E-Book, Deutsch, Band 1, 416 Seiten
Reihe: Fin Macleod ermittelt
May Die Vogelinsel
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-311-70625-0
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fin Macleod ermittelt auf den schottischen Hebriden
E-Book, Deutsch, Band 1, 416 Seiten
Reihe: Fin Macleod ermittelt
ISBN: 978-3-311-70625-0
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter May, geboren 1951 in Glasgow, begann seine Karriere als Journalist für diverse Zeitungen. Schon 1972 wurde er mit dem Fraser Award als Scotland's Young Journalist of the Year ausgezeichnet. Einige Jahre später veröffentlichte er mit Der Reporter seinen Debütroman. In den darauffolgenden Jahrzehnten war er als Drehbuchautor tätig und verfasste außerdem mehrere Krimireihen sowie Standalones - von seinen insgesamt über dreißig Büchern wurden in vierzig Ländern fünfzehn Millionen Exemplare verkauft. Heute lebt May mit seiner Frau im Südwesten Frankreichs.
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1
Es war spät, draußen war es schwül. Fin konnte sich nurmühsam konzentrieren. Er hatte ein Gefühl, als ob ihn die Dunkelheit in seinem kleinen Arbeitszimmer mit zwei großen Händen auf den Stuhl niederdrückte. Der Lichtkegel seiner Schreibtischlampe zog ihn wie eine Motte magisch an, blendete ihn jedoch zugleich und brannte ihm in den Augen, sodass die Notizen vor seinem Blick verschwammen. In der Stille war nur das leise Surren des Computers zu hören, und am Rande seines Gesichtsfelds flackerte der Bildschirm. Er hätte schon vor Stunden schlafen gehen sollen, doch er musste unter allen Umständen seine Hausarbeit fertigstellen. Die Fernuniversität war seine einzige Alternative, und er hatte die Abgabe vor sich hergeschoben. Idiotischerweise.
Er hörte, wie sich in der Tür hinter ihm etwas bewegte, und fuhr gereizt auf seinem Drehstuhl zu Mona herum. Doch der Vorwurf blieb ihm im Halse stecken. Anstelle von Mona sah er ungläubig zu einem Mann auf, der so groß war, dass er nicht aufrecht stehen konnte und den Kopf schief legen musste, um nicht an die Decke zu stoßen. Nicht dass die Räume besonders hoch waren, doch dieser Mann musste zwei Meter vierzig sein. Er hatte sehr lange Beine und trug eine dunkle Hose mit Gürtel, die sich in Falten um seine schwarzen Stiefel legte. Er hatte ein Karohemd an, darüber einen offenen Anorak mit aufgeschlagenem Kragen und Kapuze. Seine langen Arme baumelten aus viel zu kurzen Ärmeln. Dem faltigen, finsteren Gesicht und den dunklen, ausdruckslosen Augen nach schätzte ihn Fin auf etwa sechzig. Sein fettiges silbergraues Haar hing ihm bis unter die Ohren. Im Licht der Schreibtischlampe schienen die Schatten in den Zügen des Mannes wie in Stein gemeißelt. Er sagte nichts, sondern starrte Fin nur an. Was zum Teufel hatte der Kerl hier zu suchen? Fin stellten sich die Nackenhaare auf, und er merkte, wie ihn die Angst packte. Dann auf einmal hörte er seine eigene Stimme in der Dunkelheit wimmern wie ein Kind. »Komischer Ma-ann … Ma-ann.« Der Mann starrte ihn weiter unverwandt an. »Da ist ein komischer Ma-ann …«
»Was ist los, Fin?«, fragte Mona. Sie schüttelte ihn besorgt an der Schulter.
Doch selbst nachdem er die Augen geöffnet und ihr erschrockenes, vom Schlaf verquollenes Gesicht gesehen hatte, hörte er sich immer noch heulen: »Komischer Ma-ann …«
»Gott noch mal, was hast du?«
Er legte sich auf den Rücken, um tief Luft zu holen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. »Hab nur geträumt. Schlecht geträumt.« Doch das Bild dieses Mannes in seinem Arbeitszimmer stand ihm wie ein Kinderalbtraum vor Augen. Er sah auf die Nachttischuhr. Der Digitalanzeige nach war es sieben nach vier. Er versuchte zu schlucken, doch sein Mund fühlte sich trocken an, und er wusste, dass er nicht wieder einschlafen konnte.
