Buch, Deutsch, 192 Seiten, PB, Format (B × H): 125 mm x 187 mm, Gewicht: 200 g
Buch, Deutsch, 192 Seiten, PB, Format (B × H): 125 mm x 187 mm, Gewicht: 200 g
ISBN: 978-3-9813800-6-4
Verlag: NEPA
Markus ist glücklicher Single und überzeugter Sportmuffel, bis in die Wohnung nebenan eine Frau einzieht – und sein Leben sanft, aber gnadenlos auf den Kopf stellt. Anfangs ist Markus von ihr total genervt; doch schon bald erwacht in ihm das Interesse für sie und ihren Sport – das Skaten.
Gemeinsam mit Markus lernt der Leser, wie man sich wieder interessant macht für eine Frau, wie man sie verstehen oder missverstehen kann, und wie man seinen Konkurrenten im Kampf um diese Frau mit dessen eigenen Waffen schlägt.
Und so ganz nebenher gibt es einen witzigen, verwirrenden und rasanten Crash-Kurs in Sachen Skaten.
Vielleicht bedeutet Sport ja nicht immer zwangsläufig Mord!
Ein wahrhaftiger Gute-Laune Roman
Autoren/Hrsg.
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Sport ist Mord! Sagt man doch so, oder nicht? Ich jedenfalls finde diese allgegenwärtige Fitnessmanie ziemlich nervig. Walking, Skaten, Mountainbiking – abgesehen von der Flut an englischen Begriffen, die mich beim Thema Sport überschwemmen, wie einen gestrandeten See- igel, kann ich einfach nicht verstehen, wie viele Menschen sich in ihrer Freizeit einen Marathonlauf antun oder geschlagene neunzig Minuten ohne große Erfolgsaussichten einem Ball hinterherlaufen, um ihn dann in letzter Sekunde gekonnt am Tor vorbeizuschießen. – Noch bemitlei- denswerter finde ich die armen Würstchen, die sich nach dem Job in einer der zahllosen 'Muckibuden' der Stadt treffen, um ihren Körper in welcher Weise auch immer umzuformen. In den Regalen der Einkaufs- zentren stehen jetzt neben Coca-Cola und Sprite diverse Fitnessdrinks mit zweifelhaftem Inhalt und auch meinen geliebten Sahnejoghurt muss ich jetzt aus dem untersten Fach im Kühlregal holen, weil in Augenhöhe mittlerweile fettreduzierte Activ-Joghurts ohne jeglichen Geschmack und ohne Inhaltsstoffe stehen. Nach dem Einkauf werden nicht nur die Bonus-, sondern auch die Weight-Watcher-Punkte abgerechnet und der Anblick von überfüllten Treppen, auf denen Frauen ihre Einkaufsta- schen im Steppschritt hochstemmen, verursacht bei mir schon fast ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mitsteppe, sondern die Rolltreppe benutze. – Eben alles sehr nervig.
Meine neue Nachbarin finde ich übrigens auch nervig. Sie ist vor einer Woche hier eingezogen, mit Pauken und Trompeten. – Und zwei Wel- lensittichen.
Eigentlich mag ich Tiere ja. Besonders die Fische im ›Kam-Long‹, meinem chinesischen Lieblingsrestaurant, gleich neben meiner Arbeitsstelle, haben es mir angetan. Ich beobachte sie immer, während ich auf mein Essen warte. Es ist sehr beruhigend, wie sie da so friedlich und stumm in ihrem Aquarium herumschwimmen. ›Blubb‹ Das macht mir Appetit – auf Fisch! Wellensittiche sind dagegen von einem ganz anderen Kaliber! Und die beiden da drüben gehen mir auf den Geist! – Wieso? Weil sie jetzt neuerdings abends in ihrem Käfig auf dem Balkon stehen und völlig
sinnlos herumlärmen! Ihr Frauchen – sagt man das auch bei Wellensitti- chen? – sitzt daneben und lärmt ebenfalls. Na ja, eigentlich telefoniert sie nur und das auch ganz leise, sodass der Wind gerade mal zwei, drei Wortfetzen zu mir herüberträgt. – Aber das reicht schon, um meine empfindlichen, mittlerweile ziemlich strapazierten Nerven zum Vibrieren zu bringen.
Schon vor fünf Tagen ging das los.
