E-Book, Deutsch, 176 Seiten
Miéville Dieser Volkszähler
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95438-075-6
Verlag: Liebeskind
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 176 Seiten
ISBN: 978-3-95438-075-6
Verlag: Liebeskind
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
China Miéville, 1972 in Norwich geboren, gilt als einer der wichtigsten Autoren der zeitgenössischen Fantastik. Er studierte Sozialanthropologie in Cambridge und Politikwissenschaft an der London School of Economics. Sein Debütroman 'König Ratte' erschien 1998. Für seinen Roman 'Perdido Street Station' erhielt er 2001 den Arthur C. Clarke Award sowie den British Fantasy Award. Mit seinem Roman 'Die Stadt & Die Stadt' gewann er 2010 neben dem Arthur C. Clarke Award auch den Hugo Award und den World Fantasy Award. In Deutschland wurde er drei Mal mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. China Miéville kandidierte 2001 für die Internationale Sozialistische Allianz bei den britischen Unterhauswahlen, bis 2013 war er aktives Mitglied der Socialist Workers Party. Er lebt und arbeitet in London.
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Mein Vater war ein sehr großer, blasser Mann, der ständig erschrocken aussah und sich ruckartig bewegte, als wollte er nicht bei etwas ertappt werden. Er machte Schlüssel. Seine Kunden kamen aus dem Dorf herauf und baten um Dinge, um die Menschen üblicherweise bitten – um Liebe, Geld, darum, etwas zu öffnen, die Zukunft zu erfahren, Tiere zu heilen, Sachen zu reparieren, stärker zu werden, jemanden zu verletzen oder zu retten, zu fliegen –, und er machte ihnen einen Schlüssel dafür.
Bei diesen Transaktionen wurde ich aus dem Haus verbannt, doch meistens schlich ich mich ums Eck und kauerte am Fenster der Werkstatt, um zu lauschen und ab und zu hineinzuspähen. Mehr als einmal ertappte mich meine Mutter, die in ihren Beeten stocherte, die Haare mit einem gelben Schal hochgebunden, das hellste, was ich sie je tragen sah, wie ich unter der Fensterbank kauerte. Nie verbot sie mir zu lauschen.
Die Menschen erzählten meinem Vater stockend von ihren Wünschen, und er machte sich Notizen. Auf grobem braunem Papier skizzierte er mit Bleistift und Tinte die Umrisse der Zinken und Kerben eines Schlüssels und korrigierte die Linien, während seine Kunden weiterredeten. Waren die Besucher gegangen, setzte er die Arbeit fort, zeichnete manchmal stundenlang und stellte die Lieferung fast immer in einer einzigen Sitzung fertig, selbst wenn es hieß, dass er bis Sonnenaufgang zugange war.
Am nächsten Tag dann warf er den Generator an, kehrte zurück ins Haus, pinnte das fertige Bild neben die Werkbank, spannte Metallstücke in seinen Schraubstock ein und schnitt sie mit sorgfältigen, kurzen, nur wenige Sekunden währenden Bewegungen eines kreischenden elektrischen Sägeblatts zu, bei denen das Licht im Erdgeschoss flackerte, oder von Hand mit den straff gespannten Stahldrahtsägen, die ich ebenfalls nicht anrühren durfte, und hielt oft inne, um die Vorlage zu studieren. Trotz seiner dürren Arme war mein Vater stark. Er sägte und feilte.
Hinter der Werkbank bewahrte er Konservengläser mit verschiedenen Staubarten auf. Manche waren ganz dunkel; die meisten hatten viele Schattierungen, von Braun und Schmutziggrau. Er tunkte seine Finger in eins der Gläser und rieb die entstehenden Schlüssel damit ab, polierte sie mit dem Staub und dem Schweiß seines Daumens. Ich habe nie gesehen, dass er einen der Behälter wieder auffüllte: Er verwendete immer nur einen Hauch.
