Moore Fremde Hochzeit
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-446-26855-5
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählungen
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-446-26855-5
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lisa Moores Erzählungen handeln nur auf den ersten Blick von Alltäglichkeiten: Da sind Eleanor und Philipp auf einer Gartenparty - die ihre ganze Ehe auf den Prüfstand stellt. Da ist Melody, die nach einer durchtanzten Nacht in die nächstgelegene Stadt trampt - für eine Abtreibung. Und da sind Lyle und seine Tochter Alex, die einen Tag an der Küste Neufundlands verbringen - der Beginn eines neuen Kapitels. Mit ihrem untrüglichen Gespür für die Tiefe, die in vermeintlich belanglosen Augenblicken steckt, stößt die große kanadische Erzählerin in das Geheimnisvolle menschlicher Beziehungen vor. Präzise und scheinbar beiläufig wie Alice Munro bringt sie 'das zu Papier, was im Leben wichtig ist' (Richard Ford).
Lisa Moore, 1964 in St. John's, Neufundland, geboren, studierte Kunst am Nova Scotia College of Art and Design und ist eine der erfolgreichsten kanadischen Autorinnen. Bereits ihr Debütroman Im Rachen des Alligators war ein nationaler Bestseller. Bei Hanser erschienen die Romane Und wieder Februar (2011), mit dem sie Finalistin für den Man Booker Prize wurde, Im Rachen des Alligators (2013), Der leichteste Fehler (2015) sowie die Erzählungen Fremde Hochzeit (2020).
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Mach die Augen zu
Wir sind auf einer Yacht in St. Pierre. Maureens Freund, Antoine, hat uns zum Segeln eingeladen, aber mit dem Motor stimmt etwas nicht, deshalb liegen wir immer noch im Hafen. Die Marina ist ein Ansturm weißer Segel, und das Blau ist sehr blau. Wir liegen auf Deck und sonnen uns. Ein Buch von Marguerite Duras liegt aufgeschlagen auf meinem Bauch. Maureen und ich haben dieses Buch vor drei Jahren in einer Nacht fast ganz gelesen. Ein kurzer Roman über eine sechsundsiebzigjährige Frau von großem literarischem Ruhm, die einen Sechsunddreißigjährigen zum Liebhaber gewinnt.
Wir lasen es in der Küche in der Gower Street, lasen uns abwechselnd daraus vor, während draußen ein Schneesturm tobte, das Scheinwerferlicht schlingernder Wagen glitt über die Decke, und vom Herd stieg der samtige Gestank von Erbsensuppe auf. Wir freuten uns ungemein für Marguerite Duras. Weiter so, Marguerite, schrien wir.
Aber jetzt, drei Jahre später, kommt mir die Geschichte ganz anders vor, als ich sie in Erinnerung hatte. Der junge Liebhaber ist bisexuell. Hat Affären mit Barkeepern in einem nahen Hotel. Er scheint die Schriftstellerin regelrecht zu terrorisieren, die zu alt und betrunken ist, um irgendetwas dagegen zu unternehmen. Sie gibt ihr ganzes Geld für ihn aus und wartet darauf, dass er ihr etwas zu essen bringt, manchmal bleibt sie auch hungrig. Wie konnten wir das für Hoffnung halten?
Ich bin auch hungrig. Wir haben eine Menge Geld in einem örtlichen Laden ausgegeben, aber den größten Teil der Lebensmittel haben wir inzwischen verbraucht. Es ist noch eine rosige Wurst mit Fettstücken da und eine Entenkonserve. Und eine unangebrochene Packung norwegischer Kekse. Wir sind zu faul, um noch mal in die Stadt zu gehen. Lange sagt niemand etwas. Dann hebt mein Mann den Kopf von einem ausgeblichenen Baumwollkissen und schaut erst in die eine, dann die andere Richtung. Er legt den Kopf wieder aufs Kissen, rollt die Schultern.
Ich hatte gerade eine total intensive Erinnerung an eine Busfahrt in Kuba, sagt er.