Zuerst der Umzugslärm und das auch noch am Wochenende! Okay, sie hatte ein nettes, kleines Schreiben an die Mieterinfo am Eingang gehängt, mit der Bitte um Entschuldigung für die Lärmbelästigung am Wochen- ende und sie würde sich beeilen mit dem Einziehen. – Meiner Meinung nach hätte sie lieber kostenlos Ohropax verteilen sollen. Möbelpacker, die den ganzen Hausstand in den zweiten Stock schleppten, treppauf, treppab, ›Bumm-bumm‹, mit ihren schweren Stiefeln. Müssen sie ja tragen, wegen Arbeitsschutz und so. – Dann die Bohrarbeiten nebenan, den ganzen Nachmittag lang, als würde sie nicht Regale, sondern jedes Buch einzeln an der Wand aufhängen! Ich dachte, ich werd’ nicht mehr! – Sonntagabend um zehn Uhr war endlich Schluss und Ruhe. Bis Freitag- abend. – Bis eben.
'Hallo Herr Nachbar!'
Ich sitze gerade in meinem superbequemen Sonnenstuhl auf meinem Balkon, ein Glas eisgekühltes Ginger Ale in der einen, einen guten Thril- ler in der anderen Hand, lasse mir die Abendsonne auf den – zugegebe- ner Maßen etwas ausdrucksstarken – Bauch scheinen und lese.
Plötzlich zerreißt das Quietschen rostig gewordener Türangeln die traumhafte Stille um mich herum, lässt mir sämtliche Haare auf den Armen zu Berge stehen. – Es kommt von nebenan. – Das habe ich ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gehört! Irritiert schaue ich auf. Drüben öffnet sich die Balkontür und heraus kommt – zuerst ein goldener Käfig, blitzend im Schein der Abendsonne. Darin besagte zwei Wellensittiche, ein blauer und ein grüner. – Ach du liebe Zeit! Mir schwant nichts Gutes!
Dann kommt sie. Auch blitzend in der Abendsonne – nein, eigentlich schimmernd – und zwar ihr Haar. Seidig schimmernd und rot und voll und.
Die Vögel fangen an zu schreien. – Ja schreien, denn für meine Begriffe können Wellensittiche nicht lieblich und unaufdringlich singen wie, sagen wir, Amseln. Sie schreien lauthals und rücksichtslos in die abendli- che Stille hinein, zum Himmel hinauf, wo die Schwalben friedlich zu ihren Schlafplätzen segeln, zum Hausdach gegenüber, wo zwei ver- schreckte Tauben rasch außer Sichtweite hüpfen, ihrem Frauchen zu und sich gegenseitig an.
Ich versuche, mich wieder auf mein Buch zu konzentrieren, aber es geht nicht mehr. Mord hin, Leiche her, die Vögel rauben mir den Verstand. – Genervt klappe ich mein Buch zu. Ich will gerade aufstehen, da höre ich von drüben besagten Satz zu mir herüberwehen:
'Hallo, Herr Nachbar!'
Zuerst glaube ich, mich verhört zu haben, aber die Frauenstimme dringt noch einmal durch das pausenlose Gezwitscher an mein Ohr:
'Hallo, ja, Sie mit dem Buch! Schön, Sie mal zu sehen!'
– Hören könnte sie dich ja bei dem Lärm auch nicht! – Ich zwinge mich zu einem Lächeln: 'Hallo, Frau Nachbarin! Freut mich auch! Und, schon eingelebt?'
Wieso um alles in der Welt beginne ich ein Gespräch mit der Frau, die
mir gerade den schönen Freitagabend vermiest hat?
Sie lacht. Ein volles Lachen, tief aus dem Bauch heraus, mit blitzend wei- ßen Zähnen. Wie in der Werbung. – Macht sie jetzt für sich Werbung?
'Na ja, ein bisschen. Aber es ist noch viel zu tun! Sorry, wenn ich Sie hin
und wieder mal belästigen muss, akustisch, meine ich. Mit Bohren und
Hämmern und so!'
Macht sie das etwa alleine? – Ist da kein Mann? Trotz intensivster Recherche in meinem Gedächtnis kann ich mich an keinen Mann erin- nern, der beim Umzug mitgeholfen und nicht die Arbeitskluft der Möbelspedition getragen hätte. Hmmm. Nicht schlecht! – Ach was! –
'Das ist nicht weiter schlimm! Geht ja auch mal wieder vorbei!'
Ich deute auf die beiden Schreihälse in ihrem goldenen Käfig und füge hinzu:
'Ich glaube, die sind schlimmer, oder?'
