Mbembe | Die terrestrische Gemeinschaft | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 238 Seiten

Mbembe Die terrestrische Gemeinschaft

Technik, Animismus und die Erde als Utopie
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7518-2059-2
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Technik, Animismus und die Erde als Utopie

E-Book, Deutsch, 238 Seiten

ISBN: 978-3-7518-2059-2
Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wer sich mit der Erde befasst, nimmt eine symbiotische Kette in den Blick: die Kette des Lebendigen in ihren unzähligen Ausprägungen. Menschen, Tier- und Pflanzenarten, Mikroben, Bakterien und Viren, anorganische Körper und Mineralien sowie technische Geräte und andere künstliche Apparaturen sind deren untrennbare Teile. Aber auch alle unsichtbaren Kräfte, Genien, Geister und Masken gehören dazu. Auf der Grundlage dieses unergründlichen, dem afrikanischen Denken entlehnten Reichtums entwickelt Achille Mbembe in diesem Essay eine grundstürzende Reflexion über die Erde, ihre Zukunft und vor allem über die Art von Gemeinschaft, die sie mit den belebten und unbelebten Arten bildet, die sie bewohnen, auf ihr Zuflucht gefunden haben und sich auf ihr aufhalten. Er zeigt, wie unsere eigentliche Beziehung zur Erde nur die der vorübergehenden Bewohner und Passanten sein kann. Als solche nimmt sie uns auf und beherbergt uns, sie pflegt die Spuren unseres Aufenthalts, die in unserem Namen sprechen und daran erinnern, wer wir im Umgang mit anderen und mitten unter ihnen waren. Eine solche Beziehung ist die letzte aller Utopien, der Grundstein für ein neues planetares Bewusstsein.

Achille Mbembe ist Direktor der Stiftung Innovation for Democracy, Professor für Geschichte und Politikwissenschaft sowie Forscher am Wits Institute for Social and Economic Research (WISER) an der University of Witwatersrand (Johannesburg). Für seine Arbeit wurde er u. a. mit dem Ernst-Bloch-Preis 2018 und dem Holberg-Preis 2024 ausgezeichnet.
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Die Wiederverbindung mit den Kräften des Kosmos


IN WIRKLICHKEIT WAR AFRIKA NIEMALS außerhalb der Welt. Jenseits der tödlichen Dimensionen seiner Geschichte war Afrika immer Träger des Lebendigen. In dieser kritischen Phase der Zukunft des Planeten ist Afrika dazu verpflichtet, das Schicksal des Lebendigen wieder zum vorrangigen Gegenstand intellektueller Suche und geistiger Schöpfung zu machen. Es ist nicht notwendig, dass Afrika, wie andere, das Lebendige in Begriffen des Weltenendes und des Verlusts der Beherrschung der Welt zugunsten der Technologie begreift. Vielmehr wird es gewinnbringend für Afrika sein, das Lebendige als Potenzialitäten zu denken, als das, was per definitionem das Unberechenbare und das Nicht-Anzueignende ist. Ansonsten hat Afrika keine Wahl. Afrika muss die Zukunft offenhalten, während eine zeitliche Verschiebung von großer Bedeutung im Gang ist. Afrika muss die Zukunft für alle offenhalten, selbst wenn sich erweisen sollte, dass die Menschheit dem Untergang geweiht ist. Oder dass die Welt erneut zu einem Kampf ohne Gnade aller gegen alle gezwungen wird. Der Glaube an die Zukunft wäre also Afrikas Beitrag zur Totenfeier der Menschheit, die, über den Umweg ihres Dahinscheidens, zu ihren kosmischen Ursprüngen zurückgeführt werden würde, nicht zum Universellen oder dem Universalismus, sondern zum Universum, in dem sie ein Element unter anderen ist.

Doch wie kann man den Glauben an die Zukunft als Versprechen aufrechterhalten, wenn sie sich ständig entzieht und schwindet? Indem wir von der Fülle des Lebens ausgehen, von den Leben, die als gering erachtet werden, die von den zu Anfälligkeit führenden Kräften bedroht werden. Indem wir die zahlreichen kleinen Alternativmöglichkeiten, die überall zu beobachten sind, aufwerten.1 Denn diese Alternativmöglichkeiten geben viele Antworten, manchmal sehr unbeständige, auf das Kippen des Klimas, auf den Verlust der Biodiversität, auf die Zunahme von Ungleichheit und politischen Spannungen, die fortwährend den Krieg zum Sakrament unserer Epoche machen. In diesen kleinen Alternativmöglichkeiten und Mikrowelten lassen sich die bedeutsamsten Praktiken finden, um sich von den Anfälligkeiten zu befreien. Sie zeigen, dass die Zukunft nicht im Vorhinein bestimmt wird. Sie deuten darauf hin, dass das Los Afrikas und der Erde in unseren Händen liegt und dass die Zukunft von unserer Fähigkeit, an diese Welten anzuschließen, die sich beständig auflösen und sich wieder erzeugen, abhängen wird, das heißt davon, die abgebrochenen Verbindungen wieder zu reparieren.

