Mitterer | In der Löwengrube | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 66 Seiten

Mitterer In der Löwengrube

Ein Theaterstück und sein historischer Hintergrund
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7639-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Theaterstück und sein historischer Hintergrund

E-Book, Deutsch, 66 Seiten

ISBN: 978-3-7099-7639-5
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein jüdischer Schauspieler rächt sich an den NS-Machthabern, indem er mit seinen ureigensten Mitteln, nämlich jenen der Komödie, deren menschenverachtenden Fanatismus und die Unsinnigkeit des Rassenwahns bloßstellt. Eine Figur, die sich würdig neben den 'Hauptmann von Köpenick', den 'Schwejk' und alle anderen listigen Helden der Dramenliteratur einreiht. Felix Mitterers Stück geht auf eine wahre Begebenheit zurück. Sie wird in einem Vorwort vom Autor selbst kurz erzählt. Außerdem enthält das Buch einige Fotos und Dokumente dazu sowie Informationen zur Situation von Theatern und Schauspielern im NS-Staat.

Felix Mitterer, geboren 1948 in Achenkirch/Tirol, lebt nach einigen Jahren in Irland heute in Niederösterreich. Seit 1978 erfolgreicher Theater- und Drehbuchautor. Die mehrteiligen Filme Verkaufte Heimat und Piefke-Saga sind seine bekanntesten, vielfach preisgekrönten Fernseharbeiten, Kein Platz für Idioten, Besuchszeit, Sibirien die am meisten aufgeführten Theaterstücke. Seit 1987 legt der Haymon Verlag Mitterers Stücke und Drehbücher im Druck vor. Zuletzt erschienen: Die Beichte. Theaterstück (2004; Prix Italia und ORF-Hörspiel des Jahres 2003), Stücke 4 (2007), Der Panther. Theaterstück (2007), das goldene dachl und seine rätselhafte inschrift. eine poetische annährung (Hrsg. 2012 gem. mit Lukas Morscher und Christian Ide Hintze). Bei HAYMONtb: Der Patriot. Ein-Mann-Stück (2009), die gesammelten vier Teile der Piefke-Saga. Komödie einer vergeblichen Zuneigung (2010), sowie Die Beichte (2011).
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1. BILD


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POLACEK als SOLANIO: Was gibt’s Neues auf dem Rialto?

STRASSKY als SALERIO: Nun, noch hält es sich dort unbestätigt, daß Antonio ein Schiff mit reicher Ladung in den Meerengen gesunken ist; ich glaube, der Ort wird Goodwins genannt, eine sehr gefährliche Untiefe, und tödlich, wo der Kadaver manch eines großen Schiffes begraben liegt, wie man sagt, wenn Gevatterin Fama eine Frau von Wort ist.

POLACEK als SOLANIO: Ich wollte, sie wäre darin eine so lügenhafte Gevatterin, als jemals eine Ingwer kaute oder ihren Nachbarn weismachte, sie weine um den Tod ihres dritten Mannes. Aber es ist wahr — ohne alle Umschweife — daß der gute Antonio, der redliche Antonio — oh, daß ich eine Benennung hätte, die gut genug wäre, seinem Namen Gesellschaft zu leisten!

STRASSKY als SALERIO: Wohlan, zum Schluß!

POLACEK als SOLANIO: He! Was sagt Ihr? Nun, das Ende ist, er hat ein Schiff verloren.

STRASSKY als SALERIO: Ich wünschte, das erwiese sich als das Ende seiner Verluste.

POLACEK als SOLANIO: Laßt mich beizeiten “Amen” sprechen, damit nicht der Teufel mein Gebet kreuze, denn hier kommt er in der Gestalt eines Juden.

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POLACEK als SOLANIO: Wie steht’s, Shylock? Was gibt’s Neues bei den Kaufleuten?

KIRSCH als SHYLOCK: Ihr habt etwas gewußt, keiner so gut wie Ihr, von der Flucht meiner Tochter.

STRASSKY als SALERIO: Das ist sicher. Ich meinerseits wußte den Schneider, der die Flügel gemacht hat, mit denen sie wegflog.

POLACEK als SOLANIO: Und Shylock seinerseits wußte, daß der Vogel flügge war, und dann ist es ihrer aller Art, das Nest zu verlassen.

KIRSCH als SHYLOCK: Sie ist verflucht dafür.

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STRASSKY als SALERIO: Bestimmt, wenn der Teufel ihr Richter wäre.

KIRSCH als SHYLOCK: Mein eigenes Fleisch und Blut, rebellisch zu werden!

POLACEK als SOLANIO: Nichts wie drauf, alter Bock! Rebelliert es bei deinen Jahren?

KIRSCH als SHYLOCK: Ich sagte, meine Tochter ist mein Fleisch und Blut.

STRASSKY als SALERIO: Der Unterschied zwischen deinem Fleisch und ihrem ist größer als zwischen Pechkohle und Elfenbein, größer zwischen deinem Blut und ihrem als zwischen Rotwein und Rheinwein.

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STRASSKY als SALERIO: Aber sag uns, weißt du, ob Antonio irgendeinen Verlust auf See gehabt hat oder nicht?

KIRSCH als SHYLOCK: Da habe ich noch eine schlechte Partie, einen Bankrotteur, einen Verschwender, der es kaum wagt, seinen Kopf auf dem Rialto zu zeigen, einen Bettler, der es gewohnt war, so geschniegelt auf den Markt zu kommen; er soll an seine Verpflichtung denken! Er pflegte mich einen Wucherer zu nennen, er soll an seine Verpflichtung denken!

