E-Book, Deutsch, 495 Seiten
Marryat Jacob Ehrlich
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3130-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 495 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3130-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marryat erzählt die Geschichte des jungen Jacob Ehrlich, der schon früh beide Eltern unter dramatischen Umstände verlor und nun beim Inhaber der Werft im Londoner Hafen aufwächst in dem seine Eltern ihren Leichter untergebracht hatten.
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Ich werde in eine Armenschule geschickt, worin das Benehmen gegen die Armen kein Gegenstand der Erziehung ist. – Die Eigentümlichkeiten des Schulmeisters und die Zauberwirkungen des Schneuzens. – Eine Untersuchung über den Buchstaben A, welche meinen ganzen Schatz von Gelehrsamkeit über Bord wirft.
Ehe ich das Zimmer verließ, standen Sarah und ich in tiefer Unterhaltung am Fenster, während Herr und Frau Drummond, in ähnlicher Weise beschäftigt, am Tische saßen. Das Ergebniß des Gespräches zwischen Sarah und mir war die Vertraulichkeit der Kinder, das Ergebniß des Gespräches zwischen Herr und Frau Drummond der Vernunftschluß, je früher ich irgendwo untergebracht werde, desto besser sei es für mich. Herr Drummond war bei der Leitung einer Armenschule in der Nähe von Brentford betheiligt und verlor keine Zeit, mir die Aufnahme in dieselbe zu verschaffen. Noch ehe meine Kleider völlig zu Grunde gerichtet waren (ich hatte sie nämlich bald drei Wochen getragen), erhielt ich einen neuen Anzug, und zwar eine Uniform, bestehend in einem langen Pfeffer- und salzfarbigen Rock, gelbe Lederkniehosen, eine gestrickte Mütze mit einer Trottel, ein Paar Strümpfe nebst Schuhen, und ein großes blechernes Brustschild mit der Nummer 63, welche, da ich der zuletzt eingetretene Knabe war, die Totalsumme der Schüler anzeigte. Mit Bedauern verließ ich die Wohnung des Herrn Drummond, der es zu Miß Sarah's und meinem Leidwesen nicht für gerathen hielt, die Vollendung des Kahnes abzuwarten. Herr Drummond begleitete mich selbst nach der Schule, und unterwegs begegneten wir dem ganzen Zuge auf einem Spaziergange. Ich ward eingereiht und erhielt noch zum Abschied eine freundliche Ermahnung von meinen würdigen Beschützern. Wie wir so dahinschritten, glichen wir einem Regimente gelbschenklichter Krammetsvögel, welche zu menschlichen Pendelstangen aufgestrafft waren. Man denke sich den letzten Sprößling der Ehrliche, gepfeffert, gesalzen und geschildet, so daß die ganze Welt erkennen konnte, er sei ein Armenschüler, und man nehme noch Rücksicht auf die Armen in der Welt. Aber wenn Helden, Könige, große und gewichtige Männer dem Verhängnisse unterworfen find, so kann man nicht erwarten, daß ihm Lichterknaben entgehen sollten. Ich ward vom Geschick dazu verdammt, Erziehung, Kost, Wohnung und Kleidung frei, gratis und umsonst zu bekommen.
Jede Gesellschaft hat ihr Haupt und, ich wollte eben hinzufügen, jeder Kreis seinen Mittelpunkt, aber die Vergleichung paßt nicht auf meinen Fall, denn unser Kreis hatte zwei Mittelpunkte, oder um dem Gange des ersten Gedankens zu folgen, zwei Häupter – das Schulhaupt und das Haushaupt – das Haupt mit der Ruthe und das Haupt mit Schwefel und Syrup – der männliche und der weibliche Vorstand, von denen jedes wieder sein Anhängsel hatte – der eine den Unterlehrer, der andere das Hausmädchen. Aber von diesem Quartett war der Herr des Hauses nicht nur das wichtigste, sondern auch das würdigste Glied; und da er noch lange nach der Vollendung meiner Erziehungslaufbahn auf den Blättern meiner Erzählung auftreten wird, so will ich bei meiner Beschreibung des Domine Dobiensis, wie er sich gerne betiteln ließ, oder des Trauerdobbs, wie ihn seine pflichtgetreue Schuljugend zu nennen pflegte, etwas länger verweilen. Da in unserer Schule der Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen die Hauptsache war, so hatten die Direktoren gerade den Domine als den Tauglichsten unter den Bewerbern gewählt, weil er erstens ein Werk über die griechischen Partikeln geschrieben hatte, welches Niemand verstand, und zweitens besonders als Mathematiker ausgezeichnet war, indem er, wie die Sage geht, mittelst imaginärer Größen die Quadratur des Zirkels entdeckt hatte: eine Entdeckung, die er aus Furcht, durch Verrätherei um den Ruhm derselben gebracht zu werden, bis jetzt noch der Welt vorenthielt. Außerdem hatte er auch eben so viele Fehler in den Beweisen Euklid's aufgefunden, als Joey Hume in den Armee- und Flottenlisten, wodurch er auch dem Vaterlande einen eben so großen Dienst leistete, als besagter Edelmann mit den Ergebnissen seines Scharfsinnes. Domine Dobiensis vegetirte in unserem Jahrhundert und Lande, lebte aber im klassischen Alterthume und im Reiche der Algebra. Einmal erfaßt von einem mathematischen Problem oder einer griechischen Reminiscenz, trat er aus dem wirklichen Leben heraus und war für die Außenwelt verloren. Sein Körper blieb am Pulte und athmete, aber seine Seele war weg. Diese Eigenthümlichkeit war den Schülern gar wohl bekannt, und sie pflegten zu sagen: "Domine weilt im Reich der Träume und spricht im Schlaf."
