E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Lunel Amma
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-26360-7
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Frau, die das Leben umarmt
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-641-26360-7
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pierre Lunel, geboren 1947 in Perpignan, ist Rechtshistoriker und Essayist. Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze und Bücher, meist zu religiösen und historischen Themen. Er begegnete Amma zum ersten Mal als junger Mann und ist bis heute tief berührt von dieser außergewöhnlichen Frau.
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Ich lebe … für wen? Für was?
Die Natur erschafft die Dinge, ohne sich zu beeilen, und trotzdem ist alles vollkommen.
LAOTSE
Ich lebe schon ziemlich lange und bin mir nicht sicher, ob ich weiß, wozu mein Leben gut war … Wer bin ich? Ein Mensch mit widersprüchlichen Gefühlen. Einen Tag bin ich gut, den anderen kann ich recht eklig sein. Diese ewigen Selbstbefragungen, diese Zweifel hätten mich zum Pessimisten machen können, aber das Gegenteil war der Fall: Ich habe beschlossen, das Glas als halb voll zu betrachten und nicht als halb leer. Ich habe beschlossen, diese Sicht auf die Menschheit zu übertragen, und mich dem Studium des Optimismus verschrieben. Das hat mir gezeigt, dass es häufig einfacher ist, schlecht zu sein als gut. Güte ist nicht einfach zu verwirklichen. Sie erfordert intensive Arbeit an sich selbst. Es ist viel einfacher, sich vom Neid bestimmen zu lassen, von der Eifersucht, vom Egoismus und vom Hass. Diese Regungen verlangen uns keine besondere Anstrengung ab. Doch wenn wir Frieden und Brüderlichkeit leben wollen, so ist schlicht Anstrengung vonnöten. Der Großteil von uns Menschen schafft dies nicht aus eigener Kraft, etwa durch Willensanstrengung oder Disziplin. Wie der Apostel Thomas, der erst seinen Finger in die Seitenwunde Jesu legen musste, um an dessen Auferstehung zu glauben, so brauchen auch wir Beispiele, die uns anrühren. Wir alle sind solch ungläubige Thomasse, nicht unbedingt böse, aber auch nicht gerade mutig. Wir warten darauf, dass uns jemand den Weg zeigt, denn von selbst sehen wir ihn nicht. Ich bin ein armer Pilger, der einen Leitstern braucht, um aufzubrechen. Ein einfacher Pilger voller Zweifel, der zwischen Scylla und Charybdis schwankt. Ein Sünder im Angesicht des Ewigen. Jedes Leben ist eine Pilgerreise. Meine besteht darin, Menschen zu suchen, die leuchtende Vorbilder sind. Sie haben mich in meinen schlimmsten Augenblicken gerettet, als der »teuflische Anteil« in mir die Nasenspitze heraussteckte. Ich schäme mich dessen nicht, denn jeder trägt sein Stückchen Finsternis in sich. Des einen Herz hängt zu sehr am Geld, das des anderen an der Macht. Bei mir war es der eitle Ruhm. Das Bedürfnis nach Anerkennung. Bewunderung. Ich wollte gefeiert werden. Ganz sicher wäre ich gern berühmt gewesen. Dabei hätte ich mich sogar mit einer C-Prominenz zufriedengegeben. Mit der untersten Kategorie. Dieser »teuflische Anteil« redet uns häufig ein, dass wir einen anderen Weg einschlagen, unsere Chancen besser nutzen müssen. Heute betrachte ich diese meine Vergangenheit mit Humor und ohne Verbitterung. Diese wunderbaren Menschen, die ich in den letzten dreißig Jahren kennenlernen durfte, haben mich vor allerlei Dummheiten bewahrt. Danke, mein Gott!