Die Arbeit erschöpfte ihn mehr, als man glauben mag. Hatte er sie beendet, hielt er das fertige Stück in die Höhe, pustete es sauber und betrachtete es sorgsam; der Schlüssel glänzte, und mein Vater war von oben bis unten verdreckt.
Manchmal tauchten jene, die ihn beauftragten, Tage später wieder auf, um zu holen, wofür sie bezahlt hatten, wenn auch meist nicht mit dem Münz- und Papiergeld des Dorfs, davon gab es in unserem Haus selten viel; manchmal stieg er hinunter, um ihnen den Schlüssel zu bringen. Nie sah ich einen Kunden mehr als ein Mal.
Wenn meine Mutter kochte, sprach sie selten. Sie plante wohl ihren Garten, nehme ich an. Dabei suchte sie keinen Blickkontakt, wich meinem Blick aber auch nicht aus. Kochte mein Vater, dann stapfte er in der kleinen Küche herum, ließ mich probieren und lächelte dabei wie ein Mann, der sich daran zu erinnern versucht, wie man kocht. Dann sah er meine Mutter und mich erwartungsvoll an. Sie erwiderte seinen Blick nicht, ich schon, doch ohne ein Wort zu sagen, und er versuchte, uns Fragen zu stellen und Geschichten zu erzählen.
»Es ist besser, hier oben zu leben«, sagte mein Vater zu mir. »Wo die Luft rein und dünn ist, nicht zu stickig. Sie kommt einem nicht in die Quere.«
Das ist nur ein Erinnerungsfetzen. Als er das sagte, gingen wir beide den Pfad hinunter, um eine Besorgung zu erledigen, an die ich mich nicht mehr erinnere. Damals war es mir nicht aufgefallen, aber ich war nicht allzu oft mit ihm allein; hatten wir miteinander zu tun, stand meine Mutter immer in der Nähe. Ansonsten ging ich allein, was sie mir nicht verbot, und auch er ging allein, und dann sah ich ihn manchmal, folgte ihm sogar, aber möglichst ohne mich von ihm sehen zu lassen.
An manchen Tagen zogen größere, kompliziertere Wesen als Vögel durch die dünne Luft über uns hinweg, und sie schwirrten in solcher Höhe umeinander, dass ich sie nicht recht ausmachen konnte. Beobachtete mich mein Vater, wenn diese Wesen herumflogen, dann setzte er wieder dieses Lächeln auf, so als wolle er mir gleich etwas erklären, doch das tat er nie.
Ich bin im steten Wind des Berges aufgewachsen, der mir zuflüsterte und die dunklen Haare aus dem Gesicht wehte. Unter den Geräuschen des Winds lagen gelegentlich die schwachen, von weit her kommenden Rufe der Tiere und das Klackern von Steinschlägen. Manchmal war auch eine Maschine zu hören oder ein entfernter Gewehrschuss.
Ich hatte schon vor dem Mordtag, als sein Gesicht und das meiner Mutter zuckten, Wutanfälle meines Vaters erlebt. Wutanfälle sage ich, dabei war er in diesen Augenblicken reglos und unberührt: Er wirkte abwesend und tief in Gedanken versunken.
Als ich sieben war, tötete er einen Hund, während ich zuschaute. Es war nicht unser Hund. Damals hielten wir keine lebenden Tiere.
Ich befand mich oberhalb des Gartens meiner Mutter in einem knorrigen Baum, dessen Wurzeln sich in die Hügelerde krallten. Ich erinnere mich noch, dass der Tag beißend klar war, und ich erinnere mich an Wesen, die mich ignorierten und am Rand des flachen, offenen Himmels herumtobten. Da war ich also: der Junge, von Blättern umstrichen, der nicht weiß, wo seine Mutter ist, und seinen Vater beobachtet.
Der Mann saß unterhalb auf einer Felsnase und rauchte. Er wusste nicht, dass der Junge ihn beobachtete.
