Lohmann | DSA 83: Thronräuber | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 83, 348 Seiten

Reihe: Das Schwarze Auge

Lohmann DSA 83: Thronräuber

Das Schwarze Auge Roman Nr. 83
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-86889-860-6
Verlag: Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Das Schwarze Auge Roman Nr. 83

E-Book, Deutsch, Band 83, 348 Seiten

Reihe: Das Schwarze Auge

ISBN: 978-3-86889-860-6
Verlag: Ulisses Medien und Spiel Distribution GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In Neanikis herrscht die Angst. Vor zehn Jahren verließ die Magierin Baliante ihre Heimat, jetzt, bei ihrer Rückkehr findet sie die Stadt verändert vor. Ein düsterer Dämonenturm ragt über dem Palast auf, ein Tyrann beherrscht die Stadt, die am Rande eines Aufruhrs steht. Baliante möchte sich aus all dem heraushalten und wird doch immer tiefer in die Ereignisse verstrickt: Die Rebellen von Neanikis wollen Baliantes Zauberkraft für die Befreiung des rechtmäßigen Herrschers nutzen. Keiner von ihnen ahnt allerdings, mit welcher Macht sie es wirklich zu tun bekommen werden. Der Schrecken, der Baliante einst aus Neanikis vertrieb, ist immer noch lebendig ...

Alexander Lohmann (*09.11.1968) ist ein deutscher Fantasyautor, Lektor und Übersetzer. Der gebürtige Münchner studierte Germanistik und Geschichte und machte eine Ausbildung zum mathematisch-technischen Assistenten, bevor er begann als Programmierer zu arbeiten. Seit 1999 hat er sich der Textarbeit verschrieben und lektoriert für die Verlagsgruppe Lübbe und den Sybex-Verlag. Er hat auch die Schlussredaktion für eine große Bandbreite bekannter Zeitschriften und Magazine übernommen. Er hat darüber hinaus zahlreiche Kurzgeschichten geschrieben und veröffentlicht, über ein Dutzend Romane übersetzt eigene Romane verfasst. Alexander Lohmann lebt mit seiner Lebensgefährtin, der Autorin Linda Budinger in Leichlingen.
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Die Stadt ohne Tod

Baliante schreckte hoch und blickte aufgewühlt durch ihre kleine Kammer. Sie erinnerte sich nicht, was sie so abrupt geweckt hatte – ein Albtraum, ein Geräusch von der Straße. Vielleicht gab es gar keinen Grund; sie schreckte an den meisten Tagen aus unruhigem Schlummer auf.

Noch ein wenig benommen stand sie auf. Die Luft war schwer, stickig und feucht: Baliante erwartete beinahe, den Raum mit Dunst und Nebel gefüllt zu finden. Aber die scharfen Lichtfinger, die durch die schmalen Spalten ihres Fensterladens stießen, enthüllten nur träge dahintreibende Staubflocken. Als Baliante auf das Fenster zutrat, wirbelte der Staub wild umher, leuchtete mitunter golden auf und trudelte dann in die Schatten davon.

Sie löste die Riegel an dem solide gezimmerten Laden und stieß ihn auf. Ein Schwall warmer Luft wogte in den Raum und strich über die bloße Haut an ihren Armen wie eine Berührung. Baliante strich die langen, dunklen Haare nach hinten und blinzelte in die Helligkeit. Sie brauchte einige Augenblicke, um die Straße im gleißenden Licht der Morgensonne erkennen zu können.

Baliante lebte im zweiten Geschoss, und ihre Tür ging hinaus auf das flache Dach des unteren Stockwerks. Von diesem Dach aus führte eine Treppe zur Straße hinab. Der untere Teil des Hauses war versiegelt, doch Baliantes Raum saß wie ein Würfel oben auf dem Bauwerk, ohne Verbindung zur Wohnung darunter. Es war bereits zu Lebzeiten der Besitzer untervermietet gewesen, und so war es auch nach deren Tod geblieben. Nur dass nun die Nachlassverwalter den Mietzins kassierten.

Unten auf der Straße humpelte eine hoch gewachsene und breit gebaute Gestalt entlang, die durch den gebeugten Rücken und den eingezogenen Kopf weitaus kleiner wirkte, als sie in Wirklichkeit war. Baliante seufzte. Sie kannte den Mann. »Chrys! Hallo, hier bin ich!«, rief sie herab.