Der erste meiner großen Helden war Abbé Pierre. Seit dem Tag seiner Beisetzung auf dem kleinen Friedhof von Esteville in der Normandie denke ich daran, wie er mich gerettet hat. Wovor? Ich weiß es nicht. Er trat im Jahr 1989 in mein Leben, mitten in den Vorbereitungen zur Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution. Mit der Ausrichtung war Edgar Faure beauftragt worden, und ich war sein Assistent. Ich war damals zweiundvierzig Jahre alt und von einem völlig unsinnigen Stolz besessen, von der Illusion, an der Seite der Großen nicht klein zu wirken. Abbé Pierre kam in unser Büro in der Rue de Talleyrand im 7. Arrondissement von Paris. Edgar hielt eine Rede, der Abbé antwortete – vielmehr murmelte – ein paar Worte mit geschlossenen Augen. Und damit war auch schon alles vorüber. Ich begleitete ihn hinaus zum Aufzug. Dort begegnete mir sein Blick, der Blick eines Jugendlichen – was bei einem alten Mann überraschend wirkt. Ich spürte, wie sich in mir etwas öffnete. Das war mir keineswegs neu. Dieser Blick ließ etwas in mir aufsteigen, was ich schon kannte aus meinen Meditationen über das Vaterunser oder die Seligpreisungen, bei denen ich versuchte, zur Natur der Barmherzigkeit und der Güte vorzudringen. Mit diesem einzigen Blick, den er auf mich richtete, eröffnete Abbé Pierre mir unendliche Weiten. Dieser Blick wurde für mich zum Leitstern. Auf jeden Fall erhellte er mir den Weg. Meinen Weg.
Dieser Blick, der fortan nun mein Leitstern war, hat mich über zwanzig Jahre lang begleitet. Zwanzig Jahre voller Emotionen, voller Freude und gespickt mit gelegentlich aufblitzenden Momenten der Erkenntnis, die mir einen Blick auf das Wesentliche erlaubten. Auf Gott vielleicht? Zwanzig Jahre an der Seite dieses Mannes, die mir zu sehen und zu fühlen ermöglichten, was es mit dieser Liebe auf sich hat, von der in den Evangelien die Rede ist. Eine Liebe, die uns hinausträgt über unser Selbst, die sich jenen zuwendet, die nichts haben, den Armen, die niemand sieht, einfach weil niemand sie sehen will. Ohne Zweifel habe ich nicht alles verstanden, aber zumindest habe ich gelernt, die Armen anzublicken, mich nicht von ihnen abzuwenden, keine Angst vor ihnen zu haben. Abbé Pierre selbst ging allerdings viel weiter: Er liebte sie. Auf eher schwerfällige Art habe ich versucht, diese Liebe in Bücher zu übersetzen. Ich habe mich auf ihre Beschreibung beschränkt, weil mein Verständnis nicht wirklich zu ihren tieferen Gründen hinabreichte. Fünf Bücher später fand ich mich immer noch unfähig, ihre Natur zu begreifen. Vermutlich weil sie dem Reich des Unsagbaren angehört … Ich habe heute noch das Gefühl, mich diesem Mysterium nur vage angenähert zu haben. Und doch hat mich sein Feuer verbrannt. Es hat mich ganz verzehrt. Diese zwanzig Jahre der Zweisamkeit von Herz und Kopf haben mich verwandelt. Wann immer die Melancholie und die Entmutigung von mir Besitz ergreifen, kommt mir ein Erlebnis mit diesem großen Mann in den Sinn und trägt mich über die negativen Gedanken hinweg!
Ein Beispiel: Eines Tages fuhr ich im Zug nach Yvetot zur normannischen Abtei Saint-Wandrille, in der Abbé Pierre Unterschlupf bei den Benediktinermönchen gefunden hatte. Die, wie er sagte, ihn in seinem Alter gnädig aufgenommen hätten … Ich war kaum angekommen, als er mich wie aus der Pistole geschossen fragte, ob mir im Zug ein Mann begegnet war, den er mir eingehend beschrieb. Und tatsächlich hatte dieser Mann vor mir gesessen. Er hatte zutiefst niedergeschlagen gewirkt. Kaum hatte ich diesen Satz geäußert, war Abbé Pierre auch schon fort. Ich sah ihn erst drei Stunden später wieder. Er war gut zehnmal durch das Dorf marschiert, um den Mann zu finden. Der Mann war ein Verzweifelter, um den der Abbé sich kümmerte …
So war Abbé Pierre: Wenn ein Unglücklicher ihn brauchte, zählte nichts sonst. »Kümmere dich zuerst um den, der am meisten leidet«, sagte er häufig. Als Abbé Pierre starb, hatte ich das Gefühl, einen lieben Großvater zu verlieren. Ich kam mir vor wie eine Waise.