Mit diesem kreisenden Adler in der Schlucht, sage ich.
Nein, eine andere Busfahrt, sagt er.
Ich sage Maureens Namen. Sie rührt sich nicht. Dann setzt sie sich auf, ganz langsam. Sie sagt: Ist Schlaf nicht etwas Seltsames, er erfasst uns alle, ganze Städte — über Stunden hinweg kommt alles zum Erliegen. Ist mir gerade so durch den Kopf gegangen.
Und denk an all die Toten, sage ich.
Antoines Hand taucht aus einer Luke empor, ein Baguette schwenkend. Dann erscheint sein Kopf dicht neben Maureens Oberschenkel. Er beißt sie, und sie kreischt. Er schlägt ihr mit dem Baguette auf den Bauch.
Wir essen die norwegischen Kekse und tunken das vertrocknete Baguette in den Kardamomtee in unseren Emailletassen, ohne viel zu reden. Die frische Luft hat uns alle schläfrig gemacht. Dann wird es für eine Weile unruhig, denn eine riesige Yacht macht neben der von Antoine fest.
Die drei Segler tragen Fleecejacken von Helly Hansen, blau, rot, gelb. Eine etwa vierzigjährige Frau mit einer langen Mähne aus betonierten Löckchen setzt die amerikanische Flagge. Sie flattert matt und wickelt sich dann um den Mast, wie eine Zuckerstange sieht es aus. Ein weißer Styroporteller wird in die Luft gehoben und schwebt dann ins Wasser. Sie schauen ihm alle drei nach. Dann überqueren sie das Deck von Antoines Yacht, um auf den Anlegeplatz zu gelangen.
Als er den Schritt vom Schiff auf den Anlegeplatz macht, verliert der eine Amerikaner seinen Schuh. Maureen versucht, den Schuh mit einer langen Stange herauszufischen, aber er füllt sich schon mit Wasser. Antoine klettert über die Reling. Die Füße gegen die Yacht gestemmt, den Rücken gegen das mit Teeröl behandelte Holz des Anlegeplatzes, lässt er sich vorsichtig herunter. Es sieht aus, als würde er entweder gleich zerquetscht werden oder ins schmutzige Hafenwasser fallen. Ein Rennboot fährt vorbei, die Yacht drängt sich noch näher an die Kaimauer, und es wird sehr eng für Antoine. Die Amerikanerin in der weißen Hose umklammert den Arm des älteren Mannes. Der Mann nimmt seine weiße Baseballkappe ab und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn. Maureen raucht, ihre Hand zittert neben ihrem Mund.
Und das alles für einen Schuh, sagt der Mann. Aber Antoine krabbelt wie eine Spinne wieder nach oben und hält den Schuh wie eine Trophäe hoch. Er macht eine kleine Verbeugung, dann dreht er den Schuh um und kippt das Wasser heraus. Alle applaudieren.
Am frühen Morgen gehe ich in den Yachtclub, um zu duschen. Ich treffe eine Frau mit ihrem Kind, eine französische Familie, die ihren Katamaran nachts an der Yacht der Amerikaner festgemacht hat. Die Frau kommt aus der Dusche und hat es nicht eilig, sich zu bedecken. In der kleinen Mulde neben ihrem Hüftknochen hat sie ein Tattoo, einen Schmetterling in Schwarz und Orange. Sie rubbelt ihre Tochter mit einem dicken weißen Handtuch ab. Der Raum ist voller Dampf und dem Geruch von Shampoo. Das Mädchen hat das gleiche blonde Haar wie die Mutter, glänzend und hell, wie zermanschte Banane. Die Frau erzählt mir, dass sie seit fünf Jahren mit dem Katamaran unterwegs sind. Sie waren schon auf der ganzen Welt. Ihre Kinder wurden beide unterwegs geboren.
Wie lange wollen Sie das noch machen, frage ich.
Noch lange, sagt sie.
