E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Matson Amy on the Summer Road
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-08585-8
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-641-08585-8
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Seit dem Tod ihres Vaters hat sich Amy völlig zurückgezogen. Als ob nicht alles schlimm genug wäre, beschließt ihre Mutter von Kalifornien an die Ostküste zu ziehen, und Amy soll nachkommen … im Auto mit einem wildfremden Jungen! Amy ist verzweifelt. Doch dann steht Roger vor ihr – total süß und irgendwie sympathisch. Die beiden verstehen sich auf Anhieb und sind sich einig: Amys Mom hat sich für den Trip die langweiligste aller Strecken ausgesucht! Und so begeben sie sich kurzerhand auf eine eigene, wilde Reise kreuz und quer durch die Staaten. Und während Amy noch mit ihrer Vergangenheit kämpft, merkt sie, wie sehr sie diesen Jungen mag ...
Die international erfolgreiche Jugendbuchautorin Morgan Matson studierte Schreiben für junge Leser an der New School in New York. Road-Trips quer durchs Land sind ihre große Leidenschaft und sie hat schon drei Mal die USA durchreist ... bis jetzt. Geboren wurde sie an der Ostküste, lebt jetzt aber in Los Angeles.
Weitere Infos & Material
Eureka – I have found it.
(Ich habe es gefunden.)
– Motto des Bundesstaates Kalifornien
Ich saß auf der Eingangstreppe unseres Hauses und sah zu, wie der beigefarbene Subaru Kombi zu schnell in unsere Sackgasse gefahren kam. Typischer Anfängerfehler, vor allem von FedEx-Fahrern. Im Raven Crescent gab es nämlich nur drei Häuser, und meistens waren die Leute schon am Ende angekommen, bevor sie es überhaupt gecheckt hatten. Weil Charlies Kifferfreunde sich das nie merken konnten, mussten sie immer noch eine Extrarunde drehen, ehe sie unsere Einfahrt erwischten. Aber der Subaru-Fahrer löste es anders – er bremste scharf und die Rücklichter leuchteten erst rot und dann weiß auf, als er einfach zurückstieß und direkt vor dem Haus hielt. Unsere Einfahrt war so kurz, dass ich die Aufkleber an der Stoßstange lesen konnte: MEIN SOHN WAR STUDENT DES MONATS und MEIN KIND UND MEINE $$$ GEHEN ANS COLORADO COLLEGE. Im Auto saßen zwei Leute und unterhielten sich, wobei sie sich allerdings nicht richtig ansehen konnten, weil sie noch angeschnallt waren.
In der Mitte unseres inzwischen ziemlich zugewucherten Rasens stand nun schon seit drei Monaten dieses Schild, das ich allmählich so abgrundtief hasste, dass es mich selbst manchmal beunruhigte. Das Schild gehörte einem Immobilienmakler und zeigte eine grinsende Frau mit toupierter Haarsprayfrisur. FOR SALE, stand auf dem Schild und darunter in noch größeren Buchstaben: Welcome HOME.
Was die Großbuchstaben sollten, habe ich mich von Anfang an gefragt und nie eine richtige Erklärung dafür gefunden. Ich bin nur so weit gekommen, dass man so was wahrscheinlich gerne liest, wenn man erwägt, in ein Haus einzuziehen. Blöd ist es halt nur, wenn man aus diesem Haus gerade ausziehen muss.
Nie im Leben hätte ich gedacht, dass auf unserem Rasen jemals so ein Immobilienschild stehen würde. Noch vor drei Monaten war mir mein Leben geradezu nervtötend normal vorgekommen. Wir wohnten in Raven Rock, einem Vorort von Los Angeles. Meine Eltern waren beide Dozenten am College of the West, einer kleinen Hochschule, zu der man von uns aus zehn Minuten mit dem Auto brauchte. Nahe genug also, um einen kurzen Arbeitsweg zu haben, aber auch weit genug weg, um nicht jeden Samstag die Saufgelage der Burschenschaftler mit anhören zu müssen. Mein Vater hat Geschichte unterrichtet (Bürgerkrieg und Reconstruction-Ära) und meine Mutter englische Literatur (Moderne).
