Messner | Sansaria 2. Kampf der Träumlinge | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten

Reihe: Sansaria

Messner Sansaria 2. Kampf der Träumlinge


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96052-274-4
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 2, 368 Seiten

Reihe: Sansaria

ISBN: 978-3-96052-274-4
Verlag: Verlag Friedrich Oetinger GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Leonard und seine Freunde konnten die Sabotage der Traumproduktion verhindern, doch schnell wird klar, dass die Gefahr für Sansaria und die Menschenwelt noch nicht gebannt ist. Während sich die Menschen auf der Erde langsam wieder erholen, zerfällt Sansaria. Und der Mann auf dem Eisbrecher in der Arktis schmiedet weiter finstere Pläne: er hat es auf die Träumlinge der Menschen abgesehen. Jene Wesen, die dafür zuständig sind, dass die Menschen träumen. Wird es Leonard gelingen, sie vor dem Untergang zu bewahren?  

Tania Messner, geboren 1974 in Südtirol, studierte Medizin und Journalistik. Sie schrieb u.a. für Vogue, Vanity Fair und Süddeutsche Zeitung und lebt mit ihrem Mann in Bangkok.
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Erstes Kapitel


Schwer atmend stand Leonard vor der Tür des Gartenhäuschens und trat unschlüssig von einem Fuß auf den anderen. Es war ein besonders kalter Oktobersonntag und sein Atem bildete weiße Wölkchen in der Luft. Ringsum lag Laub im hohen Gras und die Blumen in den Beeten waren verblüht, was das Gelände traurig aussehen ließ. Dass er es überhaupt vor die Tür geschafft hatte, war ein kleines Wunder, da ihm in den letzten Wochen schon der Gedanke an Uhlgars Häuschen alle Kraft geraubt hatte.

Nach der Nacht der langen Messer in Sansaria, wie der große Kampf von den Bewohnern des Traumlandes seither genannt wurde, war Leonard einfach wieder zur Schule gegangen. Er erledigte nachmittags seine Hausaufgaben und hörte Gabriel zu, der ihm unermüdlich versicherte, dass er sich keine Vorwürfe machen durfte. Er aß mit seiner Mutter zu Abend und wartete in seinem Zimmer darauf, das Geräusch eines Motorrads zu hören. Doch bei alldem fühlte er sich innerlich mehr tot als lebendig. Dass Uhlgar den Giftpfeil abgefangen hatte, der für ihn bestimmt war, konnte Leonard sich einfach nicht verzeihen. Nachts ließ ihn das Bild, wie sein großer Freund niedergestreckt auf der Mistelstraße lag, nicht schlafen. Und tagsüber verfolgte ihn die Erinnerung an sein Versprechen, ein Meister zu werden. fragte er sich.

Der Koffer mit den Zauberfarben lag zwar noch unter seinem Bett, doch seit der Schlacht benutzte Leonard ihn nicht mehr täglich und noch seltener blätterte er im Druidenbuch. Und in dem roten Lederbuch, das Informationen zum Tor mit den drei goldenen Siegeln enthalten sollte, war er erst recht nicht weitergekommen. Stattdessen quälte er sich mit Vorwürfen und hoffte auf eine Nachricht von Philomena. Ihr im Traum zu begegnen, hätte ihm sogar gereicht. Doch nichts. Sendepause. Nada. redete er sich ein, Zumal ihm sämtliche Tugenden fehlten, die einen Helden seiner Meinung nach auszeichneten: Er war weder besonders mutig, noch konnte er andere für eine Sache begeistern. Und ein herausstechendes Talent hatte er auch nicht. Beim Malen war er inzwischen ganz gut geworden, aber das konnte ebenso gut an den Farben liegen.

Die Einzige, die ihm tatsächlich eine Auskunft zu all dem hätte geben können, wollte er nicht fragen. Denn seit Kassiopeia ihn gegen seinen Willen aus Sansaria wegbracht hatte, war die Annullatorin für ihn gestorben. Gabriel war zwar davon überzeugt, dass Kassiopeia nur zu ihrem Besten gehandelt hatte, doch Leonard glaubte fest daran, dass Uhlgar ohne ihren Verrat nichts passiert wäre.

