E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Mitrovic / Schuster Kalavrita 1943
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-7224-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verbrechen der Deutschen Wehrmacht
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-8192-7224-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Mitrovic ist serbischer Abstammung und hat sein gesamtes Berufsleben im Bereich Sprache - Stimme - Sprechen gestaltet. Er hat Slawische Philologien, Germanistik, Balkanologie und Phonetik studiert und hat als Logopäde und Frühförderpädagoge sowie als Übersetzer gearbeitet. Zu seinen Buchveröffentlichungen über Griechenland gehören neben anderen Themen 'Das Meteora Wanderbuch' und 'Meteora - zwischen Himmel und Erde'. Beide Bücher sind auch in englischer Sprache unter den Titeln 'Hiking Meteora monasteries' bzw. 'Meteora - between heaven and earth' erschienen.
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VORWORT
Im Oktober 1944 verließen die letzten Einheiten der deutschen Wehrmacht das seit Frühjahr 1941 besetzte Griechenland. Das griechische Volk hatte sich niemals mit der Besatzung sowohl der italienischen als auch der deutschen Armee abgefunden, wenn auch die eigenen Truppen kapituliert hatten. Im ganzen Land bildeten sich Widerstandsgruppen bis zur Formierung der „regulären“ Untergrundarmee ELAS. Deren Aktivitäten fügten den Deutschen empfindliche Verluste zu, was diese wiederum zu ungeheuren, durch nichts zu rechtfertigende Sühnemaßnahmen veranlasste. Hunderte Dörfer wurden niedergebrannt, Geiseln erschossen, Vieh beschlagnahmt. Es handelt sich zweifellos um kapitale Kriegsverbrechen und fundamentale Menschenrechtsverletzungen, die die deutsche Öffentlichkeit sowie die jeweiligen Regierungen der Nachkriegszeit bis heute nicht annähernd aufgearbeitet haben.
Beide Seiten, sowohl die griechische als auch die deutsche, sind nicht gewillt, das Thema zur ganz großen Sache zu machen. Zwar erinnert die griechische Außenpolitik immer wieder dezent, aber deutlich vernehmbar an Reparationsforderungen sowie an die Rück- und Zinszahlung für einen im Krieg erpressten Zwangskredit. Dann aber sind gerade die Deutschen die treuesten Urlauber im Lande, da stören solche alten Rechnungen, zumal kaum noch jemand von den Zeitzeugen lebt.
Als ich zum ersten Mal griechischen Boden betrat, wir schrieben das Jahr 1973, war es sehr schwer, sich einigermaßen objektiv über die Geschichte Griechenlands im 20. Jahrhundert zu informieren. Ehrlich gesagt, hatte ich das auch gar nicht im Sinn. Zum einen lief gerade die letzte Phase der Militärjunta. Ich trieb mich an der Universität in Athen oder in verbotenen Kneipen herum, in denen die Musik von Theodorakis gespielt wurde. Dann aber wieder war ich durch meine serbische Abstammung vor allem auf die Nazigräuel in Jugoslawien gestoßen. Meine Verwandten hatten mir oft erzählt, dass, wie es hieß, einhundert Einheimische erschossen wurden für einen von den Partisanen getöteten deutschen Soldaten. Die furchtbaren Massaker von Kragujevac und Kraljevo, wo 5000 Geiseln erschossen worden waren und ganze Schulklassen mit ihren Lehrern zur Schlachtbank geführt wurden, stand uns allen vor Augen.
Erst viele Jahre später, nach dem Studium der Sprachen und der Geschichte des Balkans, machte ich mich auf die Suche nach der Wahrheit. Gerade weil ich kein gewöhnlicher Tourist in Griechenland (und in Serbien) war, sondern mit meinen deutsch-griechischen Freunden ihr Leben dort im Alltag teilte, wollte ich tiefer eindringen in das Geflecht von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Vielleicht hatte ich mich in all den Jahren auch unbewusst ferngehalten vom Wissen um die schrecklichen Gräueltaten der Deutschen in meiner Wahlheimat Griechenland. Vielleicht wollte ich mir ein geistiges Refugium erhalten, um wenigstens im Nachfolgeland der klassischen Antike meine Seele zur Ruhe kommen zu lassen. Mein Mutterland hatte sich durch die Shoa für immer die Hände mit Blut besudelt. Mein Vaterland hatte im 2. Weltkrieg vor allem wegen der starken Tätigkeit von Titos Widerstandskämpfern einen ungeheuren Blutzoll entrichten müssen – auch in einem parallel geführten Bruderkrieg, der Royalisten gegen die Kommunisten.
Erst sehr spät, nach 30jährigem regelmäßigen Aufenthalt in meinem Domizil in der Bucht von Korinth, im Alter von fast 50 Jahren, kamen die Ereignisse der unheilvollen Kriegsjahre auch zu mir. Auf meinen Fahrradtouren mit meinem Mountainbike durchquerte ich die gesamte Nordpeloponnes. Wiederholt wurde ich auf die Schönheit der Wanderung von Diakofto nach Kalavrita, direkt an der berühmten Zahnradbahn, hingewiesen. Niemand von meinen griechischen Freunden hatte mich in diesem Zusammenhang je darauf hingewiesen, die Gedenkstätte, das Museum oder die stehengebliebene Uhr am Kirchturm zu besuchen. Das ist natürlich in Ordnung. Niemand möchte seine Freunde mit der Nase auf die peinlichsten Orte seiner Heimat stupsen. Auch für Weimar gilt sicher: erst kommt der Ruhm für die deutsche Dichtergarde der Klassik, danach das Gedenken an Buchenwald. Ein „Katastrophentourismus“ würde der Sache mehr schaden, als dass sie zur allgemeinen Aufklärung und Bildung beitrüge.
