E-Book, Deutsch, 332 Seiten
müller Allerseele
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-347-08731-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 332 Seiten
ISBN: 978-3-347-08731-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
müller lebt seit zweieinhalb Jahrzehnten als TV-Autor in Köln und schreibt/schrieb u.a. für preisgekrönte Formate wie "heute-show", "Luke, die Schule und ich", "Mitternachtsspitzen", "Schlag den Raab", die "Harald Schmidt-Show" u.v.m. müller verfasste außerdem den Roman "Pimmelburg" (Tredition) sowie Sachbücher und Kabarettprogramme - und gemeinsam mit seiner Frau u.a. den Roman "Wir vom Neptunplatz" (Carlsen-Verlag), die Romanserie "Viertelherz", die Hörspielserie "Leben hoch Drei" (Lübbe Audio) und die MobileNovela-Serie "mittendrin - Berlin rockt" (O2). In Zusammenarbeit mit Hundeprofi Martin Rütter erschien 2019 "Einspruch" (Kosmos-Verlag).
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88. Bleibt alles anders
Marten schlug hart auf im Damals, im Sommer 2001. Schulferien gab‘s damals noch gar nicht für ihn. Erst im kommenden August sollte er endlich in die Schule dürfen. Zumindest hoffte er das - mehr als alles andere an diesem Tag, denn es würde bedeuten: Er überlebte das hier.
»Das hier« waren fünf Kinder aus der Nachbarschaft. Basti, Mika, Alex und Ben, die ihn auf den Boden pressten. Marten strampelte, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, und mit jedem von Tristans Tritten gegen seine Rippen bekam er noch weniger Luft. Er trat mit seinen nackten, grasverklebten Füßen nach Basti und Mika, schlug mit dem Kopf nach Alex und Ben. Es brachte nichts, obwohl das nicht ganz stimmte: Es brachte die Jungs zum Lachen. Besonders Tristan, der breitbeinig über ihm stand und langsam den Reißverschluss seiner Jeans öffnete. Ausgerechnet Tristan, der doch fast zwei Jahre Martens bester Freund gewesen war, pulte seinen winzigen, immerhin aber schon 6 ½-jährigen Pimmel aus der Hose.
»Mach schon, Tris! Piss ihm ins Gesicht«, feuerte Basti ihn an. Und Tristan genoss jede Faser von Martens Angst. Die ersten Tropfen waren überraschend warm. Marten schloss die Augen, der caprisonnenfarbene Urin brannte. Plötzlich rissen Mika und Ben Martens Kiefer auseinander, und er verschluckte sich panisch an Tristans salzigem Strahl. Er hustete, schluckte und erbrach sich. Damit hatte Tristan sein Revier ausreichend markiert, und die anderen vier durften ran.
Von allen Seiten prasselten dünne und dickere Strahlen auf Marten nieder. Die Sommersonne brach sich in ihnen. Ein Regenbogen aus Pisse, direkt über Martens Nasenlöchern. Sie lief an seinen Lippen herab, in sein Ohr, seine Haare. Marten schrie, verschluckte sich erneut. Hustete. Schluckte. Und erbrach sich nach bekanntem Muster.
Genauso fand seine Mutter ihn, Märtyrerstunden später. Es war schon fast dunkel, sicher weit nach Neun, als sie über ihren Sohn stolperte. Über sein Erbrochenes. Der ganze Urin war längst eingetrocknet, es gab nur noch ein paar Tropfen in Martens Magen. Vermischt mit Galle vom Kotzen.
Martens Mutter packte den Jungen und brachte ihn in die Notaufnahme. Sie behielten ihn über Nacht da - zur Beobachtung, während seine Mutter wieder heimging zu Martens jüngeren Geschwistern. Er war ja schon fast Sechs und würde das allein schaffen. Doch Marten schaffte es nicht. Keine Minute. Gerade war seine Mutter in den Fahrstuhl gestiegen, da rannte er bereits die ersten Treppenstufen herunter. Mit immer noch nackten Füßen und einer pulsierenden kleinen Blutquelle im Handgelenk von der hektisch herausgerissenen Kanüle.
