E-Book, Deutsch, 597 Seiten
Mommers ANDERZEITEN
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95765-932-3
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 597 Seiten
ISBN: 978-3-95765-932-3
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Helmuth Wilhelm Mommers, geb. 1943 in Wien, war mit 21 Jahren der erste Allrounder im Genre der deutschsprachigen Science-Fiction - als Illustrator, Autor, Übersetzer, Herausgeber und Literaturagent. Sein Debüt als Autor machte er gemeinsam mit Ernst Vlcek, das als Herausgeber mit A. D. Krauß. Aus familiären Gründen 1966 in die Schweiz ausgewandert, musste er eine neue Laufbahn einschlagen, kehrte aber nach einer Pause von 35 Jahren in die Szene zurück. Mit einem Knall: Er initiierte gemeinsam mit Ronald M. Hahn und Michael K. Iwoleit das Magazin NOVA, gab die Anthologiereihe VISIONEN heraus, wurde Story-Redakteur bei SPACE VIEW. Innerhalb von neun Jahren veröffentlichte er 34 Erzählungen, auch in Frankreich, Spanien, Italien, Ungarn, Kroatien, Griechenland, Rumänien, Russland, Japan und den USA. Sein letzter Streich war die Gründung der VILLA FANTASTICA in Wien, einer Bibliothek der fantastischen Literatur - als sein Vermächtnis für die Zukunft.
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Immer wieder Sonntag
Es war an einem wunderschönen Sonntagmorgen im Mai, die Sonne lachte zum Fenster herein, Vögel zwitscherten zum Auftakt eines neuen Tages, ein laues Lüftchen weckte die Lebensgeister und der warme Körper seiner jungen, begehrenswerten Frau, der sich schlafend an ihn schmiegte, seine Libido.
Seine Hand kroch wie von allein unter der Bettdecke über ihren angewinkelten Arm, seine Finger schlossen sich um ihre Brust, während sein Mund sich die Schulter entlang über die Halsbeuge zum Haaransatz arbeitete und die Nase bei jedem Kuss den Duft ihres Körpers einsaugte wie köstlichen Nektar.
Im nächsten Moment teilten sie, eng umschlungen, das Frühlingserwachen.
Gerade hatte er sich von der Vorspeise dem Hauptgericht zugewandt, da erstarrte sie unter ihm. Ihre Augen weiteten sich, das Stöhnen erstarb auf ihren Lippen.
Er brauchte ein paar Sekunden, um zu erkennen, dass etwas nicht stimmte.
Ihr Blick war an ihm vorbei gerichtet – und starr vor Schreck.
Er drehte sich halb zur Seite, um nach dem Grund zu sehen: Fremde standen in ihrem Schlafzimmer. Ein Mann, eine Frau, an ihrer Hand ein Kind. Gekleidet in bunte, schillernde, eng anliegende – Overalls? Schlangenhäute? Latex? – Nichts, was sie je gesehen hätten.
Die Frau, ihren blanken Schädel schmückte nur ein Leuchttattoo, hatte eine Hand an den Mund gehoben, als müsse sie ein Lachen unterdrücken – oder aus Verlegenheit? Der Mann, mit rotem Bürstenhaarschnitt, hielt ein ovales Gerät auf sie gerichtet – eine Kamera? Das Kind hatte eine Puppe unter den Arm geklemmt und kicherte jetzt. Das schien den Bann zu brechen.
»Entschuldigung«, stotterte der Mann, sichtlich selbst schockiert. Er senkte die Kamera (?) und sah die Frau Hilfe suchend an, die nur die Schultern zuckte. »Also … ich … wir … sind schon weg!« Mit diesen Worten riss er die Frau mit sich, Richtung Wohnzimmer; die Frau, auf dem falschen Fuß erwischt, stolperte hinterdrein, das Mädchen (?) folgte wie ein Dominostein und ließ auf seinem Weg durch die Wand sein Spielzeug fallen. Vorbei war der Spuk.
