Manguel / Geisel | Ein geträumtes Leben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Kampa Salon

Manguel / Geisel Ein geträumtes Leben

Ein Gespräch mit Sieglinde Geisel
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-311-70279-5
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Gespräch mit Sieglinde Geisel

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Kampa Salon

ISBN: 978-3-311-70279-5
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Man hat ihn »König der Leser« genannt, »Don Juan der Bibliotheken«, »Monsieur Lecture«. Mit vier Jahren »entdeckte« Alberto Manguel, dass er lesen konnte, als Sechzehnjähriger war er Vorleser des erblindenden Dichters Jorge Luis Borges, von 2016 bis 2018 Direktor der argentinischen Nationalbibliothek. Mit seinem Bestseller Geschichte des Lesens, in 35 Sprachen erschienen, wurde er weltberühmt. Als Sieglinde Geisel ihn fragt, wer er sei, antwortet Manguel: »Ich bin ein Leser.« Abgesehen davon sei seine Identität fluide: als gebürtiger Argentinier, der unter anderem in Israel, Tahiti und New York gelebt hat und heute die kanadische Staatsbürgerschaft besitzt; als dreifacher Vater, der sich eines Tages in einen Mann verliebte; als Jude, aufgezogen von einer deutsch-tschechischen Nanny, die ihm die deutsche Kultur und Literatur nahebrachte. Wie in seinen Büchern schöpft Manguel auch im Gespräch auf charmante und inspirierende Weise aus seinem unermesslichen Wissen, erzählt vom Umzug seiner rund 40 000 Bände umfassenden Privatbibliothek, von seinem Schlaganfall, nach dem er wieder neu sprechen lernen musste, von seiner Liebe zu Dante und seinem Hobby, dem Puppenmachen. Und er verrät, wie es dazu kam, dass jedes seiner Kinder während der Frankfurter Buchmesse geboren wurde.

Alberto Manguel, 1948 in Buenos Aires geboren, verbrachte seine frühe Kindheit in Israel, wo sein Vater Botschafter war. Von seinem Kindermädchen Ellin lernte er Englisch, noch bevor er seine »Muttersprache« Spanisch beherrschte. In einer Buchhandlung, in der er als Teenager jobbte, begegnete Manguel Jorge Luis Borges, dessen Freund und Vorleser er wurde. Sein Studium der Literaturwissenschaft in Paris brach Manguel nach nur einem Jahr ab und arbeitete von da an den unterschiedlichsten Orten als Lektor, Kritiker, Schriftsteller und Bibliothekar. Er veröffentlichte mehr als fünfzig Bücher: Essays und Sachbücher über das Lesen und die Literatur, Romane, Theaterstücke und Anthologien. Kürzlich zog er mit seinem Partner, dem Psychoanalytiker Craig Stevenson, nach Lissabon um, wo seine Privatbibliothek in einem Palast in der Altstadt eine neue Heimat findet und ein Studienzentrum für die Geschichte des Lesens entstehen soll.
Manguel / Geisel Ein geträumtes Leben jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Eine Kindheit mit Ellin


Stand Literatur immer im Zentrum Ihres Lebens?

Oh ja, das begann schon in meiner Kindheit. Die Umstände waren sehr ungewöhnlich, allerdings war mir das als Kind nicht bewusst. Ich wuchs nicht bei meinen Eltern auf, sondern mit meiner Kinderfrau Ellin. Ich war der Älteste und wuchs getrennt von meinen Brüdern auf, also war ich gewissermaßen ein Einzelkind.

Es gab keine anderen Kinder in Ihrer Umgebung?

Nein, ich hatte keinen Kontakt zu anderen Kindern. Ich weiß nicht, warum man mich nicht mit anderen zum Spielen zusammenbrachte.

Wie war Ellin?

