E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Mínervudóttir Das Gewächshaus
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-22111-9
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-641-22111-9
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gudrún Eva Mínervudóttir, geboren 1976, studierte in Reykjavík Philosophie. Ihr Roman "Der Schöpfer" fand international Beachtung. Für "Alles beginnt mit einem Kuss" ist sie mit dem isländischen Literaturpreis ausgezeichnet worden. Sie zählt zu den bekanntesten jungen Autorinnen Islands.
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LJUBA BIN ICH ZUM ERSTEN MAL an einem Samstag Anfang Juli begegnet, ein halbes Jahr nach unserem Umzug und elf Monate bevor ich aufgab, das Boot auf Autopilot stellte, runter in die Kombüse stieg und Muskat aß.
Ich schob den Buggy über die Straße. Es war wolkig, die Sonne kam und ging, und ein leichter Wind zupfte an unseren Sonnenhüten. Meiner war grau mit breiter Krempe und der meiner Tochter rot mit rosa Punkten und unter dem Kinn geknotet. Ich steckte barfuß in offenen Schuhen und mir war es schon jetzt ein bisschen zu kalt. Zwei Gewächshäuser und ein Schild, das Gemüse zum Verkauf anbot, hatten mein Interesse geweckt. Ich hatte noch nie jemanden in dem Laden gesehen, aber als meine Mutter früher in diesem Sommer einmal einen Spaziergang durch die Nachbarschaft gemacht hatte, war sie mit einer Tüte Spinat und kleinen Gurken zurückgekommen, die wie Kakteen aussahen – mit Stacheln, die man mit einem Messer abschaben musste. Sie sagte, sie habe das bei einer jungen lettischen Frau gekauft, die einen Sohn in Mínervas Alter habe.
Ist der Laden geöffnet?, fragte ich einen Hauch eifersüchtig. Ich habe da noch nie jemanden gesehen.
Sie wohnen in dem Haus hinter den Gewächshäusern, sagte meine Mutter. Ihr Mann ist Isländer.
Um das Grundstück war ein Stacheldrahtzaun gezogen, und das breite Eisentor schien mit einer Kette gesichert zu sein, doch als ich sie anfasste, glitt sie hinunter und landete auf der trockenen Erde. Als ich das Tor anhob, löste es sich langsam vom Pfosten und schwang schließlich von selbst auf, weit auf den Bürgersteig hinaus. Ich zog den Buggy hinter mir her, passte auf, einer dampfenden Quelle nicht zu nahe zu kommen, die mit einer Palette abgedeckt war, ging um die Ecke und stand schließlich auf einer gepflasterten Fläche; sah eine kleine gelbe Schubkarre, einen roten Spielzeuglaster mit blauer Ladefläche, einen wuchtigen Kübel mit blühender Kapuzinerkresse und die Front des Geschäfts.
Auf den Fensterflächen aus Glas und Plastik hingen lauter kleine Schilder. , stand auf einem davon. auf einem anderen. .
Mínerva rannte sofort zur Schubkarre, als sie aus ihrem Wagen geklettert war, und kippte sie, sodass das Regenwasser vom Vortag über das Pflaster floss. Ich spähte durch die Scheiben und sah einen Ladentisch mit Plastiktischdecke und einer altmodischen Kasse, zwei in die Jahre gekommene Kühlschränke, die größte Aloe-vera-Pflanze, die ich je gesehen hatte, ordentlich aufgereihtes Basilikum in braunen Plastiktöpfen, eine Regalkombination mit verschiedenen Behältern und Kunsthandwerk und einen geheimnisvollen Vorhang, der den Laden vom eigentlichen Gewächshaus trennte.
