Luck | Bamberger Seidla | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Horst Müller und Paulina Kowalska

Luck Bamberger Seidla

Franken Krimi
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96041-404-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Franken Krimi

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Reihe: Horst Müller und Paulina Kowalska

ISBN: 978-3-96041-404-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Hinter den Fassaden des Schlagergeschäfts erlebt Kommissar Müller so manche Überraschung. Nach der Probe für eine Schlager-Show in der Bamberger Brose-Arena wird der populäre Fernsehmoderator Fabian Goldstein erschlagen. Die Mordwaffe ist das 'Goldene Seidla', ein Pokal, mit dem er für sein Lebenswerk geehrt werden sollte. Kommissar Horst Müller ermittelt mit seiner Kollegin Paulina Kowalska in der glitzerndsten aller Musikszenen - von heiler Welt keine Spur!

Harry Luck, 1972 in Remscheid geboren, arbeitete nach einem Studium der Politikwissenschaften in München als Korrespondent und Redakteur für verschiedene Medien und leitete das Landesbüro einer Nachrichtenagentur. Seit 2012 ist er für Öffentlichkeitsarbeit im Erzbistum Bamberg verantwortlich. www.harryluck.de
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EINS

Ich konnte nicht mehr genau nachvollziehen, wie ich in diese brenzlige– um nicht zu sagen aussichtslose– Situation geraten war. Ich befand mich mit fünf weiteren Opfern in einem abgedunkelten Raum, ich war derjenige, der vom Ausgang am weitesten entfernt saß. Ein möglicher Fluchtweg war versperrt von einer Frau namens Natascha Scharrer, einer Mittvierzigerin, die hier die Rolle der Geiselnehmerin innehatte. Bewaffnet war sie mit einer Art Plastiksprengstoff und einem unwiderstehlichen Lächeln. Ich konnte von Glück reden, dass man mir nicht das Handy weggenommen hatte, und so nutzte ich den Moment, in dem alle gebannt an Frau Scharrers Lippen hingen. Klassisches Stockholm-Syndrom mitten in Bamberg. Aber nun konnte ich unbemerkt unter dem Tisch eine SMS an meine Kollegin, Kriminalmeisterin Paulina Kowalska, schicken.

»Die praktischen Wichtel sind wirklich jeden Cent wert«, sprach Frau Scharrer, und alle Anwesenden nickten ehrfürchtig. Sie erläuterte mit eindrucksvollen Gesten die Vorzüge der kleinen, spülmaschinenfesten Plastikbehälter mit aromadichtem Ploppverschluss, in denen man Kräuter, Kaffeesahne oder Herz-Kreislauf-Pillen aufbewahren konnte. Im konkreten Fall aber wurde demonstriert, dass man mit ihnen genau die richtigen Mengen für die Zubereitung eines köstlichen Mokka-Eierlikörs portionieren konnte. Jetzt fiel es mir wieder ein: Der Likör war es, womit meine Nachbarin, Frau Weimer, mich aus dem ersten Stock in ihre Wohnung gelockt hatte. Und dass irgendetwas jeden Cent wert war, hatte ich in den vergangenen dreißig Minuten mindestens ein Dutzend Mal gehört. Frau Scharrer bereitete damit wohl eine eklatante Lösegeldforderung vor.

Ich schaute möglichst unauffällig auf das Display meines alten Nokia 3310 und wartete auf das erlösende Signal. Wäre Frau Scharrer nicht Mitglied der fränkischen Plastikdosenmafia, sie könnte für ihr Alter durchaus attraktiv wirken. Rein optisch erinnerte sie mich mit ihrer blonden Mähne an eine frühere Nachrichtensprecherin, die als Anhängerin von Verschwörungstheorien zuerst vom Fernsehschirm und schließlich ganz von der Bildfläche verschwunden war. Frau Scharrers Fingernägel waren in der Farbe ihres Lippenstifts lackiert. Sie trug eine sehr gut sitzende Jeans, ein kurzärmeliges weißes Oberteil mit schwarzen Punkten, dessen tiefer Ausschnitt von einer locker hängenden hellblauen Schürze bedeckt wurde.

