E-Book, Deutsch, 1227 Seiten
Reihe: Wanderer
Murmann Wanderer: Alle Bände in einer E-Box!
1. Auflage, Mehrfachband 2015
ISBN: 978-3-646-60183-1
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein geheimnisvolles Elite-Internat, was nicht das zu seien scheint, was es ist
E-Book, Deutsch, 1227 Seiten
Reihe: Wanderer
ISBN: 978-3-646-60183-1
Verlag: Carlsen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Amelie Murmanns Liebe zu Jugendromanen begann mit einem Jungen, der überlebte, und festigte sich endgültig mit einem Mädchen, das in Flammen stand. Um diese Liebe mit der Welt zu teilen, eröffnete sie 2010 ihren eigenen Buchblog und begann kurz darauf mit dem Schreiben. Amelie lebt mit ihrer Familie und ihren über vierhundert Büchern in Moers. Wenn sie nicht gerade liest, schreibt oder bloggt, studiert sie Lehramt an der Universität Essen. Ihr Debütroman »Wanderer. Sand der Zeit« ist bei Impress, einem Imprint des Carlsen Verlags, erschienen.
Autoren/Hrsg.
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KAPITEL 1
EINE NEUE RUNDE, EINE NEUE MITFAHRT
»Emilia, wenn du noch keine Zimmernachbarin hast, dann sag es mir einfach. Ich bin gerne bereit, mir ein Zimmer mit dir zu teilen!« Suzies falsches Lachen entblößte strahlend weiße Zähne.
»Nein, danke. Ich werde mir dieses Zimmer mit Kit teilen. Sie müsste jeden Moment hier sein.« Ich versuchte mich an dem Lächeln, das ich in den letzten Wochen immer wieder hatte zur Schau stellen müssen, und scheiterte kläglich. Damit war meine Laufbahn als Politikerin wohl vorüber. Dabei hatte ich so vieles vorgehabt! Die Schulden unseres schönen Landes begleichen, die Arbeitslosenquote senken und natürlich den Weltfrieden. Alles ruiniert durch meine Unfähigkeit, Leute anzulächeln, die mir auf die Nerven gingen. Die Tragik des Lebens.
Dabei war dies eigentlich ein Moment, von dem ich schon so lange geträumt hatte: Mein erster Tag an der Palaestra Viatorum, meiner Traumschule. Dass die Palaestra eine ganz besondere Schule war, das war mir schon immer klargewesen. Wie besonders, hatte ich jedoch erst Anfang der Sommerferien erfahren. Das Internat war ein Ort, wo so genannte »Wanderer« lernten, mit ihren Fähigkeiten umzugehen. Durch Gemälde zu springen oder die Zukunft vorherzusagen. Und ich selbst war ebenfalls ein Wanderer. Leider hatte ich bisher kaum Gelegenheit gehabt, meine Fähigkeiten anzuwenden, geschweige denn, mich darüber zu freuen.
Meine Grimasse hatte bedauerlicherweise nicht einmal den durchaus erwünschten Nebeneffekt, dass sie Suzie abschreckte. Im Gegenteil, sie ließ sich neben mir auf mein Bett fallen und strahlte mich weiter an.
»Stimmt es, dass Max sich von dir getrennt hat, weil du mit diesem Logan fremdgegangen bist?«
Diese Gerüchteküche. Wie ich sie verabscheute! Kaum war bis zur Schülerschaft durchgesickert, dass es einen Kampf gegen Hora gegeben hatte, Kronos' Tochter und der Vorfahrin aller Wanderer, waren die Geschichten wie Pilze aus dem Boden geschossen. Am beliebtesten war wohl die, in der ich das letzte Sandkorn, das dem Stundenglas der Zeit noch gefehlt hatte, aus Horas leblosen Händen riss. Danach sei ich mit diesem magischen Artefakt, das uns Wanderern ermöglichte, durch die Zeit zu reisen, auf einem Drachen entkommen. Wo allerdings der Drache hergekommen sein sollte, war mir schleierhaft. Musste wohl das Game-of-Thrones-Zeitalter sein. Fast genauso hanebüchen war die Version, in der Maximilian Morgenstern, stellvertretender Schulsprecher und absoluter Schwarm bei der weiblichen Schülerschaft, mich im großen Finale heldenhaft gerettet hatte, nur um dann festzustellen, dass ich nun mit einem von Horas Anhängern zusammen war.
