Merz | Lady Balmoral | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Merz Lady Balmoral

Empire und Belle Époque an der französischen Riviera
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-9948-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Empire und Belle Époque an der französischen Riviera

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-7568-9948-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hinter der namensgebenden Protagonistin der Erzählung mit dem auf den ersten Blick unscheinbaren Titel Lady Balmoral verbirgt sich keine geringere als Queen Victoria (1819-1901). Beschrieben werden die letzten Lebensjahre der Queen und wie sie diese in jedem Frühjahr aufs Neue an der französischen Riviera verbringt, der nicht nur für sie ein Sehnsuchtsort jener Jahre des ausklingenden 19. Jahrhunderts war. Wie in einem bunten, duftenden, sonnenüberfluteten Kaleidoskop lässt sich Victoria auf ihren gedanklichen und tatsächlichen Reisen begleiten. Sie wird in unterschiedlichen Facetten beschrieben, sodass man ihr persönlich und politisch näherkommen kann. Doch auch die Strapazen und Querelen, die ein royales Leben mit seiner Etikette und seinem Protokoll mit sich bringt, werden thematisiert - und dies alles vor der malerischen Kulisse der Riviera. Queen Victoria und der französischen Riviera werden gleichsam ein Denkmal gesetzt.

Der Autor ist passionierter Globetrotter und Reise-Fotograf. Er beschäftigt sich in seiner Freizeit seit vielen Jahren mit den Kulturen und Ländern des gesamten Mittelmeerraums sowie des Nahen Ostens.

