. Mario Lenz´ Romane bestechen durch eher derbere Sprachelemente. Seine Figuren sind sehr präsent und oft widersprüchlich. Auch seine Nebencharaktere tragen wesentlich zur Unterhaltsamkeit seiner Romane bei. Insbesondere auch die Perspektivwechsel begeistern die Leser. Gern schmückt Lenz seine Werke mit erotischen Elementen.
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Tag minus zwei, Oliver-Perspektive
Nach einer schlechten Nacht mit vielen Albträumen und wenig erholsamem Schlaf lag Oliver im Bett und sah fern. Frühstücksfernsehen natürlich. Das Frühstücksfernsehen mit dummen Gästen, blöden Spielen und noch blöderen Promi-Experten. Trotzdem liebte er die Sendung. Dort hatte er beim Herumschalten zwischen den Sendern Sabrina entdeckt. Seine Sabrina, die nun nie wieder in dieser Sendung zu sehen sein und die er zu seiner Frau machen würde.
Und nun wartete er auf die Nachricht. Auf die Mitteilung des Senders. Auf die Nachricht, dass seine Sabrina nie wieder die Sendung übernehmen würde – doch es kam nichts.
Na ja, entweder hatten die Verantwortlichen vergessen, es in den Sendungsplan einzubauen oder sie glaubten Sabrina noch nicht. Aber sie würden es noch begreifen!
Oliver konnte es sich leisten, mitten in der Woche im Bett zu liegen und Frühstücksfernsehen zu schauen. Er hatte Geld, genügend Geld. Er lebte von einem Computerprogramm, das er entworfen hatte …
Oliver war schon früh in eine Scheinwelt geflüchtet. Eine Scheinwelt, in der es keine hänselnden Mitschüler gab, keine ignoranten Mütter und keine auf ihn herabsehenden Frauen. Diese Scheinwelt hieß Computer. Zuerst faszinierten ihn Spiele, später auch andere Sachen. So kam es, dass er eine Ausbildung in der Computerbranche machte. Er wurde Fachinformatiker. Und da er sowieso nichts anderes im Leben hatte, ging er in seinem Job voll auf. Er war in allen drei Jahren seiner Ausbildung der Beste seiner Klasse. Bei den Prüfungen wurde er Jahrgangsbester in Berlin. Kurzum – er war sehr erfolgreich. Nach der Ausbildung ging er zu einer Softwareentwicklungsfirma und knüpfte an die früheren Erfolge an. Nicht, dass ihn das bei den Kollegen beliebt gemacht hätte. Sie nutzten ihn aus, ließen sich von ihm bei der Entwicklung neuer Programme helfen, für den Erfolg allerdings ließen sie sich alleine feiern. Trotzdem strebte Oliver weiter nach oben. Er lernte und lernte. Auch zuhause verbrachte er seine gesamte Freizeit am Rechner. Inzwischen war er bei seinen Eltern ausgezogen und hatte keinen Kontakt mehr dorthin. In seiner kleinen Einraumwohnung war es zumeist dunkel, muffig und stickig. Überall standen erkaltete Speisereste herum, in denen Zigarettenstummel und manchmal auch Joint-Reste steckten. Überall befanden sich Tassen mit Kaffeegrund, er trank literweise Kaffee, und zwar sehr starken. Hier und da lag auch mal ein Taschentuch oder ein Fetzen Klopapier mit einem Rest Ejakulat, das er sich mit wütenden Bewegungen aus dem Beutel geschüttelt hatte.
