E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Marschner Das Bücherzimmer
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-423-40174-6
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-423-40174-6
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rosemarie Marschner lebt als freie Journalistin und Autorin mit ihrer Familie in Düsseldorf. Sie hat zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter die Bestseller >Das Bücherzimmer< und >Das Mädchen am Klavier<.
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Der Abschied
1
Sie hieß Marie, zählte nur wenig mehr als vierzehn Jahre und befand sich doch bereits auf der Reise in ein neues Leben. Vor Stunden schon war sie aufgebrochen in ihrem dunkelblauen Sonntagskleid, das ihr viel zu lang war und zu weit um die Brust, damit es auch im kommenden Jahr noch paßte. Zuerst hatte ihre Mutter sie ja noch begleitet auf dem langen Fußmarsch über die Felder und Wiesen, doch dann, als sich das Land nach unten senkte und die Stadt plötzlich wie buntes Holzspielzeug zu ihren Füßen lag, war die Mutter stehengeblieben und hatte Abschied genommen. Keine Umarmung, das war nicht die Art, wie man hier miteinander umging, aber hilflose Tränen in den Augen und ein verhaltenes Schluchzen, das den Hals zusammenschnürte und das Marie nie vergessen würde. Es war ihr erster Abschied und der schwerste, weil sie auf einmal fürchtete, er könnte für immer sein. Dann drehte sich die Mutter abrupt um und ging zurück, woher sie gemeinsam gekommen waren und wo sich alles befand, was Marie kannte und woran sie hing. Sie wartete, daß die Mutter noch einmal zurückblicken und ihr zuwinken würde oder sie gar wieder zu sich rief und ihr erlaubte, doch noch mit ihr heimzugehen, das Köfferchen wieder auszupacken und weiterzuleben wie bisher. Doch die Mutter hielt nicht inne, sah nicht zurück, hob nicht einmal mehr die Hand zum Gruß: eine zerbrechliche Gestalt in einem schwarzen, bäuerlichen Kleid, jung noch, viel zu jung, um schon eine Tochter zu haben, die ihr eigenes Leben begann. Mit schnellen Schritten, als wäre sie auf der Flucht, eilte sie über die Schotterstraße, die Füße bis zu den Knöcheln im aufgewirbelten Staub, immer weiter, bis sie nur noch ein kleiner dunkler Punkt war, der sich schließlich in der Ferne verlor.
Da begriff Marie, daß sie nun allein auf sich gestellt war. Am liebsten hätte sie sich ins Gras gesetzt und geweint. Doch sie wußte, daß niemand kommen würde, um sie zu trösten oder ihr ihr bisheriges Leben zurückzugeben. So nahm sie ihr Köfferchen wieder auf und wanderte die weit geschwungenen Serpentinen hinunter zu der kleinen Stadt, die ihr vertraut war. Hierher war sie alle paar Wochen mit ihrer Mutter gekommen, um einzukaufen. Immer nur das Nötigste: Flanell oder Baumwollstoff für ein neues Kleid, weil das alte nicht mehr zu retten war. Neue Schuhe, weil sich in den alten die Zehen schon schmerzhaft krümmten. Wolle für eine Winterweste, für Socken, Strümpfe und sogar Unterwäsche. Nie etwas Überflüssiges. Trotzdem konnte man zufrieden sein, denn man hatte genug zu essen und im Winter eine warme Stube und ein dickes Federbett. Auch jetzt noch, vierzehn Jahre nach dem Krieg, klopften jeden Tag Bittsteller an die Tür, um etwas zu hamstern oder gar zu betteln. Im Vergleich zu ihnen waren Marie und ihre Mutter reich. Sie besaßen ein kleines Haus, und die Mutter verdiente, was sie brauchten, auf dem Hof des eigenen Bruders, der gut zu ihr war, obwohl er nie aufhörte sie daran zu erinnern, daß sie eine ganz andere Position hätte haben können, wenn sie am entscheidenden Punkt ihres Lebens nicht so stur und stolz gewesen wäre und von den reichen Eltern des jungen Nichtsnutzes das Geld für die Engelmacherin angenommen hätte.
Marie erreichte den Fluß und überquerte die eiserne Brücke. Immer mehr Menschen begegneten ihr. Autos fuhren durch die Straßen, Motorräder, Fahrräder, Pferdewagen. Nicht weit von der Brücke sah Marie den roten Boden des Tennisplatzes und die weißgekleideten Spieler, die – so hätte man es im Haus von Maries Onkel beurteilt – ihre Kräfte sinnlos vergeudeten. Dennoch fühlte sich Marie zu ihnen hingezogen. Auch ihre Mutter war manchmal nach dem Einkaufen mit ihr zu dem hohen Zaun gepilgert und hatte den sorglosen Geschöpfen da drinnen zugesehen, wie sie hin- und herrannten, lauernd vorgebeugt auf den Ball warteten, ihr Gegenüber auszutricksen suchten und lachend das eigene Mißgeschick oder den Sieg akzeptierten. Hier war das Leben nicht ernst und bedeutungsschwer. Hier existierte die Zeit nicht, um mit Arbeit verbracht zu werden. Hier bedeutete Zeit Muße und Vergnügen. Voll Zärtlichkeit mußte Marie plötzlich an ihre Mutter denken, die ihr vor Jahren als Belohnung für ein gutes Schulzeugnis zwei hölzerne Schläger gebastelt hatte und einen Ball aus Stoffresten, den sie von da an abends hinter dem Haus, wo niemand sie beobachten konnte, hin- und herprügelten, schreiend und lachend, als wäre auch die Mutter noch ein Kind.