Dieses Buch wurde nicht in einem Wurf geschrieben. Als Werk eines Webers war es Gegenstand einer regelrechten Komposition im Verlauf vieler Jahre. Die Anfänge des Werks findet man im Schluss von Ausgang aus der langen Nacht über den Umweg folgender drei zentraler Motive: der Imperativ der Öffnung oder »die Politik des Aufstiegs zum Menschsein« oder auch das »Projekt eines erfüllten menschlichen Lebens«, der Akt der »Gemeinschaftsbildung«, insofern er am »Willen zum Leben« teilhat, und der Aufruf zur »Erfindung eines alternativen Imaginären des Lebens, der Macht und des Gemeinwesens«.2

Die Bedingungen der Möglichkeit für diese »Gemeinschaft« als Polis werden in der Kritik der schwarzen Vernunft untersucht. Es handelt sich von Beginn an um eine Polis jenseits der Grenzen von Rasse, Staat und sogar der Diasporas – entsprechend der Welt. »Denn tatsächlich gibt es nur eine Welt. Sie ist ein Ganzes, das aus zahllosen Teilen besteht. Aus aller Welt. Aus allen Welten.« Doch befasst man sich mit der Welt, befasst man sich in Wirklichkeit mit dem Leben in seiner Gesamtheit, wie man es dann in der Vorstellung gegenwärtig hat. Das Lebendige als Methode, aber auch als Anliegen. Denn »wenn die ganze Menschheit sich selbst in die Welt delegiert und von ihr die Bestätigung ihres eigenen Seins, aber auch ihrer Zerbrechlichkeit erhält, dann ist der Unterschied zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Nichtmenschen kein äußerlicher Unterschied mehr. Denn letztlich manifestiert sich die Wahrheit dessen, was wir sind, in unserem Verhältnis zur Gesamtheit des Lebendigen.«3

Bereits in Ausgang aus der langen Nacht wurde sehr früh auf die Begriffe des Nächsten und der Gemeinsamkeit eingegangen.4 Das Bestreben richtete sich damals darauf, die Debatten über Identität, Differenz und Alterität hinter sich zu lassen. Diese Debatten haben nicht nur einen wichtigen Teil der französischsprachigen Philosophie nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt. Sie haben auch im post- und antikolonialen Denken unauslöschliche Spuren hinterlassen und dabei dessen Fähigkeit, das Ganze zu denken, geschwächt. Es war daher nötig, anderen Blickwinkeln Vorrang einzuräumen. Es war nötig, alle Verluste, alle Schulden und Niederlagen in Erinnerung zu rufen. Es war nötig, ohne Zugeständnisse an die Verpflichtung zur Reparation, Restitution und Gerechtigkeit zu erinnern.5

Die Grundüberzeugung war, dass das »Denken dessen, was kommen soll, notwendig ein Denken des Lebens, der Lebensreserven, dessen, was nicht geopfert werden darf«, ist.6 Entgegen der Philosophien der Identität, Differenz und Alterität, handelte es sich also darum, geltend zu machen, dass das Miteinandersein vom Teilen abhängig ist. Dies vorausgesetzt, wird was kommt nicht nur auf einer Ethik der Begegnung gegründet sein, sondern gleichermaßen auf dem Teilen von Singularitäten und darauf, dass die einen und die anderen lernen, fortan einander ausgesetzt zu leben. Was kommt, wird sich auf der Grundlage einer klaren Unterscheidung zwischen »Universalität« und »Miteinander« aufbauen, Universalität »impliziert den Einschluss von etwas, das, oder einer Entität, die es bereits gibt«, und Gemeinsamkeit setzt »zwischen vielfältigen Singularitäten ein Verhältnis gemeinsamer Zugehörigkeit« voraus.7

In der Konklusion von Kritik der schwarzen Vernunft werden die Grundlagen für das Nachdenken über das Miteinander, die Gemeinschaft als solche, gelegt. »Die Frage der universellen Gemeinschaft stellt sich daher per definitionem in Begriffen des Im-Offenen-Wohnens, der Sorge um das Offene – was etwas ganz anderes ist als ein Vorgehen, das in erster Linie darauf zielt, sich abzuschließen und eingeschlossen in dem zu bleiben, was gewissermaßen mit uns verwandt, was uns ähnlich ist.«8