Aufräumen und Lüften fanden bald keinen Platz mehr in seinem Tagesablauf. Er musste schreiben und schreiben. Bald schrieb er ganz allein kleinere Programme, die er kostenlos im Netz zur Verfügung stellte. Doch dann kam der Durchbruch. Er schrieb ein Programm zur Verschlüsselung von Computern und Mobilgeräten. Dieses Programm gehörte ihm ganz allein, er hatte es ausschließlich in seiner Freizeit geschrieben. Seine Firma hatte keinerlei Rechte daran. So konnte er es an das meistbietende Softwareunternehmen verkaufen. Ein amerikanischer Konzern erhielt den Zuschlag, ein Unternehmen, dessen Produkte stets ein angebissener Apfel schmückte. Dieses Unternehmen zahlte für sein Programm eine wahnsinnig hohe Summe, eine Summe, die es ihm ermöglichte, a) ein Teil des Geldes anzulegen und von den Zinsen zu leben, b) ein altes Gebäude zu erwerben, in dem früher eine Klinik untergebracht gewesen war. Und c) brauchte er nicht mehr in seiner alten Firma anzutreten, er kündigte und kümmerte sich um die wirklich wichtigen Dinge, nämlich dem Umbau des alten Klinikgebäudes.
Dieses Gebäude war zum Zeitpunkt des Kaufes in einem erbärmlichen Zustand. Der alte Backsteinbau stand nun schon gut zehn Jahre leer. Er hatte ihn von Anfang an fasziniert. Die Fassade aus rotem Backstein war noch gut erhalten. Innen musste natürlich viel unternommen werden, aber einen unschlagbaren Vorteil bot das Haus: ein trockenes, voll ausgebautes Tiefgeschoss. Hier hatten sich früher die Pathologie und ein gesonderter Bereich befunden. Der gesonderte Bereich war für die Härtefälle der Klinik gedacht, eine Klinik für Menschen mit schweren psychischen Störungen, landläufig Irre genannt. Und genau dieses Tiefgeschoss war es, das Oliver so interessierte. Er brauchte es, um eine Heimstatt zu schaffen. Eine Heimstatt für sich und seine Frau. Seine Frau, die nur darauf wartete, dass er sie endlich holen kam …
Olivers alte Firma beschäftigte sich nicht nur mit der Software-Entwicklung, sondern bediente über Tochterfirmen auch viele andere Sparten der IT-Branche. Sie war zuständig für die technische Überwachung der Server und der Computeranlage bei der Produktionsfirma von Sabrinas Morgensendung. Dort war eigentlich immer jemand von Olivers Firma vor Ort. Doch nun war der zuständige Mitarbeiter im Urlaub und der Ersatz schwer erkrankt. Für solche Fälle war Oliver die Geheimwaffe. Er kannte sich neben der Programmierung auch in fast allen anderen Zweigen aus, die die elektronische Datenverarbeitung so mit sich brachte. So wurde er in den Sender geschickt, um den Computerbetrieb aufrechtzuerhalten. Und dort sah er sie dann. Von seinem kleinen Büro aus konnte er über ein Mini-Fenster in die Produktionsräume schauen. Er sah ihre Natürlichkeit, die kein Fernsehzuschauer je erblicken würde. Und er sah ihre Sehnsucht, diese Natürlichkeit immer zeigen zu dürfen. Er sah, wie gern sie den Zwang zur Wesensveränderung ablegen wollte.
Bei der Produktionsbesprechung musste oder durfte Oliver dann dabei sein. Dort erhielt er die Anweisungen für die IT. Und dort begegnete er ihrem Blick. In diesem Blick sah er es. Er sah, wie ihre Augen sich weiteten, als sie seiner gewahr wurde. Dieser Blick drückte aus:
DU bist es, auf den ich gewartet habe.
DU bist es, der mir die Geborgenheit geben wird, die ich brauche.
DU bist derjenige, der mir ein Zuhause geben soll und mich aus dieser Glimmerwelt herausholt.
DU bist es, der zu mir gehört.
Der Blick, den er ihr zurückgab, sollte ausdrücken:
ICH bin es, der zu dir gehört.
ICH bin es, der dir ein Zuhause geben wird.
ICH bin es, der dich bis ans Ende aller Tage lieben wird.
ICH bin es, der dir ein Kind schenken wird.
