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E-Book, Deutsch, 0 Seiten

Matthews Das vergessene Kind

Roman
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-14767-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

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ISBN: 978-3-641-14767-9
Verlag: Goldmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Provence, August 1963: Auf dem Weg nach Hause wird der kleine Christian überfallen und getötet. Sein Mörder wird nie gefasst. Dominic Fornier, der mit den Ermittlungen betraut war, hatte stets gehofft, das Verbrechen aufklären zu können. Und nun, nach über dreißig Jahren, scheint die Chance gekommen. Er hört von Eyran, einem Jungen aus England, der von seltsamen Träumen heimgesucht wird. Eyran sieht wogende Weizenfelder und einen kleinen Jungen, der ihm etwas mitteilen möchte. Außerdem spricht er in Trance Französisch – in einem Dialekt jener Gegend, in der Christian ermordet wurde. Skeptisch, aber dennoch fasziniert besucht Fornier den Jungen – und hofft, der Wahrheit endlich auf die Spur zu kommen …

John Matthews war 26, als sein Debütroman "Basinkasingo" zum Bestseller wurde. Seither hat er Krimis, Actionromane, Gerichtsthriller, zwei Drehbücher und ein Jugendbuch geschrieben. Seine Bücher wurden in 12 Sprachen übersetzt, und sein bisher größter Erfolg, "Das vergessene Kind", wurde von der Times in die Top Ten der besten Gerichtsthriller aller Zeiten gewählt.
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1

Kalifornien im Dezember 1994

Felder von Gold. Verbrannter Weizen unter heißer Sonne.

Eyran fühlte den warmen Luftzug auf der Haut, während er zwischen den Halmen hindurchrannte, berauscht von der eigenen Geschwindigkeit, diffus die vorbeifliegenden und vor ihm zurückschnellenden Ähren wahrnahm, die gegen seine Beine und Schenkel peitschten. Es war England. Er wußte es instinktiv, obwohl es keine eindeutigen Landmarken in seinem Traum gab, die ihm Gewißheit verschafft hätten. Das Feld, in dem er früher in England gespielt hatte, lag auf einem Hügel, zog sich hinab zu einem kleinen Wäldchen, das sich in eine Senke schmiegte. Genau dort befanden sich einige seiner Lieblingsverstecke. Ein weiteres Weizenfeld erhob sich sanft dahinter und ging schließlich in Kohl-, Mais- und Haferfelder über. Ein farbenfrohes Flickwerk aus Grün und Gold, das sich träge bis zum Horizont hinstreckte.

Das Feld in seinem Traum jedoch lag auf flachem Gelände, und Eyran rannte hindurch und sah sich verzweifelt nach all jenen vertrauten Landmarken um: dem hohlen Baum im Hain, wo er ein Baumhaus gebaut hatte, dem kleinen Bach, der aus Richtung der Broadhurst Farm in das Wäldchen floß – wo Sarah manchmal mit ihrem Labrador spazierenging. Das Feld, das sich jetzt vor ihm ausbreitete, verlief hartnäckig auf ebenem Niveau, egal wie schnell er auch rannte und wie viele Halmreihen er durchpflügte. Die Linie des blauen Horizonts über dem Gold blieb gerade. Dabei verließ ihn nie das Gefühl, daß sich die Umgebung ändern würde, wenn er nur weiterlief, daß er irgendwann die vertraute Senke mit dem Wäldchen sehen mußte. Und er wurde schneller, eine unermüdliche Energie trieb ihn weiter. Dann wechselten mit einem Mal die Konturen. Direkt vor sich sah er etwas, das die Kammlinie eines Hügels zu sein schien. Und auch die Stellung der Sonne hatte sich verändert. Ihr Licht stach ihm in die Augen und kam näher, immer näher … blendete den Hügel vor ihm aus, dann den Horizont. Sie versengte den goldenen Weizen zu einem gleißenden Weiß und brannte in seinen Augen wie ein Blendspiegel.

