Marschner | Good Morning, Mr. Mendelssohn | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Marschner Good Morning, Mr. Mendelssohn

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-423-43120-0
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

ISBN: 978-3-423-43120-0
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Es ging um nichts weniger als um Vollkommenheit.« »Bist du auch fleißig, Felix?«, fragt Lea Mendelssohn häufig ihren Zweitgeborenen. Oh ja, das ist Felix und bleibt es sein nur 37 Jahre währendes Leben lang. Er wird einer der größten Musiker und Musikförderer der Romantik und trägt wesentlich zur Wiederentdeckung von Bach und Händel bei. Für die bezaubernde Betty Pistor komponiert der Jugendliche ein Streichquartett. Doch während diese erste große Liebe sich nie erfüllt, bleibt eine andere große Liebe ein Leben lang bestehen und eine gegenseitige: Als der zwanzigjährige Felix zum ersten Mal nach London reist, wird er dort enthusiastisch aufgenommen und so berühmt, dass ihn die Leute auf der Straße mit »Good morning, Mr. Mendelssohn« begrüßen. Die aktuell einzige Romanbiografie über Felix Mendelssohn Bartholdy. Ein warmherziges, feinsinniges und facettenreiches Porträt der Mendelssohns und ihrer Zeit.

Rosemarie Marschner lebt als freie Journalistin und Autorin mit ihrer Familie in Düsseldorf. Sie hat zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter die Bestseller >Das Bücherzimmer< und >Das Mädchen am Klavier<.
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ILSEBILSE, KEINER WILLSE


1


Die Nachricht von Fannys Tod veränderte sein Leben. Obwohl sie seit ihrer Kindheit nur noch in unregelmäßigen Abständen zusammengetroffen waren, hatte er immer das Gefühl gehabt, sie sei ständig in seiner Nähe und wisse fast alles über ihn. So wie er durch ihre unzähligen Briefe an ihrem Leben teilnahm, an ihren Gedanken, ihren Träumen, ihren Plänen, ihren Zweifeln und ihrer heimlichen Verdrossenheit, weil die Welt, die ihn so begeistert willkommen hieß, für sie um so vieles enger war. »Du darfst alles lernen wie dein Bruder, darfst alle deine Talente entwickeln. Aber, mein Mädchen, vergiss nie, dass eine Frau nicht für sich selbst existiert, sondern für ihre Familie« – die Worte ihres Vaters, der die Regeln des menschlichen Zusammenlebens zu kennen glaubte und überzeugt war, dass sich anpassen musste, wer überleben wollte.

Und Fanny hatte alles gelernt wie ihr Bruder, und sie hatte alle ihre Talente entwickelt wie er. Zugleich versuchte sie als gute Tochter, nicht zu vergessen, für wen eine Frau zu existieren hatte und wofür. Ja, dachte Felix, als der Schmerz ihn von Neuem übermannte, ja, sie hatte versucht, die Erwartungen des Vaters zu erfüllen. Immer wieder. Doch mindestens ebenso oft hatte sie darauf vergessen.

Fanny, seine Schwester. Fenchel hatte Felix sie oft genannt, um sie zu necken, und sie hatte es gerne gehört, weil der Spitzname von ihm kam und er alles zu ihr sagen durfte. Fanny-Fenchel. Athene-Minerva, die Göttin der Weisheit mit dem wachen Blick. Das Löwenmädchen mit der braunen Mähne und den buschigen Brauen. Der kleine Johann Sebastian im Spitzenkleid. Fanny, Göttin der Musik. Geboren für die Musik. Erfüllt von Musik – so wie er, Felix, ihr Bruder, dem sie nicht ähnlich sah und der doch in so vielem war wie sie, auch wenn ihm ein ganz anderes Leben zugestanden wurde.

Was für eine glückliche Familie, damals in Berlin, als auch die Eltern noch jung waren! Den Kindern erschienen sie zu jener Zeit allerdings reif und bedeutsam, wie alle Eltern ihren Kindern, die von ihnen Schutz verlangen, Fürsorge und Liebe. Und damit hatten Abraham und Lea Mendelssohn ihre Kinder immer verwöhnt.

