Löns | Mümmelmann und andere Geschichten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 110 Seiten

Löns Mümmelmann und andere Geschichten

Bereicherte Ausgabe. Ein tapfere Hase wird zum Helden
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2453-1
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Bereicherte Ausgabe. Ein tapfere Hase wird zum Helden

E-Book, Deutsch, 110 Seiten

ISBN: 978-80-272-2453-1
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hermann Löns' Buch 'Mümmelmann und andere Geschichten' ist eine Sammlung von Erzählungen, die sich in der norddeutschen Heide abspielen. Mit seinem naturverbundenen Schreibstil und seiner detaillierten Beschreibung der Landschaft zeichnet Löns ein lebendiges Bild vom Leben in der Heide. Die Geschichten sind geprägt von Folklore und regionalen Bräuchen, die den Leser in eine vergangene Zeit entführen. Löns gelingt es, eine Atmosphäre der Nostalgie und Verbundenheit zur Natur zu schaffen, die die Leser fesselt und zum Träumen einlädt. Der literarische Kontext des Buches zeigt Löns als einflussreichen Vertreter der Heimatliteratur des frühen 20. Jahrhunderts, der es verstand, die Schönheit der norddeutschen Landschaft in seinen Werken zu verewigen. Hermann Löns, geboren 1866 in Westfalen, war ein deutscher Schriftsteller und Journalist, der für seine naturbezogenen Werke bekannt ist. Als begeisterter Jäger und Naturfreund spiegelt sich Löns' Liebe zur Natur in seinen Erzählungen wider. 'Mümmelmann und andere Geschichten' ist ein weiteres Beispiel für Löns' Fähigkeit, die Schönheit der Natur in literarischer Form einzufangen und den Lesern näherzubringen. Seine Werke sind bis heute beliebt und haben ihm einen festen Platz in der deutschen Literaturgeschichte gesichert. 'Mümmelmann und andere Geschichten' ist ein Buch für alle, die sich nach der Ruhe und Weite der Natur sehnen. Löns' Geschichten sind wie Balsam für die Seele und entführen den Leser in eine Welt voller malerischer Landschaften und faszinierender Charaktere. Diese Erzählungen sind zeitlos und laden dazu ein, sich vom hektischen Alltag zu entfliehen und die Schönheit der norddeutschen Heide zu entdecken. Ein Muss für Naturliebhaber und Fans der Heimatliteratur.

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Murkerichs Minnefahrt


Auf der Spitze der großen Pyramide stand ein Mann. Der Abend hatte die gelbe Wüste in braune und blaue Farben getaucht, hatte die Palmen und Kuppeln der fernen Stadt mit Gold und Purpur umwebt.

Der Mann auf der Plattform des Riesenbaues sah die zauberhaften Farben, die märchenhaften Töne nicht. Er war das ganze Ägypten satt, die eleganten Reisenden, das schmierige Volk, den Spielsaal und die Blumengärten. Traumverloren sah er nach Norden hin.

Da zuckte er zusammen und sah sich um. Nicht der Ruf der Eule war es gewesen, der ihn aus seinem Sinnen geweckt hatte, nicht das von weitem heranschallende Geschrei der Kameltreiber, nein, ein ganz anderer Laut, der ihm die gelben Troddeln der Haselbüsche im dämmernden Wald, Drosselschlag und Ammernsang vor die Seele rief.

Er rieb sich die Augen und lächelte: »Ich habe geträumt«, dachte er. Aber da war er wieder, der seltsame, tiefe, quarrende Ton, das »Quoark, quoark, quoark«, und da kam es auch schon herangestrichen, ein schwarzes Ding, eulenhaft die Fittiche bewegend, zwischen denen ein langer, senkrechter, schwarzer Strich sich abhob, und verschwand in der Dämmerung.

Das war Murkerich. Auch dem war dieses Ägypten langweilig geworden mit seinen Palmen, seinem Nilschlick, seinen fetten Fliegenmaden und Kamelmistkäfern. Nach weißschimmernden Birkenwäldern sehnte er sich, nach braunem Fallaub zwischen goldenen Schlüsselblumen, jungen Fichten und breiten Weißdornbüschen und einem ordentlichen deutschen Regenwurm.

Er moarkte verdrießlich, als ihm eine große Fledermaus mit einem blattähnlichen Gewächs auf der Nase etwas zuzwitscherte, das er nicht verstand, strich weiter, den Nil hinauf, und pfuitzte schnell sein »Pssewitt« in den Abend hinein. Antwort erhielt er wohl, aber Begleitung bekam er nicht. »Noch zu kalt da oben«, pfuitzte Kulpsauge. »Noch keine Würmer draußen«, quarrte Silbersteert. »Noch Frost im Boden«, wisperte Stecherine. Da reiste Murkerich allein.