Mein drei Minuten jüngerer Zwillingsbruder Charlie hatte bei seinen mündlichen Vorprüfungen an der Highschool ausgezeichnet abgeschnitten und hätte um ein Haar eine Anzeige wegen Drogenbesitz kassiert, wenn er nicht dem Bullen, der ihn deshalb hochnehmen wollte, erfolgreich eingeredet hätte, dass das Päckchen Gras in seinem Rucksack in Wirklichkeit eine seltene kalifornische Kräutermischung namens Humboldt und er selbst Lehrling an der Gastronomieschule Pasadena sei.
Ich hatte gerade angefangen, in den Theaterstücken an unserer Highschool Hauptrollen zu übernehmen, und dreimal mit Michael Young, Studienanfänger am College (Hauptfach noch unklar), rumgeknutscht. Mein Leben war zwar nicht gerade perfekt – meine allerbeste Freundin Julia Andersen war im Januar nach Florida umgezogen –, aber im Nachhinein betrachtet doch ziemlich super. Nur dass mir das damals nicht so klar war. Ich war immer davon ausgegangen, dass alles mehr oder weniger so bleiben würde.
Ich hielt Ausschau nach dem unbekannten Subaru, dessen mir ebenso unbekannte Insassen sich immer noch unterhielten, und dachte – nicht zum ersten Mal –, wie dämlich ich doch gewesen war. Und ein Teil von mir (der sich irgendwie immer nur dann meldete, wenn es schon spät war und vielleicht ein bisschen Schlaf für mich angebracht wäre) stellte die bohrende Frage, ob irgendwie ich selber das alles verursacht hatte, weil ich mir so sicher gewesen war, dass sich nie etwas ändern würde. Ganz abgesehen von meinen anderen Fehlern, die dazu geführt hatten.
Meine Mutter beschloss gleich nach dem Unfall, das Haus zu verkaufen. Charlie und ich wurden dabei nicht gefragt, sondern nur informiert. Nicht, dass es was gebracht hätte, Charlie zu fragen. Seit dem Unfall war er so ziemlich ununterbrochen auf Drogen. Bei der Beerdigung hatten alle ganz betroffen getuschelt, weil sie dachten, seine blutunterlaufenen Augen kämen vom vielen Heulen. Offenbar hatten die Leute alle schwerwiegende Nasenprobleme, denn bei Charlie roch man schon zehn Meter gegen den Wind, was los war. Schon seit der 7. Klasse musste er hin und wieder ordentlich abfeiern, und voriges Jahr war es heftiger geworden. Aber nach dem Unfall wurde es derart krass, dass der rauschfreie Charlie zu so einer Art Sagengestalt wurde, an die sich kaum noch jemand erinnern konnte. So ähnlich wie der Yeti.
Die Patentlösung für unsere ganzen Probleme, so befand meine Mutter, hieß Umzug. »Wir fangen noch mal ganz neu an«, hatte sie uns eines Abends beim Essen eröffnet. »An einem Ort, an dem nicht so viele Erinnerungen hängen.« Das Schild der Maklerfirma wurde gleich am nächsten Tag aufgestellt.
Wir sollten also nach Connecticut ziehen, in einen Bundesstaat, in dem ich noch nie gewesen war und auf den ich auch nicht sonderlich viel Bock hatte. Oder, wie mein Englischlehrer Mr Collins es formulieren würde, wohin ich nicht den Wunsch hegte, meinen Wohnsitz zu verlegen. Meine Großmutter wohnte zwar dort, aber sie war uns immer besuchen gekommen, da wir ja nun mal in Südkalifornien wohnten und sie eben in Connecticut. Und nun hatte meine Mutter vom Fachbereich Anglistik am Stanwich College ein Stellenangebot bekommen. Außerdem gab es dort in der Nähe eine megatolle Highschool, die wir ihrer Ansicht nach bestimmt ganz super finden würden. Das College war ihr bei der Wohnungssuche behilflich gewesen, und sobald für Charlie und mich das Schuljahr um war, würden wir allesamt dorthin ziehen, während die Maklerin mit dem Schild Welcome HOME unser bisheriges Haus verhökerte.