Anlässlich von Felix’ Hochzeit vor fast genau zehn Jahren hatte seine Tante Dorothea Schlegel beim Bankett anstelle einer Rede einen alten Brief vorgelesen, in dem Lea über die Aufführung eines von Felix komponierten Singspiels berichtete. Es hieß Felix hatte es selbst inszeniert und das große Orchester der königlichen Kapelle dirigiert – seinem Alter von zwölf Jahren weit voraus und erfüllt von der Magie der Musik. »Es war ein einzig lieber Anblick für das Elternherz«, schrieb Lea damals an ihre Schwägerin, »das schöne Kind mit den Raphaelslocken unter all den Künstlern sitzen zu sehen. Seine Augen, die durch die Musik stets belebt werden, strahlten und leuchteten von ungewöhnlichem Feuer.« – So sehr hatte sie ihn geliebt und so geborgen war er in dieser Liebe, auch später noch, als Lea selbst längst nicht mehr da war!

Sein Vater war ebenso stolz auf ihn gewesen an jenem strahlenden Nachmittag. Als die Gäste den Gartensaal, in dem die Aufführung stattgefunden hatte, verließen, legte er den Arm um die Schultern seiner Frau und sagte halb ernst, halb ironisch, bisher habe man ihn selbst oft den »Sohn eines berühmten Vaters« genannt. Wenn es mit Felix jedoch so weitergehe, werde man bald von Abraham Mendelssohn als dem »Vater eines berühmten Sohnes« sprechen.

Felix, der damals am Fenster stand und den Besuchern nachschaute, hörte diese Worte und sah, dass sie auch Fanny nicht entgangen waren. Sie errötete und wandte das Gesicht ab. Felix war sicher, dass sie ihm seinen Erfolg nicht neidete, aber er begriff auch, dass sie sich die gleiche Anerkennung für sich selbst gewünscht hätte.

»Felix, immer nur Felix und Fanny!«, hatte sich auch Rebecka, das dritte Kind der Familie, häufig beklagt. »Es ist wirklich ein Pech, nach euch beiden geboren zu sein. Alle reden immer nur von euch und hören gar nicht, wie gut auch ich Klavierspielen kann und wie schön ich singe. In jeder anderen Familie wäre ich eine kleine Königin, aber bei uns bin ich immer nur Beckchen, die dicke Dritte!«

»Du bist nicht dick!«, pflegte Fanny dann zu widersprechen. Doch Paul, der Vierte der Geschwister, der sich vorsichtshalber statt mit Musik lieber mit Technik befasste, erklärte, auch wenn Rebecka jetzt noch nicht dick sei, werde sie diesen Zustand bestimmt bald erreicht haben. Niemand stecke ungestraft bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Finger ins Marmeladenglas.

Vier Kinder einer Familie, ganz verschieden voneinander und doch so eng miteinander verbunden wie die Eltern, die auf zwei Zeichnungen im Speisezimmer dargestellt waren, als seien sie lebendig. Beide blickten direkt ins Auge des Betrachters, freundlich, aber auch aufmerksam und forschend. Beide hielten sie die Arme vor der Brust verschränkt, wie um sich vor allzu großer Nähe abzugrenzen und die eigene Energie nicht unnötig zu verströmen. Zwei gut aussehende Menschen, zierlich und anziehend. Die Mutter im hellen Seidenkleid mit den ausladenden Puffärmeln der neuesten Mode und mit dem Spitzenhäubchen der feinen Damen. Der Vater im eleganten Frack mit hohem Kragen, eine randlose Brille auf der Nase und eine Andeutung beginnender Geheimratsecken, die ihn – daran konnte sich Felix noch gut erinnern – zunehmend bekümmerten.

»Ihr seht einander ähnlich wie Geschwister«, hatte Dorothea Schlegel, Abrahams Schwester, das schwarze Schaf der Familie, einmal missvergnügt festgestellt. »Wie langweilig, jemanden zu heiraten, der so ist wie man selbst. Alle meine Männer waren voneinander verschieden wie Feuer und Wasser, und ein Temperament wie ich selbst hatte keiner von ihnen. Glaubt mir, erst die Verschiedenheit der Charaktere verleiht dem Leben die nötige Spannung!« Es störte sie nicht, dass niemand lachte, obwohl sie eigentlich einen Scherz machen wollte. Aber was konnte man schon von einer Familie erwarten, für die die strenge Disziplin eines Johann Sebastian Bach den höchsten Kunstgenuss darstellte?