Die Sonne stieg höher. Es wurde heißer, als es die dichten Morgennebel hatten erwarten lassen. Immer öfter wechselte Marie das Köfferchen von einer Hand in die andere. Manchmal stellte sie es nieder, rieb sich die schmerzenden Schultern und wischte sich mit dem Knöchel des Zeigefingers den Schweiß von den Nasenflügeln. Sie war froh, als sie endlich den Bahnhof erreichte, und atmete auf, als sie sah, daß sie nicht zu spät gekommen war. Sie kaufte sich eine Fahrkarte und trat hinaus auf den Bahnsteig, wo es nach Vulkangestein roch und nach Rauch.
»Hier Wels, Bahnhof Wels!« dröhnte es aus dem Lautsprecher. Unter Dampfen und Zischen fuhr der Zug in den Bahnhof ein und kam mit einem herzzerreißenden Kreischen zum Stillstand. Die Reisenden stürzten aufgeregt zu den Türen, behinderten die Aussteigenden und zogen sich dann in panischer Hast die hohen Stufen hinauf, wobei die Damen ihre engen Röcke bis über die halben Schenkel hochschieben mußten, um den ersten Riesenschritt zu bewältigen.
Marie fand einen Platz am Fenster. Noch bevor sich der Zug wieder in Bewegung setzte, holte sie aus ihrem Köfferchen einen Apfel, den ihr der stumme Knecht ihres Onkels mitgegeben hatte. Reitinger war der einzige Hausgenosse Maries und ihrer Mutter, und sein Herz war so groß wie seine erzwungene Schweigsamkeit. Er hatte der Mutter geholfen, als Marie geboren wurde, und Marie dachte beruhigt, daß er immer da sein würde, wo ihre Mutter war.
Die Reisenden verstauten ihr Gepäck und ließen sich erschöpft auf die Holzbänke fallen. Sie beobachteten durch die Fenster, wie der Zug den Bahnhof verließ und die Häuser draußen immer spärlicher wurden. Marie schloß ihre Hände um den warmen, saftigen Apfel und wußte nicht, ob sie Angst haben sollte oder neugierig sein auf das, was sie erwartete.
2
»Du bist zu frech, zu jung und zu mager!« lautete das vernichtende Urteil der dicken Frau in der Stadtvilla, an deren schmiedeeisernem Gartentor Marie über eine Viertelstunde gewartet hatte, weil keiner auf ihr Schellen antwortete. Sie meinte schon, es wäre niemand zu Hause, und drückte schließlich in resignierter Verzweiflung nochmals den weißen Klingelknopf, läutete Sturm, als könnte sie damit das Schicksal zu einer Entscheidung zwingen.
Erst jetzt öffnete sich das Eingangstor der Villa, und besagte Frau stürzte heraus, schimpfte Unverständliches, schrie Marie an, Bettler seien hier unerwünscht und man habe auch nicht vor, irgend etwas zu kaufen. Damit drehte sie sich mit einer geringschätzigen Bewegung zum Haus um und knallte das Tor hinter sich zu, ohne Marie anzuhören, die nun ihrerseits die Geduld verlor und der Frau nachschrie, wer sie war und daß sie berechtigt sei, hier zu läuten und um Einlaß zu bitten.
Da nichts darauf hindeutete, daß sich das Tor zur Villa ohne Nötigung erneut öffnen würde, drückte Marie mit ihrem Zeigefinger nun auf den Klingelknopf, als wollte sie ihn für immer versenken. Sie war zornig, obwohl ihr zugleich bewußt war, daß man ihr hier ihre Verbitterung nicht zugestehen würde. Sie kannte dieses Gefühl nur zu gut. Es befiel sie nicht oft. Meist war sie ruhig und besonnen. Doch manchmal, im Angesicht einer wahren oder vermeintlichen Ungerechtigkeit, schoß ihr das Blut zu Kopf, und sie ging zum Angriff über. Ihre Mutter hatte diesen Charakterzug oft beklagt. Auch der Pfarrer hatte Marie deswegen ermahnt und bei jeder Beichte eindringlich gefragt, ob sie wieder einmal explodiert sei. Nur der Lehrer hatte Maries Wesen mit Gleichmut toleriert und einmal sogar vor sich hin gemurmelt, sie könne froh sein, daß ihr der Himmel diese Waffe mitgegeben habe. Wer weiß, wozu sie ihr in ihrer schwierigen Lage noch nützlich sein würde.
Ein wahrer Machtkampf fand statt: draußen Marie an der Klingel, drinnen die Hüterin des Hauses, bebend vor Wut. Nach einer für beide Seiten unerträglichen Ewigkeit stürmte die Frau heraus, einen Besen in der Hand. Mit dem Humpeln einer Gichtkranken eilte sie über den Kiesweg und machte Anstalten, Marie durch das Gitter hindurch mit dem Besenstiel am weiteren Schellen zu hindern. Dabei schrie sie ununterbrochen auf Marie ein, die nun, ernüchtert, die Hand zurückzog und immer wieder ihren Namen nannte und daß sie das neue Hausmädchen sei.
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