Da Leonard ihm allerdings versprochen hatte, im Gartenhaus nach dem Rechten zu sehen, stand er nun frierend auf seiner Matte.

machte Leonard sich Mut und drückte die Klinke mit Schwung hinunter. Er stolperte durch die Tür, die hinter ihm geräuschvoll ins Schloss fiel. Dunkelheit umgab ihn und es roch tröstlich nach Zimt und Kräutern. Danach hatte Uhlgar auch immer gerochen.

Leonard tastete nach dem Lichtschalter. Als die Deckenlampe den Raum ausleuchtete, spürte er einen Stich in der Brust. Uhlgars Bett war gemacht, auf dem Teppich davor stand ein Paar riesiger, bestickter Pantoffeln. Den Acapulco-Chair, den er gezeichnet hatte, entdeckte Leonard in einer Ecke. Zögernd trat er an das Bett, strich mit einer Hand über die Decke und zog die Lade des Nachtkästchens auf. Einige Salben kullerten darin gegeneinander, darunter lagen ein Block und ein Kugelschreiber sowie Gutscheine für eine Eisdiele in der Stadt. Im zweiten Fach stapelten sich geblümte Nachthemden, die nach Lavendel dufteten. Leonard sah unter dem Kissen und der Matratze nach, hinter dem Landschaftsbild und unter dem Teppich, doch nirgends fand er eine Nachricht oder sonst einen Hinweis.

Dabei war er sicher, dass Uhlgar ihm mit seinen letzten Worten etwas hatte mitteilen wollen. Leonard ging zum Schrank, dessen Türen durch eine Fahrradkette verschlossen waren. Uhlgar bewahrte darin sein Fläschchen Allesheil auf, und falls er etwas Wertvolles besaß, würde Leonard es bestimmt darin finden. Er rüttelte an dem Schloss, musste aber schnell einsehen, dass er so nicht weiterkommen würde. Also durchkämmte er das Zimmer nach dem passenden Schlüssel. Er klopfte den Holzboden nach möglichen Hohlräumen ab, sah über dem Türstock und in den Blumenkästen neben dem Eingang nach, doch vergeblich.

»Lass es uns mit der Schlüsselblume aus dem Druidenbuch versuchen«, sagte Gabriel am nächsten Tag in der Pause, nachdem Leonard ihm von seinem Problem erzählt hatte. »Die Schlüssel sollen alle möglichen Schlösser öffnen, warum nicht auch das?«

»Gute Idee«, antwortete Leonard, der von der Pflanze noch nie gehört hatte. »Kommst du nachher mit zu mir?«

Gabriel nickte mit vollem Mund, hocherfreut, dass sie endlich wieder Pläne schmiedeten, und schwer damit beschäftigt, einen Müsli-Riegel klein zu beißen.

»Und am Wochenende verkleiden wir uns und ziehen durch die Stadt«, sagte Gabriel.

Leonard sah ihn ratlos an, also ergänzte Gabriel, »Na wegen Halloween. Hörst du mir eigentlich auch mal zu? Ich habe dir schon unschlagbare Ideen für unsere Kostüme geliefert, du musst sie nur noch malen.«

Leonard seufzte und zuckte mit den Schultern.

Nach der Schule nahmen sie den Bus und gingen das letzte Stück schweigend zur Federspielvilla. Gabriel ließ sich von seinem Longboard tragen, das gerade mal ein paar Zentimeter über der Straße schwebte. Als sie das kleine Tor zu dem Kiesweg passierten, der zu Leonards Haus führte, raschelten die Sybellinischen Schüttelpalmen über ihnen mit ihren prächtigen Wedeln.

»Komm, ich male uns erst noch eine Pizza«, sagte Leonard und eilte, zu Gabriels Überraschung, voraus. »Ich habe einen Riesenhunger und mit vollem Magen geht das mit den Schlüsseln gleich viel besser.«

»Einen Schokopudding würde ich auch vertragen«, rief Gabriel ihm nach und flog vor Begeisterung einen Looping. Danach sah er sich hektisch um. Doch zum Glück hatte ihn niemand gesehen.

