E-Book, Deutsch, Band 0568, 256 Seiten
Reihe: Historical MyLady
Nichols Walzernacht des Schicksals
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7337-6515-6
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 0568, 256 Seiten
Reihe: Historical MyLady
ISBN: 978-3-7337-6515-6
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der silberne Mond taucht die Terrasse in ein magisches Licht, als Kate sich zu berauschenden Walzerklängen innig an Doktor Simon Redfern schmiegt. Ihr Herz droht ihr schier aus der Brust zu springen, als er ihr tief in die Augen sieht und sie leidenschaftlich küsst. Ist das etwa die große Liebe? Was für eine Katastrophe! Denn Kate wurde unlängst dem herrischen Viscount Cranford versprochen. Mutig fasst sie den Entschluss, ihn für Simon zu verlassen. Doch vom grenzenlosen Hass eines Verschmähten getrieben, setzt der Viscount alles daran, Kates und Simons neues Glück zu zerstören ...
Mary Nichols wurde in Singapur geboren, zog aber schon als kleines Mädchen nach England. Ihr Vater vermittelte ihr die Freude zur Sprache und zum Lesen - mit dem Schreiben sollte es aber noch ein wenig dauern, denn mit achtzehn heiratete Mary Nichols. Erst als ihre Kinder in der Schule waren, fand sie genügend Zeit, sich ganz dem Schreiben zu widmen und damit ihren Traumberuf zu ergreifen. Marys Lieblingsautorinnen und Vorbilder sind Jane Austen und Georgette Heyer.
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1. KAPITEL
London, 1817
Dr. Simon Redfern hielt während seines Spaziergangs durch den Hyde Park kurz inne, um eine junge Dame zu beobachten, die ausgelassen mit vier Kindern auf der Wiese spielte. Die Kleinen sahen gesund und wohlgenährt aus. Offensichtlich spielten sie Fangen, denn sie liefen laut lachend voreinander davon. Die junge Dame stand ihnen an Lebhaftigkeit nicht nach. Sie schien zu jung, um ihre Mutter zu sein, und so nahm er an, sie wäre ein Kindermädchen oder eine Gouvernante. Falls sie es war, so glich sie jedoch keinem der Kindermädchen, denen er bisher begegnet war. Völlig unbefangen hob sie mit einer Hand den Rocksaum ihres hübschen Musselinkleides und enthüllte einen grazilen Knöchel. Nach Simons Erfahrung nahmen es Kindermädchen und Gouvernanten sehr genau, wenn es um schickliches Benehmen ging.
Während er ihnen weiter zusah, kam eine offene Kutsche herangefahren. Die vier Kinder gaben ihr Spiel auf und liefen auf sie zu. Sie kletterten auf die Sitze zu einer eleganten Dame, die ganz offensichtlich ihre Mutter war. Diese wechselte einige Worte mit der jungen Dame und gleich darauf fuhr die Kutsche davon. Die Gouvernante – wenn es denn eine war – hob ein Bündel Bücher vom Boden auf und ging allein weiter.
Kate hatte Elizabeths Angebot, sie in der Kutsche mitzunehmen, abgelehnt, da sie auf dem Weg zu Hookham’s Bücherei war, die sie leicht zu Fuß erreichen konnte. Vom Spiel mit den Kindern war sie noch ein wenig außer Atem. Sie vermutete, dass ihre Wangen wieder einen rosigen Hauch angenommen hatten, den ihre Großmutter stets missbilligte. Ohne stehen zu bleiben, steckte Kate einige Strähnen ihres haselnussbraunen Haars in den Knoten zurück, aus dem sie entwichen waren, und setzte ihren Hut auf. Um zu prüfen, wie sie aussah, trat sie an das Ufer des Serpentine, des großen Sees im Hyde Park, wo sie sich im Wasser spiegelte.
„Du meine Güte!“ Das Bild, das sich ihr bot, war ganz und gar nicht das einer feinen Dame. Kate war hochrot im Gesicht. Das Band, mit dem sie ihren Hut unter ihrem Kinn festgebunden hatte, erinnerte nur noch entfernt an eine ordentliche Schleife. Während sie versuchte, es zurechtzuzupfen, sah sie aus einem Augenwinkel ein Kind, das am Rand des Sees saß und die Beine ins Wasser baumeln ließ. Der Junge konnte nicht älter als drei oder vier Jahre sein, war in schmutzige Lumpen gekleidet und barfuß. Beunruhigt sah Kate sich nach seinen Eltern um, konnte aber niemanden entdecken. Sie musste ihn retten, bevor er womöglich in den See fiel. Um den Jungen nicht zu erschrecken, ging sie langsam auf ihn zu und packte ihn dann schnell von hinten.