Mein erster Essay in handelt von ihr. Der Titel ist deutsch: »Selbstgefühl«. Ich hatte das Wort bei Christa Wolf gefunden, es berührte mich. Es gibt eine komplizierte und wunderbare Vorstellung wieder, die das ausdrückt, was ich über Ellin sagen möchte. Auch in schwierigen Umständen bewahrte sie sich diesen Sinn ihrer selbst, der es ihr ermöglichte, diese wunderbare Mischung aus Elternteil und Lehrerin für mich zu sein.

Wer war sie?

Ellin stammte aus einer tschechisch-deutschen jüdischen Familie. Sie lebten in Stuttgart, und als die Nazis an die Macht kamen, blieben sie noch eine Weile dort, bevor sie fliehen konnten. Der Vater war Ingenieur, nebst der Mutter gab es noch einen Bruder und eine ältere Schwester. Ellins Bruder schloss sich dem Widerstand in England an, und die Eltern gingen mit den beiden Mädchen nach Südamerika. Als sie in Paraguay ankamen, wehten überall Hakenkreuzfahnen, denn der damalige Präsident von Paraguay, Higinio Morínigo, war ein Nazi-Sympathisant. Der Vater beging Selbstmord, und die Mutter starb kurz darauf ebenfalls. Ellins Schwester heiratete einen Engländer, der in Buenos Aires lebte, und sie riet Ellin, ebenfalls nach Buenos Aires zu kommen und sich dort eine Arbeit zu suchen.

Mein Vater war Jude, und 1948 wurde er zum Botschafter Argentiniens in Israel ernannt, da war ich gerade geboren. Er gab eine Anzeige für eine Kinderfrau auf, und Ellin meldete sich. Laut einer Anekdote, die man sich in meiner Familie erzählt, schrie ich bei ihrem Vorstellungsgespräch ununterbrochen, ich war drei Monate alt und litt unter Asthma. Ellin sagte: »Ich kann diese Stelle nicht annehmen.« Doch mein Vater hatte bereits ihren Pass an sich genommen und sagte: »Ich gebe Ihnen Ihren Pass nur zurück unter der Bedingung, dass Sie mit uns nach Israel kommen.« Und so wurde Ellin meine Kinderfrau. Ich lebte mit ihr zusammen, bis ich etwa acht Jahre alt war.

Ellin war tief verbunden mit »deutsche Kultur« (im Original deutsch). Sie war nicht religiös, doch wenn sie einen Glauben hatte, dann war es der Glaube an »Kultur«. In den Vereinigten Staaten gibt es eine grundsätzliche amerikanische Anständigkeit, eine Tradition der Demokratie, eine Kultur, die Trump nach Kräften zu zerstören versucht hat – und so verhielt es sich auch mit Deutschland: Auch Hitler tat alles, um diese »Kultur« zu zerstören, und doch hat sie überlebt.

Was meinen Sie mit »deutsche Kultur«?

Für Ellin verstand es sich von selbst, dass ein Kind Geographie, Geschichte, Mathematik lernt, dass es die großen Werke der Weltliteratur auswendig kennt. Darüber hinaus hat sie mir auch Fertigkeiten wie Nähen und Kochen beigebracht. Diese Idee von »Kultur« gehörte für sie zu einem normalen Leben. Sie erzählte mir von ihrer Familie in Stuttgart, dass sie jeden Samstag ins Theater gingen. Davor saßen sie am Tisch, lasen das Stück und diskutierten darüber, dann gingen sie ins Theater und schauten es sich an. Das hat mich fasziniert, denn ich hatte ja kein Familienleben.

Wie ist Ellin mit Ihnen umgegangen?

Sie behandelte mich wie einen Erwachsenen, mit allem Respekt und aller Ermutigung meiner Intelligenz, die man einem Erwachsenen gegenüber zeigen würde. Sie hatte keinen Begriff davon, dass Kinder keine Erwachsenen sind. Wir lasen Teile aus und aus , ich lernte Gedichte von Goethe auswendig oder von Heine: »Es waren zwei Grenadiere, sie waren in Russland gefangen« – ich kann es immer noch rezitieren. Für sie war das alles selbstverständlich.

