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E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Liegener Moorkur

Kriminalroman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-38751-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-347-38751-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wieder entführt uns Polizeidirektorin Benson auf den Schwingen ihrer Erinnerung in die 80-er Jahre. Nach dem Tod einer Patientin gilt es, sich mit den Verhältnissen in der noblen Reha-Klinik auseinanderzusetzen.

B-P Liegener Arzt und Anglist, Philogoge und Philanthrop, vor allem aber glücklichster Ehemann der ihm bekannten Welt. Geboren, aufgewachsen und meistens wohnhaft in der Stadt des Bären. Ja, in Berlin. Sprache und Sprachen sind für ihn eine ewig sprudelnde Quelle staunender Entdeckungen. In seinen Büchern versucht er, ein kleines Stück seiner Begeisterung weiterzugeben.
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1. Kapitel

Die Klinik

Kaum hatte das dritte `Da´ Stephan Remmlers Kehle verlassen, zerklingelte ihr aufdringliches Telefon das dadaistische Machwerk der Band Trio. »Benson«, nuschelte Martina mit vollem Mund in den Hörer. Sie konnte den Apparat nicht läuten lassen, bis sie den Brötchenbissen zermalmt, durchspeichelt und hinuntergeschluckt hatte. Man hätte das als Neugier bezeichnen können, für sie selbst war es ein Zeichen von fehlender Ignoranz. Nein, nicht mal in Bezug auf ein Telefon könnte man sie als Ignorantin bezeichnen. »Guten Morgen, Watson! Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt.« Die Stimme ihres Vorgesetzten klang genauso frisch, wie sich ihr Hirn fühlen würde, wenn sie ihren Mund mit dem Rest des schwarzen Kaffes freigespült hätte.

»Aber nein, ich bin gerade beim Frühstücken, wie du hörst. Ich würde dich ja einladen mitzuessen, aber wenn du mich vor Dienstbeginn hier anrufst, kann das eigentlich nur bedeuten, dass wir für ein gemütliches petit déjeuner nicht groß Zeit haben.«

»Na, da brauche ich ja gar nichts mehr zu sagen. Also nur fürs Protokoll: Wir haben einen Fall! Und du hast eine Viertelstunde, um dich weiter mit dem kleinen Fastenbrechen zu befassen. Bis gleich!« Kommissar König hatte eine Vorliebe für Wortspiele mit Fremdwörtern und sich natürlich sofort über ihren leckeren Köder hergemacht. Nicht, dass es nötig gewesen wäre, ihn in gute Stimmung zu versetzen, denn wenn es einen Fall zu lösen gab, wurde ihr Chef wie durch ein magisches Zauberwort vom gelangweilten Bürokraten mit einem Mal zu einem mit Rätselfreude aufgeladenen Energiebündel.

»Kennst du dich mit Moorleichen aus?« begrüßte er sie, als sie in seinen unauffälligen beigebraunen Golf stieg.

»Nicht besonders gut. Ich finde es ziemlich gruselig, Menschen ins Gesicht zu sehen, die vor Hunderten oder gar Tausenden von Jahren gestorben sind und immer noch aussehen, als sei das gerade erst gestern passiert.«

»Gut, dann brauchst du jetzt keine Gänsehaut zu bekommen, denn unsere Moorleiche hat ihren Tod erst heute Nacht gefunden. Und zwar nicht in freier Wildbahn, sondern in der heilsamen Geborgenheit unserer Rehaklinik. Klinik Karmtalblick. Kennst du die?«

»Kennen ist zu viel gesagt. Ich weiß, dass sie im Westen von Karmensbrück liegt, und wenn mich mein detektivischer Instinkt nicht trügt, außerdem in Sichtweite der Karm und des Karmtals.«

»Ja, an dir wäre wirklich eine große Detektivin verlorengegangen, wenn du das nicht zu deinem Beruf gemacht hättest.« Die Scheibenwischer intervallten den leichten Nieselregen mühelos beiseite, gegen das trübe Wetter des ungemütlich kühlen Oktobermorgens blieben sie leider wirkungslos. Eigentlich hätte die Sonne jetzt gerade aufgehen sollen, aber ob sie das wirklich tat, konnte Martina nur durch das nasse Morgengrauen erahnen. Am letzten Wochenende war sie noch in kurzen Hosen über die Felder gejoggt, doch dann hatte der Herbst in einer Art erbarmungsloser Oktoberrevolution das Wetter an sich gerissen und mit stürmischen Regenböen den schwächlich ausklingenden Sommer davongepeitscht. Der erholte sich jetzt irgendwo auf der südlichen Hemisphäre und schmiedete Pläne für seine Rückkehr nach Deutschland im nächsten Jahr.

Vielleicht hatte der Morgenkaffee doch nicht ganz den ermunternden Effekt gehabt, den sie sich erhofft hatte. Das sanfte Brummen des Motors und die angenehme Wärme der Autoheizung hatten Martina in einen wohligen Dämmerzustand hinüberdösen lassen, der nun durch das Ende der Fahrt einem summend kühlen Erwachen wich. Königs Golf war mit elektrischen Fensterhebern ausgestattet und die frischkalte Luft erinnerte den Kaffee daran, dass er sie doch wach machen sollte. »Entschuldigung!« Sie fuhr sich mit den Händen über das verschlafene Gesicht und rieb sich mit den Spitzen der Mittelfinger die Augen. Wie gut, dass sie sich nicht schminkte, wenn sie zur Arbeit ging!