Oben in seinem Zimmer zerrte Leonard den Zauberkoffer unter dem Bett hervor, ließ die Schnallen aufschnappen und klappte die langen Farbtürme aus. Wie jedes Mal, wenn er das tat, lief ihm ein wohliger Schauer den Rücken hinunter. Die Öltuben schimmerten einladend in den sattesten Tönen. Er betrachtete ein Bremerblau, das so intensiv war, wie der Abendhimmel vor einem Gewitter. Darüber ein elegantes Venezianischrot und ein Orange, so spritzig, dass er Orangensaft in seinem Mund schmecken konnte. Im Turm daneben reihten sich Kreiden im schönsten Pastellverlauf aneinander, von den dunkelsten Noten ganz unten bis zu hellsten Gelbtönen oben.

»Da fehlen aber einige«, sagte Gabriel und deutete auf die Lücken.

Leonard nickte und nahm einen Papierbogen aus dem Koffer, den er auf dem Boden glatt strich. »Seit letzter Woche verschwinden manche Farben, wenn ich mit ihnen male.«

»Was soll das heißen? Lösen sie sich in Luft auf?«, fragte Gabriel, der bei den Farben inzwischen alles für möglich hielt. »Und was hat das zu bedeuten?«

»Keine Ahnung«, antwortete Leonard niedergeschlagen. »Vielleicht, dass mir die Zeit wegrennt? Oder dass ich doch nicht der Auserwählte bin?«

»Das glaube ich nicht«, sagte Gabriel und betrachtete den Koffer skeptisch. »Die Farben funktionieren doch noch, oder?«

»Bisher schon.« Leonard wählte die richtigen Stifte aus und wenig später flutschten zwei Pizza Margherita mit extra Mais aus dem Papier und landeten auf den Tellern, die sie bereitgestellt hatten. Die beiden verspeisten sie gierig, dann machten sie sich an die Arbeit.

Gabriel fand die Schlüssel-Pflanze im Druidenbuch und reichte Leonard die aufgeschlagene Seite. stand über einem filigranen Strauch. Das etwa vierzig Zentimeter hohe Gewächs endete in dichten Blätterbüscheln, in deren Mitte je eine gelbe Blüte saß.

»Wie läuft’s?«, fragte Gabriel wenig später und schaufelte sich einen Löffel Schokoladenpudding in den Mund, während Leonard die Pflanze auf dem Papier zum Leben erweckte.

»Ganz gut, soweit«, entgegnete Leonard und malte konzentriert die letzte Blüte aus. Sein Strauch war vom Original kaum noch zu unterscheiden.

»Sieht großartig aus«, nuschelte Gabriel beeindruckt.

Leonard betrachtete die Blüte, die er mehr gedacht als gezeichnet hatte, und wollte gerade die Farbe »Mango-Gelb, Burma« ablegen, als er plötzlich aufschrie und seine Hand schüttelte.

»Was ist passiert?«, rief Gabriel und sprang auf die Beine.

»Jetzt ist die nächste verschwunden«, antwortete Leonard und betrachtete perplex seine Finger, die die Farbe gerade noch gehalten hatten. In seiner Handfläche breitete sich ein Kribbeln aus, das den Arm hinaufschoss und für einen Augenblick seinen ganzen Körper ausfüllte.

»Hast du Schmerzen?«

»Nein, es hat sich nur kurz seltsam angefühlt.«

Gabriel nickte erleichtert und hielt konzentriert nach der Farbe Ausschau, die jedoch nirgends im Zimmer zu finden war. Zuletzt kroch er sogar unter das Bett.

»Das kannst du bleiben lassen. Die ist genauso weg wie die anderen«, sagte Leonard resigniert. Er gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, doch insgeheim machte er sich Vorwürfe.

Wenig später...


Tania Messner, geboren 1974 in Südtirol, studierte Medizin und Journalistik. Sie schrieb u.a. für Vogue, Vanity Fair und Süddeutsche Zeitung und lebt mit ihrem Mann in Bangkok.



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