Der kleine rote Hund kam von irgendwo weiter oben angeschlichen. Er hatte wohl wie alle halbwilden Tiere nach der Entwöhnung am Berg vom Stehlen und Betteln gelebt, hatte Glück gehabt und ab und zu etwas erjagt.
Er näherte sich meinem Vater mit zögernder, hoffnungsvoller Unterwürfigkeit. Der Mann rührte sich nicht und hielt die Zigarette halb hoch.
Der Hund kam im Zickzack näher, setzte seine Pfoten dabei vorsichtig zwischen die Steine. Der Mann streckte eine Hand aus, das Tier blieb stehen, doch der Mann rieb Daumen und Finger aneinander, und der kleine Hund schnüffelte und schlich weiter heran. Er leckte die Hand, und der Mann packte ihn am Nacken. Der Hund wehrte sich, aber nicht sehr: Der Mann wusste, wie man einen Hund packen musste, und das Tier geriet nicht in Panik.
Der Mann drückte die Zigarette an einem Stein aus. Er begutachtete den Stein, verschmähte ihn, suchte nach einem besseren. Ein Schauer durchfuhr den zuschauenden Jungen und ließ ihn erzittern. Es war, als ob ihn sein eigenes Herz von innen boxte. Sein Vater suchte.
Ich wusste, was er vorhatte. Das ist meine erste Erinnerung daran, wie mein Vater etwas tötet, aber ich entsinne mich der Gewissheit, mit der ich zusah. Dieser Eindruck war so stark, dass ich mich heute frage, ob ich wohl andere, frühere Taten dieser Art vergessen habe, an die ich mich damals noch erinnerte.
Der Mann hob den von ihm erwählten Stein und schlug damit den Hund. Er ließ ihn auf den Kopf krachen, und der Hund bellte nicht mal. Wieder und wieder schlug der Mann zu. Der Junge klammerte sich an den Baum, schaute zu und schob sich eine zitternde Hand in den Mund, um so still zu bleiben wie der Hund. Meine Finger schmeckten nach Harz.
Als mein Vater fertig war, stand er auf und blickte ins Tal hinunter. Es war ein kalter Sommer, und alles war grün; man konnte den Fluss nicht sehen, so dicht standen die Bäume in der Schlucht unterhalb der Stadt und der Brücke. Der Hund baumelte an der Hand meines Vaters, als er den Hang hinaufstapfte.
So entsetzt ich auch war, als er hinter einer Wegbiegung verschwand, kletterte ich vom Baum und ging ebenfalls hinauf. Ich hielt mich verborgen und wartete darauf, dass er wiederauftauchte. Er bemerkte mich nicht. Er stieg nach Westen auf, und ich kroch ihm hinter Felsen, durch Gestrüpp und Gräben hinterher. Ich folgte ihm auf seinem Weg, der eigentlich kein richtiger Pfad war, den er aber schon früher einmal genommen hatte, wie ich bemerkte. Der Schwanz des Hundes schleifte über den Boden.
Mein Vater scheuchte Bussarde auf. Sie erhoben sich schwerfällig und kreisten in der Luft.
Oberhalb vom Haus und dem Pfad lag verborgen der Eingang zu einer Höhle. Ich hatte mich bisher noch nie aus dieser Richtung genähert und war ganz überrascht, sie zu sehen, obwohl ich von ihr wusste. Eigentlich durfte ich nicht ohne meine Eltern hierherkommen, aber manchmal tat ich es trotzdem.
Nahmen meine Eltern mich mit, dann ermutigten sie mich, über den merkwürdig sittsamen Rand aus Felszacken zu steigen, der wie ein niedriger Zaun am Höhleneingang lag, und traten dann selbst in den Schatten im Berg. Sie kamen nie ohne Taschenlampe her, sie betätigten die Kurbel daran und ließen sich von dem orangen Schein den Weg über den Höhlenboden zeigen. Doch auch ohne das...