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Der Duft der Macchie
Eine alte Frau, in Schwarz gekleidet, reiste im Frühjahr 1895 von England aus nach Südfrankreich. Sie fuhr auf Erholung und zum Vergnügen für einige Wochen. Auf dem Weg von Windsor nach London hatten ihr die Menschen freundlich und mit einer Vertrautheit zugewunken, als ob sie zur eigenen Familie gehörte. In gewisser Weise war es auch so. Sie freute sich, die dichten Nebelschwaden, die über der Themse waberten, für eine Weile hinter sich zu lassen, wie der alte Lord Brougham, wenn er nach Cannes aufbrach. Sie war entschlossen, die kommenden Wochen zu genießen und sich nur so weit wie nötig mit den Geschäften zu befassen. Die Luft würde leichter und zu dieser Zeit noch nicht so heiß wie in England sein. Sie würde weniger Kopfschmerzen haben. Die Yacht Victoria & Albert legte wie gewohnt in Portsmouth ab und nahm Kurs Richtung Cherbourg, zum Schutz begleitet von Torpedobooten. Nach sechsstündiger Überfahrt erreichten die Passagiere das französische Festland. Am Kai erwartete sie der Spezialbeauftragte der Regierung. Victoria begrüßte ihn munter und mit aufrichtiger Freude: »Toujours fidèle au poste, mon bon Paoli?« Mit diesem unscheinbaren Satz blieben die bodenlangen Röcke, die hochgeschlossenen Kragen, die schamhaft versteckten Knöchel auf der Insel zurück. Paoli genoss schon seit vielen Jahren das Vertrauen und die Sympathie der Königin. Mit ihrer persönlichen Sicherheit betraut, würde er nicht von ihrer Seite weichen, solange sie in Frankreich war. Er hatte seine Leute, die sich diskret um die Monarchin kümmerten, aber er würde auch selbst in ihrer Kutsche Platz nehmen und hinter ihrem Eselskarren herlaufen. Die Mitglieder ihres Gefolges begrüßten Monsieur Paoli herzlich und freuten sich über seine Begleitung. Zwischen ihm und einigen, die schon seit vielen Jahren mit der Königin reisten, Henry Ponsonby, Dr. Reid und Arthur Bigge, hatten sich Freundschaften entwickelt. Nachdem das Schiff festgemacht war, wurde aus der bis dahin schläfrigen königlichen Entourage geschäftiges Durcheinander. Zelte mussten aufgebaut, das Abendessen vorbereitet und das Gepäck von der Yacht in den bereitstehenden Zug verladen werden. Der Spezialzug der Queen bestand aus zwei Lokomotiven, den persönlichen Waggons in der Mitte des Zuges, in dem sich der Salon und der Schlafwagen der Königin befanden, den Gepäckwagen für Koffer und Taschen, einem Waggon für die indischen Bediensteten und weiteren Waggons für das übrige Dienstpersonal und andere Begleitung. Dieser Zug wurde mit allem Nötigen beladen, um sie am nächsten Morgen Richtung Süden zu fahren. Defilees, Salutationen, Begrüßungen, eine Kapelle spielte »God Save the Queen«. Victoria war formgerecht auf französischem Boden empfangen worden. Die Königin nahm sich Zeit für eine Unterhaltung mit Paoli. Man hatte den beiden einen kleinen Tisch mit Stühlen aufgebaut und servierte Tee und Gebäck. Der Gesandte sagte: »Ich hoffe, dass die Überfahrt angenehm und nicht zu unruhig war, Eure Majestät.« Victoria antwortete: »Ja, das Wetter hatte ein Einsehen mit uns, Gott sei Dank ist niemand seekrank geworden. Wobei, wie Sie ja wissen, ich in dieser Hinsicht nicht so empfindlich bin. Als Oberhaupt einer seefahrenden Nation ist man ja nachgerade verpflichtet, seine Liebe zum Meer zu beweisen.« Paoli scherzte: »Ja, ich vermute, dass das der Grund ist, warum Ihre Majestät nie den kürzeren Weg von Dover nach Calais nehmen.« Die Queen genierte sich nicht, ihn direkt und ohne Einleitung das zu fragen, was sie mehr interessierte: »Welche Neuigkeiten gibt es denn aus Paris zu berichten, mein lieber Paoli? Und wichtiger noch, wie stehen wir zurzeit im Kurs?« Victoria verfügte über ein engmaschiges Netz familiärer Bindungen in allen Königshäusern Europas und war dadurch oft besser informiert als ihre eigene Regierung mit seinem Apparat aus Militär, Diplomatie und Geheimdiensten. Frankreich allerdings hatte sich seiner Monarchie entledigt, und so war sie hier auf andere Kanäle angewiesen. Mit einem liebenswürdigen Lächeln antwortete Paoli: »Oh, selbstverständlich stehen Sie auch weiterhin in allerhöchstem Ansehen in Paris und ganz Frankreich, Eure Majestät.« Victoria schloss aus dem unbefangenen Tonfall Paolis, dass nichts Beunruhigendes vorgefallen war, und antwortete: »Vielen Dank, mein Lieber, das freut mich natürlich.