E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Meltzer Das Fest der Liebe
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8412-3035-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lichterglanz, Cookies und der süßeste Feind meines Lebens
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-8412-3035-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kerzenlicht, Rugelach und ein Erzfeind zum Verlieben.
Dass sich hinter Margot Cross, einer Bestsellerautorin von über zwanzig Weihnachtsromanen, ausgerechnet Rachel Rubenstein-Goldblatt verbirgt, Tochter des berühmtesten Rabbis New Yorks, weiß keiner - am allerwenigsten ihre jüdische Familie. Doch als sich ihr Verlag eine Chanukka-Geschichte von ihr wünscht, gerät Rachels wohlbehütetes Doppelleben in Gefahr. Um weiter schreiben zu können, muss ihr eins gelingen: Sie muss eine Karte für die größte Chanukka-Party der Stadt ergattern, um Inspirationen zu sammeln. Das Dilemma: Ausgerechnet ihr Erzfeind aus Kindertagen, der unerhört gut aussehende Jacob Greenberg, veranstaltet das Event, und die Tickets sind restlos ausverkauft ...
Publishers Weekly.
Jean Meltzer studierte dramatisches Schreiben an der NYU Tisch School of the Arts und wurde für ihre Arbeit beim Fernsehen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sie verbrachte fünf Jahre in der Rabbinerschule, bevor ihr chronisches Fatigue-Syndrom sie zum Rückzug zwang. 'Das Fest der Liebe' ist ihr Debütroman.
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Kapitel 1
Nur ein Einziger fehlte ihr noch.
Rachel Rubenstein-Goldblatt saß in ihrem kleinen Apartment an der Upper West Side und begutachtete die Sammlung von Miniaturweihnachtsmännern auf ihrem Schreibtisch. Mittlerweile besaß sie 236 freundlich lächelnde Porzellan-Santas aus der weltberühmten Holiday Dreams Collection. Wenn gleich ihr bester Freund Mickey käme, würde sie ihre Sammlung mit dem heiß ersehnten »Margaritaville-Santa« vervollständigen.
Oh, der Margaritaville-Santa! Wie oft hatte Rachel von dem Tag geträumt, an dem sich der kleine Porzellanweihnachtsmann mit Sonnenbrille und Hawaiihemd als Letzter zu den anderen gesellen würde. Und was hatte sie nicht alles für dieses seltene Sammlerstück getan: tage- und nächtelang eBay durchforstet, Preisalarme gesetzt und frühmorgendliche (manchmal ein wenig betrunkene) Verzweiflungsnachrichten in Sammler-Blogs hinterlassen. Nun, nach sechs Jahren, fünf Monaten und sieben Tagen der Suche, würde der Margaritaville-Santa endlich ihr gehören.
Vor lauter Vorfreude war sie schon ganz hibbelig.
Ihr Blick schweifte zum Fenster. Draußen schneite es. Feine Schneeflocken tanzten durch die Luft, sanken auf den Broadway und verliehen der Stadt etwas Magisches. Gerade, als sie dachte, dass Mickey nun langsam einmal kommen könnte, klopfte es.
»Endlich!« Innerlich jubelnd lief Rachel zur Tür und riss sie auf. Doch dann: Enttäuschung. Vor ihr stand ihre Mutter.
»Ich war gerade in der Nähe«, erklärte Dr. Rubenstein mit gekonnt unschuldigem Lächeln.
Ihre Mutter war immer in der Nähe.
Das war einer der Nachteile, wenn man an der Upper West Side wohnte und die Mutter als Spezialistin für Reproduktionsmedizin nur zehn Blocks entfernt im Columbia Hospital arbeitete.
Rachel musste sich schnell etwas überlegen. Sie liebte ihre Mutter und duldete auch gern ihre unangekündigten Besuche, aber die Tür zu ihrem Arbeitszimmer stand noch offen.
»Mickey kommt gleich vorbei«, warnte sie also.
»In einer Minute bin ich wieder weg.« Als Friedensangebot hob ihre Mutter eine Plastiktüte von Ruby’s Smoked Fish Shop hoch. »Ich habe dir Abendessen mitgebracht.«
Sie schob sich an Rachel vorbei – natürlich nicht, ohne kurz die Mesusa an Rachels Türpfosten zu berühren – und marschierte direkt in die Küche, wo sie das »Abendessen« auspackte.
Es bestand aus einer großen Schale gehackter Leber, zwei Laiben Pumpernickel und auf dreierlei Arten gefüllte Rugelach, jüdische süße Hörnchen. Dr. Rubenstein gehörte zu den Menschen, die ihre Liebe durch Essen zum Ausdruck brachten, aber die Liebe zu ihrer Tochter würde dieser irgendwann bestimmt noch irgendeine Herzkrankheit bescheren.
»Wie geht es dir?«, wollte ihre Mutter wissen.
»Gut«, sagte Rachel und zog dabei die Tür zum Arbeitszimmer zu.
Dr. Rubenstein schloss die Kühlschranktür und musterte Rachels ungekämmtes Haar und den zerknitterten rosa Schlafanzug. »Du siehst blass aus.«
»Ich bin blass«, erinnerte Rachel sie.
»Rachel«, sagte ihre Mutter mit Nachdruck. »Du musst deine Myalgische Enzephalomyelitis ernst nehmen.«
Rachel verdrehte die Augen. Die vormals sanft tanzenden Flocken hatten sich zu einem wirbelnden Schneetreiben verdichtet.