Während es bis dahin vor allem um die Frage nach der »Welt« und der »Weltbeziehung« ging, erscheint mit Politik der Feindschaft das Motiv der »Erde« an sich und nicht nur als »das, was uns gemeinsam ist, unsere gemeinsame Situation«, sondern auch als ein »Zeitalter«, das »Zeitalter der Erde«.9 Es ist bezeichnend, dass das In-Erscheinung-Treten dieses Zeitalters mit dem doppelten Motiv der Sprache und des Schreibens verbunden ist: »Im Zeitalter der Erde werden wir in der Tat eine Stimme brauchen, die unablässig bohrt, durchbohrt und gräbt, die es versteht, zu einem Geschoss zu werden, gleichsam eine absolute Fülle, ein Willen, der die Realität unermüdlich anbohrt. Ihre Aufgabe wird es sein, nicht nur Riegel zu sprengen, sondern auch das Leben vor der drohenden Katastrophe zu bewahren. Alle Fragmente dieser Erdensprache werden in den Paradoxien des Körpers, des Fleischs, der Haut und der Nerven wurzeln. Um der Gefahr der Fixierung, der Einschließung und der Erstickung, der Dissoziation und Verstümmelung zu entgehen, müssen Sprechen und Schreiben sich ständig in die Unendlichkeit des Draußen projizieren, sich aufrichten, um den Schraubstock zu öffnen, der den Unterworfenen und seinen Körper aus Muskeln, Lungen, Herz, Hals, Leber und Milz bedroht, den entehrten Körper, von zahllosen Schnittwunden gezeichneten Leib, den teilbaren, geteilten Körper, im Kampf mit sich selbst liegenden Körper, seinerseits aus mehreren Körpern bestehend, die einander in ein und demselben Körper gegenüberstehen – auf der einen Seite der Körper des Hasses, eine fürchterliche Last, der falsche Körper der von Schändlichkeit erdrückten Schmach; und auf der anderen der ursprüngliche, aber von Anderen gestohlene und grässlich entstellte Körper, den es in einem Akt echter Genese buchstäblich wiederzuerwecken gilt.«10

In Die terrestrische Gemeinschaft greife ich, fast Stein für Stein, zahlreiche grundlegende Intuitionen und andere Ansätze, die in vorausgegangenen Werken in Form von Entwürfen erschienen, wieder auf. Ich wiederhole, entwickele, erweitere sie und erzeuge vor allem Resonanzen mit neuen Fragmenten, neuen Einwürfen, Beobachtungen und Anmerkungen, die nach und nach methodisch in zahlreichen Begegnungen, im Zeichen des Zuhörens, Austauschens, Wiederlesens und Meditierens angehäuft wurden. Die wichtigsten haben im Rahmen der Ateliers de la pensée in Dakar und des alljährlichen Seminars, das ich an der European Graduate School leite, stattgefunden. Wie alle meine vorausgegangenen Bücher greift das vorliegende, manchmal wortwörtlich, Eingebungen und Teile von Betrachtungen, die ich hier und da begonnen habe, in Texten, die an ein größeres Publikum gerichtet sind, wieder auf. Die Fragmente sind Gegenstand der Fortschreibung, das heißt der »Erweiterung«, im Rahmen meist fachübergreifender Argumente, die durch einen vielschichtigen kritischen Apparat, Anmerkungen und Belege von bemerkenswertem...


Mbembe, Achille
Achille Mbembe ist Direktor der Stiftung Innovation for Democracy, Professor für Geschichte und Politikwissenschaft sowie Forscher am Wits Institute for Social and Economic Research (WISER) an der University of Witwatersrand (Johannesburg). Für seine Arbeit wurde er u. a. mit dem Ernst-Bloch-Preis 2018 und dem Holberg-Preis 2024 ausgezeichnet.

Theis, Jörg
Jörg Theis, 1967 in Neunkirchen/Saar geboren, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Amerikanistik und Philosophie in Saarbrücken, wo er mit einer Arbeit zu Marcel Proust und Robert Musil promovierte. Er arbeitete viele Jahre für die Botschaft Nigerias und lebt in Berlin.

Achille Mbembe ist Direktor der Stiftung Innovation for Democracy, Professor für Geschichte und Politikwissenschaft sowie Forscher am Wits Institute for Social and Economic Research (WISER) an der University of Witwatersrand (Johannesburg). Für seine Arbeit wurde er u. a. mit dem Ernst-Bloch-Preis 2018 und dem Holberg-Preis 2024 ausgezeichnet.

Jörg Theis, 1967 in Neunkirchen/Saar geboren, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Amerikanistik und Philosophie in Saarbrücken, wo er mit einer Arbeit zu Marcel Proust und Robert Musil promovierte. Er arbeitete viele Jahre für die Botschaft Nigerias und lebt in Berlin.



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