E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Meschik Vaterbuch
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-99039-177-8
Verlag: Limbus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-99039-177-8
Verlag: Limbus Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lukas Meschik, geboren 1988 in Wien, debütierte 2009 mit dem Roman Jetzt die Sirenen. Auf Einladung des Wiener Literaturhauses nahm er am Europäischen Festival des Debütromans in Kiel teil. Es folgten der Erzählband Anleitung zum Fest (2010) und der Roman Luzidin oder Die Stille (2012), bei Limbus: Über Wasser (2017) und Die Räume des Valentin Kemp (2018). War Sänger, Texter und Gitarrist der Band Filou (Alben: Show, 2011; Vor und nach der Stille, 2013; Feste Farben, 2016), ist Frontmann seines Musikprojekts Moll. Förderpreis der Stadt Wien 2012, Kitzbüheler Stadtschreiber 2013.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Zwei – Einundsiebzig
Unterwegs zur U-Bahn-Station fällt mir ein seltsamer Mann auf. Er ist etwa in meinem Alter, trägt einen weißen Pullover und eine weiße Jogginghose, an deren Rückseite ich einen aufgenähten Strichcode erkenne. Die besockten Füße stecken in Filzpantoffeln. Er schlurft vor mir her. Es ist Anfang Dezember, ihm muss kalt sein. Direkt hinter ihm reihe ich mich auf der Rolltreppe ein. Als er den Pulloverärmel ein wenig hochkrempelt, erhasche ich einen Blick auf das Armbändchen ums Handgelenk, auch darauf ein Strichcode und mehrere Zeilen klein gedruckter Text. Ein entlaufener Patient, denke ich. Unten am Bahnsteig angekommen spreche ich ihn an.
Er spricht sehr gut Deutsch – zwar mit starkem Akzent, grammatikalisch jedoch fast einwandfrei. Heimlich linse ich auf sein Armbändchen, das ihn als Patienten der psychiatrischen Abteilung eines Spitals in Niederösterreich ausweist. Ich frage ihn, ob er im Krankenhaus war. Ja, sagt er, in der Rudolfstiftung. Das ist gleich hier in der Nähe, auch ich war schon dort. Er muss in die Stadt verlegt worden sein. Ich frage mich, weshalb er noch das Bändchen des Vorgänger-Spitals trägt.
Die U-Bahn kommt, wir steigen ein. Ich spreche ihn mit seinem Namen an, den mir das Armbändchen verraten hat. Beide Handrücken sind mit Narben von ausgedrückten Zigaretten übersät. Er lächelt. Woher er komme? Aus Afghanistan. Ob er einfach so hinausspaziert sei aus der Rudolfstiftung? Ja. Ob er denn nicht meine, dass die Leute dort sich Sorgen machen, wenn einer ihrer Patienten plötzlich abgängig sei? Er schüttelt unschlüssig den Kopf. Ob ich nicht anrufen solle, um Bescheid zu sagen, dass er bei mir sei? Nein, sagt er bestimmt. Ich stelle mich vor, um sein Vertrauen zu gewinnen – es mir zu erschleichen. Wohin wolle er denn? Zum Praterstern. Warum? Weil er Schuhe brauche, es sei kalt. Ich stimme zu und reibe mir demonstrativ die Hände.
Ich überrede ihn, schon bei Wien Mitte mit mir auszusteigen. Ich schwärme vom warmen Büro der Wiener Linien, von dort aus könne ich in der Rudolfstiftung anrufen und erklären, dass er mit mir zusammen sei, sie sich also keine Sorgen zu machen bräuchten. Bei den Wiener Linien wüssten sie auch bestimmt, wie man an Schuhe für ihn komme. Ohne Murren geht er mit; die Vorstellung eines warmen Büros scheint ihm zu gefallen, und jene von festen Winterschuhen.