« Paoli fuhr fort: »Nun, wie Eure Majestät wahrscheinlich schon wissen, wurde im Januar in der Nationalversammlung ein neuer Präsident gewählt, Monsieur Félix Faure, als Nachfolger von Monsieur Casimir-Periers.« Darauf erwiderte Victoria: »Ja, man hat mir davon berichtet, ich hatte leider nicht das Vergnügen, Monsieur Casimir-Periers begegnet zu sein. Wie lange war er im Amt?« Paoli antwortete: »Leider nur etwas mehr als ein halbes Jahr, Eure Majestät.« Sie konnte sich bei dem französischen Gesandten kleine Scherze erlauben und sagte: »Sie sind ja nicht sehr langlebig, Ihre republikanischen Staatsoberhäupter. Wollen wir hoffen, dass Monsieur Faure sich länger hält und mir irgendwann die Ehre eines Besuchs zuteil werden lässt.« Paoli beeilte sich, ihr zuzustimmen: »Ja, das hoffen wir alle, Eure Majestät. Oder wollen Sie lieber als Madame Comtesse angeredet werden?« Auf ihren Reisen nach Europa nannte sie sich Gräfin Balmoral, denn obwohl jedes ihrer Gepäckstücke unübersehbar mit dem Schriftzug »Queen of England« gekennzeichnet war, hatte es für sie den Vorzug, vom ermüdenden Zeremoniell des diplomatischen Protokolls befreit zu sein. Ohne auf seine Frage einzugehen, fügte sie an: »Mir ist zugetragen worden, dass es zu einigen kleineren Problemen in Siam gekommen sein soll.« Sie machte eine Pause, die Paoli, der nichts von den Vorfällen gehört hatte, sogleich nutzte, um abzuwehren: »Aber Eure Majestät, das sind Dinge, die sich leider beinahe jeden Tag ereignen, das sollte jedoch für Eure Majestät nicht der geringste Grund zur Beunruhigung sein. Sie sind doch, glaube ich, zur Erholung hier?« Die Queen lachte herzlich zurück: »Da haben Sie allerdings vollkommen recht, Paoli.« Er fragte: »Wie lange ist es her, dass Eure Majestät uns das letzte Mal mit ihrer Gegenwart beehrt haben?« Victoria antwortete, ohne zu zögern: »Vor drei Jahren war ich in Hyères, aber wie Sie sich vielleicht erinnern, war dieser Besuch von schlimmen Verlusten überschattet. Unser geliebter Eddy hatte uns kurz vorher verlassen und dann, als ob es damit nicht genug gewesen wäre, erreichte uns direkt vor der Abreise nach Hyères die Nachricht vom Tod meines Schwiegersohns, dem Großherzog Ludwig in Darmstadt, woraufhin wir die Abreise wegen der Trauerfeierlichkeiten um zwei Tage verschieben mussten.« Um nicht der düsteren Stimmung noch mehr Raum zu geben, setzte sie hinzu: »Diesmal komme ich, Gottlob, ohne beschwerliche Nachrichten, und ich hoffe inständig, dass es so bleibt.« Die geänderte Tonlage der Königin erlaubte es Paoli, fortzufahren: »Und nun geht es also zum ersten Mal nach Nizza für Eure Majestät?« Victoria stellte ihm eine Gegenfrage: »Mein lieber Paoli, glauben Sie denn, dass ich die richtige Wahl getroffen habe?« Er antwortete: »Nachdem Sie bereits in früheren Jahren in Menton, Grasse und Cannes waren, gibt es, wenn ich das so sagen darf, keinen Grund mehr, Nizza die Ehre Ihres Besuchs vorzuenthalten. Und wenn Sie mich das noch hinzufügen lassen, dann glaube ich, dass es eine gute Wahl ist. Ich bin sicher, Eure Majestät werden den Karneval lieben. Die Blumenschlacht in Nizza ist viel größer als die in Grasse und die Promenade des Anglais vornehmer als alles, was Sie aus Menton oder Hyères kennen und«, fügte er nach einer Kunstpause mit einem bedeutsamen Lächeln hinzu: »Es gibt kein Casino wie in Monte-Carlo.« Victoria sagte: »Ja, auf all das freue ich mich schon sehr. Allerdings, lieber Paoli, gestatten Sie mir die Bemerkung, die Fête du Citron in Menton ist wirklich ebenfalls ein großartiger Spaß. Aber ich gebe Ihnen recht, dass all die anderen, die man sehen möchte, eher in der Nähe von Nizza sind, während Menton doch etwas abseits liegt. Wissen Sie, mein Freund, dies ist das erste Mal, dass ich keiner Empfehlung oder Einladung gefolgt bin wie sonst immer. Da möchte man sicher sein, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.« Am nächsten Morgen begrüßte Victoria zunächst persönlich den Lokführer. Hinter der Fassade der Freundlichkeit steckte ihre Sorge um Unfälle, die sich leider schon ereignet hatten. Sie war beruhigt, als sie ihn ausgeschlafen und wohlauf vorfand. Dann bestieg sie, wie gewohnt, als Letzte den Zug. Beim Öffnen der Tür klappte die Treppe mit den vergoldeten Haltegriffen automatisch herunter und Beatrice half ihr in den...



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