Dr. Rubenstein war einer der wenigen Menschen, die Rachels Krankheit mit dem medizinischen Terminus bezeichnete. ME war eine komplexe Multisystemerkrankung, die das autonome und vegetative Nervensystem, das Immunsystem und den Stoffwechsel beeinträchtigen konnte. Die meisten Menschen kannten die Krankheit unter dem einfachen und plumpen Begriff »Chronisches Erschöpfungssyndrom« – CFS –, was die wohl trivialisierendste Krankheitsbezeichnung der Welt war. Als würde man Alzheimer »Altersbedingte Erinnerungsschwäche« nennen. Dieser Name wurde nicht einmal ansatzweise der überwältigenden Erschöpfung gerecht, den Schmerz- und Migräneattacken oder dem nebelartigen Gefühl im Gehirn, die Rachel fast jeden Tag aushalten musste. Er wurde auch den 25 Prozent der Patienten nicht gerecht, die mit Ernährungssonden ans Bett oder zumindest an die Wohnung gefesselt waren, oder den 75 Prozent, die nicht Vollzeit arbeiten konnten.
Im Moment gehörte Rachel zu denen, die noch Glück im Unglück hatten. Sie konnte zu Hause arbeiten und war seit zehn Jahren nicht mehr von ihren Eltern abhängig.
»Ema«, sagte Rachel etwas ungehalten. »Mein Körper, meine Entscheidung.«
»Aber …«
»Themawechsel, bitte.«
Dr. Rubenstein presste die Lippen aufeinander und schluckte hinunter, was ihr eben noch auf der Zunge gelegen hatte. Es fiel ihr nicht leicht. »Und wie läuft es mit der Arbeit?«
»Gut.« Rachel zuckte die Schultern und setzte sich wieder aufs Sofa. »Da gibt es nichts Interessantes zu berichten.«
Ihre Mutter sah sich neugierig um. »Hast du genug Aufträge?«
»Hab ich.«
Dr. Rubenstein bedachte ihre Tochter mit einem skeptischen Blick.
Rachel wusste, was sie in Wahrheit wissen wollte. Eigentlich wollte sie fragen: Wie kannst du dir nur mit freiberuflicher Lektoratsarbeit eine Dreizimmerwohnung an der Upper West Side leisten? Allerdings hatte Dr. Rubenstein von ihrem Mann, Rabbi Aaron Goldblatt, schon früh ein wichtiges jüdisches Gesetz gelernt: Man stellt keine Fragen, deren Antworten man im Grunde nicht wissen will.
Wer wusste schon, was ihre Mutter dachte, womit sie ihr Geld verdiente? Womöglich hielt sie sie für ein Webcam-Model. Oder eine Edelnutte. Oder die Geliebte eines reichen arabischen Prinzen. Und Rachel war überzeugt, dass ihr jede dieser Möglichkeiten besser gefiele als die Wahrheit.
Ein erneuter Themawechsel war angebracht. »Ema, warum bist du wirklich hier?«
»Warum denkst du immer, dass ich irgendwelche Hintergedanken habe?«
»Weil ich dich kenne.«
»Also gut.« Dr. Rubenstein hob die Hände. »Erwischt. Ich habe Hintergedanken.«
»Baruch Haschem, Halleluja.«
»Es ist nichts Schlimmes, versprochen.« Ihre Mutter setzte sich zu ihr auf die Couch. »Ich wollte nur fragen, ob du diesen Freitagabend Zeit hast, zum Schabbes-Essen zu uns zu kommen.«
Das war es also. In Rabbi Goldblatts Haus war der wöchentliche Schabbat nicht nur ein religiöses Ritual, er bot Dr. Rubenstein zudem die Möglichkeit, ihre Tochter vierundzwanzig Stunden am Stück bei sich zu haben und zu Treffen mit alleinstehenden Juden zu zwingen.
Über die Jahre hatte es schon die unmöglichsten Szenarien gegeben. Da war der Luxuswagenverkäufer gewesen, der beim Essen seinen Ärmel als Serviette benutzt hatte. Oder der Rabbinatsstudent, der den ganzen Samstagnachmittag ausschließlich mit ihrem Vater diskutiert hatte, wie man sich verhalten solle, wenn ein unkoscherer Fleischball in einen Topf koscherer Fleischbälle fällt.
Doch die Krönung aller Blind Dates war Dovi gewesen, der israelische Bergsteiger, der mit seinem kerngesunden Körper die ganze Welt bereist und Rachel dann erzählt hatte, er halte das Chronische Erschöpfungssyndrom für keine echte Krankheit.
Chas v’chalilah, so ein Blödmann.
Rachel hatte nicht die Absicht, einen weiteren Freitagabend und Samstagnachmittag lang die »Traumschiff«-Phantasien ihrer Mutter zu bedienen. Vor allem nicht, wenn dieses Traumschiff den Titel »Titanic« quer über die Kippa gestickt trug.
»Nein«, sagte Rachel.
»Ach Rachel«, flehte ihre Mutter. »Nun hör doch erst einmal zu.«
»Ich habe zu viel um die Ohren.«
»Aber du warst schon ewig nicht mehr zu Hause.«
»Ihr wohnt auf Long Island«, gab Rachel zurück. »Und ich sehe dich und Daddy doch ständig hier in Manhattan.«
Das konnte ihre Mutter nicht bestreiten.
»Jacob Greenberg«, rückte sie schließlich mit der Sprache heraus.
Fast hätte Rachel sich an ihrer Zunge verschluckt. »Wie bitte?«
»Erinnerst du dich an Jacob Greenberg?«
Die Frage klang zunächst harmlos. Jacob Greenberg. Wie könnte Rachel...




