Moravia | Der Konformist | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Moravia Der Konformist

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8031-4328-0
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-8031-4328-0
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Geschichte eines Mannes, den eine Schuld zur größtmöglichen gesellschaftlichen Anpassung treibt und das Psychogramm des Mitläufers schlechthin. Marcello Clerici hat als Jugendlicher jemanden niedergeschossen, der versucht hatte, ihn zu verführen. Die Tat bleibt unentdeckt, doch Marcello wird von Schuldgefühlen gequält. Fortan ist sein ganzes Bestreben, zu zeigen, dass er wie alle anderen ist. Er wird zum willfährigen Beamten unter der neuen faschistischen Regierung. Die Ereignisse nehmen ihren unheilvollen Verlauf ... Marcello wird zum Mittäter in einem verbrecherischen System. »Der Konformist« gilt in Italien als Moravias Meisterstück. Der Roman zeigt den berühmten Autor auf der Höhe seiner Kunst der seelischen Demaskierung: den Mörder im normalen Bürger. Das Buch wurde 1969 von Bernardo Bertolucci mit Stefania Sandrelli und Jean-Louis Trintignant verfilmt.

Alberto Moravia, 1907 in Rom geboren, begann 1925 nach schwerer Krankheit zu schreiben. Bereits sein Erstlingsroman 'Die Gleichgültigen' (1929) fand große Beachtung. Seit 1941 von der Zensur stark behindert, erhielt er wenig später wegen seiner immer offener demonstrierten antifaschistischen Haltung Schreibverbot. Nach 1944 war Moravia politisch und literarisch eine der wichtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten Italiens. Seine Romane und Erzählungen weckten mehrmals das Interesse großer Filmregisseure wie Jean-Luc Godard ('Die Verachtung') und Bernardo Bertolucci ('Der große Irrtum'). Er starb 1990 in Rom.
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Erster Teil



Marcello betrat den Vorraum der Bibliothek. In der einen Hand hielt er den Hut, in der anderen die Sonnenbrille, die er jetzt in die Tasche schob. Bei dem Türsteher erkundigte er sich nach der Zeitungssammlung. Dann erstieg er ohne Hast die breite Treppe. Oben ließ ein großes Fenster das starke Licht des Mittags ein. Marcello fühlte sich leicht, unbelastet, voll körperlichen Wohlbefindens und unverletzter Jugendkraft. Sein neuer, grauer, schlicht geschnittener Anzug gab ihm überdies das erfreuliche Bewußtsein, elegant, ernsthaft und ordentlich gekleidet zu sein, wie es seinem Geschmack entsprach.

Im zweiten Stock füllte er einen Schein aus und betrat dann den Lesesaal. Hinter einer Bank saßen eine Angestellte und ein alter Diener. Marcello wartete, bis er an der Reihe war. Schließlich gab er den Zettel ab, auf dem er den Jahrgang 1920 der wichtigsten Tageszeitung der Stadt verlangt hatte. An die Bank gelehnt, wartete er geduldig, sah vor sich hin und in den Saal: Etliche Reihen von Lesetischen, jeder mit einer grünbeschirmten Lampe, reichten bis in den Hintergrund des Raumes. Aufmerksam betrachtete Marcello diese Tische, an denen nur wenige Besucher saßen. Es waren vorwiegend Studenten. In Gedanken suchte er sich den Tisch aus, an dem er gleich sitzen würde: den hintersten, rechts. Das Mädchen kam zurück und trug auf beiden Armen den dicken Band der gewünschten Zeitungen. Marcello ergriff ihn und ging zu seinem Tisch hinüber.

Er legte den Band auf die schräge Fläche und zog sorgfältig seine Hosen hoch, während er sich setzte. Aus einem Paket billiger Zigaretten nahm er eine, zündete sie an, tat einen tiefen Zug. Dann schlug er, die Zigarette zwischen den Fingern, in aller Ruhe den Zeitungsband auf und begann, darin zu blättern. Die Titel waren nicht mehr so leuchtend und schwarz wie einst, sondern eher grünlich. Das Papier war vergilbt, die Fotografien sahen verblichen und unklar aus, und es fehlte ihnen die Tiefe. Es fiel Marcello auf, daß die Überschriften besonders sinnlos und absurd wirkten, wenn sie in größeren Lettern gedruckt waren. Sie bezogen sich auf Ereignisse, die noch am Abend desselben Tages jegliche Wichtigkeit verloren hatten und heute in ihrer unverständlichen Aufdringlichkeit der Erinnerung und der Phantasie widerstanden. Gerade die absurdesten Titel enthielten unter der Meldung, wie Marcello feststellte, einen mehr oder minder tendenziösen Kommentar. Ihr Gehabe ließ an das Geschrei eines Verrückten denken, das unverständlich in die Ohren tönte. Marcello gab sich Rechenschaft über seine eigenen Empfindungen angesichts dieser Überschriften und fragte sich: Wie werde ich dem Titel gegenüber reagieren, der mich betrifft? Wird er mir auch absurd und inhaltslos vorkommen?

