E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Moritz Andreas Hartknopf
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-0557-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Klassiker der Aufklärung - Gesellschaftskritischer Roman des 18. Jahrhunderts (Andreas Hartknopf: Eine Allegorie + Andreas Hartknopfs Predigerjahre)
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-80-272-0557-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In 'Andreas Hartknopf' von Karl Philipp Moritz wird die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der sich auf eine abenteuerliche Reise durch die Welt des 18. Jahrhunderts begibt. Moritz' literarischer Stil ist geprägt von einer detailreichen Beschreibung der Umgebung und der Gefühle seiner Protagonisten. Das Buch wird oft als eines der wichtigsten Werke der deutschen Romantik bezeichnet und zeigt, wie sich der Wert der Individualität in einer vom Klassizismus geprägten Gesellschaft behaupten kann. Moritz' Erzählung fängt das Gefühl der Entfremdung und Sehnsucht nach einem authentischen Leben ein, das auch heute noch aktuell ist. Als Schriftsteller und Philosoph war Karl Philipp Moritz stark von der zeitgenössischen Diskussion um das Individuum und die Gesellschaft beeinflusst. Seine eigene Lebenserfahrung spiegelt sich in den vielschichtigen Figuren und Handlungsbögen von 'Andreas Hartknopf' wider, was dem Buch eine besondere Tiefe verleiht. 'Andreas Hartknopf' von Karl Philipp Moritz ist ein zeitloses Werk, das den Leser dazu inspiriert, über sein eigenes Leben und die Bedeutung von Authentizität nachzudenken. Mit seinem nuancierten Verständnis für die menschliche Natur und die Suche nach Identität ist dieses Buch eine Bereicherung für jeden Leser, der nach literarischer Inspiration und intellektueller Herausforderung sucht.
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Hartknopfs erstes Erwachen an seinem Geburtsort
Als Hartknopf am anderen Morgen die Augen aufschlug, stand ein kleines Kammerfenster offen, und er konnte durch dasselbe in der Ferne einen Hügel sehen, worauf das Gellenhausische Hochgericht stand.
Von diesem Hügel hatte man in der ganzen Gegend umher die reizendste Aussicht – gleichsam als wenn man dem Verbrecher, der hier das Ende seiner Tage finden sollte, noch zur doppelten Strafe vorher alle Herrlichkeit der Erde zeigen wollte, die er nun auf einmal mit gesundem Leibe verlassen mußte.
Auf diesem Hügel mit dem Galgen hatte Hartknopf oft gespielt und mit den andern Knaben des Ortes Ball geschlagen. Von diesem Galgenhügel hatte er zuerst in Gottes schöne Welt geblickt, und seinen Vater oft gefragt, was dieser offne Torweg unter freiem Himmel bedeuten sollte, und wozu man die Lumpen und schwarzen Knochen darinnen aufgehangen hätte? –
Übrigens diente ihm das Bild dieses Galgens in der Folge zum Kommentar über die Geschichte Simsons, und kam ihm vor die Seele, so oft er las, daß Simson ein Stadttor ausgehoben und auf einen Berg getragen habe.
Diese Eindrücke waren so fest bei ihm geworden, daß sich ihm, so oft er einen Galgen sah, das Bild einer reizenden Gegend, und so oft er eine reizende Gegend sah, das Bild eines Galgens unwillkürlich aufdrängte. Jetzt, da er nun denselben Galgen wiedersah, an dessen Vorstellung sich alle die süßen Erinnerungen aus seiner Kindheit anknüpften, wurde er plötzlich mit einer unaussprechlichen Wehmut erfüllt. Was damals blühte, fing nun schon an zu welken – was damals welkte, war nicht mehr –
Er stand auf, schlug seinen messingnen Kamm in sein Haar, knöpfte seinen Rock von oben bis unten zu und sah, ob sein Vetter noch schlief. Und denn ließ er ihn ruhig schlafen und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenluft dem geliebten Hügel zu, und der alte einäugige Pudel begleitete ihn.