Es gibt keine Sitzgelegenheiten, wir bleiben an einem Stehtisch neben den Schaltern. Ich finde die Nummer des Krankenhauses. Drei Mal lässt man mich dieselbe Geschichte erzählen, muss ich den Namen des entlaufenen Patienten buchstabieren, erst beim vierten Mal, als ich endlich in die richtige Abteilung verbunden worden bin, scheint man sich ernsthaft für mein Anliegen zu interessieren. Ich lasse es mir nicht nehmen, verärgert zu seufzen, ich wolle nicht noch ein fünftes Mal alles von vorn erzählen. Ja, der gehört zu uns, sagt die Frauenstimme knapp. Wir schicken jemanden vorbei. Mit jemandem meint sie die Polizei. Ich mache mir Sorgen, er könnte beim Anblick der Uniformierten Reißaus nehmen, schließlich hat er vorhin in der U-Bahn, als ich ihn fragte, ob ich die Polizei verständigen solle, erschrocken die Augenbrauen hochgerissen und energisch verneint. Keine Polizei! Wie ein trauriger Filmheld, wenn er sich einem Freund anvertraut, der ihm aus der Patsche helfen soll, denke ich.
Mein Patient ist ein im wahrsten Sinne des Wortes gebranntes Kind. Wer weiß, welche Erfahrungen er schon machen musste und wie schlecht diese waren. Ich erzähle ihm nicht, dass jemand vorbeigeschickt werde, sondern weise ihn an, mit mir hier zu warten. Es werde sich jemand um Schuhe für ihn kümmern. Er lächelt einverstanden.
Seine Bewegungen sind ungelenk, fahrig, sein Gebaren erweckt Misstrauen. Zwar erscheint mir mein Patient unberechenbar, doch fürchte ich keinerlei Gefahr für mich, höchstens für ihn selbst. Ja, beschließe ich, sicher ist er in Behandlung, weil man ihn vor sich selbst schützen muss, vor den Gewaltimpulsen, die gegen das eigene Wohl gerichtet sind. Würde er eine Gefahr für andere darstellen, hätte mich die freundliche Krankenhausstimme doch wohl gewarnt. Ich frage mich, ob es üblich ist, ausgebüxte Psychiatrie-Patienten mit der Polizei einzufangen. Vermutlich schon, schließlich ist es kein Krankentransport im eigentlichen Sinn.
Damit er bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte nicht wegläuft, versuche ich ihn abzulenken wie ein launisches Kind, versuche seine Aufmerksamkeit wegzulenken von Fluchtgedanken hin zu anderen, interessanteren Dingen. Neben dem Stehtisch hängt eine Box mit Info-Broschüren der Wiener Linien. Ich nehme eine heraus, auf der eine Schneekugel abgebildet ist. Wir sprechen über Weihnachten. Er singt mir O Tannenbaum vor. Er muss es bei seinen Aufenthalten in diversen geschlossenen Abteilungen gelernt haben. Ich stelle mir sterile Gemeinschaftsräume vor, die durch Anbringen von Tannenzweigen und Glitzersternen und Auslegen von gekauften Weihnachtskeksen in Adventstimmung gebracht sind. Ich stelle mir einen Sesselkreis vor, bestehend aus all den kaputten, erschlafften, entsorgten Menschen, sowie einen übermotivierten Pfleger mit Gitarre, der inbrünstig Lieder anstimmt.
Ich lobe ihn für seine Textsicherheit. Jetzt möchte er vor die Tür, eine rauchen, ich begleite ihn. Mein Patient weiß, was im Leben wichtig ist. Aus seiner Jogginghosentasche zieht er eine angebrochene Schachtel Zigaretten und ein seltsam kleines Feuerzeug. Dies ist sein ganzer Besitz. Kaum hat er die Zigarette angezündet, bittet ihn ein vorbeigehender Landsmann um Feuer. Dem anderen hängt ein kurzer, schlecht gedrehter Joint aus dem Mundwinkel, der sich nach außen hin übermäßig verbreitert. Sie wechseln ein paar Worte. Mein Patient schnorrt den anderen an um einen Zug vom kurzen Joint. Der andere versteht, dass mein Patient nicht ganz normal ist, er lächelt sanft und verständnisvoll, reicht ihm den Joint. Mein Patient reißt ihn fiebrig an sich, er fummelt sein Schrumpf-Feuerzeug aus der Hose, zündet ihn an, krümmt sich von uns weg, nach einer Handvoll hastiger Züge ist alles aufgeraucht. Ich blicke den anderen erschrocken an, erwarte eine erboste Reaktion. Doch dieser grinst bloß, zuckt die Achseln, dreht sich um und geht davon. Mein Patient raucht jetzt seine Zigarette fertig, langsam und genießerisch. Dann möchte er wieder hinein.