Das Kind wand sich so sehr und schrie dabei, dass Kate sich anstrengen musste, es nicht loszulassen. „Still“, sagte sie. „Ich werde dir nicht wehtun.“ Doch der Junge schrie nur noch lauter und zog ihr den Hut übers Gesicht.
„Erlauben Sie.“ Jemand nahm ihr die zappelnde kleine Last ab. Kate schob schnell den Hut nach oben, um den Gentleman anzusehen, der ihr geholfen hatte. Er hatte sich das Kind einfach unter einen Arm geklemmt. „Wenn du nicht sofort diesen Lärm einstellst, wirst du meine Hand zu spüren bekommen“, wandte er sich streng an den Kleinen. Der Junge sah ihn misstrauisch an, kam wohl zu dem Schluss, dass der Mann es ernst meinte, und klappte den Mund zu.
Kate schätzte, dass der Gentleman etwa sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt war. Er war größer als die meisten Männer, trug einen schlichten braunen Gehrock und Lederreithosen zu braunen Stiefeln. Das gestärkte Musselin-Krawattentuch war zu einem einfachen Knoten gebunden. Er gehörte wohl kaum der feinen Gesellschaft an, war allerdings auch nicht der Vater des Kleinen. Dennoch hielt er ihn mit einer Bestimmtheit fest, die darauf schließen ließ, dass er es gewohnt war, mit Kindern umzugehen. Vielleicht war er ein Schulmeister – auf alle Fälle ein sehr gut aussehender Schulmeister.
„Ich hatte Sorge, er könnte hineinfallen“, erklärte Kate und sah sich um, ob inzwischen jemand gekommen war, der Anspruch auf den Kleinen erhob – aber auch, um dem belustigten Blick aus den grauen Augen des Fremden auszuweichen. „Er scheint ganz allein zu sein.“
„Wissen Sie, wer er ist?“
„Nein. Sie vielleicht?“
„Nein. Am besten versuchen wir, es herauszufinden.“ Er stellte den Kleinen auf den Boden, ohne ihn loszulassen, und ging neben ihm in die Hocke, um auf Augenhöhe mit ihm zu reden. „Nun, du kleiner Racker, kannst du uns deinen Namen nennen?“
Der Junge rieb sich die Augen mit den Fäusten, wodurch sein ohnehin schon schmutziges Gesicht noch dreckiger wurde. „Joe.“
„Wir wüssten gern, wo du wohnst, Joe.“
Wortlos wies der Junge in die Richtung des Eingangstors des Parks.
„Das hilft uns nicht besonders. Kannst du mich zu deinem Zuhause führen?“
Der Kleine sah ihn nur verständnislos an.
„Nach seiner Kleidung zu urteilen muss er aus einer sehr armen Gegend stammen“, stellte Kate fest. „Wie hat er nur hierhergefunden?“
„Ich nehme an zu Fuß.“ Der Gentleman sah zu Kate auf, die neben ihm stand. Der sorgenvolle Ausdruck auf ihrem schönen Gesicht machte ihr alle Ehre. Nicht viele junge Damen würden sich wegen eines Gassenjungen den Kopf zerbrechen und ganz gewiss nicht auf die Idee kommen, ihn auch noch anzufassen. „Schauen Sie nicht so besorgt, Miss. Ich werde mich um ihn kümmern.“
Kate zögerte. Wie konnte sie sicher sein, dass sie diesem Mann vertrauen durfte? Was würde er tun, wenn er die Eltern des Kindes nicht finden konnte? London war eine riesige Stadt. Die kleinen Beine des Jungen mussten ihn sehr weit getragen haben, wenn er wirklich in einem der Elendsviertel wohnte. „Was werden Sie mit ihm tun?“
„Versuchen, seine Eltern zu finden.“
„Aber wie?“
„Das ist eine gute Frage. Ich bringe ihn dorthin, wo ich glaube, dass man ihn kennen könnte, und werde mich erkundigen, ob ihn irgendjemand weiß, wo er wohnt.“
„Das ist, als wollte man eine Nadel im Heuhaufen finden.“
„Sehr wahrscheinlich“, stimmte er zu. „Haben Sie eine bessere Idee?“
„Nein“, gab sie zu. „Aber werden Sie sich dort nicht in Gefahr bringen?“
„Oh, das glaube ich nicht. Ich bin Arzt, wissen Sie. Manchmal wage ich mich in Gegenden, von denen eine respektable junge Dame nicht einmal etwas weiß.“
„Selbstverständlich weiß ich von solchen Vierteln“, erwiderte sie scharf. „Ich schwebe nicht auf Wolken, müssen Sie wissen.“
Der Gentleman sah auf den Jungen herab, der jetzt zufrieden an seinem Daumen nuckelte, der einzigen sauberen Stelle an seinem Körper, und fragend von einem zum anderen schaute. „Du möchtest doch zu deiner Ma und deinem Pa zurückkehren, nicht wahr, mein Kleiner?“
Joe nickte.