Im Garten des Augustinerkellers in München ging ein Mann. Er ließ sich die Abendluft um die Stirn ziehen, denn arg viele Maße Bier hatte er binnen. Plötzlich blieb er stehen und sah nach dem Himmel, wo ein einziger, kleiner, blasser Stern blinzelte. »Herrgottsaxen«, brummte er vor sich hin, »hoab i oan Rausch. Alleweil hoab i meint, daß i die Schnepfen hör'!«

Einen Rausch hatte er, aber richtig gehört hatte er doch. Murkerich hatte Afrika hinter sich, das Mittelmeer und den Balkan, Tirols weiße Gipfel und Bayerns dunkle Berge. Viele Gefahren zu Wasser und zu Lande hatte er erlebt, Seesturm und Meeresgewitter, Lawinengepolter und Telegraphendrahtsurren; am Gardasee stellte eine verwitwete Schnepfin seinem Herzen Garn und Schlinge und wollte ihn bewegen, dort zu bleiben. Er pfuitzte ihr etwas und strich weiter.

Über dem Dorfe Sievershausen im Solling stand ein Mann. Rotkehlchen und Amseln sangen, Waldwühlmäuse pfiffen im Fallaub, unten im Dorf rief der Totenvogel und im hohen Ort lachte der Kauz. Stillzufrieden lauschte der Mann den Stimmen des Vorfrühlings.

Auf einmal durchfuhr ihn ein Ruck. Er riß das Gewehr von der Schulter, spannte und backte an, sah sich wild um und ließ die Waffe wieder sinken. Er schüttelte den Kopf und lachte in sich hinein: »Ich dachte, ich hörte schon die erste. Aber wir haben ja noch nicht einmal Reminiscere!«

Er hatte doch richtig gehört, und wenn der Kauz nicht gerade solchen großen Schnabel gehabt hätte, dann hätte Murkerichs Minnefahrt schon hier ein Ende gehabt. Aber Glück muß ein junger Schnepfenhahn haben. Schon im Taunus waren ihm die Schrote um den Stecher gepfiffen, und in seinem linken Fittich fehlte die Spitze der Malfeder. »Die kann ich missen«, hatte Murkerich gedacht, die ist ja doch bloß zum Staat da«, und war weitergestrichen. Und diese Nacht strich er noch weiter, bis er seine engere Heimat erreichte, den Ahltener Wald bei Hannover. Da strich er laut pfuitzend in der Frühdämmerung die Gestelle auf und ab, fiel, als die erste Drossel pfiff, todmüde unter einer Schirmfichte ein und schlief wie tot.

Ein Rascheln im Laube weckte ihn. Eine Waldmaus wäre ihm fast auf den Kopf gesprungen. Als er sich spreizte, fuhr sie zitternd in ihr Loch. Die Sonne stand schon hoch, und behaglich genoß Murkerich, Flügel und Ständer von sich streckend und das Halsgefieder aufrichtend, ihre Wärme. Dann richtete er sich auf, gähnte gefährlich, trippelte einige Schritte vorwärts, bis er an dem kleinen Ellernbusch anlangte, wo die ersten Blätter und Blüten sich über dem pechschwarzen nassen Boden zeigten.

Dort stellte er den Stecher senkrecht, fuhr damit über die goldenen Blüten des Milzkrautes, die fetten Blätter des Aronstabes, die blauen und weißen von Leberblume und Windröschen, bohrte den Stecher in den Boden, vollführte mit den Ständern ein seltsames Getrampel, wobei er ab und zu leise schnurrte, und holte alle Augenblicke einen krampfhaft sich windenden Regenwurm oder eine langgeschwänzte Sumpffliegenlarve heraus, die er sich dann mit kurzem Ruck einverleibte. Dann trippelte er wieder unter seine Schirmfichte und schlief weiter.

Als die Dämmerung die Bäume zusammenschmolz und der Kauz sein hohles Lied sang, wachte Murkerich auf. Der Abend war lau und die Luft dumpf, so recht geschaffen für ein zärtliches Flugspiel über den Wipfeln der Birken. Aber ihm lag noch die lange Luftreise in den Knochen, und so beschloß er weiterzuschlafen, da erstens morgen auch noch ein Tag und zweitens eine Balz auf eigene Faust eine ziemlich öde Beschäftigung sei. Da vernahm er ein brünstiges »Pssewitt«, und er schwang sich auf und folgte dem lockenden Rufe.