So verrückt diese Gerüchte auch waren – sie wären mir deutlich lieber gewesen als die Wahrheit. Hora hatte mich gezwungen, das Stundenglas der Zeit wieder zusammenzusetzen, damit sie seine Macht nutzen konnte. Das hatte allerdings zur Folge gehabt, dass die Hüter der Zeit wieder aufgetaucht waren und Hora umgebracht hatten. Genau diese Wahrheit hatte ich auch jedem gegenüber wiederholt, der mich seitdem gefragt hatte. Nur dass mir niemand so recht zu glauben schien. Schön und gut, die Geschichte von Hora und den drei Hütern, deren Aufgabe es seit jeher war, das Stundenglas zu beschützen, bis sie im Olymp gefangen wurden, hörte sich ein wenig an wie ein Märchen. Dennoch fragte ich mich, wie es möglich war, dass man mir das Ganze nicht abnahm. Als würde ich meine Freizeit damit verbringen, so einen Mist zu erfinden.
»Genau so ist es gewesen, Suzie. Weißt du, ich glaube, du solltest Max mal auf ein Date einladen! Das würde ihm sicher sehr gut gefallen.«
Ja, ich war tief gesunken. Maximilian hatte sich das allerdings selbst zuzuschreiben. Zugegeben, ich war dafür verantwortlich, dass seine Mutter beim Kampf um das letzte Sandkorn gestorben war, weil ich Hora gezwungen hatte, die Zeit zurückzudrehen. Leider konnte ich das kein zweites Mal tun, weshalb ich den Tod von Felicity Morgenstern nicht hatte verhindern können. Zu meiner Verteidigung sollte aber gesagt sein, dass ich im selben Atemzug Maximilian das Leben gerettet hatte. Sollte es das nicht irgendwie ausgleichen? Jedenfalls war ich der Meinung, dass ich die Gleichgültigkeit, mit der er mir seitdem begegnete, nicht ganz verdient hatte. Natürlich konnte ich verstehen, dass er verletzt und wütend war, aber nach allem, was ich hatte durchstehen müssen, konnte er mir da nicht einmal Hallo sagen?
»Ihr zwei würdet sowieso nicht zusammenpassen. Er ist immerhin Maximilian Morgenstern und du bist … normal.«
Ich zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts. Normal wäre ich liebend gern gewesen. Normal klang in meinen Ohren mittlerweile wie der Himmel auf Erden.
»Dieser ganze Rummel um dich wird vorbeigehen und danach brauchst du jemanden, der mehr in deiner Liga spielt« Hatte Suzie das gerade allen Ernstes gesagt? Ich sollte das Gespräch aufnehmen und eine Dokumentation erstellen: Girls Club – Bissige Realität.
»Allein vom Zuhören sterben mir meine wertvollen Gehirnzellen ab.« Ich sah auf und entdeckte Kit, die lautlos nähergekommen war und nun lässig im Türrahmen lehnte. Ihren giftgrünen Koffer hatte sie im Schlepptau. Das kurze, wild frisierte Haar war jetzt um ein paar Nuancen dunkler, weshalb das Lila nicht mehr ganz so sehr herausstach. Dafür entdeckte ich einen neuen Ring in ihrem Ohr. Wo sie sich die wohl immer ohne Erlaubniserklärung stechen ließ? Ihre Mutter würde so etwas jedenfalls nicht unterschreiben.
Ich lächelte, während ich beobachtete, wie Kit Suzie am Arm nahm und zur Tür schob. »Da geht es raus. Und nur noch einmal zum Mitschreiben: Wenn Emilia wirklich wollte, könnte sie einfach mit dem Finger schnipsen und der große, beliebte, einzigartige Maximilian Morgenstern würde ihr hinterherlaufen wie ein kleines Hündchen.«
Suzie setzte zu einer Antwort an, aber Kit knallte ihr die Tür vor der Nase zu. Dann drehte sie sich zu mir um und strahlte mich an.
