Morina | Die Zukunft des NS-Gedenkens | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 158 Seiten

Reihe: Vergangene Gegenwart

Morina Die Zukunft des NS-Gedenkens

Geschichte als gesellschaftliche Selbstverständigung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-647-99227-3
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Geschichte als gesellschaftliche Selbstverständigung

E-Book, Deutsch, Band 3, 158 Seiten

Reihe: Vergangene Gegenwart

ISBN: 978-3-647-99227-3
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Anfang 2025 jährte sich der Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland zum 92. Mal, die Befreiung von Auschwitz zum 80. Mal. Beide Jahrestage verweisen darauf, dass die NS-Zeit nach und nach nicht mehr zu den Themen einer Zeitgeschichtsschreibung im engeren Sinne gehören. Das Verschwinden der letzten Zeitzeugen*innen fällt dabei mit kontrovers geführten Diskussionen um die Zukunft des nationalen und globalen Holocaust-Gedenkens zusammen. Die derzeit häufig vorgebrachte Forderung, die 'Erinnerungskultur' müsse 'zeitgemäßer' ausgerichtet sein, erklärt dabei weniger als oftmals suggeriert wird, denn wie und warum sich die Prämissen und Perspektiven öffentlichen Gedenkens verändern, wird zu wenig diskutiert. Vielmehr tendiert die Gegenwartsfokussierung dieser Forderung dazu, historische Ereignisse aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herauszulösen und deren Erforschung nicht als Möglichkeit einer kritischen gesellschaftlichen Selbstverständigung zu begreifen, sondern als Gelegenheit, sie aktuellen politischen und gesellschaftlichen Bedürfnissen anzupassen und gar unterzuordnen. Dieses Buch dokumentiert die III. Bielefelder Debatte zur Zeitgeschichte, die sich 2023 diesem Spannungsverhältnis widmete. Die hier versammelten Beiträge beschäftigen sich vor dem Hintergrund mit der Frage, wie sich das NS-Gedenken in Deutschland seit 1945 entwickelt hat, vor welchen Herausforderungen es heute steht und wie es in Zukunft gestaltet sein kann und sollte; ein Kommentar ordnet diese Überlegungen in die Zeit nach dem 7. Oktober ein. Ausgangspunkt ist die These, dass sich über Gegenwart und Zukunft des NS-Gedenkens ohne eine Rekonstruktion seiner historischen Genese nicht sinnvoll sprechen lässt. Was lässt sich aus dieser windungs- und konfliktreichen Auseinandersetzungsgeschichte über die Bedingungen sagen, unter denen ein kritisches Bewusstsein für die NS-Geschichte wachsen konnte - oder auch erschwert wurde? Schließlich problematisieren die Text die Herausforderungen, vor denen heute jeglicher Versuch steht, die Geschichte des Nationalsozialismus zu vergegenwärtigen, und zeigen Perspektiven auf, wie damit auch zukünftig verantwortungsvoll umgegangen werden kann.

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Weitere Infos & Material


Zeithistorische Perspektiven auf den Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus seit 1945


Ulrike Jureit & Bill Niven im Gespräch mit Christina Morina

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Morina: Herzlich willkommen an Bill Niven und Ulrike Jureit. Sie sind aus Nottingham und Hamburg zu uns nach Bielefeld gekommen, um mit mir in diesem ersten Gespräch über den Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus nach 1945 bis in die heutige Zeit zu sprechen. Bevor ich das Wort an sie übergebe möchte ich sie kurz vorstellen und dabei insbesondere nachzeichnen, in welcher Weise beide sich bereits seit Jahrzehnten mit dieser Geschichte beschäftigen.

Ulrike Jureit wurde 1964 in Kiel geboren und studierte ab Mitte der 1980er Jahre Geschichte, Theologie und Sozialpädagogik an der Universität Münster. Von 1991 bis 1995 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Im Jahr 1998 wurde sie an der Universität Hamburg mit einer Arbeit über Erinnerungsmuster promoviert, die sich mit der Methodik lebensgeschichtlicher Interviews mit Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager auseinandergesetzt hat. Nach Postdoc-Stationen in Bielefeld und Hamburg wechselte Ulrike Jureit 2000 an das Hamburger Institut für Sozialforschung und arbeitet seither auch für die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Sie hat zum einen maßgebliche Forschungen im Bereich der Sozial- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts vorgelegt, vor allem im Bereich der historischen Gewaltforschung, der Generationentheorie, der Erinnerungskulturen und Gedächtnisforschung, und zwar sowohl in Bezug auf individuelle als auch auf kollektive Erinnerungsprozesse, und zum anderen Arbeiten zu Territorium und Raum in der Moderne. Darüber hinaus war Ulrike Jureit Leiterin des Forschungs- und Ausstellungsprojektes über die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht, das heißt, sie war verantwortlich für die Neukonzeption der berühmten ersten Wehrmachtsausstellung , die von 1995 bis 1999 an 34 Orten in der Bundesrepublik und Österreich gezeigt worden war.

Ihre Arbeitsschwerpunkte spiegeln sich selbstverständlich auch in ihren Publikationen wider, von denen ich nur eine kleine Auswahl nennen möchte. Neben ihrer schon genannten Dissertation zur Interviewführung mit Überlebenden hat Ulrike Jureit 2006 ein bis heute gültiges Grundlagenwerk zur Generationenforschung vorgelegt. Außerdem möchte ich ihre Studie aus dem Jahr 2020 erwähnen.1 Die für unseren heutigen Zusammenhang vielleicht einschlägigsten Bücher hat sie 2010 und 2012 publiziert, zunächst 2010 das gemeinsam mit Christian Schneider verfasste Buch und 2012 den gemeinsam mit Margrit Fröhlich und Christian Schneider herausgegebenen Band .2 Beide sind im besten Sinne kritische Bestandsaufnahmen des öffentlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Umgangs mit den NS-Massenverbrechen in der jüngsten Zeit.

