E-Book, Deutsch, 592 Seiten
Macgregor Solange unsere Herzen schlagen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-19431-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 592 Seiten
ISBN: 978-3-641-19431-4
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Virginia Macgregor ist in Deutschland, Frankreich und England aufgewachsen, erzogen von einer Mutter, die nie müde wurde, Geschichten zu erzählen. Sobald Virginia alt genug war, selbst einen Stift zu halten, begann sie mit dem Schreiben, oft bis tief in die Nacht hinein – oder in der Schule, versteckt hinter dem Mathebuch. Virginia wurde benannt nach zwei großen Frauen, Virginia Wade und Virginia Woolf – in der Hoffnung, sie würde entweder Schriftstellerin oder ein Tennisstar werden. Nach ihrem Studium in Oxford begann sie, neben ihrem Beruf als Englischdozentin und Hauslehrerin, regelmäßig zu schreiben. Die Autorin lebt mittlerweile mit ihrem Ehemann und ihren zwei Töchtern in New Hampshire, USA.
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Willa
Die Tasche von Willas Schuluniformrock summt. Sie legt ihre Blockflöte aus der Hand, zieht das Handy heraus und liest den Text auf dem Display:
Ruf mich an. Es ist dringend. Kuss, Ella
Ella hat Willa das Handy zu Weihnachten geschenkt. Ein gebrauchtes, das sie bei Ebay gekauft hat. Auf die Art können wir immer Kontakt halten, hatte Ella ihr erklärt.
Handys sind in der Schule verboten, deswegen sind die Kinder mittlerweile Meister darin, sie zu verstecken. Wenn Willa Ella zurückrufen will, muss sie auf die Toilette gehen.
Sie meldet sich und ruft: »Entschuldigung, Mr. Mann?«
Das Klassenzimmer ist erfüllt von den grellen, hohen Tönen der Blockflöten, deswegen dauert es einen Moment, bis Mr. Mann Notiz von ihr nimmt.
»Was ist denn, Willa?«, ruft Mr. Mann über den Lärm hinweg. Wenn er die Stimme hebt, ist sie genauso hoch und quietschig wie die Flötentöne.
Willa steht auf. »Kann ich bitte aufs Klo?«
»Auf die Toilette, Willa.« Mr. Mann hält sehr auf eine korrekte Ausdrucksweise.
»Auf die Toilette.«
»Es ist doch sowieso gleich Schulschluss, kannst du es nicht noch so lange aushalten?«
»Ich muss wirklich.« Willa fasst sich in den Schritt.
Mr. Mann runzelt die Stirn und deutet mit einem kurzen Nicken zur Tür, was Willa als Zeichen auffasst, dass sie hinausgehen darf.
*
Willa setzt sich auf die Kloschüssel, sucht Ellas Nummer heraus und drückt auf die grüne Taste.
Ella meldet sich sofort. »Du musst unbedingt was für mich tun, Willa.«
Der Ton von Ellas Stimme gefällt Willa gar nicht: Er klingt hart und abgehackt, wie wenn sie mit Mummy redet.
»Okay.«
»Ich kann dich heute nicht von der Schule abholen.«
Willa nimmt eine Strähne ihres Bobs, die ein bisschen länger ist als die anderen, und steckt sie in den Mund.
»Hast du gehört, was ich gesagt habe, Willa?«
Einen Augenblick kaut Willa auf ihren Haaren herum, dann nimmt sie sie aus dem Mund. »Und wer holt mich dann?«
»Niemand.«
»Ich soll allein nach Hause gehen?« Das hat Willa noch nie gemacht.
Die Kloschüssel ist kalt unter Willas Hintern. Sie lässt ein bisschen Pipi herauströpfeln und hofft, dass Ella es nicht hört, denn es ist irgendwie eklig, wenn man jemand beim Pinkeln zuhört, während man mit ihm telefoniert.
»Fay kommt.«
Ella nennt Mummy immer Fay, das macht man eben so, wenn man älter ist und cool klingen will. Willa glaubt nicht, dass sie Mummy jemals anders nennen möchte als Mummy, auch wenn sie irgendwann mal so groß ist wie Ella.