Es war noch früh am Tage, die Türen waren alle verschlossen und Gellenhausen lag noch im tiefsten Schlummer begraben. – Da war ein Ziehbrunnen, nicht weit von der ehemaligen Wohnung seiner Eltern. Beim Anblick desselben war ihm sonderbar zu Mute; es war ihm plötzlich, als ob er einen Blick hinter den undurchdringlichen Vorhang getan hätte, der irgendein vergangenes Dasein von seinem gegenwärtigen Dasein trennte. Er erinnerte sich an einen Zustand, der diesem ganz gleich war, und wußte doch nicht diese Erinnerung an Zeit und Ort zu knüpfen. –
Endlich fiel ihm ein, daß seine Mutter in seiner frühesten Kindheit ihn, wenn er die Frage tat, woher er gekommen sei, immer den Brunnen nicht weit vom Hause als den Urquell seines Daseins genannt habe. So oft er nun die Worte Brunnen oder Brunnquell hörte, entstand jene sonderbare Empfindung in seiner Seele, die man immer zu haben pflegt, wenn man sich an etwas aus den Jahren seiner allerfrühesten Kindheit erinnert.
Nach Hartknopfs Meinung hatte es auch mit dieser Erinnerung eine ganz eigene Bewandtnis, und er hegte hierüber seine ganz besonderen Gedanken.
»Die allerfrüheste Kindheit war ihm gleichsam der Lethefluß, aus welchem wir Vergessenheit aller unsrer vorigen Zustände trinken – der Faden, der unser gegenwärtiges Dasein an irgendein vergangenes anknüpfte, meinte er, sei hier so dünn gesponnen, daß ihn das Auge fast nicht mehr bemerken könne; durch eine starke Hinsicht aber entdeckte man zuletzt doch etwas davon, so wie man oft am gestirnten Himmel, indem man seine Blicke fest darauf heftete, immer da einen Stern nach dem anderen entdeckte, wo man vorher nur das Blaue sah. » – Aber nun hat man einen Stern gesehen, und ist fest überzeugt, daß man ihn gesehen hat, und sucht allenthalben mit den Augen, ohne ihn wiederfinden zu können. –
So zählte Hartknopf viele Augenblicke in seinem Leben, wo ihm über gewisse Dinge plötzlich ein Licht in seiner Seele aufging, aber es war auch ebensoschnell wieder verschwunden – allein er wußte denn doch, daß er dieses Licht gesehen hatte, und wenn es gleich verschwand, so ließ es doch immer einen sanften Schimmer, ein in der Ferne dämmerndes Abendrot zurück, welches über jede Stunde seines Lebens einen stillen Reiz verbreitete, der ihn in süße Ahndungen und Träumereien einwiegte, das er sich dann gerne gefallen ließ, weil er, wie er sagte, doch nichts damit zu versäumen hätte.
Aber das Wiedersehen dieses Ziehbrunnens ging ihm über alles – er betrachtete ihn lange und fest, und er war derselbe, wo er als Kind von zwei Jahren auf den niedrigen Rand geklettert war und seine Mutter mit Geschrei und Schelten herzu eilte, um ihn aus der Gefahr zu retten – dieser heilige Brunnen, den sich seine ersten Gedanken als den Ursprung seines Daseins gedacht hatten, in dessen Bilde gleichsam alle die folgenden unzähligen Bilder seiner Seele zusammenströmten. Verkleinert schien sich zwar das Bild zu haben; der große Ziehbaum, der in der Luft schwebende Eimer, hatten ihn ein Gespenst geschienen, das beinahe bis an die Wolken reichte.
Mögen nun Hartknopfs Grillen hierüber gewesen sein, welche sie wollen, ein Ziehbrunnen in einer Landschaft macht immer einen sonderbar schwer zu erklärenden Effekt. Sei es nun das Einfache in dem Baue oder sonst etwas, wodurch das Auge auf eine vorzügliche Art gerührt wird, so gibt es immer dem Ganzen das Ansehen des Altertums und der simplen Natur.
Eine Zugbrücke hat in der Wirkung für mich etwas ähnliches mit jenem Bilde. Ich denke mir dabei weite Reisen – ferne Stadt – Anfang, Ende, – kurz, es gibt einige körperliche Gegenstände, bei deren Anblick wir eine dunkle Übersicht unseres ganzen Lebens und vielleicht unseres ganzen Daseins erhalten. – Diese Gegenstände mögen freilich bei einem jeden wieder andere sein. Was mir Hartknopf oft von Ziehbrunnen erzählt hat, das habe ich ihm wieder von der Zugbrücke gesagt, und unsere beiderseitigen Bemerkungen treffen in Ansehung der Wirkung, die diese Gegenstände auf uns taten, richtig zusammen.