»Hast du das gesehen?«, fragte Gloria nach einem Moment der Sprachlosigkeit. »Oder habe ich geträumt?«
Bernhard, immer noch auf einen Ellbogen gestützt, drehte endlich den Kopf zurück und sah sie ebenso verwundert an. »Muss wohl eine Halluzination gewesen sein … oder?« Und fügte hinzu: »So was Verrücktes!«
Beide schüttelten gleichzeitig den Kopf, dann mussten sie lachen bei dem Gedanken an die Fata Morgana. Sie küssten sich innig und stellten fest, dass sie noch mehr Gemeinsamkeiten verbanden.
Die nächste Unterbrechung kam diesmal wenigstens danach. »He«, platzte Roland, ihr Achtjähriger, herein, »da sind ja plötzlich lauter Typen!«
Widerwillig rutschte Bernhard aus seiner wohligen Position, während Gloria die Bettdecke über ihre Blößen zog. »Wir kommen!«, rief er. »Geh schon mal vor …«
Notdürftig in einen Morgenmantel gekleidet, folgte er seinem Filius. Gloria verschwand im Bad.
Der Korridor war leer, dafür das Wohnzimmer gerammelt voll. Bernhard sah gerade noch, wie sein Junge an den ungebetenen Gästen vorbei- und hineinschlüpfte, dann tat er es ihm gleich. »Pardon!«, sagte er, den Nächststehenden antupfend. »Darf ich …?« Ohne sich umzudrehen, machte dieser Platz.
»… Sie hier sehen, ist eine antiquierte Form von Holovision«, hörte Bernhard eine krächzende Frauenstimme. »… also eigentlich ein Gerät für die Projektion von zweidimensionalen Bildern … ›Fernsehen‹ nannte man es in diesem Jahrhundert. Dazu müssen Sie wissen, es diente der Nachrichtenübermittlung und, vor allem, der Unterhaltung. Natürlich nur der passiven. Man sagte auch ›Glotze‹ dazu, das kommt von ›glotzen‹, starren, weil man ja nichts anderes konnte, als sich berieseln zu lassen.« Gekicher allseits. »Und das …« ? sie deutete auf die Gegensprechanlage an der Wand ? »… ist ein sogenanntes ›Telefon‹ mit Tastatur zum Wählen, einer Sprech- und Hörmuschel. Bedenken Sie, nur zweihundert Jahre davor hat man sich noch mit Rauchzeichen verständigt …«
Na, wenn das nicht übertrieben war! Bernhard war neugierig, was sich diese komischen Typen noch alles würden einfallen lassen. Er hatte seinen ersten Schrecken – und Unglauben – überwunden und sich vorgenommen, alles ganz gelassen zu nehmen. Cool, man, sagte er sich. Wenn ich schon verrückt bin, die andern sind’s noch mehr!
»Das, was Sie hier sehen, diese Dinger aus ›Holz‹ und ›Leder‹ ? jaja, aus Tierhäuten über Baumstücke gespannt ?sind eigentlich Relaxgelegenheiten, wie sie schon seit Jahrtausenden in Gebrauch waren …«
Bernhard, der, sich streckend, endlich einen Blick auf die Sprecherin erhaschen konnte – auf die Reiseleiterin, was denn sonst –, sah einige Touristen (?) Platz nehmen und probeweise auf seiner Sitzgarnitur auf und ab wippen. Dies, oder das begleitende Knarren des Leders, löste ein weiteres Kichern aus.
Er spürte, wie sein Arm berührt wurde. Gloria hatte sich an seine Seite gesellt.
»Komm«, sagte er lächelnd, »das musst du gesehen haben …« Damit schob er sie an der Gruppe vorbei zur Seite, wo noch freier Platz war. Er legte ihr den Arm um die Schulter. »Ich sag’ dir was«, raunte er ihr ins Ohr, »das sind Leute aus der Zukunft!«
»Weißt du, was ich glaube?«, konterte sie, ohne ihn dabei anzusehen. »Die sind sicher von der Versteckten Kamera!« Gloria entblößte ihre Zähne zu einem strahlenden Lächeln, Richtung imaginärer Kamera.