Sie entdeckten mit vier Jahren, dass Sie lesen konnten. Wie kam es dazu?

Es geschah einfach. Wenn Ellin mir vorlas, schaute ich ihr dabei über die Schulter. Sie las mir auf Deutsch und Englisch vor, und die deutschen Texte waren in Frakturschrift gedruckt. Ich folgte einfach den jeweiligen Buchstaben und las Frakturschrift so leicht wie lateinische Buchstaben. Der Klang war der gleiche, aber die Zeichen waren verschieden, für mich war es selbstverständlich, dass »Katze« in Frakturschrift nicht gleich geschrieben wird wie »Katze« in lateinischen Buchstaben. Diese Wahrnehmungen haben dazu beigetragen, dass es mir leichtfiel, von einer Sprache in die andere zu wechseln. Wenn »Katze« in lateinischen Buchstaben das Gleiche darstellt wie »Katze« in Frakturschrift, dann ist beides das Gleiche wie »cat«, dann »gato« und später »chat«. Mein Gehirn hat mich für diese Übergänge vorbereitet. Kindern, die vor dem Alter von sechs Jahren bereits eine zweite Sprache lernen, fällt es leichter, andere Sprachen zu lernen, das ist physiologisch erwiesen. Ihr Gehirn ist nicht nur auf einen einzigen sprachlichen Pfad eingestellt; wenn bereits zwei Pfade vorhanden sind, kann sich jeder dieser Pfade weiterverzweigen, und so hat man unendliche Möglichkeiten.

Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie erkannten, dass Sie lesen können?

Daran erinnere ich mich genau. Wir saßen im Auto und fuhren durch Tel Aviv. Draußen sah ich ein Werbeplakat, es war nicht hebräisch, sondern englisch, denn in Tel Aviv gab es viele englische Plakate – und auf einmal wusste ich, was die Buchstaben auf dem Plakat bedeuteten. Ich konnte lesen! Es war wie bei diesen Tests mit einer Silhouette, in der man auf einmal ein Gesicht erkennt. Auf einmal hatte es klick gemacht. Ein magischer Moment: Auf einmal ich, was die Wörter bedeuteten. Ich fühlte mich wie ein Zauberer, ich konnte Tintenspuren in Wörter verwandeln und musste nicht länger warten, bis Ellin Zeit oder Lust hatte, mir vorzulesen, um zu erfahren, wie die Geschichte weiterging. Jetzt konnte ich mir einfach das Buch nehmen und selbst lesen. Oh, wie hat mir das gefallen!

Was bedeutete Ihnen das Lesen als Kind?

Ich war mir sehr früh bewusst, dass die Außenwelt, also die Welt, die nicht in mir war, sich auch in Büchern befand. Die Erfahrung des Reisens hatte ich bereits gemacht, ich konnte also die Reisen in den Büchern mit den Reisen vergleichen, die ich mit Ellin unternommen hatte. Als ich dagegen Geschichten über Freundschaft las, dachte ich: »Das ist eine Möglichkeit: Irgendwann werde ich so etwas erleben.« Und als ich über den Tod las, dachte ich: »Das ist etwas, was auch mir widerfahren wird.« Die Wirklichkeit war für mich oft die Wirklichkeit der Buchseiten, eine Wirklichkeit aus Worten.

Haben Sie sich mit den Figuren identifiziert?

Oh ja, in unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichem Maß. Ich identifizierte mich etwa sehr mit Rotkäppchen: Ich spürte, dass ihr Ungehorsam einem Bedürfnis entsprang, ihr eigenes Leben zu leben. Ohne diesen Ungehorsam gäbe es die Geschichte nicht: Wäre Rotkäppchen stracks zu ihrer Großmutter gegangen und hätte ihr den Kuchen überbracht, wäre die Geschichte nach einem Satz zu Ende.