Wenn wir oft so miteinander aus dem Innersten unserer Seelen heraus sprachen, so war es eine Zeitlang, als ob wir unsere Ichheit miteinander vertauscht hätten, wir fühlten uns ineinander, die innerste Folge der Gedanken des Einen war für den anderen nicht mehr verschlossen. –
Auf diese Weise unterhielten wir uns ohne Sprache. Es herrschte zwischen uns ein bedeutendes geistvolles Stillschweigen, das der Engländer »a silent conversation« nennt – und welches man aus unseren faden Gesellschaftszirkeln zu verscheuchen sucht, indem man dieses heilige Stillschweigen für eine Beleidigung des Wohlstandes hält. –
O mein Hartknopf, wenn ich einst aus diesem fieberhaften Traume des Lebens zu deiner Umarmung erwache, durch was für unbekannte Wege werden dann unsere Gedanken zueinander gelangen, und sich miteinander unterreden? wenn das Gewölbe der Ohren in Staub zerfallen, dies feuchte Kristall des Auges vertrocknet, und diese Lippe verwest ist? wenn diese Brust nicht mehr atmet, um mit dem sanften Hauche der Luft den Gedanken zu bekleiden, daß er sich mitteilt von außen, und in dem Geiste des Hörenden sich vervielfältigt? Sollte dann eine ewige Kluft zwischen unseren Gedanken befestigt sein? Sollte es unmöglich sein, daß sie unmittelbar zueinander gelangen könnten – – – o mein Hartknopf, dann wärest du für mich verloren, und für mich wäre eine ewige melancholische Einsamkeit – – – aber wir haben uns einst ohne Sprache verstanden, da selbst unsere Augen verschlossen waren. Diese Minuten sollen mir heilig sein, an dieser Stütze will ich mich festhalten wenn manchmal in trüben Stunden mein Glaube und meine Zuversicht wankt! – –
Hartknopf eilte nun weiter dem Tore zu, welches auf den Galgenberg führte. Er sah die breite Heerstraße vor sich, auf welcher er seine erste Wanderschaft als Schmiedeknecht angetreten hatte. – Hier fühlte er sich in seiner ganzen jugendlichen Stärke wieder – die weite Welt lag wieder vor ihm, wie damals – auch führte der Weg zum Galgen gerade nach Osten zu. Er war auch auf seiner ersten Wanderschaft schon einige Meilen nach Osten fortgerückt, hatte sich aber nachher wieder weit gegen Westen geschlagen; da ging ihm denn die Sonne seines Glücks unter, aber sie ging in seiner Seele desto herrlicher wieder auf. –
Das Erdreich fing an sich zu heben, der Horizont wurde immer weiter – Türme von Dorfkirchen und einzelne Häuser, die Hartknopf alle bekannt waren, stellten sich nacheinander seinem Auge wieder dar; die ganze Gegend schien ihn, wie ihren alten Freund und Bekannten, wieder zu begrüßen. Gellenhausen lag tief im Tale, und er konnte bis in die Straßen hinabsehen.
Endlich wälzte sich die Sonne mit einem Feuerberge umgeben am Himmel herauf und rötete zuerst die Spitze des Galgens auf dem Hügel, und dann die Spitze des hohen Turms in Gellenhausen. Endlich kam sie nun gerade hinter den Galgen zu stehen, der Hartknopf wieder, so wie ehemals in seiner Kindheit, wie Simsons großes Tor vorkam und eine Ehrenpforte zu sein schien, wodurch die majestätische Sonne ihren feierlichen Durchzug halten wollte.
Gerade unter dem Galgen war der weiteste Prospekt, und mit welchem Entzücken nun Hartknopf dastand und die Wonne des Wiedersehens und der Wiedererinnerung genoß, vermag ich nicht zu beschreiben. – Er faltete seine Hände zu Gott empor, der...