Dreimal brachte Martens Mutter ihren Sohn zurück auf die Station, danach übernahmen zwei grobe Pfleger diese Aufgabe. Diesmal haute Marten nicht mehr ab. Wie auch? Er war mit vier fingerdicken Lederschlaufen ans Bett fixiert wie ein Serienkiller - ein sechsjähriger Junge mit einem überreizten Magen. Mit überreizten Nerven. Mit Angst. Ein Wunder, dass die Pfleger ihn nicht knebelten.
Am nächsten Morgen erwachte Marten aus einem derart tiefen Traum und freute sich für einige Sekunden, dass all die Pisse, das dreckige Jungenlachen, die tobende Mutter, die brutalen Pfleger - dass all das bloß ein böser Traum war. Doch dann spürte er, wie seine Beine kribbelten. Wie die Lederschlaufen sich in seine Unterarme schnitten. Immer wieder über die wunde Stelle rubbelten, an der er die Schmetterlingskanüle rausgerissen hatte. Der Schmerz machte ihn hellwach. Er versuchte, sich aufzurichten, soweit die Fesseln das zuließen, und erkannte, dass ihn eigentlich etwas ganz anderes noch viel mehr schmerzte als der Streich seiner sogenannten Freunde: Marten musste. Und zwar so dringend, dass sein ganzer Unterleib sich zusammengezogen hatte wie ein Wadenkrampf. Oder ein Schlag seines Vaters.
So sehr er sich auch streckte und verdrehte auf seinem Bett - Marten kam mit den Füßen einfach nicht an die Kordel für die Schwesternklingel. Völlig außer Atem begann er zu rufen. Zunächst noch ängstlich wimmernd, bald schon lauter. Mit Wut. Mit Hass. Ohne Erfolg. Marten schrie, dass seine Augen tränten und die Adern an seinem Kinderhals hervortraten, zuckende Regenwürmer unter blaublasser Haut. Nichts passierte. Als die Schwester schließlich kam, war die Pisse in seinem Bett schon wieder kalt.
Keine zwei Stunden später war er Zuhause, mit dem Taxi, weil seine Mutter mit den Zwillingen ihren dritten Geburtstag feierte. Nie wieder sprach Marten ein Wort über den Vorfall. Nie wieder betrat er ein Krankenhaus. Nie wieder bis jetzt…
*****
Marten nahm einen tiefen Zug aus seinem Asthma-Inhalator. Dann einen zweiten. Einen dritten. Er konzentrierte sich auf die krampflösende Wirkung des Sprays und legte die nackten Unterarme aufeinander, um wenigstens ein bisschen menschliche Wärme zu spüren. Den Blick auf Marnies flatterlose Lider geheftet, rollte er sich auf dem Besucherstuhl zusammen. Ein ängstlicher Welpe, der auf Erlösung hoffte. Die ausblieb. Stattdessen trieb sich ein klammer Schweißfilm auf seine Haut, ein müffelndes Krötensekret, das unangenehm, aber vertraut roch und in den Tiefen seines Unbewussten eine bislang festverschlossene Bunkerschleuse öffnete. Halbvergorene Angstbilder tröpfelten in sein Bewusstsein. Tropf. Tropf. Tropf.
»I’m okay«, sang Christina Aguilera dazu. Ein Zeichen für Marten, dass das Album sich dem Ende entgegenseufzte. Er nahm Marnies Smartphone vom Beistelltisch und suchte nach der geeigneten Fortsetzung seines täglichen, stramm getakteten einstündigen Revitalisierungsprogramms. Er wählte »The E.N.D.« von den Black Eyed Peas aus. Ein sphärischer, sirrender Sound schwappte aus der Boombox gegen die blanken Wände, die hallige Stimme begrüßte den Zuhörer mit einem »Welcome to the end«, und sofort legte sich ein Tonnengewicht auf Martens Brust.