Die Tür ging auf, als ich eine Hand auf die Klinke legte. Es roch schwer und süß, und die Schatten waren dunkel. Ich trat in einen kühlen, dunklen Flecken und gleich darauf in eine sengende Sonnenpfütze, streifte dunkelgrüne Basilikumblätter und sah mir Marmeladengläser mit Bildern von Schwarzen Johannisbeeren und Kirschen an. Auf dem Boden stand ein Korb voll roter und grüner Tomaten, und in den Fenstern waren Töpfe mit Rosmarin, Schnittlauch und Thymian. An der Tür rankte eine Kletterpflanze mit Glockenblüten ein hohes, schmales Gitter empor.
Leicht nervös schob ich den schweren Vorhang ein bisschen zur Seite und guckte durch die Öffnung – ich hatte keine Erlaubnis, hier zu sein. Hinter dem Vorhang war ein hoher Raum, gleißend hell, feucht und wärmer als erwartet. Auf die Schnelle erkannte ich Erdbeerpflanzen, Spinat und Grünkohl. Ein kleines Radio murmelte in einer Ecke knackend vor sich hin, und durch eine Rinne im Boden floss Wasser. Mit den Augen folgte ich dem langsamen Strom und sah verschiedene Rohre, Leitungen und Schläuche davon abzweigen. Aus einem dünnen Eisenrohr plätscherte es in einen großen Bottich, und es lag eine eigenartige Fülle in der Luft, als wären das Licht und der schwere, vergorene Geruch miteinander verschmolzen.
Ich fühlte mich erleichtert und leer zugleich, als ich den Vorhang losließ und zur offen stehenden Ladentür lief, um nach dem Kind zu sehen. Sie versuchte gerade, eine schwarze schlanke Katze zu streicheln, die sich auf dem Weg wälzte und mit den Tatzen nach der suchenden Kinderhand schlug.
Nicht am Bauch streicheln, Schatz, sagte ich, während ich das Handy aus der Tasche zog und Ljubas Nummer wählte.
Hallo?
Kann ich bei dir Gemüse kaufen?, fragte ich.
Nach kurzem Schweigen fragte sie: Bist du im Laden?
Ja, oder davor, sagte ich und pflückte ein rundes Blatt von der Kapuzinerkresse.
.
Ich steckte das Blatt in den Mund und schmeckte den milden Radieschengeschmack.
Mínerva schnappte sich einen Stängel mit gelber Blüte und riss ihn ab. Ich nahm ihr geballtes Fäustchen und drehte es so, dass ich in die Blüte hineingucken konnte; sie war leer. Keine Biene. Langsam führte sie die Blume zu ihren Lippen, steckte sie ganz in den Mund und biss den Stängel durch.
Ist in Ordnung, sagte ich. Du kannst die Blume ruhig essen.
Noch bevor die beiden um die Ecke kamen, hörte ich sie heranknirschen. Eine dünne, ernste Frau mit großen Augen und ein Junge im Buggy, dessen Gesicht nicht zu sehen war, sondern nur die blonden, fast weißen Löckchen. Mínerva versuchte, in ihren Buggy zu klettern, und ich half ihr dabei. Die Kinder starrten sich an.
Hi, sagte ich zu dem Jungen, der mich keines Blickes würdigte.
Die Frau sagte irgendetwas auf Russisch zu ihm, und ich hörte, dass sie ihn Fjodor nannte.
Heißt du Fjodor?, fragte ich und fügte hinzu: Das ist Mínerva. Ich heiße Eva.
Ljuba, sagte die Frau.
Bist du Russin? Du hast gerade Russisch gesprochen, oder?, fragte ich.
Ich komme aus Lettland, sagte sie. Gut, dass du angerufen hast. Gefällt mir, wenn die Leute sich trauen. Bist du frisch hergezogen?
Im Dezember, antwortete ich.
In welches Haus?
Das dritte von hier, sagte ich und zeigte quer über die Straße. Nummer elf.
Ihre großen graublauen Augen wurden noch größer. Das mit den Töpfen und Pfannen vorm Küchenfenster?
Ja.
Sie schüttelte den Kopf und konnte sich das Lachen kaum verkneifen. Dann ließ sie ihren Blick über eine Reihe roter Tulpen in einem schmalen Beet vor der Glaswand wandern.