Das hier ist also die Vergangenheit, dachte er weiter, während er Seite um Seite umwandte: all dieser verstummte Lärm, diese erloschene Erregung, dies vergilbte Papier, das einmal zerbröckeln und zu Staub zerfallen wird! Die Vergangenheit bestand aus Gewalttaten, Irrtümern, Betrug, Frivolität und Lüge. Das waren anscheinend die einzigen Dinge, die von den Menschen für würdig erachtet wurden, veröffentlicht zu werden. Während er nacheinander die Nachrichten auf den Seiten vor sich durchlas, sagte er sich: Das normale alltägliche Leben fehlt völlig … Aber was suche ich denn selbst, obwohl ich diese Betrachtung anstelle? Suche ich nicht auch einen Bericht über ein Verbrechen?

Er hatte keine Eile, die zu finden, die er suchte. Dabei wußte er das Datum ganz genau und hätte es nur aufzuschlagen brauchen. Da war der zweiundzwanzigste, der dreiundzwanzigste, der vierundzwanzigste Oktober des Jahres neunzehnhundertzwanzig. Mit jeder umgeblätterten Seite näherte er sich jenem Ereignis, das er als das wichtigste seines Lebens ansah. Aber die Zeitung bereitete in keiner Weise auf dieses Ereignis vor, nahm von den Präliminarien keinerlei Notiz. Die einzige Nachricht, die ihn betraf, würde plötzlich zwischen lauter ganz gleichgültigen Meldungen auftauchen – wie ein Fisch am Angelhaken aus den Tiefen des Meeres zum Vorschein kommt.

Mit einem Versuch, zu scherzen, sagte er sich: Statt dieser großen Überschriften, die sich meistens um politische Ereignisse drehen, hätte man drucken sollen: Marcello begegnet Lino zum ersten Mal, Marcello, verlangt die Pistole, Marcello steigt zu Lino ins Auto! Plötzlich aber erstarb ihm jede Lust zu einem scherzhaften Gedanken, eine unvermittelte Nervosität raubte ihm fast den Atem. Er war jetzt zu dem gesuchten Datum gelangt. Hastig schlug er noch eine Seite um. In der Lokalchronik fand er die erwartete unter dem einspaltigen Titel:

Ehe er zu lesen begann, zündete er eine weitere Zigarette an. Nach einem tiefen Zug senkte er den Blick auf die Zeitung. Die Meldung lautete:

Während Marcello die Meldung sofort ein zweites Mal durchlas, dachte er: Sie hätte nicht knapper und konventioneller sein können. Aber trotz ihrer abgedroschenen journalistischen Formulierungen gingen doch zwei Dinge mit aller Klarheit daraus hervor: Erstens, Lino war wirklich gestorben. Davon war Marcello zwar stets überzeugt gewesen, es hatte ihm aber immer der Mut gefehlt, dies mit Bestimmtheit festzustellen. Zweitens, Linos Tod war – auf Grund einer Angabe von ihm selbst – auf einen Unglücksfall zurückgeführt worden. Marcello war demnach vor allen Weiterungen geschützt. Lino lebte nicht mehr. Sein Tod würde ihm niemals zur Last gelegt werden.

Aber Marcello war heute nicht nur in die Bibliothek gegangen, um sich darüber endgültige Gewißheit zu verschaffen. Im Grunde betraf seine Unruhe, die während der vielen vergangenen Jahre niemals ganz geschwunden war, gar nicht die gesetzlichen Folgen seiner Tat. Durch seinen Besuch in dieser Bibliothek hatte er herausbekommen wollen, welche Gefühle die Bestätigung von Linos Tod bei ihm auslösen würde. Denn davon hing es ab, ob er noch der junge von einst war, den seine schicksalhafte Abnormität quälte, oder wirklich der neue, völlig normale Mann. Denn seit jener Tat hatte er sich bemüht, ein neuer, völlig normaler Mann zu werden. Und er war auch ziemlich überzeugt vom Erfolg seiner Bemühungen.