»Du hast mich zu Tode erschreckt.«
»Tut mir leid.« Er schlug die Decke zurück und schwang die Füße über die Kante. Er schloss die Augen und massierte sich das Gesicht, doch der Mann war immer noch da, als sei er ihm in die Netzhaut eingebrannt. Er stand auf.
»Wo willst du hin?«
»Aufs Klo.« Er tappte leise über den Teppich und öffnete die Tür zum Flur. Das Mondlicht fiel, von den pseudogeorgianischen Fensterrahmen in geometrische Muster gegliedert, in die Diele. Auf halbem Weg kam er an der offenen Tür zu seinem Arbeitszimmer vorbei. Drinnen war es pechschwarz, und er schauderte. Wie deutlich und nachhaltig das Bild haftenblieb! An der Badezimmertür blieb er stehen, wie seit fast vier Wochen jede Nacht, und richtete den Blick wie gebannt auf die Tür am Ende des Flurs. Die Tür war halb geöffnet, und in dem Zimmer dahinter war es mondhell. Die Gardinen, die eigentlich zugezogen sein sollten, waren offen. Das Zimmer war leer. Fin wandte sich mit einem schrecklichen Gefühl in der Herzgegend ab und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn.
Das plätschernde Geräusch von Urin, der ins Wasser trifft, hatte etwas Beruhigendes, Normales. Seine Depressionen setzten immer in der Stille ein. Aber diese Nacht fühlte er sich nicht leer. Er hatte ja Besuch von diesem Kerl im Anorak. Fin überlegte, ob er ihn vielleicht kannte, ob ihm dieses lange Gesicht mit dem zotteligen Haar vertraut erschien, und plötzlich erinnerte er sich an die Beschreibung des Mannes im Auto, die Mona der Polizei gegeben hatte. Er sei um die sechzig gewesen, mit langem, fettigem grauen Haar.
Auf der Busfahrt in die Stadt huschten die Greystone-Mietshäuser wie die flimmernden Bilder eines körnigen alten Schwarz-Weiß-Films an seinem Fenster vorbei. Er hätte mit dem Wagen fahren können, doch in Edinburgh setzte man sich nicht unbedingt gern hinters Lenkrad. Als er die Princes Street erreichte, brach die Wolkendecke auf, und die Sonne legte sich in Wellen über die grüne Fläche der Gärten unterhalb des Schlosses. Um eine Gruppe Straßenkünstler, die Feuer schluckten und mit Keulen jonglierten, hatte sich eine Menschentraube gebildet. Auf den Stufen der Kunstgalerien spielte eine Jazzband. Fin stieg an der Waverley Station aus und ging zu Fuß über die North und die South Bridge in die Altstadt, dann Richtung Süden an der Universität vorbei, um schließlich nach Osten abzubiegen, der im Schatten der Salisbury Crags lag. Das Licht fiel schräg auf die grünen Hänge der Klippen, die oberhalb des Polizeipräsidiums, in dem sich die Abteilung A befand, emporragten.
