E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Matthes Miese Opfer
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95927-560-6
Verlag: Oetinger34
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-95927-560-6
Verlag: Oetinger34
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Und wenn du dich wehrst, wie weit wirst du gehen?
Sommerferien. Zwei beste Freunde. Comics, Computerspiele, Musik und Mädchen. Und dann kommt der erste Schultag und bringt das Monster zurück. Wie viel hält man aus, ohne sich zu wehren und wenn man sich wehrt, wie weit geht man? Immer enger windet sich die Spirale der Gewalt.
Authentisch. Literarisch. Ein außergewöhnliches Debüt zum Thema 'Mobbing'. Beklemmend realistisch und zugleich witzig und leicht erzählt der 22-jährige Autor eine Geschichte über Peinigung, Macht und Kontrolle. Ein Roman von inhaltlicher und sprachlicher Wucht.
Silas Matthes wurde 1992 in Hamburg geboren und wuchs in einem kleinen Dorf ganz in der Nähe auf. Mit achtzehn Jahren begann er an Texten zu arbeiten, mit zwanzig schrieb er die erste Fassung von 'Miese Opfer'. Silas studiert Kreatives Schreiben in Hildesheim und 'Miese Opfer' ist sein Debütroman.
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Ich fühlte mich fiebrig, aber ich wusste, dass ich nicht wirklich krank war. Vielleicht hatte ich eine allergische Reaktion gegen die Schule. Da ich so ungefähr gegen alles von Tierhaaren bis Kiwi allergisch war, fand ich die Idee nicht schlecht. Wenn ich dort ankäme und plötzlich finge meine Haut an zu jucken, dann stand es fest, dann musste ich nie wieder dahin. Ich müsste dann nur noch zum Arzt, mir ein paar Tropfen Schule auf den Unterarm träufeln lassen, das würde sich dann heftig röten, und der Arzt würde sagen: »Oh, oh, oh. Da haben wir es ja mit einer richtig gesundheitsgefährdenden Form von Schulallergie zu tun, Sie dürfen da nie wieder hin, oder Sie müssen mit bleibenden Schäden rechnen.« Aber dann würde ich Leo im Stich lassen. Also stand ich auf, ging aufs Klo, wo ich fast noch einmal einschlief, duschte und verlor den Kampf gegen meine Haare. Irgendwo stand immer was ab, selbst mit Duschen. Der Dialog zwischen meiner Mutter und mir beschränkte sich auf »Morgen«, »Morgen«, »Kann ich mal Nutella?«, »Tschüss« und »Tschüss«. Für die Uhrzeit war das eine sehr lange Unterhaltung. »He, Wiegel!«, hörte ich meinen Nachbarn Sabelmann von links über unseren Vorgarten hinwegbrüllen, als ich aus der Haustür ging. Sabelmann selbst blieb hinter der großen grünen Hecke versteckt. »Weißt du, was ich gestern in meinem Garten gesehen habe? Einen Grünspecht.« »Tatsächlich? Bist du dir sicher, dass es kein Buntspecht war? Die sind nämlich gar nicht so selten«, rief Wiegel vom rechten Nachbargrundstück aus zurück. Hinter dem Zaun befand sich eine Reihe gestutzter Büsche, und in einer der Lücken konnte ich einen Teil von Wiegels kleinem, kugelbauchigem Körper erkennen. Warum standen diese Rentner nur so früh auf? An deren Stelle hätte ich jeden Tag mindestens bis zwölf gepennt. »Nein, nein. Es war ein Grünspecht. Der fühlte sich richtig wohl in meinem Garten.« »Hast du ein Foto gemacht?« »Nein. Glaubst du mir etwa nicht, Wiegel?« »Doch, doch. Mit Foto wäre es nur eindeutiger, dass du einen Grünspecht und keinen Buntspecht gesehen hast.