Vielleicht hatte sie seinen Blick falsch gedeutet. Vielleicht dachte sie, dass er ihr Verlangen abgelehnt und ihre geblickten Aufforderungen zurückgewiesen hatte. Jedenfalls wandte sie sich abrupt ab. Von diesem Tage an spürte er ihre Ablehnung. Sie ging ihm aus dem Weg. Ihr Gesicht wurde verschlossen, wenn sie ihn sah.
Wie gern hätte er ihr gesagt, dass er sie liebte. Wie gern hätte er gesagt: »Komm mit, ich hol dich hier raus!«
Doch da gab es noch einige Dinge, die dem im Wege standen. Zum einen war da seine Wohnung. Er würde ihr ein perfektes Zuhause bieten müssen. Wie sollte ihr seine Wohnung den Schutz bieten, den sie benötigte? Zum anderen hatte er da noch ein kleines Problem. Die letzte Prostituierte, die er in der Kampfkunst des Geschlechtsverkehrs hatte unterweisen wollen, hatte sich als schlechte Verliererin erwiesen. Nachdem sie den Kampf haushoch verloren hatte, hatte sie die Polizei gerufen. Und nun wartete er auf das Verfahren, das immerhin auch damit enden konnte, dass er kurze Zeit hinter Schloss und Riegel verbringen würde. Und wer sollte dann auf seine Sabrina aufpassen? Nein, dann lieber warten.
Und wie sollte er ein geeignetes Zuhause für sie beide finden? Da kam zum Glück die Sache mit dem Computerprogramm, das er geschrieben hatte. Schnell hatte er die Immobilie gefunden und gekauft. Nun musste sie nur noch umgebaut werden. Doch er wollte keine Firma damit betrauen. Keiner sollte seine Heimstatt kennen. Niemand sollte auch nur ahnen können, wo seine Sabrina sich aufhalten würde. Sie würden es nicht verstehen. Sie würden sie wegholen wollen. Niemand würde ihr den Schutz gönnen, den er ihr zukommen lassen wollte. Keiner würde verstehen, dass sie den Schutz brauchte.
Also musste er wohl oder übel den Umbau alleine bewältigen. So verging wieder eine Zeit, in der er Sabrina nicht nach Hause holen konnte. Weitere Monate ohne seinen Schutz.
Aber ganz allein hatte er sie nicht gelassen. Nein – immer wieder hatte er Verbindung aufgenommen. Klar, vor den Kollegen im Studio musste sie stets abweisend tun. Sollten sie doch nicht wissen, dass sie ihren Ausstieg plante. Also ließ sie ihn am Telefon immer wieder abblitzen. Aber er konnte zwischen den Worten lesen, er verstand ihre versteckten Botschaften. Wenn sie »Lass mich in Ruhe, du Perverser« in den Hörer zischte, wusste er ganz genau, das sollte eigentlich heißen: »Hol mich endlich nach Hause, mein Schatz«.
Natürlich kamen SIE doch dahinter. SIE – die ihr den Ausstieg nicht gönnten. SIE – die neidisch waren, weil sie selbst kein Schutz bekamen, keinen hatten, der sie aus diesem dreckigen Business holte, wie ein reicher Freier eine Nutte, in die er sich verliebt hatte. Irgendwann stellten SIE diese Nummer ab. Aber da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. SIE konnten natürlich nicht wissen, dass er Zugang zur IT hatte. Als SIE ihre Telefonnummer durch eine andere ersetzt hatten, kostete es ihn zwar etwas Mühe, aber er fand auch die neue heraus. Das war nicht leicht, schließlich wer er da schon nicht mehr für die IT in der Produktionsfirma zuständig. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Als dann auch die neue Nummer abgestellt war, fand er ihre Mailadresse heraus. Musste er ja, er hatte es ihr doch versprochen. Sie verließ sich doch darauf, dass er sie nicht allein ließ.
Doch dann...