Jetzt empfand er eine große Erleichterung. Sogar mehr noch als dies: ein großes Staunen. Die Meldung, die da auf dem vergilbten Papier gedruckt stand, hatte in seinem Gemüt kein Echo geweckt. Es war ihm ergangen wie einem Menschen, der lange Zeit einen Verband über einer tiefen Wunde getragen hat, der diesen Verband schließlich abnimmt und staunend feststellt: Dort, wo er seine Wunde erwartet hat, sieht die Haut ganz heil aus und weist nicht mehr die geringste Spur einer Verletzung auf! Diese Zeitungsmeldung zu suchen, so dachte Marcello, war für ihn das gleiche gewesen wie das Abnehmen eines Verbandes. Da er jetzt nichts empfand, war er also geheilt. Wie diese Heilung eigentlich vor sich gegangen war, hätte er selbst nicht sagen können. Ohne Zweifel hatte nicht nur die Zeit dieses Ergebnis herbeigeführt. Viel war ihm auch selber zu verdanken: seinem bewußten Willen in all diesen Jahren, aus der Anomalie herauszufinden und so zu werden wie die anderen.

Eine Art Gewissensregung veranlaßte ihn, von der Zeitung auf vor sich ins Leere zu blicken und nochmals an Linos Tod zu denken. Das hatte er bisher instinktiv stets vermieden. Konnte denn seine gleichgültige Teilnahmslosigkeit nicht auch daher rühren, daß jene Zeitungsnachricht in dem konventionellen Stil der Lokalchronik abgefaßt war? Wenn ich jetzt versuche, sagte er sich, mich intensiv in die damalige Situation zu versetzen, so müßte doch eigentlich die Erinnerung lebhaft und gefühlsbetont wiederkehren und den alten Schrecken aufs neue hervorrufen – falls davon noch eine Spur in meiner Seele vorhanden ist.

Gefügig ließ er sich nun von seiner Erinnerung auf den Weg führen, den er als Knabe damals zurückgelegt hatte: die erste Begegnung mit Lino in der Allee. Der Wunsch, eine Pistole zu besitzen. Das Versprechen Linos. Der Besuch bei Lino in der Villa. Das zweite Zusammentreffen mit Lino. Der päderastische Angriff. Er, Marcello, der die Pistole auf Lino richtet. Der Chauffeur, der komödiantisch mit ausgebreiteten Armen neben dem Bett kniet und ruft: »Schieß mich tot! Schieß mich tot wie einen Hund!«

Und er hatte geschossen, beinahe gehorsam. Er sah jetzt in Gedanken vor sich, wie Lino auf das Bett fiel, sich wieder hochzog, dann regungslos auf der Seite liegenblieb. Alle diese Einzelheiten, jede für sich, rief Marcello in sich wach. Und er stellte fest, daß die Gleichgültigkeit, die er beim Lesen der Zeitungsmeldung empfunden hatte, jetzt noch größer und sozusagen breiter geworden war. Er verspürte keinerlei Reue. Die regungslose Oberfläche seines Bewußtseins wurde nicht einmal von Empfindungen des Mitleids, des Zorn, des Abscheus gegenüber Lino angerührt, obwohl diese Gefühle lange Zeit untrennbar mit der Erinnerung verknüpft gewesen waren. Er spürte im Grunde überhaupt nichts. Ein impotenter Mann neben einer nackten, begehrenswerten Frau hätte nicht ungerührter sein können.

Er war froh über diese Gleichgültigkeit. Sie schien ihm ein unbezweifelbarer Beweis dafür zu sein, daß zwischen dem Knaben von einst und dem Mann von...


Alberto Moravia, 1907 in Rom geboren, begann 1925 nach schwerer Krankheit zu schreiben. Bereits sein Erstlingsroman "Die Gleichgültigen" (1929) fand große Beachtung. Seit 1941 von der Zensur stark behindert, erhielt er wenig später wegen seiner immer offener demonstrierten antifaschistischen Haltung Schreibverbot. Nach 1944 war Moravia politisch und literarisch eine der wichtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten Italiens. Seine Romane und Erzählungen weckten mehrmals das Interesse großer Filmregisseure wie Jean-Luc Godard ("Die Verachtung") und Bernardo Bertolucci ("Der große Irrtum"). Er starb 1990 in Rom.



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