Es gab keinen Müßiggang im Hause Mendelssohn. Gleich nach dem Frühstück ließ sich Abraham Mendelssohn in sein Kontor fahren. Seine Frau unterrichtete Fanny und die beiden Jüngsten, während die Dienstboten das Unterste zuoberst kehrten. Anfangs ging nur Felix zur Schule, später auch Paul, der Jüngste. Jeweils drei Jahre lang besuchten sie die »Lehr-, Pensions- und Erziehungsanstalt« des Dr. Johann Christoph Messow. Danach übernahmen verschiedene Hauslehrer die Erziehung der Geschwister, wobei Lea Mendelssohn keine ungerechtfertigte Pause überhörte und durch ein sanftes Türenschlagen oder Räuspern darauf aufmerksam machte, dass sie ständig anwesend war und nichts ihr entging. »Felix, bist du auch fleißig?«, fragte sie von einem Zimmer zum anderen, wenn am späteren Nachmittag die Lehrer aus dem Haus waren und die Mendelssohn-Kinder die Hausaufgaben erledigten oder an ihren Instrumenten übten. Und Felix war – natürlich – immer fleißig, so wie auch seine Geschwister, selbst wenn sie sich trotz aller Überwachung immer wieder irgendwo im Hause zusammenfanden, um »Unfug zu treiben«, wie die Mutter es nannte.

Doch das straffe Regiment bekümmerte die Mendelssohn-Kinder nicht. Sanktionen gab es kaum. Die Geschwister spürten, dass Vater und Mutter bei all ihrer Strenge im Grunde verliebte Eltern waren, denen nichts wichtiger war als das Wohl ihrer Kinder. Dafür zu sorgen, bedeutete aber zuallererst, ihre Bildung zu fördern. Lea und Abraham stammten beide aus Familien, in denen Bildung das wertvollste Gut darstellte. Es war kein Geheimnis, dass Lea in der Lage war, Homer im Urtext zu lesen, dass sie entspannt auf Französisch, Englisch und Italienisch plaudern konnte, dass ihr Klavierspiel vollkommen und ihr Gesang bezaubernd war.

Da Lea als junges Mädchen eine saftige Mitgift zu erwarten hatte, hatte sie seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr freie Auswahl unter den passenden Junggesellen der Stadt gehabt. Man wunderte sich deshalb, dass sie sich ausgerechnet für Abraham Mendelssohn entschied, den Sohn des berühmten Philosophen Moses Mendelssohn. Im Vergleich zu anderen Bewerbern war Abraham ein armer Schlucker. Dafür aber sah er gut aus, war freundlich, fast so gebildet wie Lea selbst und liebte wie sie die Musik. Nur bei ihm hatte sie das Gefühl, dass er ihre Leidenschaft für Johann Sebastian Bach mitempfinden konnte. Nur mit ihm konnte sie Stunden am Klavier verbringen und gemeinsam improvisieren. Gemeinsam auch traten sie in Carl Friedrich Zelters Sing-Akademie ein und wirkten begeistert im Chor mit – anfangs als heimliches Liebespaar, dann bald als Verlobte und schließlich als Eheleute.

Leas Eltern, die zu Beginn von der Wahl ihrer Tochter enttäuscht waren, kamen nach und nach zu dem Schluss, dass der Philosophensprössling vielleicht doch keine schlechte Investition gewesen war. Mit Leas Mitgift kaufte er sich in das Bankhaus seines Bruders ein, arbeitete erst mit großem Einsatz in der Hamburger Niederlassung und kehrte nach ein paar Jahren als gemachter Mann nach Berlin zurück. Leas Mutter, Bella Salomon, bedauerte lediglich, dass er so wenig Interesse an religiösen Belangen zeigte. Als sie ihn deshalb zur Rede stellte, erklärte er unbekümmert, sein Gewissen sei seine moralische Instanz. Er strebe danach, ein guter Mensch zu sein und sittlich zu entscheiden. Dazu brauche er keine Beeinflussung, von wem und was auch immer.

Die Schwiegermutter fand...


Marschner, Rosemarie
Rosemarie Marschner lebt als freie Journalistin und Autorin mit ihrer Familie in Düsseldorf. Sie hat zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter die Bestseller ›Das Bücherzimmer‹ und ›Das Mädchen am Klavier‹.

Rosemarie Marschner lebt als freie Journalistin und Autorin mit ihrer Familie in Düsseldorf. Sie hat zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter die Bestseller ›Das Bücherzimmer‹ und ›Das Mädchen am Klavier‹.



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