»Aber die kommt bestimmt spät«, fährt Ella fort. »Und sie kommt wahrscheinlich noch mit jemand anders.«
»Mit der Niemand-Frau?«
»Mit wem?«
»Mit der Frau, die wir heute Morgen gesehen haben. Die, die vor unserer Haustür gestanden hat.« Willa hat den ganzen Tag über die Niemand-Frau nachgedacht. Sie hat sogar Louis nach ihr gefragt, aber der ist heute nicht besonders gesprächig. Die Misses Pegg haben Willa das Gedankenlesen beigebracht. Sie meinten, für Kinder und Tiere sei es einfacher, weil sie der Geisterwelt noch näher stünden. Doch Louis passt nicht immer auf, wenn sie versucht, gedanklich Kontakt mit ihm aufzunehmen.
Willa hat darüber nachgedacht, dass die Frau genauso aussieht wie Tante Norah auf den Fotos, die in Ellas Zimmer an der Wand hängen. Und wenn sie wirklich Tante Norah ist, dann ist sie definitiv nicht Niemand. Sie hat mit Ella und Daddy zusammengewohnt, bevor Willa zur Welt kam, und Ella liebt sie mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt. Außer Willa. Ella sagt immer, Willa liebt sie am meisten.
»Genau, die Niemand-Frau. Aber jetzt musst du dich auf das konzentrieren, was ich dir sage, Willa. Hör zu.«
Das sagen immer alle zu ihr. Konzentrier dich, Willa. Hör zu, Willa. Nicht träumen, Willa.
Willa reißt ein bisschen Klopapier ab und fragt sich, warum es so hart und steif ist. Es ähnelt eher dem Papier, das sie in Kunsterziehung benutzen als dem weichen, mehrlagigen, blumenduftenden, das Mummy immer kauft.
»Willa?«
»Ja, ich höre zu.«
»Wenn die Schule aus ist, möchte ich, dass du vor dem Schultor wartest – und dass du da bleibst, auch wenn es ewig dauert, bis Fay dich abholt.«
»Wie lang ist ewig?« Eigentlich wollte Willa früh zu Hause sein, um nach Mrs. Fox zu sehen. Sie kriegt bald Junge, deswegen muss Willa ihr das Lager unter dem Stachelbeerstrauch herrichten.
Ella beantwortet Willas Frage nicht. Stattdessen sagt sie: »Und wenn Mr. Mann sich wundert, wo Fay bleibt, musst du richtig Krach schlagen.«
Ella versucht ständig, Mummy in Schwierigkeiten zu bringen.
Willa hat schon mal versucht, eine Erklärung von Ella zu bekommen, warum sie Mummy nicht mag, aber Ella will es ihr nicht sagen. Willa kann gar nicht verstehen, wie irgendjemand Mummy nicht liebhaben kann. Mummy ist der warmherzigste, netteste, rücksichtsvollste Mensch überhaupt, und wenn sie mal groß wird, will sie genauso sein wie sie.
»Aber Mr. Mann weiß doch, dass du mich immer von der Schule abholst«, sagt Willa.
»Na ja, dann sag ihm, dass ich was anderes zu tun habe und deswegen Fay kommt.«
»Und die Niemand-Frau?«
»Genau.« Ella schweigt kurz. »Also, hast du das jetzt verstanden, Willa? Du musst richtig Krach schlagen. Die Niemand-Frau soll ein schlechtes Gewissen kriegen.«
»Warum soll die Niemand-Frau denn ein schlechtes Gewissen kriegen?«
»Das wird sie an etwas erinnern.«
»Das versteh ich nicht.«
Ella seufzt ins Handy. »Stell einfach die Tränen an, okay? Ich erklär’s dir dann später.«
Wenn die Leute sagen, dass sie es später erklären werden, tun sie das normalerweise, weil sie einem die Frage überhaupt nicht beantworten wollen und hoffen, dass man es später vergessen hat.
»Aber das kann ich nicht.« Willa konnte noch nie weinen.