Auch haben sich meine griechischen Gesprächspartner immer äußerst wortkarg und zurückhaltend geäußert, wenn die Rede auf den Krieg und den Bürgerkrieg kam. Weder brüsteten sich die einen, noch die anderen, ihre jeweiligen „Heldentaten“ kund zu tun. So ist das wohl immer: Menschen, die jahrelang in kriegerische Handlungen verstrickt sind, seien es reguläre Soldaten oder Aufständische, reden nach Ende der Feindseligkeiten fast nie davon. Und wenn doch, dann sind es meist allgemeine Floskeln, so gut wie nie persönliche Erlebnisse. So hatte ich es ja auch bei meinem Vater erlebt, den die Deutschen nach der Kapitulation der jugoslawischen Armee 1941 als Kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit nach Deutschland brachten.
Touristen wollen in aller Regel von all diesen Gräueltaten nichts wissen. Das ist einerseits gar nicht einmal schlecht. Manche sehen sich sogar als Friedensboten, die obendrein durch ihr gutes Geld dem „armen Griechenland“ helfen wollen und nur gute Absichten zeigen, indem sie nicht selten Freundschaft mit Einheimischen schließen. Auf der anderen Seite kann ein einigermaßen an Politik und Geschichte interessierter Mensch unmöglich niemals etwas bemerkt haben, was das Gleichgewicht zweier Staaten oder Kulturen belastet. Die Frage ist dann nur, inwieweit er sich darüber informieren möchte und kann. Die Kenntnis der Landessprache mag dabei eine Rolle spielen. Mittlerweile kann man sich jedoch längst, anders als in den 70er Jahren, leicht auf Englisch oder Deutsch über alle Aspekte der zeitgenössischen griechischen Geschichte informieren.
Bei mir war jedenfalls irgendwann der Punkt überschritten, an dem es kein Zurück mehr gab. So, wie ich früher überall die Spuren der Antike bewunderte, besichtigte und mit der Gegenwart ins Verhältnis setzte, so begegneten mir nun auf Schritt und Tritt die Spuren furchtbarer Verbrechen der Deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg.
Plötzlich bekamen Ortsnamen und Regionen, die ich oft mit meinem Fahrrad durchquert hatte, einen völlig neuen Beiklang, einen Geschmack nach Qualm und Zerstörung, von Leiden und Tod.
Gespräche mit Einheimischen, Nachkommen oder Zugezogenen, kamen meistens nur mühsam in Gang. Nur wenn ich meine serbische Abstammung zu erkennen gab, taute mein Gegenüber überhaupt etwas auf. Selbst Bekannte erzählten erst nach Jahren, dass ein Onkel damals, im Dezember ´43, als Kind alles mit ansehen musste. Über das Grauen zu sprechen bedeutet selbst zu leiden, Anteil zu nehmen. Das tut immer wieder aufs Neue weh!
Vielleicht tut es den Griechen aber gerade deswegen so weh, weil die Deutschen, die in der Nachkriegszeit, wenn auch nicht nach Kalavrita, so zahlreich als Touristen an die wunderschönen griechischen Strände kamen, aber niemals ein Wort darüber verloren, was ihre Vorfahren den Menschen dort angetan haben. Noch schlimmer: keine deutsche Nachkriegsregierung hat sich je bemüht, die Ereignisse wirklich aufzuarbeiten und eine echte Versöhnung anzustreben. Fast 57 (siebenundfünfzig) Jahre nach dem Massaker, im Jahr 2000, besuchte zum ersten Mal ein deutscher Spitzenpolitiker, Bundespräsident Rau, den Ort. Außer artigen Entschuldigungen und milden Gaben fiel nichts dabei ab.
Sicher kann die deutsche Regierung nicht alle im Krieg begangenen Verbrechen angemessen kompensieren. Dazu waren es einfach zu viele! Das griechische Volk hingegen fühlt eine große Ungerechtigkeit und auch Hilflosigkeit gegenüber dem „großen“ Deutschland. So, wie die deutschen Touristen schon seit Jahrzehnten aufgenommen und bewirtet werden, sieht man: alles ist vergeben! Jedoch vergessen werden darf es niemals!
In diesem Sinne habe ich versucht, das Massaker in Kalavrita im Dezember 1943 anhand von nacherzählenden und dokumentarischen Berichten darzustellen. Die Gefangennahme und Erschießung der deutschen Kompanie, die letztlich zur Katastrophe als „Sühnemaßnahme“ führten, wird aus deutscher wie griechischer Sicht geschildert. Danach lasse ich eine Überlebende zu Wort kommen. Daran schließt sich die Rückkehr der Aufständischen an, die es natürlich nicht auf ein Gefecht mit den Deutschen haben ankommen lassen. Die groß angelegte Säuberungsaktion der Wehrmacht gegen die Partisanen auf der Nordpeloponnes wird im Gefecht von Lalas dargestellt. Den Abschluss bildet die Geburt eines Mädchens mitten im Chaos am Tag der Zerstörung des Ortes. Sie stellt sozusagen das Sinnbild der Erneuerung, den Phönix aus der Asche dar. Es ist eine winzige Hoffnung, dass selbst in düstersten Zeiten ein kleines Licht leuchtet, ein neuer Mensch tritt in die Welt. Aber mit welch furchtbarer Hypothek…
Zwischen diese ernsten Texte sind kleine Skizzen und Erlebnisse gestellt, die während meiner frühen Aufenthalte in Kalavrita entstanden. Sie zeigen die anfänglich „naive“ Begeisterung für Landschaft und Kultur. Schon bald aber mischen sich Bedenken mit ein, bis schließlich eine...