»Es tut mir leid, dich zu wecken, aber wir sind da. Da vorne ist die Klinik.«

»Mir tut es leid, dass ich weggeschlummert bin. Bis da vorne bin ich wieder wach.«

»Ist aber auch mal wieder früh am Morgen. Dass die Leute sich nicht später umbringen können…«

»Tatsächlich ist das unser zweiter gemeinsamer Fall, und beide Morde fanden zu nachtschlafender Zeit statt. Ist das ein Zufall, oder steckt da ein Prinzip dahinter?«

»Ich will es mal etwas familiär und ganz trivial ausdrücken: Die Nacht ist die Mutter des Mordes. Da ist es schön ruhig, keiner sieht was, alles schläft, einsam wacht der Mörder. Wer hat schon gerne Zeugen, wenn er jemanden umbringt? In der Dunkelheit blühen die finstersten Blumen des menschlichen Handelns.«

»Na gut, dann wollen wir mal sehen, wie wir – na ja, wie du ihn ans Licht ziehst, unseren Täter, den Fürsten der Finsternis.«

»Oder Fürstin, meine Liebe«, ergänzte König, während er die Scheibe der Beifahrertür wieder hochfahren ließ. »Und natürlich werden wir gemeinsam ziehen.« Sie stiegen aus und schritten auf das beeindruckende Klinikgebäude zu.

Der langgestreckte Bau ließ Martina ein wenig an die Backsteingotik ihrer norddeutschen Heimat denken, wie sie sie aus der Schulzeit in Erinnerung hatte. Vielleicht waren die Bögen der wuchtigen Fenster ein wenig weniger spitz, vielleicht passten auch die Fachwerkelemente an den Galerien, die die Seitenflügel mit dem gewaltigen Hauptgebäude verbanden, nicht ganz ins Bild. Sie kannte sich nicht gut aus in Fragen der Architektur, aber dass der riesige teilverspiegelte Glaskasten, der um das Eingangsportal wucherte, jüngeren Datums war als der Rest der Klinikfassade, war unübersehbar.

Sie betraten ein geräumiges, lichtdurchflutetes Foyer und Karl steuerte zielgerichtet auf einen breiten Tresen zu, hinter dem zwei adrett gekleidete Rezeptionistinnen bereitstanden, um ihnen ein Grandhotel-freundliches Willkommenslächeln entgegenzuwerfen. Karl war der Vorname ihres Vorgesetzten. Karl König. Das hier omnipräsente goldene Emblem mit seinen Initialen und einer Krone darauf hätte zu ihm eigentlich wesentlich besser gepasst als zur Klinik Karmtalblick. Sie glimlachte. Glimlachen war ihr ganz privater Ausdruck für eine mit geheimen amüsanten Gedanken beladene Art von Lächeln.

Ihr Chef hatte ihr schon im Verlauf ihrer ersten gemeinsamen Ermittlung das du angeboten. Jetzt nannte er nur seinen Nachnamen und zeigte der jüngeren der beiden Damen seinen Dienstausweis. Obwohl es erst kurz vor acht Uhr war, herrschte in der Vorhalle ein reges Kommen und Gehen. Eine Gruppe von Patienten in Trainingsanzügen schien von einem morgendlichen Freilufttraining zurückzukehren, andere folgten der durch große Pfeile angegebenen Richtung, auf denen `Speisesaal´ stand. Eine ältere Dame näherte sich mit resolut gesetzten Schritten ihrer energischen Krücken und beschwerdebereitem Gesicht der anderen Rezeptionistin. Da war es tatsächlich angebracht, diskret zu sein und kein `Mordkommission´ in den Raum zu rufen.

»Guten Morgen, Herr König! Wir haben Sie erwartet. Bitte haben Sie einen kleinen Moment Geduld. Herr Fabert holt Sie gleich ab und zeigt Ihnen die…nun, er zeigt Ihnen den Weg zur Badeabteilung. Er ist unser leitender Masseurmedizinischer Bademeister.« Bis auf den kleinen Stolperer klang die Stimme wie eine höflich lächelnde Bandansage. Dass die Augen nicht mitlächelten, hätte man nicht hören können. Kurz versteckte sich das freundliche Gesicht hinter einem Telefonhörer. »Ja, die Herrschaften sind jetzt da, wenn Sie…ja, vielen Dank!« Das wieder unverdeckte Lächeln sagte: »Zwei Minuten.«

»Herzlichsten Dank, Frau Gerber!« Sie trug ihren Namen auf der ansehnlichen Brust, da hatte der Herr Kommissar König ihn natürlich nicht übersehen können. Für Martina klang sein Tonfall beinahe etwas zu verbindlich für diesen kurzen Kontakt mit einer völlig fremden Frau, aber sie wusste, dass sein Charme ihm nicht nur immer wieder Türen zu unerwarteten Informationsressourcen öffnete, sondern sich wie eine unsichtbare Wolke kaum wahrnehmbaren angenehmen Duftes um ihn verbreitete, in der man sich einfach wohlfühlte. Sogar der Tonfall der gehbehinderten Patientin klang versöhnlich, als sie nach einem Seitenblick auf den König der zweiten Rezeptionistin einen Verbesserungsvorschlag unterbreitete. Ja, vielleicht nannte man ihn im Revier auch deshalb den König, weil er sogar die Atmosphäre eines Raumes zu beherrschen wusste.

Herr Fabert war ein weißblonder Mittvierziger mit der Statur eines Catchers und dem Gesicht eines Babys. Er war nicht viel größer als sie selbst, aber seine Schultern hatten die Breite von zwei...



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