« Ich mochte weder Wiegel noch Sabelmann. Sabelmann versuchte mich immer in Gespräche zu verwickeln, was an sich nicht schlimm gewesen wäre, wenn er sich dabei nicht wie ein altkluger Großvater aufgeführt hätte. Er versuchte natürlich, weise zu klingen, aber das war er nicht. Ich hatte schon einen Großvater, und der war weise. Na ja, Sabelmann tat mir dann auch immer leid, wie er mich da zutextete, die knochigen Arme hinterm Rücken haltend, und ich ließ ihn meistens reden. Mit Wiegel wechselte ich kein Wort, nie. Ich hatte ihn mal dabei entdeckt, wie er am Fenster stand und in unser Bad starrte. Meine Mutter war gerade duschen gegangen. Ich war nach draußen gelaufen und im Garten rumgewandert, sodass Wiegel sich hatte verziehen müssen. Und meiner Mutter hatte ich gesagt, sie solle doch mal die Vorhänge beim Duschen zuziehen. Aber mit Wiegel redete ich kein Wort mehr. Bei meiner Mutter hörte der Spaß auf. Ich pflückte im Garten Löwenzahnblätter (da musste ich nicht lange suchen, die kleine Rasenfläche bestand weniger aus Rasen, mehr so aus Löwenzahn, Gänseblümchen und Moos) und fütterte meine Meerschweinchen in ihrem Käfig unter dem Carport. Sie fiepten aufgeregt, weil sie endlich was Frisches zu essen bekamen – und sogar ihr Lieblingsessen. Obwohl, die Viecher fiepten eigentlich immer. Waren sehr mitteilungsbedürftig. Hildegard und Gertrude. Als ich mir die Namen aussuchen sollte, hatte ich das witzig gefunden. Hildegard war zwei Jahre jünger als Gertrude, sie hatte glatt-schwarzes Fell und einen dicken Hintern. Gertrude hatte superbuschiges Fell, riesige Vorderzähne und sah immer ein bisschen verrückt und wie kurz vorm Amoklauf aus. Ich verabschiedete mich von Gertrude und Hildegard, wünschte ihnen einen schöneren Tag als mir, sie fiepten als Antwort. Wiegel und Sabelmann diskutierten mittlerweile darüber, ob bei Wiegel im Garten tatsächlich die Gewölle einer Eule lagen und wenn ja, ob diese Gewölle seltener seien als ein Grünspecht. Ich ging auf die Straße, bergabwärts in Richtung Schule. Ich hatte nicht weit zu laufen, genau 687 Meter (Leo und ich hatten das mal mit einem Fahrradtacho ausgemessen). Erst die Büchnergasse lang, dann ein Stückchen auf dem Stresemannweg, schon war ich an der Hauptstraße, folgte ihr 189 Meter, vorbei an Subway und dem Kosmetik-Nagelstudio, bog nach links ab und war am Gymnasium Wolstedt. Ich wartete am Fahrradständer, ein bisschen abseits und hinten. Die Luft noch feucht, über dem Boden der Tau, aber in ein paar Stunden würde die Sonne wieder knallen wie sonst was. Schon bitter, dass die Ferien so früh angefangen hatten, dass jetzt Mitte August die Schule wieder losging und wir uns im Hochsommer die Hirne ausschwitzen mussten. Die Trägheit der Ankommenden hatte etwas Faszinierendes. Sie wirkten wie Hypnoseopfer, nur ein paar sehr seltsame Leute machten einen motivierten Eindruck. Nach sechs Minuten kam Leo auf dem Fahrrad angerast. Mann, der hätte bestimmt mit meiner Mutter mithalten können; der Rücken rund über das Gestell gebogen. »Ach, du auch hier«, sagte er, kaum außer Atem. Ich lächelte halbherzig und sah danach aufmerksam auf den Schulvorplatz. Leo stieg vom Rad, schloss es ab, und wir gingen hinein. Ins Lande Mordor, wo die Schatten drohen. In unserem Klassenraum hatte sich die Fahrradständerträgheit verzogen, dafür erzählten sich jetzt alle von ihren Ferien. Marvin gestikulierte dabei so wild, dass er Leif aus Versehen den Finger ins Auge rammte. Leo und ich huschten in die Ecke vorne rechts. Da die Rangordnung einer Klasse sich absteigend zur Nähe vom Lehrerpult zeigte, hätten wir eigentlich auf dem Lehrerpult Platz nehmen müssen, aber das ging ja nicht. Hinten links hockten Lars und Mario, sie saßen auf den Tischen und erzählten Carla Harske von