E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Manstein Endstation Sylt
4. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7467-3736-2
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
ISBN: 978-3-7467-3736-2
Verlag: epubli
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Bodo Manstein (geboren 1962 in Mülheim an der Ruhr) ist ein Romanautor aus Schleswig-Holstein. Aufgewachsen im Bergischen Land verbrachte er viel Zeit auf Baltrum. Dort fand er seine Liebe zur See, die auch maßgeblich seine Berufswahl beeinflusste. Nach seinem Abitur trat Bodo Manstein 1982 in die Marine ein. Dort führten ihn seine Wege immer wieder nach Sylt, wo er zuletzt mit seiner Familie von 1994 bis 2002 lebte. Mit dem Titel Juli.Mord. startete er eine neue Sylt-Krimireihe rund um den Inselmaler Robert Benning und dessen Freund Kriminalhauptkommissar Hinrichs. Bodo Manstein lebt heute mit seiner Familie in der Nähe von Kiel.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Prolog
1970 Paul McCartney verkündet die Trennung der Beatles, während Mungo Jerry sein Debüt gleich mit einem ewigen Sommerhit startet. .
meldet aus dem Weltraum 'Houston, wir haben ein Problem!' und sorgt damit ein Vierteljahrhundert später für volle Kinokassen.
In Warschau fällt Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Denkmal der Helden des Ghettos auf die Knie und setzt mit dieser Geste ein Zeichen für eine neue Ostpolitik.
Noch vor Ende der Saison verliert die Formel 1 ihren diesjährigen Weltmeister, als Jochen Rindt in Monza tödlich verunglückt.
Mit Jimi Hendrix und Janis Joplin folgen zwei Woodstock-Legenden ebenfalls der . Nun ist Brian Jones nicht mehr alleine im Klub 27.
* * *
Weit weg von alledem, in einer kleinen Ortschaft im Bergischen Land, lebte der achtjährige Stephan zusammen mit seinen Eltern und seinem ein Jahr jüngeren Bruder Oscar. In einem überschaubaren Mikrokosmos, bestehend aus fünf Häusern, ungefähr noch einmal so vielen Scheunen sowie Felder, Wiesen und Wälder, verbrachte Stephan eine unbeschwerte Kindheit. Wie alle Kinder in seinem Alter spielte er mit Vorliebe Verstecken, Cowboy-und-Indianer und Fußball. Da seine Schulfreunde jedoch weit verstreut in den umliegenden Nachbardörfern wohnten, waren sie nur schwer zu erreichen. Also verbrachte er den größten Teil seiner Zeit mit den älteren Nachbarskindern. Stephan half ihnen auf den Höfen der Eltern bei der Erledigung ihrer täglichen Pflichten. Sie trieben die Kühe auf die Wiesen, ernteten Kartoffeln und fütterten das Vieh. Dies tat er nicht nur, um mehr Zeit zum Spielen zu gewinnen, sondern weil viele der Arbeiten deutlich aufregender und kurzweiliger waren als das beste Versteckspiel. Und so ließ sich Stephan auch nicht zweimal bitten, wenn zum Beispiel Ernst vom Schulte-Hof mit dem Trecker aufs Feld hinaus musste. Stephan wusste ganz genau, dass er auch einmal den großen Trecker fahren durfte, sobald sie außer Sichtweite des Bauern waren.
Nach getaner Arbeit stiegen sie regelmäßig auf die Heuböden der Scheunen, wo sie zu den Dachbalken hinaufkletterten. Von dort schwangen sie an einem Seil wie Tarzan von einem Balken zum anderen und ließen sich anschließend in das weiche Heu fallen.
Stephans Bruder Oscar hatte für derartige Vergnügungen nicht viel übrig. Schon sehr früh in seinem Leben hatte er sich kompromisslos der Bequemlichkeit und dem Stubenhockerdasein verschrieben. Aus diesem Grund eignete er sich auch nur sehr bedingt zum Spielkameraden. Wenn Stephan genauer darüber nachdachte, war Oscar eigentlich nur die absolut letzte Alternative bei Schlechtwetter und gleichzeitigem Ausfall aller anderen Spieloptionen.