Ich identifizierte mich mit dem kleinen Muck, mit Kasperle, und ich identifizierte mich auch mit dunkleren Dingen. In gibt es die Geschichte des Prinzen der Schwarzen Inseln, der von seiner Frau betrogen und in eine schwarze Marmorsäule verwandelt wird. Seine Frau schlägt ihn, während sie sich von einem großen schwarzen Sklaven verführen lässt. Ich fand das aufregend, obwohl ich nicht wusste, weshalb. Vielleicht war das ein sadistischer Zug in mir.

Eine meiner Lieblingsgeschichten der Grimmschen Märchen heißt . Darin gibt es eine schreckliche Szene, in der die Räuber das Mädchen in ihr Haus bringen, um es zu töten. Das Mädchen muss drei Gläser trinken mit einem weißen, einem gelben und einem roten Wein, und davon zerspringt ihr das Herz. Die Räuber schneiden dem toten Mädchen einen Finger ab, um an ihren Ring heranzukommen, und dieser Finger springt in das Holzfass, in dem sich die wahre Braut verbirgt – am Ende ist der Finger der Beweis der bösen Tat. Diese Geschichten ängstigten mich, doch ich liebte sie und las sie immer und immer wieder.

Wie haben Sie als Kind Ihre Bücher ausgewählt?

Ellin las mir Märchen vor, und sie gab mir Bücher wie oder die Märchen von Hans Christian Andersen. Andersen mochte ich allerdings nicht als Kind, also las ich dieses Buch nicht.

Seine Märchen sind ohnehin nicht für Kinder.

Nun ja, was ist schon für Kinder?

Bestimmte Ellin, was Sie lesen sollten?

Ellin hat meine Lektüre nie zensuriert. Sie sagte nie: »Das ist nichts für dich, das ist Erwachsenenliteratur.« Sie selbst las die aktuellen Bestseller, und einmal fand ich auf ihrem Schreibtisch Graham Greenes , eine Mischung aus Spionagethriller und Abenteuerroman. Ich nahm es an mich und begann zu lesen. In meiner Kindheit gab es das Konzept Kinderliteratur nicht. Für mich gab es Bücher, die mich interessierten, und andere, die mich nicht interessierten, das war die einzige Unterscheidung.

Ellin nahm mich manchmal mit in einen...


Manguel, Alberto
Alberto Manguel, 1948 in Buenos Aires geboren, verbrachte seine frühe Kindheit in Israel, wo sein Vater Botschafter war. Von seinem Kindermädchen Ellin lernte er Englisch, noch bevor er seine »Muttersprache« Spanisch beherrschte. In einer Buchhandlung, in der er als Teenager jobbte, begegnete Manguel Jorge Luis Borges, dessen Freund und Vorleser er wurde. Sein Studium der Literaturwissenschaft in Paris brach Manguel nach nur einem Jahr ab und arbeitete von da an den unterschiedlichsten Orten als Lektor, Kritiker, Schriftsteller und Bibliothekar. Er veröffentlichte mehr als fünfzig Bücher: Essays und Sachbücher über das Lesen und die Literatur, Romane, Theaterstücke und Anthologien. Kürzlich zog er mit seinem Partner, dem Psychoanalytiker Craig Stevenson, nach Lissabon um, wo seine Privatbibliothek in einem Palast in der Altstadt eine neue Heimat findet und ein Studienzentrum für die Geschichte des Lesens entstehen soll.

Geisel, Sieglinde
SIEGLINDE GEISEL, 1965 in Rüti im Kanton Zürich geboren, lebt als Kulturjournalistin in Berlin. Sie arbeitet u.a. für Deutschlandfunk Kultur, Republik, NZZ am Sonntag, WOZ, Süddeutsche Zeitung und ist Dozentin für Schreibwerkstätten (Freie Universität Berlin, Universität St. Gallen). 2016 hat sie das Online-Literaturmagazin tell (www.tell-review.de) gegründet. Buchveröffentlichungen: Irrfahrer und Weltenbummler. Wie das Reisen uns verändert (2008), Nur im Weltall ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille (2010) sowie im Kampa Verlag der Gesprächsband Was wäre, wenn? mit Peter Bichsel.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.