Die sogenannte Partymanagerin passte damit nicht in das Umfeld der geblümten Siebziger-Jahre-Tapeten, des schweren Mahagonischranks und der Polstermöbel, die als Kulissen für jeden Schwarz-Weiß-Film getaugt hätten. Frau Scharrer hob sich optisch auffallend ab von den übrigen Teilnehmerinnen, die alle jenseits der sechzig waren und gebannt auf die präsentierten Haushaltsprodukte schauten, von denen fraglos jedes jeden Cent wert war.

Eine der Damen war Frau Weimer. Sie war über siebzig und an diesem Sonntagabend die offizielle Gastgeberin, die den Service des Plastikherstellers in Anspruch genommen hatte, die Direktverkaufsparty von einer professionellen Fachkraft organisieren zu lassen. Als sie mich ganz stolz zu ihrer ersten »Dubberbahdi« mit Likörchenprobe eingeladen hatte, hatte ich nicht ablehnen können. Es war wohl auch ihre Art, Dankbarkeit dafür zu zeigen, dass ich regelmäßig für sie Einkäufe erledigte oder den Treppenreinigungsdienst übernahm, wenn sie an der Reihe war. Alle drei Monate bat sie mich zudem, eine aktualisierte Fassung der Einladungsliste für ihre Beerdigung auszudrucken. Die Aktualisierungen bestanden meist darin, dass inzwischen verstorbene Personen zu streichen waren, während Frau Weimer selbst sich trotz ihres Alters bis auf gelegentliche Blutdruckprobleme und einen chronisch überhöhten Cholesterinspiegel noch prächtiger Gesundheit erfreute. Ich erläuterte ihr immer wieder, dass neuen medizinischen Erkenntnissen zufolge Eier– und damit hoffentlich auch Eierlikör– sich nicht negativ auf den Cholesterinspiegel auswirkten.

Ich hatte nicht ahnen können, wie schrecklich langweilig es werden sollte. Denn eigentlich hatte ich mich schon auf einen gemütlichen ZDF-Fernsehabend mit meinen Lieblingen Fabian Goldstein und Tanja Bauer gefreut. Die Plastikdosenshow von Frau Scharrer war keine wirkliche Alternative zur gebührenfinanzierten Schlagerparade. Solange meine Tochter Andrea bei ihrer Mutter in Forchheim wohnte, hatte sie mich oft am Wochenende in Bamberg besucht. Doch seit diesem Semester war sie wegen ihres Studiums der Kommunikationswissenschaften in Bamberg und verbrachte die Wochenenden wohl lieber mit Kommilitonen auf irgendwelchen Partys. Sie lebte in einem Neunzehn-Quadratmeter-Appartement auf der Erba-Insel, das mehr Miete kostete als meine komplette Altbauwohnung am Markusplatz.

»Herr Müller«, sprach mich Frau Scharrer an, als hätte sie meine Gedanken erraten. »Kennen Sie eigentlich schon die Klima-Oase?«

»Die was?« Hatte die Wellnesslandschaft im Bambados einen neuen Namen? Oder sprach sie von der Obermain-Therme?

»Ich meine diese praktische Dose mit Rillen im Boden, ideal für Sie als Beamter für die Mittagspause. Sie können damit Obst, Gemüse oder fertig zubereitete Gerichte frisch halten und transportieren. Sie sind doch alleinstehend und haben niemanden, der für Sie Mittagessen kocht, oder?«

Es klang fast wie ein Vorwurf. Woher wusste sie das? Vermutlich hatte Frau Weimer über mein Privatleben geplaudert. Ich war tatsächlich seit über zehn Jahren geschieden. Und weil es in der Bamberger Polizeiinspektion keine Kantine gab, nahm ich meine Pausenbrote täglich in einer Plastikdose mit zur Arbeit, die ich mindestens so lange in Gebrauch hatte wie mein Nokia-Handy, dessen werksmäßig eingestellter Standardklingelton mich in diesem Moment davor bewahrte, eine Stellungnahme abgeben zu müssen.

»Sie entschuldigen«, sagte ich freundlich lächelnd, stand auf, zog das klingelnde Handy aus meiner Hosentasche und zeigte es mit ernster Miene in die Runde, um meine Worte zu unterstreichen: »Ich habe Bereitschaft.«

»Herr Müller ist Kommissar bei der Kripo«, hörte ich Frau Weimer ehrfürchtig flüstern.