Bill Niven wurde 1956 im Südwesten Schottlands geboren. Er studierte ab Mitte der 1970er Jahre an der University of St. Andrews. 1984 promovierte er ebendort mit einer Arbeit über , so der Titel der Arbeit.3 Nach seiner Promotion lehrte er Mitte der 1980er Jahre an der Universität Klagenfurt, Österreich, bevor es ihn nach München zog, wo er bis 1993 für Siemens arbeitete. 1993 ging Bill Niven zurück nach Großbritannien und war zunächst für einige Jahre als Lecturer im German Department der University Aberdeen beschäftigt. Er wechselte 1998 an die Nottingham Trent University, wo er von 2005 bis 2020 Professor für deutsche Zeitgeschichte war. Sein besonderes Engagement galt dort dem Aufbau und auch der Weiterführung eines Master- und PhD-Programms im Bereich der Holocaust und Genocide Studies, das es damals noch nicht gab. Bill Niven ist Spezialist für die Geschichte und Nachgeschichte des Nationalsozialismus, für DDR-Geschichte und -Erinnerung, deutsche Film- und Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts sowie die Geschichte von Denkmalen, Mahnmalen und Gedenkkulturen im 20. und 21. Jahrhundert.

Auch Bill Niven hat ein umfangreiches Werk vorgelegt und auch in seinem Fall kann ich nur einige ausgewählte Arbeiten nennen. Nach der Dissertation zur Hebbel-Rezeption im Nationalsozialismus wandte er sich der deutschen Erinnerungskultur zu, zunächst mit einem heute immer noch sehr lesenswerten Aufsatz über die mediale Rezeption von Steven Spielbergs im Nachvereinigungsdeutschland, 1995 im erschienen. 2002 erschien seine für unser Thema zentrale Studie .4 Er hat weitere Monografien beziehungsweise Sammelbände zum deutschen Opferdiskurs, (2006), zur Geschichte und Nachgeschichte des Konzentrationslagers Buchenwald, (2007), sowie zur Geschichte und Erinnerung an den (2011) veröffentlicht.5 Und zuletzt möchte ich auch noch auf einen gemeinsam mit Stefan Berger herausgegebenen Band zum Thema verweisen, der 2014 erschien, eine Sammlung von Aufsätzen, die sich mit der Rolle der Erinnerung in der und für die Geschichtsschreibung auseinandersetzen.6 Sie sehen also unsere Expertin und unseren Experten bestens gerüstet. Und jetzt freue ich mich auf Ihren Impuls, Frau Jureit.

Impuls 1: Ulrike Jureit


Vielen Dank für die Einladung und die Einführung, die einmal wieder zeigt, wie schnell die Jahre doch vergangen sind. Ich habe als Ausgangspunkt Folgendes gewählt: Wir leben nicht nur, wie unser Kanzler sagt, in einer Zeitenwende, sondern wir erleben auch einen geschichtskulturellen Umbruch. Ich habe versucht, anhand von drei Aspekten – es gibt sicherlich viele mehr – herauszuarbeiten, was diesen Umbruch ausmacht. Und damit werden auch schon einige Gesichtspunkte genannt, über die wir heute reden und diskutieren wollen.

Den ersten Aspekt sehe ich darin, dass wir fast 80 Jahre nach Kriegsende endgültig und definitiv in eine Zeit übergehen, in der es keine biografischen Erinnerungen mehr an den Nationalsozialismus gibt. Als ich in den 1990er Jahren begann, in einer Gedenkstätte zu arbeiten, war auch schon davon die Rede, dass die Zeitzeugen sterben. Und heute sind jene, die im Krieg geboren wurden, 80 Jahre alt. Klar wird: Ja, natürlich gibt es glücklicherweise noch Augenzeugen, die auch noch im hohen Alter davon erzählen können, was ihnen widerfahren ist, aber in der Breite gibt es diesen biografischen Bezug nicht mehr. Wir müssen zeitgeschichtlich einfach akzeptieren, dass es eine erlebnisbezogene Erzählung zu dieser Zeit nicht mehr geben wird.

Was bedeutet das? Auf vielerlei Ebenen sind damit natürlich persönliche Verluste verbunden, das ist das eine, aber wissenschaftlich und auch geschichtskulturell bedeutet es auch, dass die Impulse gerade auch der Überlebenden – wir sprechen ja heute über NS-Erinnerung – sich nicht mehr mit unserer Beschäftigung weiterentwickeln werden. Sicher: Wir haben Quellen gesammelt, schriftliche Berichte, Filme, Videos, es gibt sehr viel Material, aber dieser Stand wird sozusagen eingefroren. Er entwickelt sich nicht mehr weiter, und das wird Auswirkungen haben auf unsere Geschichtsschreibung, aber natürlich auch auf das, was wir Geschichts- oder Erinnerungskultur nennen.

Ein zweiter Punkt ist, dass wir in einem Umbruch leben, den ich beschreiben würde als Pluralisierung von Geschichtsbildern. Diese Tendenz besteht sicherlich schon etwas länger, aber die Fragen, die sich gegenwärtig damit verbinden, sind doch sehr kontrovers. Gerade die Debatte um den Postkolonialismus und die Vergleichbarkeit von kolonialen und nationalsozialistischen Verbrechen verdeutlicht aktuell noch einmal, welches kontroverse Potential in der Pluralisierung von Geschichtsbildern steckt. Welche Bedeutung hat oder soll der Holocaust in dieser Vielfalt von Geschichtsbildern haben,...



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