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STRASSKY als SALERIO: Ein Pfund Fleisch, zunächst am Herzen.

KIRSCH als SHYLOCK: So steht’s im Schuldschein, so lautet die Buße.

STRASSKY als SALERIO: Nun, ich bin sicher, wenn er verwirkt, wirst du sein Fleisch nicht nehmen — wofür soll das gut sein?

KIRSCH als SHYLOCK: Um Fische damit zu ködern. Wenn es sonst nichts füttert, soll es meine Rache füttern.

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KIRSCH als SHYLOCK: Er hat mich geschmäht und mich um eine halbe Million gebracht, über meine Verluste gelacht, sich über meine Gewinne lustig gemacht, mein Volk verachtet, meine Geschäfte vereitelt, meine Freunde abgekühlt, meine Feinde angeheizt — und was ist sein Grund? Ich bin ein Jude.

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KIRSCH als SHYLOCK: Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Organe, Körperproportionen, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Genährt mit derselben Nahrung, verwundet mit denselben Waffen, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt; gewärmt und gekühlt durch denselben Sommer und Winter wie ein Christ? — Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns Unrecht tut, sollen wir uns nicht rächen? Wenn wir sind wie ihr im übrigen, wollen wir euch auch darin ähnlich sein. Wenn ein Jude einem Christen Unrecht tut, was ist seine Sanftmut? Rache! Wenn ein Christ einem Juden Unrecht tut, was sollte sein Dulden nach christlichem Vorbild sein? — Nun, Rache!

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MEISEL: Ich bitte Sie, nein, das geht doch nicht -

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MEISEL: Aber, meine Herrschaften, das ist ja, wo sind wir denn, Sie können doch Ihren Unmut nach, ich bitte Sie, hören Sie doch auf, unsere verehrten Premierenabonnenten haben doch das Recht, Sie, ich hole die Polizei, das geht doch nicht, wir sind ja nicht in der Oper, Rüpel, jawohl Rüpel sind Sie, fehl am Platz allesamt, was ist denn das für eine Art, wir sind ein zivilisiertes Haus, wir sind das Haus der feinen Töne, merken Sie sich das, Ruhe, Ruhe im Haus, das hat es ja noch nie gegeben, noch nie, unglaublich, meine sehr verehrten, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich sehe mich leider gezwungen, Abbruch, die Vorstellung wird abgebrochen!

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MEISEL: Eine Katastrophe, eine Katastrophe, katastrophal, absolut katastrophal, die Vernichtung!

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MEISEL: Ich sollte Sie hinauswerfen, Kirsch! Sowas! Ruiniert mir das Theater!

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MEISEL: Ruiniert mir das Theater, dieser Mann ruiniert mir das Theater, dieses Nichts ruiniert mir das Theater, mein Lebenswerk!

HELENE: Er war doch gar nicht so schlecht! Also, ich versteh das nicht!

MEISEL: Sie sind entlassen, Kirsch!

HELENE: Das tun Sie lieber nicht, Herr Direktor.

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MEISEL: Noch nie hat es so einen Skandal, das ist doch unglaublich, wir können uns das nicht — wißt ihr, wie unsere finanzielle Situation aussieht? Diesen Riesenhaufen da muß ich durchfüttern, Shakespeare muß ich spielen, mit hundert Darstellern, ich Narr, und in der Hauptrolle ein Dilettant, jawohl, Herr Kirsch, ein Dilettant, Sie sind fristlos entlassen, Kirsch, fristlos!

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MEISEL: Sie haben mich in dieses Abenteuer hinein, Frau Schwaiger, Sie haben mich so lange bekniet, Sie haben mir sogar mit Kündigung, na, sagen wir’s doch, wie es ist, Sie haben mich glatt er -

HELENE: Das ist sein 25-jähriges Bühnenjubiläum! Da kann man doch —

MEISEL: Fünfundzwanzig Jahre lang Nebenrollen und dann den, noch nie hat ein Nebendarsteller den Shylock, was für ein Wahnsinn, Frau Schwaiger, und ich gutmütiger Idiot mußte dem, das hab ich nun davon, das hab ich nun, recht geschieht mir!

OLGA: Also, jetzt reichts mir aber! Er ist gut, er ist gut, Herr Kirsch ist hervorragend als Shylock,...


Felix Mitterer, geboren 1948 in Achenkirch/Tirol, lebt nach einigen Jahren in Irland heute in Niederösterreich. Seit 1978 erfolgreicher Theater- und Drehbuchautor. Die mehrteiligen Filme Verkaufte Heimat und Piefke-Saga sind seine bekanntesten, vielfach preisgekrönten Fernseharbeiten, Kein Platz für Idioten, Besuchszeit, Sibirien die am meisten aufgeführten Theaterstücke. Seit 1987 legt der Haymon Verlag Mitterers Stücke und Drehbücher im Druck vor. Zuletzt erschienen: Die Beichte. Theaterstück (2004; Prix Italia und ORF-Hörspiel des Jahres 2003), Stücke 4 (2007), Der Panther. Theaterstück (2007), das goldene dachl und seine rätselhafte inschrift. eine poetische annährung (Hrsg. 2012 gem. mit Lukas Morscher und Christian Ide Hintze). Bei HAYMONtb: Der Patriot. Ein-Mann-Stück (2009), die gesammelten vier Teile der Piefke-Saga. Komödie einer vergeblichen Zuneigung (2010), sowie Die Beichte (2011).



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