Die Katze war aufgestanden, staubig vom Wälzen auf dem Weg, und strich um die Beine ihrer Besitzerin. Ahh, seufzte Ljuba und sagte etwas zu ihr. Auf Russisch. Ich war mir ganz sicher. Sie hat gerade Junge gekriegt, sagte sie an mich gewandt, aber ich weiß nicht, wo sie sind. Ich weiß nur, dass sie schwanger war, und jetzt ist sie es nicht mehr.
Ich nickte.
Warte kurz, sagte Ljuba und verschwand im Laden.
Ich drehte mich zur Sonne und spürte die Wärme auf der Brust. Das Gesicht lag im Schatten der Hutkrempe. Eine Bachstelze setzte sich unweit von uns aufs Pflaster und wippte mit dem Schwanz auf und ab.
Ljuba kam mit zwei kleinen Papiertüten wieder heraus und gab die eine ihrem Sohn und die andere meiner Tochter. Fjodor fing sofort an, sich Cocktailtomaten in den Mund zu stecken. Ich nahm Mínerva die Tüte aus der Hand, biss eine Tomate durch und gab ihr eine triefende, unappetitliche Hälfte. Ljuba sah uns mitleidig an. Hast du so eine Angst, dass sie sich verschluckt?
Ja, antwortete ich.
Fjodor pflückt sie sich am liebsten gleich vom Strauch, sagte sie. Er stopft sie sich in den Mund, manchmal mehrere auf einmal. Ich lasse ihn machen. Ich habe keine Angst. Aber meine Mutter hatte auch Angst um mich, als ich klein war. Weil sie mir mit vier Monaten versehentlich alten Hirsemilchbrei gegeben hatte und ich eine so schlimme Lebensmittelvergiftung bekam, dass die Ärzte dachten, ich würde es nicht überleben.
Aber du hast überlebt, sagte ich.
Ja, nach ein paar Tagen im Krankenhaus haben die Ärzte uns nach Hause geschickt. Sie meinten, es sei am besten, wenn ich zu Hause sterben würde. Meine Omas wollten, dass ich getauft werde, solange ich noch Lebenszeichen zeigte, damit ich richtig bestattet werden konnte, sonst wäre ich außerhalb des Friedhofs begraben worden. Sie dachten, mein Herz würde stehen bleiben, als der Pfarrer mich tief in das Fass tauchte. Aber genau das hat mich gesund gemacht, dass er mich dreimal ins kalte Wasser getunkt hat. Am nächsten Tag war ich schon wieder deutlich kräftiger und konnte aufgesetzt werden. Jahrelang konnte ich kaum etwas essen – ich habe mehr oder weniger von Bratkartoffeln gelebt.
Dreimal in kaltes Wasser getaucht?, wiederholte ich. Hier wird den Kindern nur ein kleines bisschen Wasser über den Kopf gegossen.
Es hatte etwas so unglaublich Leuchtendes, wie sie erzählte. Ich wusste nicht, ob ich mich vor allem für sie interessierte oder ob ich ihr nur beim Erzählen zuhören, mich in das Leben eines anderen Menschen hineinfühlen wollte.
Sie nickte und wischte Tomatenkerne von Fjodors Kinn. Bei uns werden junge Männer mit Eimern losgeschickt, um Wasser aus einem Bach zu holen und das Fass in der Kirche zu füllen. Dann hält der Pfarrer dem Kind Ohren und Nase zu, so … (sie drückte sich die Nasenlöcher mit den Daumen zu und steckte sich die Zeigefingerspitzen in die Ohren), und taucht es tief hinein. Drei Mal. Meine Omas nannten es ein Wunder, aber mein Papa, der Pfarrer hasste, meinte, dass doch allgemein bekannt sei, wie gesund kalte Bäder sind.
Willst du mit zu mir kommen?, fragte ich. Ich kann uns einen Kaffee...




