E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Leucht / Paterno / Ullmann Status Quote
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-89487-846-7
Verlag: Henschel Verlag in E. A. Seemann Henschel GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Theater im Umbruch: Regisseurinnen im Gespräch
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-89487-846-7
Verlag: Henschel Verlag in E. A. Seemann Henschel GmbH & Co. KG
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SABINE LEUCHT,geboren 1966, studierte Publizistik und Theaterwissenschaft an der FU Berlin und lebt seit 1998 in München, von wo aus sie über Tanz- und Theater unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, die taz, Theater der Zeit, das Münchner Feuilleton und nachtkritik.de schreibt. Diverse Jurytätigkeiten; zuletzt mehrere Jahre für den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT), NPN-STEPPING OUT, das Berliner Theatertreffen (2020-2023) und den Theaterpreis Berlin (2022 und 2023). PETRA PATERNO, geboren 1971, studierte Theaterwissenschaft in Wien, Paris und New York, arbeitet seit 1997 als Theaterkritikerin und ist seit 2003 Redakteurin der Wiener Zeitung. 2013 erschien ihre Studie 'Lichterloh. Das Schauspielhaus unter Hans Gratzer von 1978 bis 2001'. Von 2014 bis 2020 war sie Beirätin für Darstellende Kunst, sie ist Mitglied der Jury des NESTROY-Preises und war von 2020 bis 2023 Jurorin für das Berliner Theatertreffen. KATRIN ULLMANN, 1971 in Heidelberg geboren. Studierte Germanistik (Schwerpunkt Theater & Medien) und Kunstgeschichte in Hamburg. Seit 1998 freie Journalistin und Kritikerin u.a. für Theater heute, Tagesspiegel, taz, tanz, Deutschlandfunk Kultur, nachtkritik.de, arte und Die Zeit. Von 2011 bis 2015 sowie seit 2021 Jurymitglied der Hamburger Kulturbehörde, seit 2018 des NPN Förderbereich Tanz, seit 2021 Jurorin des Berliner Theatertreffens.
Autoren/Hrsg.
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Vom langsamen Bohren sehr dicker Bretter – ein Rückblick auf die Juryarbeit und die eingeladenen Regisseurinnen der »Vor-Quotenjahre« von Eva Behrendt
»Wie männlich ist das Theatertreffen?« Diese Frage hatten sich 2019 die Theaterwissenschaftlerinnen Jenny Schrödl und Katharina Rost gestellt. Sie trugen ihre Antworten am Ende des Festivals vor, auf der zeitgleich stattfindenden Konferenz »Burning Issues« für Geschlechtergerechtigkeit, Inklusion und Diversität. Während die beiden eine schier endlose Liste von Darstellungen toxischer Männlichkeit und apokalyptischer Szenarien aufzählten, wurde mir immer mulmiger: Warum zum Teufel hatte ich das nicht so gesehen?
In vielen Fällen war mir die Repräsentation etwa von männlicher Gewalt auf der Bühne nicht als stumpfe Wiederholung eines kulturellen Musters erschienen, sondern als klare Kritik an ihr, wie karikierte Figuren, ein sprachkritischer Duktus oder evozierte Empathie für die Opfer nahelegten. Gleichzeitig leuchtete mir ein, dass selbst die Aufführung in kritischer Absicht doch eine soziale Realität bekräftigt. Einmal mehr dämmerte mir, dass das Genderproblem im Theater nicht nur das zahlenmäßige Ungleichgewicht von »Männern« und »Frauen« sowie die Beschränkung auf diese Binarität betrifft, sondern tiefer reicht. Auch meine Sehgewohnheiten als Kritikerin, die die damalige Auswahl mitverantwortet hat, sind zweifellos patriarchal geprägt.
Die Geschichte des Theatertreffens kann, auf Regisseurinnen bezogen, lange Zeit nur als das sehr langsame Bohren sehr dicker Bretter beschrieben werden. In den ersten 16 Jahren seines Bestehens war das kulturelle Aushängeschild der Frontstadt West-Berlin sogar komplett ohne Regisseurinnen ausgekommen. Galt das für das deutschsprachige Theater insgesamt?