Domine Dobiensis überließ das Lesen und Schreiben dem Unterlehrer und suchte, gegen die Statuten der Anstalt, die Knaben wo möglich in die Mathematik, das Lateinische und Griechische hineinzuzwängen. Der Unterlehrer besaß keine überwiegende Fähigkeit, die beiden erstgenannten Fächer zu lehren, und die Knaben keinen überwiegenden Willen, die drei letztgenannten zu lernen. Der Schulmeister war zu gelehrt, der Unterlehrer zu unwissend, und deßhalb lernten die Schüler wenig. Der Domine war ernst und reizbar, aber er besaß eine innere Heiterkeit und das beste Herz. Seine Züge konnten nicht lachen, aber sein Kehlkopf. Die Erschütterung verbreitete sich nicht weiter, als durch die Knorpelringe der Luftröhre, und wurde von dort an durch den Impuls des Ernstes in die Region des Herzens zurückgedrängt, in dessen dunklem Mittelpunkt sich die Heiterkeit ihrem verborgenen Genusse hingab. Der Domine war ein Freund von Wortspielen, mochten sie englischen, griechischen oder lateinischen Ursprungs sein. Wortspiele in den beiden letztgenannten Sprachen wurden nur von ihm gemacht, und da sie außer ihm Niemand verstand, so erfreuten sie auch Niemand, als ihn. Aber seine Liebe zu dieser Art von Witz war ernster Natur; er liebte sie mit Würde – sie war für ihn kein Gegenstand des Lachens.
Von Person war Domine Dobiensis ungefähr sechs Fuß hoch, ein mit Sehnen und Knochenbändern überkleidetes Gerippe. Sein Gesicht war lang und seine Züge groß; aber sein vorherrschender Zug war die Nase, welche die andern trotz ihrer großen Verhältnisse völlig in Schatten stellte. Sie war ein Wunder, eine Lächerlichkeit, aber er tröstete sich – Ovid hieß Naso. Es war weder eine Adlernase, noch das Gegentheil davon – weder eine stumpfe, noch eine dicke, weder eine kupferrothe, noch eine pfeifende, sondern trotz der Größe ihrer Verhältnisse eine geistreiche Nase, dünn, hornartig durchsichtig und sonor. Ihr Schnauben war voll Wirkung und ihr Schneuzen die Stimme eines Orakels. Ihr bloßer Anblick war Achtung gebietend, ihr Laut in den Schulstunden verhängnißvoll. Aber die Schüler liebten diese Nase wegen der Warnung, die sie ihnen gab. Gleich den Klappern der gefürchteten Schlange, wodurch dieses Gewürm seine Nähe verräth, gab sie den Schülern den Wink, auf der Hut zu sein. Ein Paar Stunden widmete der Domine dieser Welt und seiner Pflicht, dann vergaß er die Schule und Schüler und machte eine Reise in die Welt Griechenlands oder der Algebra. Wenn er dann seine x, y und z machte, wußten die Zöglinge, daß sie sicher waren, und ließen ihre Arbeit liegen.
Warst du je Augenzeuge der magischen Wirkung einer Trommel in einem Dorfe, wenn das Werbekommando mit seinen buntfarbigen Bändern einen geistaufwirbelnden Wirbel schlägt? Die Weiber verlassen ihre häuslichen Geschäfte und eilen an die Thüre der Hütte, während die Dirnen staunend und voll Furcht über ihre Schultern wegschielen. Die jungen Bursche strecken zögernd die Köpfe in die Höhe und stehen endlich aufrecht und stolz; der linkische Bauer verschwindet, der schwerfällige Gang verwandelt sich in einen elastischen Schritt, jede Muskel scheint straffer angezogen, jede Sehne neu gespannt; das Blut kreist in schnellerem Laufe; die Pulse schlagen, die Herzen pochen, die Augen funkeln, und sobald der kriegerische Laut das Gerüste ihres Bauernkörpers durchschüttert, sind die Cimone des Pfluges wie durch einen Zauberschlag in angehende Kriegshelden umgewandelt: – alle diese Wunder werden durch Schläge auf die Haut des sanftesten und harmlosesten Geschöpfes von der Welt hervorgebracht.
Aus Mangel an einem synthetischen Gleichniß haben wir unsere Zuflucht zu einem antithetischen genommen. Das Schneuzen der Nase des Domine brachte die entgegengesetzte Wirkung hervor. Es war das Signal, daß er seine Geistesreise beendigt und wieder in der Schule sein Absteigequartier genommen hatte, – daß der Lehrer mit seinen x, y und z fertig und die Zeit nun an den Schülern war, an ihre p und q zu denken. Auf dieses Warnungszeichen eilte Jeder an seinen Platz, wie die Soldaten auf das Signal zum Antreten. Halb abgebissene Aepfel wurden in die nächste beste Tasche gesteckt – Schlüsselbüchsen verschwanden – Schlachten verschob man auf eine gelegenere Zeit – Bücher wurden aufgeschlagen und die Augen darauf gerichtet – Gestalten, welche ihrem Bildungstrieb nach allen Seiten Raum gegeben hatten, nahmen eine gleichförmige, über die Pulte hingebogene Haltung an – die Stille ward wieder hergestellt, die Ordnung wieder in ihre Rechte eingesetzt, und Mr. Knapps, der Unterlehrer, der sich diese Interregna ebensowohl zu Nutzen machte, als die Schüler, eilte auf den wohlbekannten Warnungslaut aus dem Zimmer der Wirthschafterin, in das er entwichen war, an das Folterpult zurück. – Dieß waren die Zauberwirkungen eines Schneuzens der sonoren und friedenbringenden Nase des Domine Dobiensis.
"Jacob Ehrlich, komm herbei," waren...




