E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Levy Landschaft verschluckt
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-311-70290-0
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-311-70290-0
Verlag: AKI Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
DEBORAH LEVY glaubt nicht an Genregrenzen. Sie helfen ihr zwar, sich in Buchhandlungen zurechtzufinden, aber sie ist davon überzeugt, dass wirklich gute Bücher keine Schubladen brauchen. Und so ist auch ihr Schreiben ungeheuer vielschichtig, verbinden sich darin doch essayistische und lyrische Momente, autobiographisches und fiktionales Erzählen miteinander. Deborah Levy emigrierte im Alter von neun Jahren mit ihrer Familie aus Südafrika nach Großbritannien. Ihre Romane Heim schwimmen (2011), Heiße Milch (2016) und Der Mann, der alles sah (2019) waren für den Booker Prize nominiert. Für ihr dreiteiliges autobiographisches Projekt wurde sie mit dem Prix Femina Étranger ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in London und Paris.
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1 Die Kaulquappenfelder
»Wenn du Angst hast, geschieht das dann im Detail oder empfindest du nur eine Art Macht?« Die Goldplombe in Gregorys Vorderzahn leuchtet J.K. ins Auge. »Ich kann dich nicht hören.«
Sie sitzen in einer Bar am Flughafen Roissy Charles de Gaulle, Paris, von Spiegeln umgeben, auf denen der Eiffelturm zu sehen ist. Markennamen wie Segafredo, Perrier, Dior, Kronenbourg 1664 und Chanel kreisen wie Planeten über ihnen. Die dicke, blonde kalifornische Kellnerin knallt zwei Cocktails auf den Tisch.
»Das sind echte Killer«, sagt sie.
»Als würde Paris unter einer Decke liegen. Ich höre es nur leise.«
J.K. sagt nichts, denn dieser Tage ist auch Gregorys Stimme sehr leise, als fürchte er, sie aus seinem großen Körper herauszulassen. Sie schnappt einzelne Wörter wie Übelkeit, Brustschmerzen, Baltikum, Mutter, Vater, Aspirin und manchmal seinen Blick auf.
»Sieh dir die Inschrift in diesem Buch an.«
Sie rückt näher an das Geheimnis in seinem Körper, das seine Stimme zügelt. Es ist eine alte Ausgabe von Kurzgeschichten, 1941 auf dünnes, fast durchsichtiges Papier gedruckt.
.
Am Tag zuvor waren sie Arm in Arm schweigend zur Pigalle spaziert, um dort den Trans-Huren zuzusehen, wie sie an Autos oder Wänden lehnten, Lippenstift auftrugen, rauchten, vorbeigehenden Männern etwas zuriefen, wie ihre glasigen, verstrahlten Augen sich an diesen oder jenen Mann hefteten und dann wieder anderswohin.
»Welche Art von kulturellem Virus hat diesen Jungs beigebracht, ihre Hüften so vorzustrecken, die Lippen zu schürzen und ihre Titten bis auf die andere Straßenseite zu recken?«, fragt Gregory.
»Stehst du auf so was?«
»Sie sind umwerfend. Mir gefällt der da drüben mit dem langen schwarzen Zopf … er reicht ihm bis zu den Knien, siehst du … mit der roten Feder auf dem Hut.«
KOMM SPRICH MIT MIR! Eine unheimliche Stakkato-Stimme. Die Stimme von Zigarettenwerbung, gleißender Sonne, einer billigen Klitsche mit toten Fliegen auf dem Boden. Sie drehen sich um und merken, dass sie vor einer Spielhölle stehen, CASINO steht in bunten Glühbirnen über der Tür. KOMM SPRICH MIT MIR! Die brummende Yankee-Stimme dringt aus einer silberverchromten Maschine. Auf dem Bildschirm springt ein breiter Muskelmann vor einer digitalen Stadtlandschaft mit Hochhäusern und Highways auf und ab. Die Hände in den Taschen seiner Regenjacke sagt er mit zur Seite zuckendem Kiefer noch einmal schleppend: KOMM SPRICH MIT MIR!
Gregory stupst J.K. am Arm. »Hör auf den Mann, los, wir nehmen seine Einladung an.« Er steckt zehn Franc in den Schlitz.
HEY, WIE GEHT’S?, sagt der Mann. TIPP ETWAS EIN, UND ICH WERDE ANTWORTEN. Die Pixel wirbeln, als der Stadtcowboy die Arme verschränkt und sich vorbeugt.
»Das ist auf Englisch.«
»Komm, sag ihm, wie’s dir geht.«
Gregory wendet sich zu dem Mann. Er wirft noch mal zehn Franc in die Maschine und spreizt die Finger. Rosa und blaue Glühbirnen leuchten über ihm auf.
Brennen deine Lippen, wenn sie richtig geküsst werden? Ich will sie küssen, Baby. Ich will ich will ich will. Ich möchte dich vögeln. Ich möchte dich glücklich machen. Wie soll ich dich anfassen? Im Flugzeug hierher zeigte die Stewardess verschiedene Arten, wie man einen Flugzeugabsturz überleben kann. Sie sagte, wir müssten in eine Pfeife blasen, um die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Findest du das nicht ein wenig narzisstisch? Wenn jeder im Alltag, der Aufmerksamkeit haben will, in eine Pfeife bläst, wo kommen wir da hin? Was tust du, damit du geliebt wirst? Ich arbeite mit billigen Tricks, um gemocht zu werden. Ich gebe den Leuten das Gefühl, wichtiger zu sein, als sie sind, schmeichle ihnen, und wenn jemand einen tollen Cocktail macht, nehme ich einen Schluck und rufe SCHMETTERLINGE IM BAUCH! In England zünde ich meine Zigaretten mit Streichhölzern Made in Yugoslavia an. Das Bildchen auf der Schachtel zeigt das »Malerische Cornwall« mit einer ganzen Reihe von Schildern am Rand einer Klippe. Auf einem steht FALKLANDINSELN 8109, auf einem anderen AUSTRALIEN 170001. Ich erzähle dir das, weil ich als Junge Briefmarken gesammelt habe. Das war meine Art, den Orten einen Namen zu geben und die Welt zu erobern. Eine Briefmarke ist ein kleines Bild der Welt. Dadurch hatte ich viele kleine Bilder der Welt. Madagaskar, China, Mexiko, Argentinien, Ägypten. Eine Art virtuelle Realität.
