Lenz | Landesbühne | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 128 Seiten

Lenz Landesbühne


1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-455-04294-8
Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 128 Seiten

ISBN: 978-3-455-04294-8
Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden.' Siegfried Lenz Rätselhafte Dinge geschehen im Gefängnis Isenbüttel. Während einer Theateraufführung verlassen Häftlinge ungehindert das Gelände. Und kurz darauf feiert ein idyllisches Städtchen talentierte Schauspieler - die gar keine sind. Mit dem Hereinbrechen der Kunst und angetrieben von Gefühl, Leidenschaft und Phantasie entdeckt ein ganzes Gemeinwesen seine Möglichkeiten zu Größerem. Und niemand scheint Verdacht zu schöpfen. Oder sind alle - der Intendant der Landesbühne, der Gefängnisdirektor, der Bürgermeister und die Bürger von Grünau - Teil einer grandiosen Inszenierung? Die Ausreißer selbst scheinen keine Ahnung zu haben. Werden Sie zurückkehren in ihre Zellen? Turbulent geht es zu auf der Bühne des Lebens. Geradezu labyrinthisch ineinander verschlungen sind die Geschichten, die das Leben schreibt, und die der Phantasie im Roman von Siegfried Lenz, denen man so lustvoll folgt. Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, gestorben 2014 in Hamburg, zählt zu den bedeutendsten und meistgelesenen Schriftstellern der Nachkriegsliteratur. Seit 1951 veröffentlichte er alle seine Romane, Erzählungen, Essays und Bühnenwerke im Hoffmann und Campe Verlag. Mit den masurischen Geschichten So zärtlich war Suleyken hatte er seinen ersten großen Erfolg, der sich 1968 mit der Deutschstunde zum Welterfolg ausweitete. Mit seiner Novelle Schweigeminute gelang ihm 2008 im hohen Alter abermals ein fulminanter Presse- und Publikumserfolg. Für seine Bücher wurde er mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009.
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Ein Abschied (S. 28-29)

Auf schwach beleuchteter Bühne erschien abermals dieser festlich aufgeputzte Mann. Er gab sich vergnügt. Er schaute ausdauernd in die Zuschauerreihen, geradeso, als wollte er sein Vergnügen echohaft zurückbekommen. Dann kündigte er eine Pause von fünfzehn Minuten an, und mit ausnahmsweiser Zustimmung der Direktion eine Rauchpause, allerdings nur auf dem Hof. Beifall dankte ihm für diese Mitteilung. Scharrend murmelnd, eilfertig erhoben sich die Zuschauer und drängten zum Ausgang, hier und da bot man sich von heimlichem Tabakvorrat an. Ich wollte sitzen bleiben, doch Hannes stieß mich an und legte mir eine Hand auf die Schulter und forderte mich energisch auf, mit nach draußen zu kommen.

»Los, Professor, jetzt wird’s ernst.« Auf dem Hof erlaubte er mir nicht, stehenzubleiben, er bugsierte mich an hastig Rauchenden vorbei zum Bus der Landesbühne, die mittlere Eingangstür stand offen, bewacht von dem ehemaligen Schiedsrichter Mumpert, der mit Hannes nur ein Wort wechselte, ein Kennwort, wie ich vermutete, darauf wurde ich in den Bus geschoben. Ich machte keinen Versuch, mich zu wehren, auf meine Frage, was das bedeute, bekam ich keine Antwort.

Ein Dutzend der Gefährten saß bereits im Bus, schweigend, einige zusammengekrümmt; Hannes ließ mich nicht allein, unwirsch zwängte er sich an unseren Gefährten vorbei und ließ sich auf den Platz am Gang fallen. Als letzter stieg Mumpert ein, schloß die Tür und setzte sich ans Steuer, rasch, kennerisch, wie mein Busfahrer zu Hause. Bevor er den Motor anließ, stand Hannes auf und forderte im Befehlston Ruhe, unbedingte Ruhe, und dann wies er alle an, sich zu ducken, tief zu ducken; unzufrieden mit meiner Haltung, rief er: »Auch du, Professor, tauch ab, los!«

Ohne hinauszuschauen, verhielt ich mich regungslos, der Bus vibrierte, er fuhr an, in meiner Vorstellung sah ich ihn auf das Holztor zurollen und wußte: gleich wird es sich entscheiden, wird sich zeigen, ob der Mann in der Wachstube das Tor öffnen werde. Nach zweimaligem Hupen öffnete er es und rief seinem Kollegen, der am offenen Fenster stand, zu: »Die Spaßmacher von der Landesbühne.« Schnell fuhr der Bus die abfallende Straße hinab, wir setzten uns auf, einzelne klatschten Beifall, stießen Schreie aus, Siegesschreie, Freudenschreie. Über dem fernen See stand ein tadelloses Abendrot.

Hannes kam zu mir und reichte mir die Hand, als wollte er mir gratulieren. »Siehst du, Professor, wir fahren in ein Abendrot.« Obwohl wir nicht verfolgt wurden, fuhr Mumpert mit großer Geschwindigkeit, der Bus schwankte, legte sich in den Kurven zur Seite, wir im Innern wurden hin und her geschüttelt und mußten uns an den Sitzen festhalten. In der Ulmenchaussee, die nach Grünau führte, überholten uns zwei Pkw, die Insassen winkten uns zu, lachten, machten vorausweisende Gesten, nicht anders, als eilten sie freudvoll dem gemeinsamen Treffpunkt zu. Nachdem wir eine Brücke überquert hatten, sahen wir das Transparent, das über die Chaussee gespannt war: Grünau heißt euch willkommen zum Nelkenfest.



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