Stephans Vater war als Innenarchitekt einer Ladenbaufirma viel unterwegs. Die kurze Zeit am Abend und an den Wochenenden saß er zudem für gewöhnlich bis spät in die Nacht in seinem Arbeitszimmer. Dort zeichnete er an Grundrissen und Entwürfen für die Einrichtungen von Drogerien, Bäckereien oder Einzelhandelsgeschäften. Wie so viele andere Väter strebte auch er nach den eigenen vier Wänden, die allerdings erst einmal finanziert werden mussten.
Auch Stephans Mutter hatte Innenarchitektur studiert, war aber jetzt 'nur' noch Hausfrau. Tagaus und tagein saß sie mit zwei kleinen Kindern an diesem ja so idyllischen Ort. Hier, wo sich nicht einmal Hase und Igel Gute Nacht sagten, war der wöchentliche Besuch des fahrenden Lebensmittelhändlers die einzige Abwechslung. Früher, als sie noch in Leverkusen gewohnt hatten, war sie wenigstens auch mal unter Leute gekommen oder hatte einfach einen Schaufensterbummel machen können. Aber hier ...
Die einzige Möglichkeit, die Verbindung zur Außenwelt einigermaßen aufrechtzuerhalten, war das Telefon. Stephans Eltern besaßen eines im modischen Orange der 70er Jahre. Es stand in der sogenannten Telefonecke, die sich aufgrund der Kürze des Telefonkabels in der Regel in unmittelbarer Nähe der Telefondose befand. Diese fand sich wiederum dort, wo die Post sie angebracht hatte und das war meistens nicht die Stelle, an der man das Telefon gerne stehen gehabt hätte.
Mangels einer preisregulierenden Konkurrenz ließ sich die Post ihre Leistungen gut bezahlen. Aus diesem Grund beschränkten sich Telefonate auf das absolut notwendige Mindestmaß, das galt natürlich ganz besonders für Stephan und Oscar. Damit die beiden der Post nicht zu unerklärlichem Reichtum verhelfen konnten, war das Telefon mit einem kleinen Schloss gesichert, das so in dem zweiten und dritten Loch der Wählscheibe angebracht war, dass sich nur die 112 wählen ließ.
Die große Welt erreichte das kleine Dörfchen nur abends, wenn nach dem Abendbrot die Tagesschau vom Krieg in Vietnam und den Anschlägen der RAF berichtete.
Im Nachbarhaus, keine zwanzig Meter entfernt, wohnten zwei ältere Schwestern, die einen kleinen Hühnerhof bewirtschafteten. Der Hinterhof von Maria und Marthas Haus fand immer dann Stephans besonderes Interesse, wenn dort geschlachtet wurde.
Sorgfältig klaubte er sich dann aus den Schlachtabfällen die Hühnerfüße heraus, bei denen die Beugesehne noch aus dem Stumpf hing. Fehlte die Sehne, war der Fuß für seine Zwecke ungeeignet. Zog man nämlich an ihr, schlossen sich die Hühnerkrallen. Löste man den Zug wieder, entspannte sich auch der Fuß.
Mit diesen kleinen Gruselhändchen ausgestattet, wurden Stephan und seine Schulfreunde am nächsten Tag im wahrsten Sinne des Wortes zum Brüller bei den Mädchen der Grundschule in Thier. – Leider auch anschließend bei den Lehrern und zu Hause bei ihren Eltern.
Bei schlechtem Wetter stellte Stephan meistens den Familienplattenspieler auf, um der Langeweile zu entgehen. Dieser rangierte sogar noch vor Oscar, der wirklich die allerletzte Alternative blieb.
Dicht hockend vor dem Lautsprecher, der gleichzeitig auch der Deckel des transportablen Plattenspielers war, lauschte er besonders gerne dem Soundtrack des Musicals Hair. Doch auch die Abenteuer von Klaus Störtebeker und Lederstrumpf kamen nicht zu kurz.