Eyran wachte mit einem Schlag auf, als das Licht in seinen Augen schmerzte. Er sah aus dem Autofenster direkt in Scheinwerfer, die von einer Seite auf ihn gerichtet waren, jedoch abschwenkten, als der Wagen nach links abbog. Er erkannte keinerlei vertraute Anhaltspunkte in der Landschaft, obwohl er wußte, daß sie eine gute Strecke zurückgelegt haben mußten, seit sie ihre Freunde in Ventura verlassen hatten. Er hörte seinen Vater etwas über die Kreuzung murmeln, an der sie zum Highway Nummer 5 nach Oceanside und San Diego kommen sollten, dann knisterte Papier, als seine Mutter auf dem Beifahrersitz vergeblich versuchte, die Karte an der richtigen Stelle auseinanderzufalten. Die Fahrt des Wagens verlangsamte sich, während der Vater in Abständen immer wieder auf die Karte blickte.

»Ist das die Auffahrt, wo es nach Anaheim und Santa Ana geht, kannst du das erkennen?« fragte Jeremy. »Vielleicht sollte ich anhalten.«

»Ja, vielleicht. Ich bin eben nicht so gut im Kartenlesen.« Allison wandte sich halb dem Rücksitz zu. »Ich glaube, Eyran ist sowieso wach. Er hat morgen Schule. Wäre gut, wenn er noch etwas schläft.« Allison drehte sich um und strich sanft über Eyrans Schläfe.

Unter der beruhigenden Berührung schloß Eyran die Augen. Doch als die Mutter ihre Hand zurückzog und er merkte, daß sie wieder geradeaus sah, schlug er instinktiv die Augen auf und starrte auf ihren Hinterkopf, fixierte ihr goldblondes Haar, bis alles vor ihm verschwamm. Er wünschte sich die Wärme des Weizenfelds und des Traums zurück.

Allison bemerkte, wie Jeremy krampfhaft das Steuerrad umfaßte, als er über ein berufliches Problem sprach. Er blinzelte, als sich seine Augen an das schwindende Licht der Abenddämmerung anpaßten. Wegweiser nach Carlsbad und Escondido tauchten auf.

Allison sah verstohlen noch einmal zu Eyran hin. Er war wieder eingeschlafen, doch sie entdeckte Schweißperlen auf seiner Stirn, und der Kragen seines Hemds war feucht. Sie zog seine Decke ein Stück hinunter. Es war Anfang Dezember, und das Wetter war noch mild mit Temperaturen zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Grad. Zwei Wochen bis zu den Schulferien und der Reise nach England, wo sie nur wenige Tage nach ihrer Ankunft Stuart und Amanda sehen würden. Ein Teil ihres Bewußtseins plante bereits: wie oft Helena während ihrer dreiwöchigen Abwesenheit nach dem Haus sehen sollte, welche frischen Lebensmittel sie ihr im Kühlschrank ließ, Kleidung, Packen, welche dicken Mäntel mitgenommen werden sollten.

»Wir dürften in einer Stunde zu Hause sein«, sagte Jeremy. »Soll ich von meinem Handy aus Helena anrufen?«

»Wie du willst. Sie wollte was vorbereiten. Allerdings kommen wir vierzig Minuten früher als angekündigt.«

Jeremy sah zur Seite, als ein Lastwagen mit Anhänger vorbeiraste. Sein Blick schweifte automatisch zum Tachometer: 90 km/h. Der Lastwagen mußte über 120 fahren. Er schüttelte kurz den Kopf.

Er sah weder das Motorrad, das vor dem Lastwagen ohne Vorwarnung die Spur wechselte, noch den plötzlichen Schlenker, den der Lastwagenfahrer machte, um dem Motorrad auszuweichen. Das erste, was er registrierte, war eine träge Schlingerbewegung des Anhängers, der plötzlich seitwärts ausbrach und sich von der Zugmaschine löste.

In diesem Augenblick schien die Zeit stehenzubleiben. Es war wie eine Momentaufnahme aus einem Film: die Straße, die Bäume, die Hinweistafeln am Straßenrand und die Werbeflächen, der graue Himmel der Abenddämmerung, die Landschaft, die noch vor kurzem an ihnen vorbeigeflogen war, erstarrt. Und dann, mit dem nächsten Wimpernschlag, flog der Anhänger auf sie zu.

Jeremy trat heftig auf die Bremse und riß das Steuer herum … ohne jedoch etwas verändern zu können. Er stöhnte laut auf. »OhJesus!« Er trat noch fester auf die Bremse, kurbelte das Steuerrad in die entgegengesetzte Richtung, weg von dem großen, grauen Block, der unbeirrt auf sie zuraste, bis er die Windschutzscheibe und sein Blickfeld vollständig ausfüllte und die Motorhaube des Jeeps eindrückte.