Der Zufall war es, und vielleicht noch die Sehnsucht nach dieser innigen Liebe, die mich zu einer gewissen Schwester Emmanuelle führte. Die Dame, die dort auf der Fernsehbühne so eloquent scherzte, machte im realen Leben keine Witze. Das habe ich auf die harte Tour erfahren, als sie mich an meinem allerersten Tag in Kairo mit in die Elendsviertel nahm. Ich wollte ja wissen, was ihr Leben ausmacht. Sie nahm mich an der Hand und führte mich hinkend durch eine Reihe von Behausungen der Ärmsten der Armen. Die Sonne brannte heiß auf uns herab, der Müll stank zum Himmel. Man bot uns einen Sitzplatz an und eine Mahlzeit. Ich hatte eine Todesangst, mich zu vergiften, daher zögerte ich.
»Hast du keinen Hunger?«, wollte Schwester Emmanuelle wissen. »Ähm«, stotterte ich vor mich hin, »das liegt an der Müdigkeit … die Sonne … die Strapazen der Reise. Nein, ich habe keinen Hunger!« – »Jetzt hör mal zu«, sagte sie zu mir. »Ich glaube, du solltest umkehren und wieder nach Hause fliegen. Wenn du nicht essen kannst, was diese Leute essen, dann machst du am besten gleich einen Abgang!«
Da hatte ich meinen Teller Nudeln schnell geleert. Was die Liebe zu den Armen angeht, verstand Schwester Emmanuelle keinen Spaß. Für sie hieß das, mit ihnen zu leben, zu essen und in ihren armseligen Hütten zu schlafen. Genau wie sie. Daran musste ich mich gewöhnen. Ich bin sechs Monate lang geblieben. Arm unter Armen, das war ihre Bedingung, um über sie schreiben zu dürfen. Ansonsten war man in ihren Augen ein Clown. Schwester Emmanuelle war zu ihnen gekommen, als sie schon über siebzig war und man sie anflehte, in Rente zu gehen. Sie kam auf einem Eselskarren, auf dem ihr Bett, ein paar Bücher und andere Sachen lagen. Ihre Vitalität und ihre Lebensfreude waren so ansteckend, dass ich in ihrer Gegenwart auf allen Komfort verzichten konnte. Ja ich verlor sogar meine Ängste. Und ich konnte auf die lodernde Liebe dieser alten Dame nicht mehr verzichten, die mich ein wenig an die Heldin im Film »Harold und Maude« erinnerte. Ich war süchtig nach Emmanuelle. Ich habe sie begleitet bis zum Ende. Mit nahezu hundert Jahren setzte sie sich in Südfrankreich für die Obdachlosen ein. Ich war durchdrungen von ihren Vertraulichkeiten, ihren Geschichten, ihren Geheimnissen. Und ich erinnere mich noch gut an eines meiner letzten Gespräche mit ihr. Sie saß auf einem Mäuerchen in ihrem Altenheim in Callian und ließ die Beine baumeln wie eine Dreizehnjährige. Ich stellte ihr eine Frage, und sie antwortete: »Das, mein Lieber, werde ich dir nicht verraten! Das soll in einem Buch erscheinen, das nach meinem Tod veröffentlicht wird. Und es soll ›Bekenntnisse einer Nonne‹ heißen. Tut mir leid, mein Lieber!« Dieses Buch hat sie mithilfe ihres Beichtvaters geschrieben und damit in gewissen Kreisen der christlichen Kirche einen Skandal ausgelöst. Diese verflixte Emmanuelle! An so manchen Tagen, an denen mich die Stimmung niederdrückt, höre ich...