In einem der oberen Stockwerke nickte man ihm im Flur zu. Jemand legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: »Mein tief empfundenes Beileid, Fin.«
Detective Chief Inspector Black sah nur kurz von seinen Papieren auf und deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Er hatte ein hageres Gesicht sowie einen käsigen Teint und wühlte mit nikotinverfleckten Fingern in seinen Unterlagen. Als er schließlich zu Fin aufsah, erinnerte sein Blick an den eines Falken. »Wie läuft das Fernstudium?«
Fin zuckte mit den Achseln. »Ganz gut.«
»Ich hab Sie nie gefragt, wieso Sie überhaupt die Uni geschmissen haben. Glasgow, oder?«
Fin nickte. »Weil ich jung war, Sir. Und dumm.«
»Wieso sind Sie zur Polizei gegangen?«
»Das war damals das Nächstliegende, wenn man von den Inseln kam, keine Arbeit und nichts gelernt hatte.«
»Dann kannten Sie jemanden in dem Laden?«
»Ich kannte da einige Leute.«
Black sah ihn nachdenklich an. »Sie sind ein guter Cop, Fin. Aber Sie hätten lieber was anderes gemacht?«
»Es ist mein Beruf.«
»Nein, das war es bis vor einem Monat. Und was passiert ist, nun, das war eine Tragödie. Aber das Leben muss weitergehen, ob wir es wollen oder nicht. Alle haben Verständnis dafür, dass Sie Zeit brauchen. In diesem Geschäft bekommen wir weiß Gott genug vom Tod zu sehen, um das zu verstehen.«
Fin betrachtete ihn mit einer beinahe feindseligen Miene. »Sie haben keine Ahnung, wie es ist, ein Kind zu verlieren.«
»Nein, das ist wohl wahr.« Blacks Ton ließ nicht die Spur von Mitgefühl erkennen. »Aber ich habe Menschen verloren, die mir nahestanden, und ich weiß, dass man einfach irgendwie damit fertigwerden muss.« Wie zum Gebet legte er die Hände aneinander. »Aber an nichts anderes mehr zu denken, Fin, das ist … das tut nicht gut. Das ist morbid.« Er schürzte die Lippen. »Es wird Zeit, dass Sie eine Entscheidung treffen. Darüber, was Sie mit Ihrem Leben jetzt anfangen wollen. Und bis dahin möchte ich Sie wieder bei der Arbeit sehen, es sei denn, es gäbe einen zwingenden Grund, der dagegen spricht.«
Er wusste, dass man von ihm verlangte, seinen Dienst wieder aufzunehmen. Mona wollte es, die Kollegen, auch seine Freunde. Und da er wusste, dass er nie wieder der Mensch sein würde, der er vor dem Unfall gewesen war, hatte er sich dagegen gesträubt.
»Wann?«
»Jetzt, gleich heute.«
Fin erschrak. Er schüttelte den Kopf. »Ich brauch noch ein bisschen Zeit.«
»Die hatten Sie, Fin. Entweder Sie kommen zurück, oder Sie kündigen.« Black wartete keine Antwort ab. Er beugte sich vor, nahm einen braunen Schnellhefter von einem gezackten Stapel und schob ihn Fin hinüber. »Sie erinnern sich bestimmt an den Mord auf dem Leith Walk im Mai?«
»Ja.« Fin schlug die Akte nicht auf. Nicht nötig – die nackte Leiche, die zwischen der verregneten Pfingstkirche und der Bank an einem Baum gehangen hatte, war ihm auch so gegenwärtig. An der Mauer hatte auf einem Plakat gestanden: Und Fin erinnerte sich auch noch an seinen ersten, spontanen Gedanken: dass die Installation wie eine Reklame für die Bank aussah, wobei es dann besser geheißen hätte: »Die Bank of Scotland bringt Erlöse«
»Es hat noch so einen Mord gegeben«, sagte Black. »Derselbe Modus Operandi.«
»Wo?«
»Oben im Norden. Nördliche Gendarmerie. Kam auf dem HOLMES rein. Es war sozusagen der Geistesblitz unseres Computers, den Fall Ihnen zu übertragen.« Er zwinkerte mit den langen Augenwimpern und musterte Fin mit einem skeptischen Blick. »Sie haben das Kauderwelsch hoffentlich noch nicht verlernt?«
Fin war erstaunt. »Gälisch? Seit ich von der Isle of Lewis weg bin, habe ich kein Gälisch mehr gesprochen.«
»Dann wird es Zeit, dass Sie es ein bisschen aufpolieren. Das Opfer stammt aus Ihrem Heimatdorf.«
»Aus Crobost?« Fin traute seinen Ohren nicht.
»Ein paar Jahre älter als Sie. Hieß …« Er suchte auf dem Dokument, das vor ihm lag, nach dem Namen. » … Macritchie. Angus Macritchie. Haben Sie sich gekannt?« Fin nickte stumm.
Die Sonne, die schräg durchs Wohnzimmerfenster einfiel, war wie ein stummer Tadel für ihren Kummer. Kleine...