»Tu einfach so. Wie letzte Weihnachten, als du Annie gespielt hast.«
Aber auf der Bühne zu stehen und Annie zu spielen ist nicht dasselbe wie Willa sein und vor dem Schultor stehen, und vor Mummy und Mr. Mann und der Niemand-Frau. Willa konnte auch überhaupt nicht gut schauspielern. Man hatte sie nur ausgesucht, weil sie rotes Haar und Sommersprossen hatte und weil sie wollten, dass sie Louis mitbrachte, damit er die Rolle von Sandy spielte, Annies Hund.
»Du kannst Fay anrufen, aber du musst noch ein bisschen warten, damit sie wirklich zu spät kommt. Und wenn sie dann kommt«, sagt Ella, »dann möchte ich, dass du beleidigt bist.«
Beleidigtsein kann Willa auch nicht gut.
»Willa?«
»Ich versuch’s.«
»Streng dich an. Es ist wichtig.«
»Warum bist du so gemein?«
»Bin ich ja gar nicht. Aber es ist wichtig, dass du das tust. Für mich.«
Willa will nicht in den Kopf, wie das alles Ella irgendwie helfen könnte.
»Aber warum kannst du mich denn nicht abholen?«
Jetzt läutet es, die Schule ist aus. Das Klingeln hallt von den Kachelwänden der Toilette wider. Mr. Mann wird sich wundern, warum Willa so lange braucht. Mr. Mann weiß, dass Willa manchmal daran erinnert werden muss, wo sie sein und was sie tun soll.
»Ich gehe aus«, sagt Ella.
»Wohin aus?«
»Nirgendwohin.«
Wenn Ella nirgendwohin gehen würde, dann würde sie nicht diesen ganzen Aufstand veranstalten. Außerdem weiß Willa sowieso, wo Ella hinwill. Sie will zu Sai, was Daddy ihr ausdrücklich verboten hat.
Willa hört das Quietschen von Mr. Manns glänzenden schwarzen Schuhen auf dem Flur. Er darf nicht in die Damentoilette kommen, weil er ein Mann ist. Genauso wie er rausgehen muss, wenn sie sich zum Sport umziehen.
»Willa? Bist du da drin?«, ruft er.
»Ich muss aufhören, Ella«, flüstert Willa.
»Mit wem redet du da?«, fragt Mr. Mann.
»Mit niemand.« Willa steckt ihr Handy ein, spült und kommt heraus.
»Was hast du denn die ganze Zeit gemacht?«
Willa findet die Frage ein bisschen unhöflich. Sie ist auf dem Klo – es ist ja wohl offensichtlich, was sie gemacht hat.
»Nichts. Ich hab die Zeit vergessen.«
»Willa Wells – mal wieder ins Land der Träume entschwunden.« Mr. Mann schüttelt den Kopf, muss aber auch lächeln. »Na, den Rest der Musikstunde hast du jedenfalls verpasst. Komm und räum deine Flöte weg.«
Willa folgt Mr. Manns quietschenden Schuhen zurück ins Klassenzimmer.
Ella
@mumfinden
Schlimmster Tag überhaupt. #hoffnungsloserfall
Ella nimmt den Bus zum Recyclinghof.
Sowie sie ihr Telefonat mit Willa beendet hat, schreibt sie eine SMS an Dad. Ruf mich an. Es ist dringend. Ella. Aber er hat nicht reagiert. Sie muss ihm sagen, was mit Mum passiert ist, und dafür sorgen, dass er sie wegschickt, bevor Fay vom Dienst heimkommt – und bevor Willa von der Schule kommt. Bis jetzt hat sie Fays Familienkonferenzen immer gehasst, weil es sich dabei meistens darum drehte, dass Ella etwas falsch gemacht hatte. Sie hat einmal vorgeschlagen, die Sitzungen in Ella-Zurechtstutz-Konferenz umzubenennen. Das fand niemand komisch. Aber jetzt hätte sie gerne so eine, nur sie vier – Dad, Fay, Ella und Willa (und Louis, der ist auch bei jeder Sitzung dabei) –, eine Konferenz mit nur einem Punkt auf der Tagesordnung, wie Fay es nennt: Mum wieder dorthin zurückschicken, wo...