Der junge Mann reckte sich, blickte suchend umher und schließlich zu dem Fenster empor, hinter dem Baliante stand. Ein Lächeln erschien auf seinem verhärmten Gesicht und er humpelte einige Schritte näher. Er mochte ungefähr zwanzig Jahre alt sein, und obwohl er von hünenhafter Statur war und die Natur ihn mit einem Übermaß Muskeln gesegnet hatte, wirkte er alles andere als gesund: hohlwangig, mit Schatten unter den Augen und entzündeten Schnitten an Füßen und Beinen. Nicht einmal die sonnengebräunte Haut konnte verbergen, dass seine Gesichtsfarbe von Tag zu Tag fahler wurde. Wie seine bunte Tunika verriet, hatte er schon mal bessere Tage erlebt, inzwischen aber war das Kleidungsstück zerschlissen und schmierig.

Chrysonias war geistig zurückgeblieben, hatte das Gemüt und den Verstand eines kleinen Kindes. Vor kurzem hatte er rasch hintereinander Vater und Mutter verloren und stand seither allein und mittellos in der Welt. Baliante sah ihn häufig durch die einsamen Straßen des Viertels streifen. Er war unfähig zu begreifen, was mit ihm geschah, unfähig, für sich zu sorgen. Auch wenn er den Körper eines Riesen hatte, so fehlte ihm doch die notwendige Stärke, um im Schmutz und Unrat der Gosse zu überleben. Jetzt stand er unter Baliantes Fenster und blickte zu der Frau hinauf: »Hallo Baliante!«

»Ich habe hier etwas für dich«, meinte sie und erwiderte das Lächeln. Dann warf sie dem Mann die Reste eines Maisfladens zu. Chrysonias hob einen langen, kräftigen und plump wirkenden Arm und fing den Brocken aus der Luft. Dann verharrte er lächelnd, die Hand mit dem Fladenrand gegen den Kopf gedrückt.

»Wohin gehst du denn?«, fragte Baliante.

Chrysonias schreckte auf. »Ich gehe so ... da hinten hin«, meinte er schließlich und gestikulierte vage die Straße entlang. Daraufhin erinnerte er sich an den Maisfladen in der Hand; er blickte darauf, roch daran. »Ja, danke!«, sagte er. Er stand noch eine Weile da, dann schlurfte er davon.

Baliante blickte ihm nach. Innerhalb weniger Schritte schrumpfte er wieder zusammen – senkte den Kopf, zog die Schultern ein, krümmte den Rücken. Ein Bild des Elends. Gelegentlich unternahm Baliante den halbherzigen Versuch, ihm zu helfen, doch sie konnte nicht die Verantwortung für den Schwachsinnigen übernehmen. Sie kam ja selbst kaum zurecht.

Scharf sog sie die Luft ein.

Chrysonias war bis zur Einmündung der nächsten Seitengasse gelangt, als dort unvermittelt ein Trupp halbwüchsiger Straßenbengel hervorstürmte und sich um den riesenhaften Verrückten scharte. Ohne große Scheu umringten sie ihn, stießen ihn an und spotteten über seine unbeholfenen Reaktionen. Chrysonias wich gegen eine Mauer zurück und ruderte mit den Armen. Er versuchte die Halbwüchsigen zu verscheuchen, bewegte sich dabei aber so langsam, als hätte er Angst, seine Angreifer zu verletzten. Die nutzten die Gelegenheit und entrissen ihm den Maisfladen.

»Danke«, rief einer der Jungen laut und übermütig. »Hast du noch mehr für uns?«

Die anderen lachten.

Chrysonias blickte hilflos umher, und Baliante trat eiligst in den Schatten ihrer Kammer zurück. Sie wollte sich nicht in diese Sache hineinziehen lassen. Und sie hatte kein Interesse daran, die Straßenjungen auf sich und ihre Wohnung aufmerksam zu machen. Ein wenig Mais und grober Spott waren den Ärger nicht wert.

Trotzdem tat es Baliante Leid um das Essen, denn eigentlich hatte sie es für ihr eigenes Frühstück zurückgelegt. Aber sie musste ohnehin auf den Markt, und sie nahm sich fest vor, eine Kleinigkeit für Chrysonias mitzubringen und ihn für den Verlust zu entschädigen.

Sie zog das dünne Nachtgewand aus und legte eine robustere Tunika an, dann sammelte sie die Sachen zusammen, die sie für ihren Weg in die Stadt brauchte. Oder die sie einfach nicht unbewacht in ihrem schlecht gesicherten Zimmer zurücklassen wollte.

Als die Geräusche von der Straße verstummt und Chrysonias und die Halbwüchsigen weitergezogen waren, trat sie nach draußen.

Der Markt von Lyrnathas war geschäftig und belebt, wirkte aber so heruntergekommen wie der Rest der Stadt. Die Auslagen waren ärmlich. Die meisten Händler hatten nur eine spärliche Auswahl anzubieten, und wenn sie mehr hatten, dann zeigten sie es nicht. Zu viel hungriges, mittelloses Volk lungerte zwischen den Ständen herum und wartete auf eine günstige Gelegenheit.