Er hörte Allison schreien, als der Jeep beim Aufprall abrupt zur Seite wegkippte, und fühlte einen brennenden Schmerz in Magengegend und Rippen, der ihm die Luft nahm, als die Windschutzscheibe zerbarst und die Glassplitter wie Flocken in einem Schneesturm um sie herumwirbelten. Dann spürte er eher Taubheit als Schmerz, als der Motorblock in die Fahrerkabine geschoben wurde, sein rechtes Bein knapp über dem Kniegelenk abtrennte. Der Jeep überschlug sich mehrmals, so daß Himmel, Straße und Grasbankette karussellgleich um ihn kreisten. Dann war nur noch Dunkelheit.

Er erinnerte sich, daß er später noch einmal aufwachte. Er hörte Stimmen, wenn auch nur gedämpft und undeutlich. Als er versuchte, den Blick zu fokussieren, schienen die Leute weit weg zu sein, obwohl er deutlich den Arm eines Mannes erkennen konnte, der sich über ihn beugte und seinen Körper berührte. Das Atmen machte ihm Mühe. Jeder Atemzug klang gurgelnd, als habe er warmes Wasser verschluckt, und ein brennender Schmerz erfaßte seinen Magen und ein Bein. Er mußte eine ganze Weile so gelegen haben, gab sich zeitweise fast erleichtert der willkommenen Bewußtlosigkeit hin, wußte jedoch irgendwie, daß der Schmerz seine einzige konkrete Verbindung zum Leben war.

Er formte den Namen ›Eyran‹ mit den Lippen, aber der Mann an seiner Seite reagierte nicht, und Jeremy konnte die eigene Stimme nicht hören.

Als sie ihn endlich hochhoben, die Lichter flüchtig zur Seite zuckten, verstummten die Stimmen, und er versank erneut in tiefer Bewußtlosigkeit.

Stuart Capel sah auf die Uhr: 22 Uhr 40 – 14 Uhr 30 in Kalifornien. Als er seinen Bruder Jeremy das erste Mal angerufen hatte, hatte sich nur der Anrufbeantworter eingeschaltet. Daher hatte er sich vorgenommen, es am Nachmittag noch einmal zu versuchen.

Es waren nur noch zwei oder drei Wochen hin, und es gab so viel zu planen. Er hatte Jeremy und seine Familie fast zwei Jahre nicht gesehen. Über Weihnachten, wenn sie kamen, hatte er zehn Tage frei. Das einzige Problem war, daß er nicht mehr wußte, ob sie am 16. oder am 23. eintreffen würden. Der überkorrekte Jeremy hatte ihn vor fast einem Monat angerufen, ihm detailliert Flugnummern, Daten und Zeiten durchgegeben. Irgendwie waren zwar die Flugnummer und die Ankunftszeit auf seinem Telefonnotizblock gelandet, aber nicht das Datum. Und dummerweise verkehrte derselbe Flug mit derselben Nummer allwöchentlich am selben Tag zwischen Amerika und England.

Wenn er Jeremy danach fragen mußte, würde das sicher einen Kommentar provozieren. Er würde einen Rüffel einstecken müssen, der alles sagte: Ich bin organisiert, was man von dir nicht behaupten kann, ich habe Erfolg, weil ich organisiert bin, du erntest Mißerfolge, weil du nicht organisiert bist. Jeremy, der Pedant. Jeder Schritt seines Lebens war peinlich genau dokumentiert und geplant. Von der Universität in Cambridge, der Ausbildung und Zulassung als Strafanwalt in London, der Wiederholung der Examina in den Vereinigten Staaten bis zu den Monaten in Boston als Sprungbrett für eine Kanzlei in San Diego.

Stuarts Leben und berufliche Karriere standen in krassem Gegensatz dazu. Dem raketenförmigen Aufstieg in den Achtzigern als Mediendesigner folgte der Absturz. Zwei Trennungen von Partnern und...


Matthews, John
John Matthews war 26, als sein Debütroman "Basinkasingo" zum Bestseller wurde. Seither hat er Krimis, Actionromane, Gerichtsthriller, zwei Drehbücher und ein Jugendbuch geschrieben. Seine Bücher wurden in 12 Sprachen übersetzt, und sein bisher größter Erfolg, "Das vergessene Kind", wurde von der Times in die Top Ten der besten Gerichtsthriller aller Zeiten gewählt.



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