Gab es Frauen nur auf der Bühne, als Protagonistinnen, und wenn hinter der Bühne, dann als Dramaturginnen? Oder wurden die Regiefrauen von den überwiegend männlich besetzten Jurys nur nicht gesehen und ernst genommen, weil Regie, wie noch das 2010 von Christina Haberlik herausgegebenen Buch nahelegt, als geschlechtsspezifische Kunst aufgefasst wurde?
Im Jahrbuch 1978 setzte das Magazin erstmals den Schwerpunkt »Frauen und Theater« – gleichermaßen als Ausdruck ihrer Unterrepräsentanz an den Bühnen wie in der Zeitschrift, aber auch als Signal für einen Aufbruch (der nächste Schwerpunkt »Die Frauen kommen« sollte allerdings erst zehn Jahre später folgen). Denn es gab ja bereits ein internationales Post-68-Theater, in dem Regisseurinnen wie die Théâtre-du-Soleil-Prinzipalin Ariane Mnouchkine, die Living-Theatre-Gründerin Judith Malina, die Schwarze New Yorker Regisseurin Ellen Stewart oder die italienische Gruppe La Maddalena für Aufsehen sorgten. Warum also nicht auch am deutschen Stadttheater?
Die Theaterjournalistin, Festivalkuratorin und spätere Theatertreffen-Jurorin (1997/98) Renate Klett, die 1981 am Schauspiel Köln das erste Frauentheaterfestival kuratierte, stellte schon 1978 im Gespräch mit Mnouchkine fest: »Die wenigen Frauen, die es am Theater gibt, arbeiten alle in einer nicht-autoritären, eher kollektiven Weise. Das kann doch kein Zufall sein, das hat doch auch mit dem Umstand, daß sie Frauen sind, zu tun.« (Jahrbuch 1978) Am arbeitsteilig und hierarchisch strukturierten Stadttheater und im nicht nur dort dominierenden Geniekult hatte diese Arbeitsauffassung während der 1970er bis etwa Mitte der 1990er Jahre noch wenig Chancen. Der Weg in den Regieberuf führte innerbetrieblich über Assistenzen, baute auf ein Meister-Schüler-Verhältnis; Regieausbildungen an Schauspiel- oder Kunsthochschulen – oder praxisorientierte Studiengänge wie in Gießen und Hildesheim – kamen erst im Laufe der 1980er und 1990er Jahre hinzu.
Erst 1980 lud eine zehnköpfige Jury, in der mit Ausnahme der österreichischen Autorin Hilde Spiel lauter Männer saßen, dann aber gleich zwei Inszenierungen von Frauen zum Theatertreffen. Die eine war Ernst Jandls Sprechoper , Regie: Ellen Hammer. »Aber da wurde mehr der Fast-Alleindarsteller Peter Fitz gelobt als die Inszenatorin; und die Schaubühne, wo Ellen Hammer ›eigentlich‹ als Dramaturgin arbeitete, gab der Wahl zusätzlich Weihe«, relativierte Michael Merschmeier in die Entscheidung rückblickend (-Jahrbuch 1988).
Außerdem reiste 1980 die Wuppertaler Tanzlegende Pina Bausch mit der Produktion nach West-Berlin. Sie und die Choreografin Reinhild Hoffmann waren in den 1980er Jahren je zweimal beim Theatertreffen; vor allem an Bauschs Inszenierungen entzündete sich mehrfach die auch im akademisch-literaturwissenschaftlichen Kontext dieser Zeit viel diskutierte Frage, ob Frauen anders – körperlicher, »sinnlicher« – inszenieren oder schreiben, ob es so etwas wie eine »weibliche Ästhetik« gibt. Eine Debatte, innerhalb derer sich Frauen ihrer Identität zu versichern versuchten, die aber auch die Gefahr barg, geschlechtsbezogene Stereotype zu bestätigen. Auch später noch gingen gelegentlich Nominierungen an Choreografinnen (Sasha Waltz 1997, 2000; Meg Stuart 2002), aber auch an Choreografen (Alain Platel, William Forsythe), so dass man schwerlich von Alibi-Einladungen sprechen kann.