Ihr Blick folgt meinem ausgestreckten Zeigefinger, dann lacht sie erneut:
'Ach, da gewöhnt man sich dran. Außerdem sind Tommy und Jerry bes- ser als jedes Radio.'
– Ja, weil lauter! –
'Aber da ich die Vögel nun gerade vorgestellt habe: ich heiße Sonja. – Und du?'
Damit hat sie mir mal eben ganz lässig das Du angeboten und mir die steife Förmlichkeit wie den Wind aus den Segeln genommen. – Geschickt! Wieder ein Lächeln meinerseits:
'Markus.'
'Schön, Markus. Dann kenne ich ja schon mal einen meiner Nachbarn. Das macht gleich ein bisschen heimisch.'
Sie lächelt mich an, ihre Zähne blitzen durch ihre Lippen, ihr Haar wogt sanft in der aufkommenden Abendbrise, leuchtet im goldenen Schein der letzten Sonnenstrahlen, die neugierig über den Giebel des Nachbarhau- ses linsen, als müssten auch sie verstohlen noch einmal nach der neuen Erscheinung schielen, die sich ihnen so überraschend auf dem Nachbar- balkon präsentiert.
Irritiert und geblendet zugleich wende ich den Blick ab, fummele mit gespieltem Interesse an den Blüten meiner Balkonblumen herum, die aufgrund chronischen Wassermangels schon seit einem Monat völlig ver- trocknet sind. Es ist gar nicht so einfach, an denen noch was Interessan- tes zu entdecken und eigentlich müsste ich die mal ganz rausreißen.
Sonja blickt zum Himmel auf und dann auf ihre Schreihälse hinunter.
'Hmmm, ich glaube, das wird den beiden jetzt zu frisch. Wir gehen mal lieber wieder rein. Tschau, Markus, wir sehen uns ja die Tage sicherlich öfter.'
Vermutlich, aber noch sicherer werden wir uns hören! Laut sage ich:
'Tschau Sonja. Schlaf gut!'
Ich beobachte sie, wie sie den Käfig mit beiden Händen nimmt und wie einen Präsentkorb vor sich her in die Wohnung trägt. Kurz vor dem Schritt ins Innere blickt sie noch einmal zu mir zurück und nickt mir freundlich zu. Ich hebe kurz die Hand, dann ist sie verschwunden.
Mir wird plötzlich kalt und dann siedend heiß. – Was habe ich da gerade
gesagt? ›Schlaf gut?‹ – Es geht mich doch gar nichts an, wie sie schläft, ob sie schläft, mit wem. – Hey, reiß dich zusammen! – Ich gebe mir gedank- lich ein paar Backpfeifen und krame aus meinem tiefsten Inneren die Wut auf die beiden bunten Schreihälse hervor, die mir den schönen Frei- tagabend verdorben haben.
Die Sonne ist mittlerweile untergegangen, die Schwalben ziehen am blassblauen Abendhimmel ihre letzten Runden, sausen dabei ganz dicht über meinem Balkon hinweg. ›Wusch!‹ Fasziniert schaue ich ihren hals- brecherischen Flugmanövern noch eine Weile zu. Ob die Schreihälse von drüben auch so fliegen können? – Seit wann interessierst du dich für Vögel? – Nur so.
Mir ist jetzt auch kalt, ich beschließe, ebenfalls für heute Schluss zu
machen und nehme meine Stuhlauflage, mein Buch und mein Glas. Eins von den drei Dingen rutscht mir natürlich aus der Hand, als ich zur Bal- kontür greife, um sie aufzustoßen. Noch während es zu Boden fällt, kneife ich die Augen zusammen und warte auf den scheppernden Auf- schlag – ich weiß genau, dass es das Glas war. ›Klirrrr!‹
Im nächsten Moment höre ich Sonjas Stimme durch ihr angeklapptes
Küchenfenster:
'Ach, meine Süßen, da wollt ihr gerade einschlafen und der Markus nebenan macht solch einen Lärm.' Ein zustimmendes Krächzen folgt.
Ich beiße empört die Zähne zusammen. Sie setzt noch einen drauf:
'Ja, ja schon gut. Ich werde ihn morgen dafür schimpfen. Schlaft jetzt gut, Jungs.' Damit schließt sie sacht das Küchenfenster.
Ich stehe da, mit zusammengebissenen Zähnen, meinem Buch und der Stuhlauflage in der Hand, die Glasscherben zu meinen Füßen und komme mir unheimlich dämlich vor.
Was für ein beschissener Freitagabend.




