E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Selbstmanagement
Mik Du bist viel mehr als deine Gefühle
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8338-9728-3
Verlag: GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie du dich selbst bei starken Emotionen, Stress und Überwältigung in die innere Sicherheit führst
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Selbstmanagement
ISBN: 978-3-8338-9728-3
Verlag: GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jeannine Mik begleitet Menschen, die bewusster leben wollen, als holistisch-somatische Trainerin. Ihr Fokus liegt dabei auf einem körperorientierten, nervensystemzentrierten Ressourcen-, Stress- und Emotionsmanagement. Mit »Mini and Me« schuf sie einen der meistgelesenen Blogs über bewusste Elternschaft im deutschsprachigen Raum. Während sich ihr Bestseller »Mama, nicht schreien!« dem konstruktiven Umgang mit starken Gefühlen bei der Kindererziehung widmete, liegt der Fokus im neuen Buch darauf, wie man intensive Emotionen und chronischen Stress transformieren kann - durch Körperübungen und Tools aus der Traumatherapie, die das überlastete Nervensystem beruhigen. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Hinweis zur Optimierung
Impressum
Wichtiger Hinweis
Zur Autorin
Ein Buch, das dein Leben verändern kann – entdecke, wie du …
SOS-Übung. Bei starken Emotionen und Stress
Das Nervensystem regulieren. Die wichtigsten Facts
Vorwort
Ein neuer Weg zur Heilung
Körper und Nervensystem, Stress und Trauma
Deine persönliche Spezialeinheit im Einsatz
Erfolgreich regulieren ist nicht schwer
Anhang
Die Autorin
FREMDSPRACHE EMOTIONSMANAGEMENT: WARUM WIR KEINE AHNUNG VOM UMGANG MIT UNSEREN GEFÜHLEN HABEN
Dass so viele erwachsene Menschen nur wenig Ahnung vom bewussten Umgang mit Gefühlen haben, ist nicht verwunderlich. Es gibt verschiedene Größen, die hierbei von Bedeutung sind. Unsere Eltern oder primären Bezugspersonen sind die prägendsten Menschen in unserer Kindheit. Wie sie mit Gefühlen umgehen und ob sie selbst es gelernt haben, spielt eine wesentliche Rolle dafür, ob und wie wir es lernen. Es beeinflusst all unsere »Werkseinstellungen«, die sich weit über den Umgang mit Gefühlen und Stress hinaus erstrecken. Unsere ersten Bindungserfahrungen haben einen enormen Einfluss darauf, ob wir mit dem Gefühl geboren werden, einen Platz in der Welt zu haben, und ob wir ein grundsätzliches Vertrauen in uns tragen, dass sich um uns gekümmert wird. Ob wir sicher sind und unterstützt werden – oder eben nicht. Wir erfahren, ob uns geholfen wird, wenn wir Hilfe brauchen.
Um in einer Gemeinschaft zu überleben, passen Kinder sich an ihr Umfeld an. Sie lernen schnell, was zu tun ist, um akzeptiert zu werden. Dabei ist diese Akzeptanz und »Teil von etwas« zu sein in der Tat überlebensnotwendig, weil in uns urzeitliche Systeme am Werk sind, die mit dunklen Höhlen und Säbelzahntigern mehr anfangen können als mit Fußbodenheizung und Smartphone. Die Anpassungen, die wir seit unserer frühesten Kindheit vollbringen, um nicht ausgeschlossen zu werden, schreiben sich in unser System ein.
Das betrifft auch den Umgang mit Gefühlen: Was darf ich ausdrücken und was nicht? Welche meiner Teile werden akzeptiert und welche führen dazu, dass ich ausgeschlossen oder bestraft werde? Alles, was zum Ausschluss führen könnte, wird in kleine Boxen gepackt und tief nach unten in den Keller unseres Selbst gesperrt. So kommt es, dass wir uns ganz viele Gefühle nicht mehr erlauben. Diese bräuchten aber dringend Raum, damit es uns wirklich gut gehen kann. Unterdrückte Emotionen und deren hormonelle Aufladung sammeln sich in unserem Inneren über die Jahre als Gift an, das uns krank machen kann. Je mehr Emotionen wir abschneiden, je mehr Teile wir wegpacken, desto mehr trennen wir uns auch von echter, verkörperter Lebendigkeit. Von unserem Spüren, von der Weite in uns, von Freude, Abenteuer, Sinnlichkeit, unserer Motivation, Begeisterung und unserem eigentlichen, echten Willen. Auf was für eine Entdeckungsreise wir uns begeben dürfen, um all das wieder zu bergen!