Er suchte Halt im matten Schimmer des Displays. Er hasste iPhones, liebte CDs, liebte das schabende Plastikgeräusch beim Öffnen, die Booklets, das Auswählen, indem er mit dem Finger über das CD-Regal strich - oder wenn er seine Knie gegen das Lenkrad seines alten Bullis stemmte und durch die kunstlederne CD-Tasche flippte. Er hasste iPhones, hasste die Beliebigkeit einer 130 Gigabyte starken Festplatte mit all ihren unendlichen Möglichkeiten. Marten war definitiv von gestern. Er hielt das Smartphone nur aus, weil es zu seinem Konzept gehörte. Zu seiner Schöpfung eines idealen Raums. Für Marnie. Seine Liebe. Seine lebende Tote.
Er fischte ihr Lieblingsbuch aus seinem Rucksack und rückte den sperrigen Besucherstuhl so nah wie möglich an ihr Bett. Das Buch war nicht wirklich Marnies Exemplar, sondern eine traurig verblichene Ausgabe aus dem Krankenhauskiosk, das dort die letzten 5 Jahrzehnte vergeblich auf einen Käufer gewartet hatte. Das Neonlicht der Auslage hatte seinen schwarzen Einband ausgeblichen, und die Seiten fühlten sich an wie holziges Löschpapier.
Ausgerechnet Hesse, ausgerechnet »Siddharta«. Konnte es nicht irgendwas Unterhaltsameres sein? Oder zumindest ein etwas dickeres Buch? So verkrampft, wie er war, hatte er jedes Mal Angst, das dünne Heftchen beim Vorlesen einfach in der Mitte durchzureißen. Aus der Ferne wagte er einen ausgiebigen Blick auf Marnies fast geschlossene, ruhige Lider. Dann blätterte er an die richtige Stelle, strich das umgeknickte Eselsohr glatt und begann zu lesen.
Marten hatte eine schöne Lesestimme und, was noch wichtiger war, er wusste sie einzusetzen. Er selbst mochte wenig an sich und jeden Tag weniger. Doch seine Stimme war okay. Sie fühlte sich gut an im Nacken, wenn er sich laut lesen hörte. Wie ein Echo zu der viel höheren Innenstimme, die in seinem Kopf widerhallte. Er mochte die tieferen Lagen und las entsprechend langsam, brachte bewusst seine Stimmbänder zum Schnurren. Immer wieder warf er dabei verstohlene Blicke zu Marnie. Das einzige, was sich rührte, war ihr mechanisch aufgeblähter Brustkorb, gesteuert vom digitalen Impuls einer Maschine. Auf. Ab. Auf. Ab. Auf.
Marnie selbst blieb weg.
*****
Sein Verstand war damit beschäftigt, die Worte Hesses in Klang zu übertragen. Doch sein Unterbewusstes drehte sich um das immer gleiche Fragen-Quintett: Warum Marnie? Warum hatte passieren müssen, was passiert war? Was hatte er verbrochen, dass das Schicksal ihn derart strafte? Was konnte er tun, um diesen Fluch abzuwenden? Und wie konnte er Marnie dazu bringen, die Augen aufzuschlagen und endlich wieder an seinem Leben teilzunehmen?
Marten las fehlerlos und ohne zu stocken. Es war der einzige Moment am Tag, in dem er nicht nach seinem Asthmaspray griff. Doch er spürte das permanente Hintergrundrauschen seiner Gedanken, während die Sorge um seine große Liebe seine Mundschleimhaut gnadenlos austrocknete. Die Zeilen stolperten immer kraftloser zwischen seinen Lippen hervor. Er räusperte sich und hörte für einen kurzen Moment auf zu lesen. Lang genug, um zu spüren, dass seine...