irgendwelchen Saufaktionen aus den Ferien. Carla, oh Mann, nach jeder Ferienpause kam die heißer zurück in die Schule. Und jetzt noch mit der braunen Haut und den Hotpants, die ihren Arsch so schön betonten. Ich hatte einen heftigen Ständer. Frau Bresse kam rein, wir hatten Politik. Eigentlich bekamen wir neue Lehrer, aber Frau Bresse hatten wir irgendwie behalten. Die coolen Lehrer behielt man nie. Die winzige Frau mit den schulterlangen graubraunen Haaren und den riesigen Fettpolstern an der Hüfte – ansonsten war sie schlank – musste lange warten, bis sie anfangen konnte. Und selbst dann war es nicht wirklich ruhig. Sie fragte uns zum Einstieg, welche politischen Ereignisse wir denn in den Ferien mitbekommen hatten. Vereinzelte Hände gingen hoch, einsilbige Antworten und ein Gag von Justus, dass er in einem Selbstexperiment das Leben eines Hartzers nachempfunden hatte, mehr kam nicht. Das passte Frau Bresse, denn jetzt konnte sie das machen, was sie am liebsten tat: von sich selbst erzählen. Sie fing an mit irgendeiner politischen Sache, kam aber im Sprinttempo zu den Rehen, die die Erdbeeren in ihrem Garten aufgefressen hatten. Leo und ich schalteten ab, aber mit unserem Sitzplatz ganz vorne konnten wir nichts nebenbei machen. Ich wagte einen Blick zu den hinteren Reihen. Dort redeten alle, einige zeigten sich irgendwelche Sachen auf ihren Smartphones. Lars sagte etwas, Mario boxte ihm gegen die Schulter und grinste dümmlich. Cedric – sehr klein, dunkle Lockenhaare, hellblaue Augen und kräftige Lippen – saß zwischen Merle und Tara. Er legte Tara die Hand aufs Knie und rückte damit ein kleines Stück den Oberschenkel hoch, sagte etwas, rückte noch ein Stück, dann schlug Tara seine Hand weg und lachte. Cedric drehte sich zu Merle und legte ihr die Hand aufs Knie. Ich wandte mich wieder um, und gemeinsam glotzten Leo und ich willenlos nach vorne, als hätte man uns mit Medikamenten ruhiggestellt. Nach vierzig Minuten fühlte ich mich, als wäre ich schon seit zwei Jahren und 198 Tagen in der Schule. Frau Bresse erzählte gerade von ihrer Vorliebe für Stachelbeeren. Die letzten fünf Minuten waren dann wie Jahrhunderte, ich fragte mich, ob ich beim nächsten Blick in den Spiegel einen Typen mit grauweißen Haaren und faltigem Gesicht sehen würde. Es klingelte zur kleinen Pause. Wir gingen zum Fenster, Leo öffnete es weit. Die Luft draußen erhitzte sich schon, aber noch lag unser Klassenraum im Schatten. Gegen Mittag würde die Sonne hier ankommen und dem Raum Tropenklima verpassen. Plötzlich knallte mir etwas schmerzhaft von hinten gegens Ohr. Ich duckte mich, aber es kam nicht noch mehr. Mario ging an uns vorbei, aus dem Klassenraum. Leo hielt sich irgendwie nachdenklich das Ohr, war dem Fingerschnipser auch nicht entgangen. »Denen fällt auch nichts mehr ein«, meinte ich und versuchte zu grinsen. »Mh«, machte Leo nur. Was war mit dem Kerl bloß los? Wir schauten aus dem Fenster und schwiegen. Nach gefühlt einer Minute war die Pause wieder vorbei. Wir setzten uns an unseren Platz, Frau Bresse machte weiter, teilte dabei aber immerhin ein Arbeitsblatt über die Eurokrise aus. Mario kam zu spät und zwiebelte mir noch einen Fingerschnipser hinter die Ohren. »Wenn plötzlich die Zombieapokalypse losgehen würde, was würdest du machen?«, fragte Leo. Wir schlenderten hinten bei der Reihe aus Eichen- und Ahornbäumen hin und her. Das Gebrüll der Fußballer, die Kugel flog am kleinen Metalltor vorbei in unsere Richtung. Wir taten so, als hätten wir es nicht gesehen. »Keine Ahnung,...