Wie Ellen Hammers Jandl-Inszenierung blieb 1988 die Einladung von Annegret Ritzels Dortmunder »Geniestreich« (Merschmeier) ein Einzelfall; immerhin war die Regisseurin in den folgenden beiden Jahrzehnten permanent in Leitungsfunktion als Schauspieldirektorin und Intendantin in Wiesbaden und Koblenz tätig. Die erste Sprechtheaterregisseurin, die sich nachhaltig im Kreis der Regiestars der 1970er und 1980er Jahre durchsetzte – also noch neben Peter Zadek, Claus Peymann, Peter Stein, Klaus-Michael Grüber, in den 1990er Jahren neben Frank Castorf, Christoph Marthaler und Einar Schleef – war jedoch Andrea Breth. 1985 »entdeckte« eine achtköpfige Jury (mit immerhin zwei Jurorinnen, Sigrid Löffler und Marleen Stoessel) die 33-jährige Professorentochter mit ihrer Inszenierung von Garcia Lorcas am Theater Freiburg, wo sie seit 1983 Hausregisseurin war.
»Eine, die es geschafft hat? Die geschafft wurde? Andrea Breth hat immer die Einschätzung abgelehnt, daß es Regie-führende Frauen am deutschen Theater prinzipiell schwerer hätten als Männer«, schrieb Michael Merschmeier 1988 in einem Porträt der Regisseurin. »Hat es entsprechend abgelehnt, vermeintliche ›Frauenstücke‹ zu inszenieren. Ihr Weg jedoch zeigt (Ein-)Brüche, wie es sie bei vergleichbar talentierten männlichen Regisseuren weniger gibt. Zumindest bemerkt man sie seltener.« Kam Andrea Breth, die »Realistin voll Phantasie«, die Verehrerin von Peter Stein, die wie er weniger an formalen Experimenten als an genauen dramatischen Lektüren und Übersetzungen in den Bühnenraum interessiert war, auch deshalb so gut in einer männlich dominierten Szene an? Weil sie als lesbische Frau mit einer öffentlich gemachten depressiven Erkrankung ohnehin nicht dem neurotypischen, heterosexuellen Frauenbild entsprach? Es folgten in den kommenden zwei Jahrzehnten acht weitere Einladungen zum Theatertreffen, fünf davon allein in den 1990er Jahren (das ist viel, dennoch wurden Zadek, Stein und Peymann jeweils mindestens doppelt so oft eingeladen).
In der ersten Hälfte der 1990er Jahre stürmten die Regisseurinnen (und Regisseure) aus dem Osten das Berliner Theatertreffen. Die bis heute Regie führende Schauspielerin Katharina Thalbach (* 1954), Ruth Berghaus (* 1927), die von der Dresdner Palucca-Schule geprägt war und in den 1970er Jahren das Berliner Ensemble leitete, Konstanze Lauterbach (* 1953), die Anfang der 1980er Jahre während des Studiums in Karl-Marx-Stadt am dortigen Theater assistierte, Irmgard Lange, die ebenfalls vom Schauspiel kam (* 1941) – offenbar waren die Bühnen der DDR nicht ganz so patriarchal organisiert wie in Westdeutschland; immerhin hatte Helene Weigel hier schon von 1949 bis 1971 das internationale Aushängetheater Berliner Ensemble als Intendantin geleitet. Doch der Ostfrauen-Hype war von kurzer Dauer, blieb wohl der Wiedervereinigungseuphorie und kurzfristigen Neugier geschuldet. Ein interessanter Sonderfall ist Kazuko Watanabe, eingeladen 1998 mit ihrer Leipziger Jelinek-Inszenierung . Anfang der 1970er Jahre hatte sie als Kostümassistentin für Achim Freyer gearbeitet und war schnell selbst zur gefragten Kostümbildnerin geworden – im Gegensatz zu den meist männlichen Modeschöpfern der Haute Couture ist das Kostümbild bis heute der vielleicht am stärksten weiblich definierte und praktizierte Theaterjob. Dass eine Kostümbildnerin wie Watanabe ins Regiefach wechselte, blieb jedoch eine Ausnahme – auch in ihrer eigenen Laufbahn.
Zur selben Zeit machten sich in der neuen Generation der damals so genannten Pop-Theatermacher:innen...