Auf der großen Rodung holte er die Dame ein. Quarrline war es, eine Schnepfenmadam reiferen Alters, die im Frühling vor einem Jahre hier Witwe geworden war. Sie hatte damals gelobt, unvermählt zu bleiben, aber die Liebe, das ist eine sonderbare Sache, und wenn eine alte Scheune ins Brennen kommt, dann helfen alle guten Vorsätze nicht. Und als sie Murkerichs flehendes Morken vernahm, da tat sie zwar erst etwas verschämt, quarrte etwas von Aufdringlichkeit und Belästigung alleinstehender Damen, aber die kokette Art und Weise, wie sie ihn über den Rücken anschielte, gab Kunde davon, wie heiß ihr Herz dem eleganten jungen Manne entgegenschlug. Ja, wer kann auch für die Gefühle bei solcher lauen Luft!

Und so ging es denn mit Pssewitt und Mork-mork über die Gräben und Tümpel, Schläge und Dickungen, bald neben-, bald hinter-, bald übereinander, jetzt langsam und leise, dann laut und schnell, in gerader Richtung ein Gestell entlang, im Zickzack durch den Lichtschlag, wo Quarrline ihrem Galan in dem Stockausschlag der Birken verschwand. Aber er fand sie bald, denn es war bei ihr nur Ziererei, und als er ihr erzählte, daß er in guten Verhältnissen lebte und ein Grundstück hätte, das sich selbst im dürrsten Sommer reichlich mit Regenwürmern verzinste, da gab sie bald ihre Sprödigkeit auf und wurde aus einer älteren Witwe schnell eine junge Braut.

Als Murkerich sich am anderen Tage die Sache überlegte, fand er, daß er etwas voreilig gewesen war. Seine Quarrline paßte doch nicht so ganz zu ihm. Sie war ein bißchen zu sehr in die Breite gegangen, ihr Gefieder war stark ergraut, kurz und gut, eine Schönheit war sie gerade nicht. Und dieses ewige Gequarre von ihrem Seligen, das war nicht zum Aushalten. Wenn sie so schon als Braut war, wie würde sie erst später werden, dachte der glückliche Bräutigam und hörte mißmutig ihrem Gequarre zu, mit dem sie ihm sogar jetzt, mittags, wenn jede richtige Schnepfe schläft, anödete.

So vernahm sie vor lauter Schwatzen das leise Rauschen nicht, das hinter ihr im dürren Grase daherkam. Faul und breit lag sie da und erzählte von ihrem Seligen. Da fuhr ein rotes Ding rauschend und rasselnd durch das Gras. Murkerich strich schreiend ab und konnte eben noch eräugen, daß Reinke Rotvoß mit Quarrline im Fang davonschnürte. Unter einem gewaltigen Weißdornbusch fiel Murkerich ein. Der entsetzliche Vorfall bekümmerte ihn tief, aber bei ruhigerer Überlegung fand er, daß es so am besten für sie beide war; glücklich wären sie zusammen doch nicht geworden. Über diesen Betrachtungen schlief er ein.

Das Gezeter der Amsel weckte ihn. Die saß auf dem Dornbusch und machte einen Mordskrach, weil zwei Männer das Grenzgestell entlang gingen. Im großen Windbruch rief der Kauz, von der breiten Wiese erklang das Schreien der Kiebitze, Kraniche trompeteten über den Forst hin, Goldammern und Rotkehlchen sangen ihre Abendlieder. Da vernahm Murkerich über sich ein tiefes, dumpfes Quarren und ein ängstliches Pfuitzen. Ein alter Schnepfenhahn machte in grober Weise einer schlanken Schnepfin den Hof. Klack, klack, machten Murkerichs Flügel, und schon war er neben dem Pärchen. Der alte Hahn machte ein höchst erbostes Gesicht, als er den jungen Mann erblickte, und versuchte, ihm eins zu stechen, aber Murkerich war gewandter, er wich ihm aus, stieg und stach ihm derartig in die Seite, daß der alte Herr wutquietschend in das Quergestell einschwenkte. Murkerich wollte ihm folgen, da fuhr ein langer, roter Strahl empor, der alte Hahn fiel wie ein fauler Ast zu Boden, ein Donnerschlag ertönte, Stinkrauch stieg auf, und Murkerich und das kleine Fräulein schwenkten schleunigst ab.

»Glück muß ein junger Mann haben«, dachte Murkerich, als er mit der Kleinen durch das Birkenbruch zickzackte. Die hatte sich so erschrocken, daß sie froh war, einen Mann bei sich zu haben. Pfuitzing hieß sie und war noch nicht ein Jahr alt. Murkerichs Herz brannte. »So ein niedliches Ding«, dachte er, »so schlank und adrett, das ist doch etwas anderes...



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