»Mit einem Polizisten im Haus muss man keine Angst vor Einbrechern haben«, sagte eine Dame mit weißer Dauerwelle und Rüschenbluse neben ihr. »Es stand jetzt wieder in der Zeitung: Die dunkle Jahreszeit ist die Hauptsaison für Wohnungseinbrüche. Und gerade hier im Parterre lebt man ja wie auf dem Präsentierteller. Und die Tage werden ja schon wieder kürzer.«

»Kriminalhauptkommissar Müller, Kommissariat1«, meldete ich mich mit gewichtiger Stimme. Zuerst hörte ich nichts, ich rüttelte das Gerät mehrmals. Ein Wackelkontakt machte sich leider immer häufiger bemerkbar. Dann erklang die Stimme meiner Kollegin.

»Hallo, Horst, hier ist Paulina. Warum melden Sie sich so förmlich mit Dienstgrad und Abteilung? Was ist los?«

»Was ist die Todesursache?«, fragte ich. »Gibt es Zeugen?«

»Was? Wer ist tot?«, reagierte Paulina irritiert.

»Berühren Sie nichts!«, sagte ich bestimmt. »Verwischen Sie keine Spuren! Ist der Rechtsmediziner schon vor Ort?«

»Horst? Hallo? Alles klar bei Ihnen? Hier ist weit und breit kein Rechtsmediziner. Und auch keine Leiche.«

»Bleiben Sie ganz ruhig. Ich bin in fünfzehn Minuten bei Ihnen.«

»Ich bin ruhig, Horst, warum soll–« Weiter kam meine Kollegin nicht, denn ich drückte die rote Taste, steckte das Telefon wieder in meine Hosentasche, während ich ernst in die Runde blickte. »Es tut mir sehr leid, ich hätte gern noch mehr Zeit mit Ihnen verbracht. Aber die Pflicht ruft.« Ich seufzte tief, um mein Bedauern so glaubwürdig wie möglich wirken zu lassen.

Ich war schon an der Tür, als Frau Scharrer mich noch sanft am Arm fasste. »Nehmen Sie noch ein Fläschchen von diesem köstlichen Likör mit. Auch wenn Sie ihn im Dienst nicht trinken dürfen.«

»Sehr freundlich von Ihnen«, sagte ich, ergriff die Null-Komma-drei-Liter-Flasche und verabschiedete mich in die Runde. »Einen schönen Abend noch. Bis zum nächsten Mal.« In Gedanken fügte ich hinzu: aber sicher nicht in diesem Leben.

Ich verließ die Erdgeschosswohnung und fuhr mit meinem zwischen Asia-Imbiss und Vintageladen abgestellten Pedelec einmal um den Block für den Fall, dass mich jemand vom Fenster aus beobachtete. Dann stellte ich mein Rad ums Eck in der Kapuzinerstraße ab, schlich mich zurück und betrat das hundert Jahre alte Wohnhaus in der Hoffnung, dass die knarzenden Treppenstufen mich bei den Hörgeräteträgerinnen nicht verraten würden.

Als ich meine Wohnung im ersten Stock erreicht hatte, schloss ich leise die Tür hinter mir, ließ mich in meinen Fernsehsessel fallen, zückte mein Mobiltelefon und schüttelte es, bis es Empfang zeigte. Ich hatte es bislang strikt abgelehnt, mir eins von diesen modernen Smartphones anzuschaffen, obwohl für viele Kollegen Polizeiarbeit nur noch mit Hilfe von WhatsApp-Gruppen und ähnlichem Firlefanz denkbar war. Weil die neue BOS-Tetra-Technik beim Digitalfunk zu schmalspurig war, um Videos und Bilder zu versenden, griffen die meisten Beamten auf ihre privaten Handys zurück, wenn sie ein Tatortfoto oder ein Fahndungsbild versenden wollten. Nun allerdings stand die Umrüstung vieler Beamter auf iPhones von Apple bevor, auf denen ein polizeiinternes und angeblich abhörsicheres, vor allem aber der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung entsprechendes Nachrichtensystem installiert werden sollte. Doch jetzt schickte ich eine klassische SMS an Paulina: »ALLES OK. WAR EIN...


Harry Luck, 1972 in Remscheid geboren, arbeitete nach einem Studium der Politikwissenschaften in München als Korrespondent und Redakteur für verschiedene Medien und leitete das Landesbüro einer Nachrichtenagentur. Seit 2012 ist er für Öffentlichkeitsarbeit im Erzbistum Bamberg verantwortlich.
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