Weiten wir den Blick, stellen wir zudem fest, dass noch ganz andere Kräfte am Werk sind, die es uns seit vielen Jahren auch gesellschaftlich schwer machen, einen gesunden Zugang zu dem, was wir fühlen und spüren, zu entwickeln. In unserer westlichen Welt haben Gedanken oftmals einen höheren Stellenwert als Gefühle. Sowohl die Erziehung als auch unser gesamtes Schulsystem zielt darauf ab, kognitive Prozesse zu fördern. Was wir spüren und wahrnehmen und das Bedürfnis nach Bewegung sind nicht nur kaum relevant, sondern werden mitunter auch gehemmt: Stundenlanges Stillsitzen ist definitiv nicht, was unser Körper braucht oder will. Das Gehirn und das Denken scheinen wichtiger als unsere Körperempfindungen zu sein. Dr. Stephen Porges, der Begründer der Polyvagal-Theorie, schreibt dazu: »Erst in den letzten 50 Jahren sind Emotionen […] in der Psychologie zu einem anerkannten Forschungsgegenstand geworden. Vorher standen die Kognitionen und ihre Förderung im Zentrum aller Bemühungen, […] während subjektive Berichte über Gefühle in den Hintergrund verbannt wurden.«1 Als Porges in den 1960er-Jahren als Student die wissenschaftliche Welt kennenlernte, wurden Emotionen laut ihm nur in Verbindung mit Motivation erforscht. Das Beispiel, das er schildert, gewährt Einblicke in die damals zum Teil absurde Auslegung unserer Gefühle: Man beeinflusste die Motivation von Laborratten, indem man ihnen Nahrung zuführte oder vorenthielt. Ihre emotionalen Reaktionen maß man anhand der Kotmenge, die sie ausschieden. Ich musste das zweimal lesen. Der berühmte Philosoph Descartes sagte »Ich denke, also bin ich« und nicht »Ich spüre, also bin ich« und gab damit einem Phänomen Worte, das sich durch unsere gesamte Kultur zieht: Gedanken sind wichtig, man fokussiert auf das, was sich im Kopf abspielt. Und im besten Fall kann man es auch noch messen, neue Daten erheben und dann Aussagen treffen und Schlüsse ziehen, die für alle gelten. Unser subjektives Empfinden, die vielfältigen Emotionen und das, was wir in uns ganz individuell spüren, waren lange nicht weiter von Bedeutung. Wir leben in einer Welt, die das Vermeiden von Gefühlen und die Unverbundenheit mit unserem Körper normalisiert.
EIN NEUES PARADIGMA DES SPÜRENS
Auch in vielen Therapien gibt es bis heute eine Top-down-Tendenz, bei der mentale Prozesse im Zentrum der Betrachtungen stehen und Körperempfindungen eine Rolle im Hintergrund einnehmen. Dabei wissen wir mittlerweile, dass die prägendsten aller Erfahrungen – also jene, die uns bis ins Mark beeinflussen – an einem Ort in uns gespeichert sind, der keine Worte kennt. »Darüber zu reden« ist daher nicht einmal die halbe Miete. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse und jene der Traumaforschung verlangen aber zum Glück immer dringlicher nach Beachtung. Sie machen deutlich, wie notwendig es ist, den Blick zu weiten und die fundamentale Rolle unserer Emotionen und unseres Körperempfindens anzuerkennen: für unsere seelische und körperliche Gesundheit, für gelingende Beziehungen zu uns selbst und anderen Menschen und letztlich auch für uns als Gesellschaft.
Ein Trauma und Stress finden nicht nur in unseren Gehirnen statt. Dasselbe gilt für Gefühle: Wir spüren sie mit unserem Körper, erleben starke Emotionen mit jeder Zelle. Es geht nicht um »Kopf oder Körper« und welcher von beiden bedeutsamer ist. Wichtig ist die Erkenntnis, dass beide unzertrennlich miteinander verbunden und ständig im Austausch sind und der Körper ein wesentlicher Part dieser Gleichung ist.