Baliante hatte ihr Halstuch über den Kopf gezogen. Sie war hoch gewachsen, aber dünn, und nun machte sie sich so klein wie möglich und versuchte unauffällig zu wirken. Einige Pardir lungerten am Rande des Platzes herum, im Schatten der festen Gebäude. Es waren armselige Vertreter ihres stolzen Volkes. Ihr Fell wirkte struppig und fahl. Die Körperform erinnerte vielleicht an aufrecht gehende Panther, doch ihnen fehlte jede Eleganz: Es waren kranke und verkrüppelte Ausgestoßene aus dem nahe gelegenen Urwald, die hier in der Stadt Zuflucht gesucht hatten; ehrlose Kreaturen selbst nach den undurchsichtigen Maßstäben ihrer eigenen Brüder. Sie boten ihre Dienste als Führer durch die weglosen Wälder an, doch im Grunde gab es nur zwei Arten von Pardir in Lyrnathas: Solche, die zu schwach waren, um im Dschungel von Nutzen zu sein – und solche, die selbst gefährlicher waren als die Gefahren, vor denen sie Schutz versprachen. Wer nicht dumm war oder völlig verzweifelt, der wandte sich lieber an die wenigen ortsansässigen Amaunir. Diese Katzenmenschen waren sehr viel zuverlässiger.

Baliante schob sich bedächtig durch den Ring aus Bettlern und armseligen Gestalten hindurch und an den Marktwächtern vorbei, die allzu zwielichtig aussehende Geschöpfe von den Ständen fern hielten. Dann bewegte sie sich in der Masse der gewöhnlichen Marktbesucher, die sich von den Bettlern am Rand meist nur durch ihre größere Beweglichkeit unterschieden. Sie trieb in einem Meer von Leibern, von Stimmen, murmelnden, allgegenwärtigen Unterhaltungen und vereinzelten anpreisenden Rufen. Kerzenzieher, Töpfer und ein Ölhändler wachten über ihre Auslagen. Bauern stellten ihre Erzeugnisse zur Schau.

Überall wurde gefeilscht, während die Langfinger nach unvorsichtigen Opfern spähten. In einem großen Bogen wich Baliante dem fauligen Hauch aus, der von einem Fischstand herüberschlug, dann drängte sie sich durch die Menge zum Standplatz der Kräuterhändlerin, die ihre beste Quelle war.

»Einen Zuckerapfel, Süße?«, sprach sie ein schäbig wirkender Kerl mit einem Bauchladen an.

Baliante duckte sich, murmelte eine unverständliche Ablehnung in entschuldigendem Tonfall und eilte weiter. Geschickt umrundete sie drei weitere Passanten und stellte damit sicher, dass der schmuddelige Naschwarenhändler mit seinem schweren Bauchladen ihr nicht folgen konnte. Sie konnte und wollte sich nicht vorstellen, wie dieser Mensch zu seinen Waren gelangt war – aber sie wusste mit Sicherheit, dass sie nichts davon essen würde.

Sie näherte sich dem Kräuterstand von der Seite, drückte sich neben das Gerüst, das die Auslage trug, und musterte die Pflanzen. Die alte Frau, die dahinter auf einem Holzblock saß, nickte ihr zu.

»Guten Morgen, Alda. Hast du vielleicht sonst noch etwas für mich?«, fragte Baliante leise. Unter einigen vorstehenden Haarsträhnen hindurch blickte sie sich misstrauisch um: Ihr Gewerbe bewegte sich am Rande der Legalität, wenn sich auch anscheinend niemand in der Stadt darum kümmerte.

Die Alte zuckte bedauernd die Achseln. »Is’ nicht, Kind. Is’ auch nicht leichter geworden, seit du die Sache bei Dromos abgelehnt hast.«

Alda vermittelte gegen Provision Interessenten an Baliante weiter. Der Sohn der Kräuterhändlerin sammelte die Ware für seine Mutter im unwegsamen Dschungel der...


Alexander Lohmann (*09.11.1968) ist ein deutscher Fantasyautor, Lektor und Übersetzer. Der gebürtige Münchner studierte Germanistik und Geschichte und machte eine Ausbildung zum mathematisch-technischen Assistenten, bevor er begann als Programmierer zu arbeiten. Seit 1999 hat er sich der Textarbeit verschrieben und lektoriert für die Verlagsgruppe Lübbe und den Sybex-Verlag. Er hat auch die Schlussredaktion für eine große Bandbreite bekannter Zeitschriften und Magazine übernommen. Er hat darüber hinaus zahlreiche Kurzgeschichten geschrieben und veröffentlicht, über ein Dutzend Romane übersetzt eigene Romane verfasst. Alexander Lohmann lebt mit seiner Lebensgefährtin, der Autorin Linda Budinger in Leichlingen.



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