„Sind Sie sicher, dass Sie die Verantwortung für ihn übernehmen wollen?“, fragte Kate. „Immerhin war ich es, die ihn entdeckt hat.“
Der Anblick des Kindes zerriss ihr das Herz. Sein Wohl war ihr wichtig, ebenso wie das aller Kinder, wer immer sie waren und aus welchen Verhältnissen sie stammten. Kate konnte nicht anders. Wenn sie sah, dass ein Kind Hilfe brauchte, musste sie tun, was in ihrer Macht stand. Dies hatte ihr bei mehr als nur einer Gelegenheit Schwierigkeiten mit ihrer Großmutter eingebracht. „Den Armen Almosen zu geben, ist eine Sache“, sagte sie immer. „Das weiß ich an dir zu schätzen. Aber sie zu berühren, ist etwas ganz anderes. Du kannst nicht wissen, was du dir dabei einfängst. Außerdem wird man anfangen, über dich zu klatschen.“ Weder das eine noch das andere entmutigte Kate.
„Was würden Sie tun, wenn ich ihn Ihnen überlasse?“, fragte der Gentleman.
„Dasselbe wie Sie, nehme ich an. Versuchen, seine Eltern zu finden.“
„Wie?“
Das gab ihr zu denken, doch sie würde bestimmt nicht zugeben, dass sie darauf keine Antwort wusste. „Indem ich mit dem Jungen rede, sein Vertrauen gewinne und ihn bitte, mich zu seinem Zuhause zu bringen. Genau wie Sie.“
„Sie glauben, Sie können die Armenviertel betreten und dort an die Türen klopfen?“
„Ich würde es tun, wenn ich muss.“
„Daran zweifle ich nicht, dennoch wären Sie schon bald in großen Schwierigkeiten. Nein, Sie überlassen besser alles mir.“
„Nun gut. Trotzdem komme ich mit Ihnen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“
„Das halte ich für keine gute Idee, Miss …“ Er hielt inne.
„Mrs. Meredith. Und ich bin kein empfindsames Pflänzchen Rührmichnichtan, also können Sie damit aufhören, so herablassend zu lächeln.“
„Vergeben Sie mir, Ma’am. Doktor Simon Redfern, zu Ihren Diensten.“ Er nahm kurz seinen Hut vom Kopf und machte eine so übertrieben tiefe Verbeugung vor ihr, dass sie lachen musste. Es war ein angenehmes Lachen und er erwiderte es mit einem Lächeln.
„Dann wollen wir also sehen, wohin dieser junge Mann uns führen wird, Dr. Redfern.“
„Ich glaube, Sie werden es bereuen.“
„Ich würde es bereuen, wenn ich ihn im Stich ließe.“
„Warum? Halten Sie mich für jemanden, der sich an Kindern vergeht?“
Sie errötete verlegen. Natürlich wollte sie ihn nicht beleidigen, aber nur weil ein Mann wie ein Gentleman aussah und ein Lächeln besaß, das eine überwältigende Herzlichkeit ausstrahlte, bedeutete dies nicht, dass er nicht auch zu Bösem fähig wäre. „Es tut mir leid“, sagte sie. „Ich fühle mich einfach verantwortlich und werde keine Ruhe finden,...