Gefühle sind im Grunde nichts anderes als interpretierte Körperempfindungen.
Wir nehmen etwas körperlich wahr, und unser System baut innerhalb von Millisekunden eine »Meinung« ringsherum, die wir dann als Gefühl erleben. Stell dir zum Beispiel vor, du bist im Supermarkt. Als du mit dem Einkaufswagen in den nächsten Gang fahren willst, steht da plötzlich jemand, den du eigentlich nicht sehen möchtest und mit dem du auch nicht gerechnet hast. Huch! Was passiert in dir? Was spürst du? Ja, da kommt eine Emotion …, aber zuerst ist da ein Körperempfinden. Spür einen kleinen Moment in deinen Körper. Was nimmst du wahr? Wahrscheinlich kennst du Redewendungen wie »Da ist mir mein Herz in die Hose gerutscht«.
Nun stell dir vor, du bist einkaufen und plötzlich steht da jemand, den du richtig gern magst. Wieder hast du nicht mit der Person gerechnet. Die Situation ist dieselbe, beide Male passiert etwas Unerwartetes. Deshalb könnte auch der als sicher empfundene Mensch erst einmal ein kurzes »Huch« in uns auslösen. Aber danach können wir uns in die Situation hineinentspannen – und beispielsweise Freude empfinden. Nach der kurzen Anspannung in Form der Überraschung folgt eine Entspannung. Zumindest im zweiten Fall. Bei der ersten Person wird die Spannung aufrechterhalten, bis unser System das Gefühl hat, dass wir wieder »sicher« sind.
Ob wir »aus der Haut fahren«, »den Boden unter den Füßen verlieren« oder »Schmetterlinge im Bauch haben« – in jedem Fall finden wir sprachliche Ausdrücke für eine somatische Erfahrung.
Ich schlage dir bei dem Beispiel bewusst keine spezifische Person vor, weil ich nicht weiß, wer für dein System nur unangenehm ist und wer in der Tat als Gefahr eingestuft wird. Ich will zwar, dass es dir etwas unangenehm ist, diesen Menschen zu treffen, damit das Beispiel funktioniert. Aber viele von uns kennen Personen, bei denen allein die Vorstellung, ihnen zu begegnen, eine starke körperliche Reaktion hervorrufen würde. Das ist für das Beispiel nicht notwendig und auch überhaupt nicht im Sinne der Arbeit, die wir hier gemeinsam machen wollen. Unsere Lebensrealitäten sind viel zu bunt und einzigartig, als dass ich unter Garantie die für dich »richtige« Person vorgeben könnte.
Ich verspreche dir, dass ich achtsam in Hinsicht darauf sein werde, in welche inneren Bilder ich dich auf unserer Reise führe. Du kannst deine Erfahrung hier immer mitgestalten. Das ist eine Voraussetzung für traumainformiertes Arbeiten. Zugleich ist Wahlfreiheit eine der drei Komponenten, die unser Nervensystem braucht, um sich sicher fühlen zu können. Die Therapeutin Deb Dana etablierte die »3 C«: Context, Choice und Connection. Also Kontext, Wahlfreiheit und Verbindung. Sind diese drei in einem hinreichenden Ausmaß gegeben, kannst du dich sicher fühlen und »bei dir« bleiben oder zu dir zurückkommen.
Intensive unangenehme Emotionen wie Wut, Angst, Trauer oder Überwältigung sind also Erfahrungen, die sich nicht nur in unseren Köpfen abspielen. Das gilt genauso für Gefühle wie Freude, Dankbarkeit, Zufriedenheit oder Hoffnung – sie finden überall statt. Wir spüren mit allem, was wir sind, auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig. Es gibt einen »Felt Sense«, einen »gefühlten Sinn«, zu diesen Gefühlen: ein komplexes Körpererleben. Du kannst Wut in deinem Körper spüren, genau wie zum Beispiel auch Angst. Vielleicht wird deine Atmung flacher, dein Herz schlägt schneller, dein Blick wird fokussiert, dein Körper spannt sich an, du spürst eine Enge in der Brust, zusammengepresste Zähne, einen Überschuss an Energie. Auch Trauer nimmst du in deinem Körper wahr,...