»Nein, nein. Oder kommen die Leute vom Fernsehen neuerdings durch die Wand? – Die sind aus der Zukunft!«
»Wie – Zukunft?«
»Na, dann hör’ mal gut zu.«
Sie folgten der kuriosen Prozession vom Wohnzimmer ins Esszimmer und von dort in die Küche, soweit es der begrenzte Raum zuließ.
»Leider haben wir im Moment keine Gelegenheit, die Einheimischen beim Zubereiten und dem Verzehr von Nahrungsmitteln – ›Speisen‹, wie sie es nannten – zu beobachten. Nur so viel: Die Nahrungsmittel bestanden in ihrer natürlichen, gepflanzten oder gezüchteten Form aus Früchten der Bäume und des Bodens …«
»Wurzeln?«, fragte jemand, gefolgt von einem Würgelaut.
»… und ›Fleisch‹, von Tieren, Vögeln und Fischen.«
Sie hörten, wie sich jemand erbrach.
»Meine Damen und Herren, ich darf Sie doch bitten – nicht umsonst haben wir diese Tüten verteilt. Leute mit schwachem Magen mögen sie bereithalten. Und solche mit schwachen Nerven – senken Sie Ihren Stresslevel.«
Verwundert sahen Bernhard und Gloria, wie einige der ihnen Gegenüberstehenden die Augen schlossen, sich zu konzentrieren schienen, sie hierauf wieder öffneten.
»Wenn wir dann ins zwanzigste Jahrhundert weiterziehen, erwarte ich etwas mehr Vorbereitung.« Die Führerin, eine dürre, fast androgyn wirkende Frau – oder doch ein Junge? – mit kahl rasiertem Schädel und großem Nasenring hob warnend einen ringbesetzten Finger. »Dort werden Sie auf ›Tiere‹ stoßen, nicht im ›Wald‹ oder auf dem ›Feld‹, sondern tatsächlich auf der ›Straße‹, als Fortbewegungsmittel, und nicht nur dort – mancherorts hielt man sich lebende Nahrungsmittel im Haus!«
Ein Schaudern durchlief die Touristengruppe. Ihre Führerin, sichtlich das Element des Schocks genießend, bückte sich und wischte das Erbrochene auf, entsorgte alles in einer Tüte und lenkte dann ihre Schritte zur Wohnungstür. Die Herde folgte ihr betreten. »Sie haben jetzt freien Ausgang. Wir treffen uns in …« ? sie schloss kurz die Augen ? »… siebzehn Minuten, um zwanzig vor zehn. Pünktlich, wenn ich bitten darf. – Und vergessen Sie nicht: Die Einheimischen können uns nicht sehen und nicht hören und auch nicht berühren. Trotzdem darf nichts zurückgelassen werden, das den Zeitstrom beeinflussen könnte. Denken Sie an das Beispiel vom Schmetterling, dessen bloßer Flügelschlag in China einen Hurrikan …« Womit die bunte Schar verschwunden war, nicht etwa durch die Wohnungstür, sondern durch die nächste Wand.
Zurück blieben Vater, Mutter und Kind des beginnenden 21. Jahrhunderts. »Uff!«, ließ sich Bernhard vernehmen. »Jetzt brauch’ ich einen Kaffee! Einen starken …«
»Und Schinken mit Ei!«, sekundierte Junior.
»Aye, Sir! – Wie Euer Durchlaucht wünschen!« Gloria machte eine tiefe Verbeugung, dann einen artigen Knicks. »Beachten Sie: In diesem Jahrhundert ist die Frau vielerorts Dienerin ihres Herrn. Erst zweihundert Jahre davor herrschte noch die Sklaverei …«
Gloria war am Abräumen, als Bernhard ? immer noch im Morgenmantel ? auftauchte. »Sieh mal, was ich da habe!« Er legte eine Puppe...




