E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Luft Emmis Hoffen und Bangen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-41063-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-347-41063-3
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anna Maria Luft wurde am 31.03.1940 in dem oberfränkischen Waischenfeld geboren. Ihre Ausbildung zum Großhandelskaufmann erfolgte in Bamberg. Sie arbeitete nach ihrer Lehre als Buchhalterin in Nürnberg und Berlin. Sie heiratete und schenkte zwei Kindern das Leben. Schon in ihrer Jugendzeit fand sie Gefallen am Verfassen von Gedichten. Später entdeckte sie ihre Leidenschaft zu Romanen mit zeitgeschichtlichem Hintergrund. Sie hat bereits fünf Romane verfasst, die im Handel erhältlich sind.
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1
In dem fränkischen Ort Vierhofen, nahe der Porzellanstadt Selb im oberfränkischen Fichtelgebirge, wohnte Emmi Brunner mit ihren beiden Kindern, dem zwölfjährigen Armin und der dreijährigen Monika.
Emmis Mann, der Vater der beiden, war noch nicht aus dem Krieg zurückgekommen, obwohl man bereits das Jahr 1947 schrieb. Emmi erlebte jedoch immer wieder, dass einzelne Kriegsgefangene auch jetzt noch zurückkehrten. Das brachte ihr vorübergehend einen Funken Hoffnung, aber ihr Leben bestand weiterhin aus Bangen und großer Sorge um ihren Mann. Vor allem in den Nächten wurde sie wach und musste an ihn denken. Wo war er nur? Lebte er überhaupt noch? Keiner konnte ihr diese Frage beantworten. Wie oft hatte sie sich an das Rote Kreuz und an andere Institutionen gewandt, doch immer ergebnislos.
Auch die Kinder vermissten ihren Vater sehr. Emmi erzog sie in der Hoffnung, er würde wieder nach Hause zurückkehren. Oft nahm sie ihren Nachwuchs tröstend in die Arme und versuchte, ihnen Wärme und Geborgenheit zu geben. Wenn es an der Haustür klingelte, hofften sie alle drei, der Vater sei zu ihnen zurückgekehrt, aber ihre Enttäuschung war jedes Mal groß, weil er es nicht war.
Emmis Heimat war ursprünglich Berlin. Fünf Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sie als Neunzehnjährige Fridolin kennengelernt. Er war Porzellanmaler in einer Selber Manufaktur und hatte seinerzeit in der Berliner Zweigfirma einen vierwöchigen Malkurs belegt. Der großgewachsene junge Mann mit den pechschwarzen Haaren, den dunklen Augen mit dem freundlichen Blick, war durchaus nicht schüchtern. Als er am Kudamm das hübsche Mädchen Emmi mit den blonden langen Haaren vor einem Schaufenster entdeckte, sprach er sie an und lud sie gleich zum Kranzler, dem bekanntesten Berliner Café, ein. Erst überlegte sie, ob sie seine Einladung annehmen sollte. Doch dann sagte sie: „Danke, nett von Ihnen. Ich komme gerne mit.“
Bei Kaffee und Kuchen hatten sie sich einiges aus ihrem Leben zu erzählen. In den nächsten Tagen trafen sie sich täglich und verliebten sich ineinander. Eines Tages fragte er sie: „Emmi, willst du meine Frau werden und mit mir in meine fränkische Heimat ziehen?“
Er hatte nicht lange auf eine Antwort warten müssen. „Ja, das möchte ich gerne, deine Frau werden“, hauchte sie und ließ sich von Fridolin küssen. Aber gleich fiel ihr ein, dass sie noch nicht volljährig war und nicht selbst über ihr weiteres Leben entscheiden konnte. „Ich muss erst meine Eltern um Erlaubnis bitten. Ich bin noch keine 21 Jahre und darf noch nicht über mich selbst bestimmen“, hatte sie ihm erklärt. Er hatte genickt und gemeint, er würde um ihre Hand anhalten, und er hoffe, ihre Eltern würden ja sagen.
„Das hoffe ich auch“, hatte sie vernehmen lassen.
Nachdem Fridolin bei ihren Eltern seine Bitte vorgetragen hatte, waren sie über seine Frage so konsterniert, dass sie ihn ohne eine Antwort wieder wegschickten. Emmi hatte nun selbst versucht, mit ihnen zu reden.
Der Vater sagte: „Was fällt dir ein, Emmi. Du wirst diesen Mann nicht heiraten, verstanden? Wir haben das zu entscheiden, denn du bist noch nicht volljährig und viel zu jung für eine Ehe. Vielleicht würdest du eines Tages bereuen, ihn geheiratet zu haben. Was dann? Dann bist du weit weg von uns.“
„Wir lieben uns doch, Papa. Habt ihr euch nicht auch geliebt und geheiratet? Wie alt war damals Mama?“
„Spielt das jetzt eine Rolle?“
„Ja. Also, wie alt war Mama damals?“
„Sie war zwanzig.“
„Nur ein halbes Jahr älter als ich es jetzt bin. Ich werde in vier Monaten auch zwanzig.“
„Aber wir haben etwas gegen deinen Plan. Und jetzt bist du sofort still und erklärst deinem Liebhaber, dass nichts daraus wird.“
Emmi verzog das Gesicht. Sie atmete hastig aus und ein. Dann murmelte sie: „Ich werde ihn doch heiraten, meinen Fridolin.“
„Du kennst ihn ja nicht einmal genügend.“
„Doch, ich kenne ihn gut. Und ihr werdet mein Leben nicht zerstören. Ich bin alt genug, um zu wissen, was ich tun möchte.“
„Du zerstörst dir dein Leben selbst, wenn du heiratest und von Berlin fortziehst. Du hast dir das nicht genug überlegt. Lass dir damit doch Zeit. Emmi, der Sohn vom Rechtsanwalt Radke, der Bruno, hat schon lange ein Auge auf dich geworfen. Das wäre ein Mann für dich, ein sehr intelligenter, dir gleichgestellt. Er hat auch erst wie du das Abitur gemacht. Was ist mit deinen Vorstellungen, die du nach dem Abitur verwirklichen wolltest? Willst du deine Pläne verwerfen?“
Emmi verzog nur das Gesicht und antwortete nicht auf diese Frage. Stattdessen sagte sie: „Ein Angeber ist der Bruno. Er ist mir sehr unsympathisch. Ich will nichts mit ihm zu tun haben. Meinst du etwa, es kommt im Leben nur auf das Abitur an?“
„Nein, so habe ich es auch nicht gemeint. Wir müssen erst einmal mit Mama reden. Sie wird gleich da sein.“
Lisa, die Mutter, war in wenigen Minuten vom Einkaufen zurückgekommen. Als sie von ihrem Mann erfuhr, was die Tochter vorhabe, gab sie sich ebenso entsetzt wie er. Sie begann zu toben, was sich Emmi erlaube, gegen den Willen ihrer Eltern einen Mann zu heiraten, obwohl sie noch nicht einmal volljährig sei.