Die Schalterbeamten beäugen uns kritisch und ziehen ihre Schlüsse. Ich erkläre mich kurz. Einer schenkt meinem Patienten einen Krapfen, er mampft ihn gierig in sich hinein. Ich frage ihn, ob er heute schon etwas gegessen habe, und wenn ja, was. Ja, sagt er kauend, Knoblauch. Tatsächlich, wundere ich mich, Knoblauch zum Frühstück? Nein, sagt er, am Nachmittag. Dabei ist gerade erst Vormittag. Ich lobe ihn für seinen gesunden Appetit. Auch der Schaltermann freut sich, wie ihm der Krapfen schmeckt. Um den Mund bleibt Zuckerstaub.
Die Polizei lässt auf sich warten. Ich frage mich, wie lange ich ihn noch hierbehalten kann, wann es ihm zu dumm wird, mit mir im Büro der Wiener Linien herumzustehen. Ich verwickle ihn erneut in ein Gespräch. Er sei schon ein paar Jahre hier, davor sei er in England gewesen. Ob ich Englisch sprechen könne? Ich bejahe. Mein Patient ist hocherfreut, endlich wieder einmal einen ebenbürtigen Konversationspartner gefunden zu haben. Wir sprechen Englisch. Er bedankt sich, indem er kurz meine Hand drückt. Er zählt mir alle Sprachen auf, die er beherrscht, es sind viele. Neben Deutsch und Englisch noch drei afghanische Regionalsprachen, Dari, Paschto und Paschai, von letzterer habe ich noch nie zuvor gehört. Hinzu kämen Bruchstücke von Slowakisch, Bulgarisch und Ungarisch. In Gedanken gehe ich die Balkonroute ab und versuche, seine Wege nachzuvollziehen. Dabei wundere ich mich, wie er vor seinem Eintreffen hier in Wien denn in England gewesen sein konnte, offensichtlich lange genug, um die Sprache mehr als nur rudimentär zu beherrschen. Es gelingt mir nicht, ihm einen schlüssigen Lebenslauf zusammenzuzimmern.
Zwei weitere Landsmänner betreten das Büro. Mein Patient spricht sie ohne Überwindung an, plaudert mit ihnen drauflos, als wären es alte Freunde, denen er zufällig hier an den Schaltern über den Weg läuft. Er ist ein Mensch, der weder Filter noch Hemmungen hat. Ich frage mich, ob er zunächst verschiedene afghanische Sprachen ausprobiert oder ob er ihnen ansieht, aus welcher Region des Landes sie stammen. Wahrscheinlich ist es dort üblich, mehrere Sprachen zu beherrschen. Sie verständigen sich problemlos, die beiden treten allerdings verunsichert einen Schritt zurück, mein Patient ist ihnen etwas zu direkt. Sein Auftreten und seine Garderobe sind nicht sehr vertrauenerweckend. Um sie zu beruhigen, schalte ich mich ein, als wäre ich sein Betreuer: Er kommt aus dem Krankenhaus, sage ich, dort muss er auch wieder hin. Sie lächeln verständnisvoll und bedenken ihn mit mitleidigen Blicken. Obwohl ich dem Gespräch nicht folgen kann, verstehe ich, dass mein Patient die beiden um Zigaretten anschnorrt. Dabei hast du doch selbst noch welche einstecken, denke ich und muss schmunzeln über seine Unverschämtheit. Es fällt das Wort Hasch. Den weiteren Gesprächsverlauf reime ich mir aus ihren Gesten zusammen: Sie erklären ihm, nichts dabei zu haben, weder normale Zigaretten noch anderes, er glaubt ihnen nicht, ihre Versuche, ihn zu beschwichtigen, bleiben ungehört, er prüft mit groben Bewegungen ihre Hosentaschen, dann lüften sie ihre Jacken, zeigen die Innentaschen vor, die er ebenfalls abgreift, danach scheint er zufrieden. Seine Forschheit bringt sie zum Lachen. Als ihm...