Das war zumindest der Plan. Aber einen Monat nachdem das Schild in unserem Garten aufgetaucht war, konnte selbst meine Mutter nicht mehr so tun, als ob sie nicht mitkriegen würde, was mit Charlie los war. Als Nächstes hat sie ihn dann von der Schule genommen und in einer Entzugsklinik für Jugendliche in North Carolina untergebracht. Unmittelbar danach ist sie nach Connecticut abgereist, weil sie dort am College schon ein paar Sommerkurse geben musste und sich »um alles kümmern« wollte. Zumindest war das ihre Begründung. Ich allerdings hegte den starken Verdacht, dass sie hauptsächlich weg von mir wollte. Sie konnte mich ja kaum noch richtig anschauen. Nicht, dass ich ihr das verübelte. Schließlich konnte ich mir an den meisten Tagen selber nicht ins Gesicht sehen.
Deshalb habe ich den letzten Monat allein in unserem Haus zugebracht, abgesehen von Hildy, der Maklerin, die ab und zu mit ein paar Interessenten auftauchte – und zwar meistens dann, wenn ich gerade aus der Dusche kam –, und von meiner Tante, die gelegentlich aus Santa Barbara herkam und kontrollierte, ob ich mich vernünftig ernährte und nicht heimlich Crystal Meth produzierte. Der Plan war simpel: Ich sollte das Schuljahr noch beenden und mich dann direkt nach Connecticut begeben. Einziges Problem war das Auto.
Die Leute im Subaru unterhielten sich immer noch, aber anscheinend hatten sie die Gurte inzwischen abgeschnallt, denn nun sahen sie sich an. Ich warf einen Blick zu unserer Doppelgarage, in der jetzt nur noch ein Auto stand – das einzige, das wir noch hatten. Es gehörte meiner Mutter und war ein roter Jeep Liberty. Sie brauchte ihn dringend in Connecticut, da es langsam ein Problem wurde, sich ständig den Uralt-Cadillac meiner Großmutter auszuborgen. Dadurch verpasste Oma nämlich immer wieder ihre Bridgerunden und sie hatte überhaupt kein Verständnis dafür, dass meine Mutter andauernd in irgendwelche Einrichtungsmärkte fahren musste. Vor einer Woche, am Donnerstagabend, hat mir meine Mutter dann mitgeteilt, wie sie das Autoproblem zu lösen gedachte.
Es war der Premierenabend unseres Frühjahrsmusicals Candide und zum ersten Mal wartete nach der Aufführung niemand im Foyer auf mich. Früher hatte ich meine Eltern und Charlie immer möglichst schnell abgewimmelt und war in Gedanken schon bei der Premierenparty, während ich ihre Blumen und Komplimente entgegennahm. Bis vor Kurzem hatte ich keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn nach der Vorstellung keiner auf einen wartet und sagt, wie toll er die Aufführung fand. Diesmal bin ich gleich mit dem Taxi nach Hause gefahren, ohne zu wissen, wo die Party überhaupt steigt. Die anderen Darsteller, mit denen ich noch vor drei Monaten eng befreundet gewesen war, alberten herum und quatschten, während ich stur meine Tasche packte und dann vor der Schule auf das Taxi wartete. Inzwischen hatte ich ihnen so oft gesagt, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, dass sie das nun tatsächlich taten. Eigentlich nicht weiter überraschend. Ich hatte gelernt, dass sich die Leute ziemlich schnell zurückzogen, wenn man sie nur heftig genug vor den Kopf stieß.
Als das Telefon klingelte, stand ich gerade noch in voller Cunégonde-Maske in der Küche. Die angeklebten Wimpern juckten schon und der Song »Best of All Possible Worlds« ging mir nicht aus dem Kopf.
»Hallo, mein Schatz«, hörte ich meine Mutter gähnend sagen, als ich ranging. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es in Connecticut schon fast ein Uhr nachts war. »Wie geht’s denn bei dir?«
Ich war kurz davor, ihr die Wahrheit zu sagen. Aber da ich das nun schon fast drei Monate nicht mehr gemacht hatte und ihr offenbar nichts aufgefallen war, kam es mir unsinnig vor, ausgerechnet...