Emmi hatte den Kopf geschüttelt: „Und hast du nicht auch Papa geheiratet, weil du ihn geliebt hast?“
„Ich habe doch Zeit genug gehabt, mir das genau zu überlegen. Aber du konntest dir doch noch keine Gedanken über alles machen, weil euch die Zeit dazu gefehlt hat. Warum musst du unbedingt diesen Bayern heiraten und dein geliebtes Berlin verlassen?“
„Weil ich Fridolin mehr als meine Heimat liebe. Warum wollt ihr das nicht kapieren?“
Konsterniert über Emmis schnippische Art, rief sie: „Dieses Benehmen hast du also schon von diesem bayrischen Jüngling übernommen.“
Lange noch stritten die Eltern mit ihrer Tochter weiter, bis der Vater und die Mutter zu dem Schluss kamen, ihr Einverständnis zu dieser Ehe abzugeben. Der Vater sagte: „Emmi, du wirst das selbst ausbaden müssen, was du dir einbrockst, wenn du fortgehst und Fridolin heiratest. Versuche aber nicht, reumütig zurückzukehren.“
Diese Worte waren hart für Emmi. Dennoch zog sie eine Woche später mit Fridolin nach Vierhofen. Sie wollte mit diesem Mann für immer zusammen sein.
So ließen sie sich bald in dem kleinen Kirchlein in Vierhofen trauen.
Mit ihrem Schwiegervater Johannes verstand sich Emmi prächtig. Sie hatte das Gefühl, er war froh, dass sein Sohn eine Frau gefunden hatte, die ihn glücklich machen konnte. Die Mutter Fridolins war schon lange tot. Noch jung war sie bereits aus dem Leben gerissen worden. Die Krankheit Krebs nahm keine Rücksicht darauf, ob ein Mensch jung oder alt war.
Emmi stellte bald in ihrer neuen Heimat fest, dass sie nicht bereute, von daheim weggegangen zu sein, weil sie sehr glücklich war. Sie versuchte jedoch, mit ihren Eltern in Verbindung zu bleiben. Leicht war das nicht. Sie gaben nur selten eine Antwort auf die Zeilen ihrer Tochter. Dabei hielten sie ihre Gefühle vollkommen zurück.
Nach einem Jahr bekamen Emmi und Fridolin einen Sohn. Das schmiedete die beiden Eheleute noch fester zusammen. Auch dieses freudige Ereignis teilte Emmi ihren Eltern mit. Ihre Antwort darauf fiel kühl aus. So hatte Emmi das Empfinden, dass es sie nicht weiter berührte, jetzt einen Enkel zu haben.
Im Jahr 1940 war Fridolin zum Entsetzen seiner Frau und seines Vaters in den Krieg eingezogen worden. Traurigen Herzens hatte er Abschied von seiner Familie genommen. Seinen kleinen Sohn hatte er noch einmal zärtlich an seine Brust gedrückt, seine Frau leidenschaftlich geküsst. Seinen Vater, der ihm auf die Stirne ein Aschekreuz gezeichnet hatte, nahm er in die Arme und meinte, dass der Krieg sicher nicht lange dauern könne und er bald wieder daheim sein würde. „Gott behüte dich, mein Sohn“, flüsterte ihm der Vater zu. Emmi fing heftig an zu weinen. Schwiegervater Johannes versuchte sie zu trösten, aber es konnte ihm nicht gelingen, zumal er selbst Trauer in seinem Herzen trug. Beide winkten sie Fridolin nach, bis er ihren Blicken vollkommen entschwunden war.
Drei Jahre später, 1943, hatte Fridolin einen Heimaturlaub erhalten, da seine Kompanie verlegt werden musste. Sein Vater war bereits 1942 verstorben und konnte die vorübergehende Heimkehr seines Sohnes nicht mehr erleben.
Emmi hätte am liebsten Fridolin nicht mehr fortgehen lassen wollen, so sehr gewöhnte sie sich wieder an das Eheglück. In dieser Zeit wurde ein kleines Mädchen gezeugt, das 1944 geboren wurde. Sie ließen es auf den Namen Monika taufen. Auch dieses Ereignis schrieb die Tochter ihren Eltern. Darauf bekam Emmi nicht einmal eine Antwort. Darüber wurde sie tieftraurig.
Anfang 1945 schickte Cousine Margarete aus Berlin an Emmi eine sehr schmerzhafte...