Im Laufe der Zeit nahm dann das Programmangebot im Fernsehen mehr und mehr Gestalt an und bot, trotz der überschaubaren drei Programmplätze, eine ganz neue und andere Form der Freizeitgestaltung. Obwohl das Zeitfenster, das für Kindersendungen vorgesehen war, im Gegensatz zu heute noch erheblich kleiner war, tat das dem Erfolg dieser sogenannten Kinderstunde keinen Abbruch. Fernsehserien wie , , oder entwickelten sich rasend schnell zu Blockbustern im Kinder- und Jugendbereich der damaligen Fernsehkultur.
Geraucht wurde zu jener Zeit alles und überall. Die Flower-Power-Ära wäre ohne Zigaretten genauso undenkbar gewesen wie verrauchte Hafenkneipen in Edgar-Wallace-Filmen oder debattierende Journalisten in Werner Höfers . Die Deutsche Bundesbahn verfügte noch über eine stattliche Zahl an Raucherabteilen und auch in Reisebussen befand sich an jedem Sitzplatz ein Aschenbecher. War man mit dem Flugzeug unterwegs, erfolgte bei Start und Landung der Hinweis: »Bitte schnallen Sie sich an und stellen Sie das Rauchen ein!«
In den miefigen Amtsstuben deutscher Behörden standen Gummibäume in einem durch Nikotin vergilbten Ambiente, in das sich der Beamte im mausgrauen Anzug nahtlos einfügte. Wo heute Helmut Schmidt für Aufsehen sorgt, war früher die qualmende Zigarette, Zigarre oder Pfeife in der Hand eines gewählten Volksvertreters ein normales und vertrautes Bild.
Rauchwaren waren derart omnipräsent, dass man besser beraten war, gleich zu Fuß zu gehen, bevor man versuchte, ein Nichtrauchertaxi zu bekommen.
Trotz allem lebten Raucher und Nichtraucher in einem scheinbar friedlichen und harmonischen Miteinander.
Auch in Stephans Familie wurde geraucht. Zwar hatte sein Vater das Rauchen bereits vor vielen Jahren aufgegeben, doch seine Mutter blieb ihrer HB treu. Stephan konnte damit gut leben, war sie doch die Ruhe in Person, was zweifellos daran lag, dass sie eben HB rauchte. Schließlich bewies das in die Luft gehende HB-Männchen doch täglich in der Fernsehwerbung, was passieren konnte, wenn man nicht zu genau dieser Marke griff.
Zu dem Haus, das Stephans Eltern gemietet hatten, gehörte auch eine Scheune, auf deren Heuboden ihr Vermieter einen Teil seiner Strohballen lagerte. Hier bauten sich Stephan und seine Freunde kleine Verstecke und Forts für ihr Cowboy-und-Indianer-Spiel.
Nur ganz selten verirrte sich mal ein Erwachsener dorthin, sodass die Scheune einen idealen und sicheren Rückzugsort für die Kinder darstellte. Aus diesem Grund war es auch nicht weiter verwunderlich, dass Stephan genau hier das erste Mal eine Zigarette rauchte.
Eigentlich war dieser sonnige Oktobernachmittag ein Tag wie jeder andere, wenn Stephan nur nicht unter einer extremen Form von Langeweile gelitten hätte. Er wusste so gut wie gar nichts mit sich anzufangen. Alle Freunde waren anderweitig gebunden und selbst sein Notnagel Oscar war nicht aus seinem Mittagsschlaf erweckbar.
So schlenderte Stephan auf der Suche nach Beschäftigung durch das ansonsten leere Haus. Sein Vater war, wie so oft, bei der Arbeit und seine Mutter hatte sich mit der Ankündigung: »Ich gehe nur mal eben kurz zu Maria und Martha!« in Richtung der beiden Nachbarinnen begeben. 'Nur 'mal eben' hieß bei diesen Besuchen in der Regel, dass innerhalb der nächsten zwei Stunden nicht mit ihrer Rückkehr zu rechnen war.
Stephans Weg führte ihn in die Küche. Vielleicht fiel ihm ja bei einem Glas Limonade noch etwas ein,...