Wie heißt du, mein Süßer? Johnny oder Sam oder Brett? Ich will dir einen blasen, und ich will, dass du über Fußball und Religion und Hamburger und Schönheit und den Tod sprichst und darüber, wie es sich anfühlt zu kommen. Bist du in der Schule gemobbt worden? Hast du als Teenager Stunden damit verbracht, dich in deinem Zimmer umzuziehen? Hast du gespart, um dir die Schuhe und Shirts kaufen zu können, die andere Kids trugen? Welche Art von Darwinismus hat dich geprägt? Willst du irgendetwas an dir ändern? Vielleicht eine tiefere Stimme oder eine andere Nase haben? Fühlst du dich sicher in dieser Welt? Oder einsam und voller Angst? Welche technischen Geräte hast du bei dir zu Hause? Schenken sie dir Trost? Baby, bist du manchmal deprimiert? Baby, pass auf dich auf. Oh, Baby, ich will dich streicheln und dir etwas zuflüstern, damit du keine Angst mehr hast.
Süßer, ich will dir von einer Zugfahrt mit meinem Typen nach Kiew erzählen. Wir hatten Sex, gerade als wir uns Tschernobyl näherten, und die Lautsprecher in unserem Waggon spielten eine Art Klagelied in Erinnerung an die Tragödie des Atomunfalls. Irgendwie schien es an alle Tragödien der Welt zu erinnern. Die Schreie unseres Liebesspiels, während wir an verseuchten Rindern vorbeifuhren, an Kindern mit rasierten Köpfen, die neben dem Bahngleis spielten, und die unheimliche Stille der deformierten Bäume – sonst war nichts zu hören. Schnee fiel, wir schwitzten, eng umschlungen, und Süßer, in diesem Augenblick waren wir völlig furchtlos. Die Hochhausblocks mit den Wohnsilos, in denen wir übernachteten, hießen »Die Schlaf-Region«. Ich bin in so einem Block in London aufgewachsen. Als Kinder ernährten wir uns von Dosen mit Bohnen und Fleischbällchen und wollten nie schlafen gehen, weil wir uns fürchteten. Liebling, schläfst du tief, ruhig und entspannt? Schläft jemand neben dir? Atmet in das Kissen neben dir, und du wachst als Erster auf und spürst jemanden neben dir, und es ist großartig, dass da jemand ist, und du weißt, dass alle ganz bald aufwachen werden, und dann rutscht ihr näher zusammen, und ihr startet irgendwie gemeinsam in einen neuen Tag? In Kiew öffnete ich Dosen mit Kaviar und Krebsfleisch, mit harter Währung bezahlt, und wir schliefen gut. Wir schliefen gut, und draußen herrschte eine Hungersnot. Der Zirkus spielte jeden Abend in Kiew, und ein alter Mann, der neben mir saß, machte einen Witz darüber, dass nach der Aufführung die Katzen und Pferde gegessen werden. Bist du glücklich mit deinem Leben, mein Süßer? »Touristen erkennt man immer, ihre Augen wissen nicht, wohin sie wandern sollen. Hier weiß es jeder.« Weißt du, wohin du gehst, Baby? Ist es ein guter Ort? Über den man zu Hause berichten kann? Ist zu Hause ein guter Ort? Oder nur ein Ort, an den man zurückkehrt?
Freust du dich, morgens die Augen aufzumachen? Was siehst du? Gefällt dir, was du siehst? Falls nicht, hast du das Gefühl, dass es in deiner Macht liegt, es gegen etwas anderes auszutauschen? Oh, mein Liebster, darf ich dich so nennen – mein Liebster –, stellen wir uns vor, wie es wäre, du und ich im Kuss versunken, an irgendeinem Ort im amerikanischen Süden, wo der Klan unsere Brüder gelyncht hat? Du und ich in einem Wagen auf dem Highway, Pläne für die Zukunft schmiedend. Das Radio läuft, und wir hören vom Zerfall der Sowjetunion, und dann läuft Werbung für Pepsi und Bagel-Chips und dann wieder zurück zum Krieg in Jugoslawien, Nationalismus, Internationalismus, eine Wahl in England, Flüchtende, die auf der Suche nach einem Land, das sie ernährt, Berge überwinden, ein Jingle für Vitaminpillen, und die ganze Zeit über sind wir scharf aufeinander, bei all diesen Weltnachrichten wollen wir uns nur gegenseitig an die Wäsche, und wir halten zum Tanken an, und ich sage: Nein, Baby, zünd dir jetzt keine Zigarette an, warte, bis wir losgefahren sind, wir steigen sowieso bald in einem Motel ab. Hey, Brett, ich träume mir Amerika! Alles aus Filmen und Zeitschriften, ich fummle herum, um dich zu Amerika zu machen. Ich...