Maureen trägt ihre Sonnenbrille. Wir haben die norwegischen Kekse aufgegessen. In den großen schwarzen Gläsern von Maureens Sonnenbrille überkreuzen sich Taue, Spieren und Masten, wie bei einem Fadenspiel. Sie weint, die Tränen rinnen ihr über die Wangen und bleiben am Kinn hängen. Ich kriege keine klare Antwort aus ihr heraus. Sie hat die Arme um die Knie geschlungen. Ich stütze mich auf einen Ellbogen und winke ihr mit dem Roman von Duras zu.
Ich sage: Das ist alles ganz anders, als wir dachten.
Sie dreht sich um, und die untergehende Sonne spiegelt sich in einem ihrer Brillengläser, ein tiefgelbes Glühen, sie duckt den Kopf und hält sich die Hand über die Augen.
Sie sagt: Ich wollte, dass du dieses Leben mal kennenlernst.
Am Tag unserer Abreise ist es neblig. Mein Mann dreht ein Video von Antoine auf dem Kai, während die Fähre sich entfernt. Antoine trägt ein blau-weiß gestreiftes T-Shirt, wie ein echter Franzose. Er winkt und hört nicht auf zu winken, bis ihn der Nebel verschluckt.
Maureen und ich haben ihn letztes Jahr in einer Bar kennengelernt. Er trug ein Unterhemd in verwaschenem Neonrosa. Er hat einen orangen Bart, Büschel von Orange unter den Armen und einen langen orangen Zopf. Er erzählte uns, seine Oma habe ihm auf ihrem Sterbebett das Versprechen abgenommen, sich niemals die Haare schneiden zu lassen.
Warum denn das?
Damit ich verstehen würde, welches Gewicht ein Versprechen hat.
Wir sehen zu, wie er in die Takelage klettert. Wie er das Skelett der Segel erklimmt, die nackten Füße krümmend, bis er hoch oben über Deck ist. Sein drahtiger Körper ein Teil der kargen Geometrie.
Antoines Bruder ist zu Besuch in Neufundland, aus Nigeria, wo er Giraffen beobachtet und seinen Pilotenschein gemacht hat.
Er betätigt den Klopfer an der Haustür und tritt ein. Unter seinen Armen und zwischen seinen Beinen blitzt das Sonnenlicht hindurch, dann fällt die Tür ins Schloss, und es ist dunkel im Flur. Er steht reglos da. Ich bin in der Küche, habe die Hände im Spülbecken. Ich gehe durch den Flur, um ihn zu begrüßen. Er trägt einen Strohhut mit winzigen Glöckchen an der Krempe und einem eingeflochtenen Muster in Weinrot und Grün. Er sieht Antoine so ähnlich, dass ich einen Moment lang denke, es ist Antoine, der mich zum Narren halten will. Ich reiche ihm die Hand, und er ergreift sie, Seifenschaum quillt zwischen meinen Fingern hindurch.
Antoines Bruder ist auch mein Bruder, sage ich. Er neigt fragend den Kopf, und die Glöckchen bimmeln durch das leere Haus.
Er schläft im Wohnzimmer auf der Couch. Die Tür ist aus Glas, ohne Vorhang, und er schläft im Slip, hat die Decke weggestrampelt. Schließlich steht er auf, und ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen soll. Mit Antoine konnten wir stundenlang über unsere Missverständnisse reden, aber dieser Bursche spricht sehr gut Englisch, und ich bin ratlos.
Okay, halt still, ich porträtiere dich.
Sein Messer bleibt über dem Brot in der Luft stehen. Ein Klacks Marmelade hängt am Wellenschliff. Ich male Porträts, mit Tusche auf nassem Papier. Sobald man den Pinsel aufs Papier gesetzt hat, hat man entschieden, wo es hingeht, so ist das bei der Tuschmalerei. Zuerst sehe ich ihm in die Augen. Ich studiere die Form des Augapfels, die Größe und wie tief das Auge im Gesicht liegt....