»Da wären wir also!« Sie schmiss den Koffer, den sie bei sich trug, auf ihr Bett. »Hast du Loverboy denn heute schon zu Gesicht bekommen?«
»Allerdings«, seufzte ich. »Wie zu erwarten, hat er demonstrativ an mir vorbeigesehen, als wäre ich Luft für ihn. Immerhin sind wir jetzt bei Nichtbeachtung angelangt. Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut.«
»Ich kann noch immer nicht glauben, dass er dich so mies behandelt hat!« Kit verschränkte die Arme vor der Brust. »Wer so etwas macht, der hat dich nicht verdient.«
»Er hat zwar durchaus seine Gründe, aber danke, Kit. Wie läuft es mit dir und Florian?«
»Gut«, sagte sie gedehnt. »Und jetzt Themawechsel. Das war genug hormonelles Gefasel für einen Tag.« Sie machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand, als wolle sie das Thema Jungs einfach wegwischen. »Was ist bei dir heute los gewesen? Du hast geschrieben, dass dich die Leute vom Rat ewig ausgefragt haben. Was hast du ihnen gesagt?«
»Was ich ihnen auch schon vor Wochen gesagt habe: Dass die Hüter aufgetaucht sind und erzählt haben, wie man sie im Olymp eingesperrt hat. Dass sie Hora ermordet und mich mit dem Stab des Asklepios zurück zum Internat geschickt haben. Ach ja, und natürlich die Sache mit dem Sturz der Götter und den Rachegelüsten.«
»Wow. Davon waren sie bestimmt begeistert.« Kit stieß einen langen Pfiff aus.
»Sagen wir mal so: Ich habe mich in die dritte Klasse zurückversetzt gefühlt, als ich noch an den Weihnachtsmann geglaubt habe und meine Mitschüler mich dann aufklären mussten, dass es ihn nicht gibt.« Müde fuhr ich mir mit der Hand übers Gesicht. Die Hüter waren bei den Wanderern mit der Zeit zu einer Legende geworden. So schwer es ihnen auch fiel, mir diesen Teil abzunehmen – ich hatte meine Glaubwürdigkeit endgültig verloren, als ich den Olymp erwähnt hatte. Ich konnte es ihnen nicht verübeln. Wäre ich nicht selbst dabei gewesen, würde ich es vermutlich auch nicht für möglich halten.
»Wenigstens sind wir dieses Problem jetzt los. Die letzten Wochen waren genug Aufregung für meinen Geschmack, und wenn diese Hüter meinen, sie müssten die Götter herausfordern, bitte! Haben wir ja nichts mit zu tun.« Während Kit begann, ihren Koffer auszupacken, hoffte ich, dass sie mit dieser Einschätzung Recht behalten würde.
***
Maximilian war selten so schlecht gelaunt wie an diesem ersten Schultag. Er hatte es immer als große Ehre empfunden, der stellvertretende Schulsprecher zu sein, aber heute? Heute war es ein Fluch. Ganze Scharen von Schülern hatten ihn belagert, um herauszufinden, warum der innere Rat der Wanderer plötzlich nur noch ein Mitglied besaß. Natürlich gab es zwischendrin die üblichen Zankereien um Zimmerbelegungen oder Stundenpläne. Als Max zum zehnten Mal gefragt wurde, ob seine Mutter tatsächlich auf Horas Seite gewesen sei, hatte er schließlich die Geduld verloren und sich zu früh auf den Weg zu einem Treffen in Herrn von Hohenfelds Büro gemacht. Dort musste er dann feststellen, dass er nicht der Einzige war, der sich hier zu verstecken versuchte.
»Soso, unsere pflichtbewusste Schulsprecherin drückt sich also vor der Arbeit. Du weißt schon, dass man mich da draußen fast zerfleischt hat?«
Celia, die auf der Couch gesessen und gelesen hatte, schreckte hoch. Sie versuchte das Buch hinter ihrem Rücken verschwinden zu lassen, schien dann aber zu bemerken, dass das nicht mehr möglich war. Seufzend ließ sie sich wieder in die Kissen sinken.
»Ein Mädchen muss tun, was ein Mädchen tun muss.«
»Lesen?«
»Auf das Buch warte ich schon seit Monaten! So eine kleine Weltkrise wird mich nicht...




