E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Nieswiodek-Martin Im Vertrauen weitergehen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96122-147-9
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wahre Geschichten, die Mut machen
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-96122-147-9
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ellen Nieswiodek-Martin ist seit 2014 Chefredakteurin der Zeitschrift 'Lydia'. Außerdem hat sie mehrere Bücher verfasst. Sie ist verheiratet und Mutter von sechs Kindern.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Keine Macht den Sorgen
Katja Bieneck
Ich mache mir oft im Vorfeld Gedanken darüber, was alles schiefgehen könnte. Das Leben ist schließlich kein Ponyhof! Beziehungen, die schmerzhaft scheitern; Operationen, die misslingen; berufliche Probleme – jeder kann ein Lied davon singen.
Vor einigen Jahren befand ich mich in einer Situation, in der ich mir viele Sorgen machte. Ich hatte eine neue Stelle angetreten und musste erleben, dass mein Arbeitsstil nicht auf Gegenliebe stieß. Es gab einige ältere Mitarbeiterinnen, die sehr klare Vorstellungen davon hatten, wie dieses oder jenes getan werden musste, ich dagegen war eher unkonventionell und innovativ in meinem Tun.
Im Nachhinein ist mir bewusst, dass ich als Neuling sicherlich an mancher Stelle zu schnell vorgeprescht bin, ohne meine Kolleginnen angemessen miteinzubeziehen. Aber keiner sprach mich darauf an, keiner sprach mit mir, sondern nur über mich. Es gab auch vieles, was ich gut machte, aber das fand keine Resonanz.
Später erfuhr ich, dass vor mir schon etliche Mitarbeiterinnen gemobbt worden waren. Eine schwangere Angestellte hatte unter großem zwischenmenschlichen Druck sogar von sich aus gekündigt. Ein Verwaltungsmitarbeiter hatte mich schon im Vorfeld vor diesem Arbeitsplatz gewarnt. Aber da ich von solchen Dynamiken keine Ahnung hatte, hatte ich dem keine Bedeutung beigemessen und war mit Optimismus in die neuen Aufgaben gestartet.
Kurz nach Arbeitsantritt begann das Mobbing. Gespräche verstummten, wenn ich den Raum betrat. Kollegen beeinflussten den Abteilungsleiter gegen mich und verbreiteten Zerrbilder von mir (wovon ich allerdings zunächst nichts mitbekam).
Als ich allmählich bemerkte, wie die unterschwellige Feindseligkeit zunahm, wehrte ich mich nicht. Ich war unerfahren in solchen Dingen und dachte, unterschwellige Konflikte ließen sich durch Freundlichkeit und berufliche Anstrengung lösen. Die Tragweite des Ganzen erfasste ich nicht. Als ich zwei Wochen vor Ende der Probezeit einen Krankenhausaufenthalt hatte, wurde mir genau in dieser Zeit gekündigt. Da ich durch eine schwierige OP insgesamt recht mitgenommen war, traf mich dieser Schlag schwer und hinterließ tiefe Spuren in meiner Seele.
Ich war ein halbes Jahr arbeitslos und suchte nach neuen Perspektiven. Schließlich zog es mich zu einem Studium, für das ich mich sehr interessierte, und ich bekam auch einen Studienplatz.
Während des Studiums machte ich mir Sorgen, wie es hinterher weitergehen würde. Ich hatte große Angst, dass mich niemand einstellen würde, nachdem mir in meiner letzten Anstellung in der Probezeit gekündigt worden war. Ich war in meinem ganzen Auftreten sehr verunsichert. Keine guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bewerbung! Oft war ich schon „prophylaktisch verzweifelt“, weil ich davon ausging, dass sich die schlimme Erfahrung wiederholen würde und meine ganze Art verkehrt sei. Ich betete viel und brachte meine vielen Fragen vor Gott.
In einem Gottesdienst, den ich in dieser Zeit besuchte, wurden wir dazu aufgefordert, das, was uns beschäftigte, auf Zettel zu schreiben und vor das Kreuz zu legen. Auf meinem Zettel stand, dass ich Angst hatte unterzugehen – das klingt ein bisschen dramatisch, aber es entsprach meinem Gefühl in dieser Zeit. So legte ich Gott diese Angst im Stillen hin.
Kurze Zeit nach diesem Gottesdienst lasen wir im Hauskreis einen Psalm. Von meinem Gebetszettel und dass ich Angst hatte unterzugehen, wusste mein Hauskreis nichts. Wir lasen reihum Psalm 103, den irgendjemand bei der Vorbereitung des Abends ausgewählt hatte. Einer fing an und dann ging es Vers für Vers im Uhrzeigersinn weiter. Als ich mit Vers 4 an der Reihe war und die Worte laut vorlas, fiel mir beim Lesen fast die Bibel aus der Hand. Da stand in meiner Bibelübersetzung, dass Gott mein Leben vor dem Untergang rettet! Gott hatte mein Gebet wortwörtlich aufgegriffen. Diese Aussage fiel in mein Herz, als hätte Gott persönlich mit mir gesprochen.
Ich spürte, dass Gott mich gehört hatte und mir Mut machte, keine Angst zu haben, weil er für mich sorgen würde. Ich konnte mir zwar überhaupt nicht vorstellen, wie das aussehen könnte, aber die Worte prägten sich mir ein.
Und es kam genau so, wie er es versprochen hatte. Am Ende meines Studiums wurde eine Stelle bei einem guten Träger in meinem Wunscharbeitsfeld neu eingerichtet und ausgeschrieben. Eigentlich wurden in diesem Arbeitsfeld keine Berufsanfänger genommen, aber Gott öffnete mir diese Tür. Kein Problem ist für ihn zu groß. Das Team, mit dem ich die nächsten zwölf Jahre verbringen durfte, entpuppte sich als Traumteam: Wir verstanden uns gut, lachten viel miteinander und standen uns bei Schwierigkeiten zur Seite. Jeder wurde so angenommen, wie er war. Meine Verunsicherung wich mit der Zeit und ich blühte auf.
Ich glaube, dass Gott damals eingehend Ausschau gehalten hat, wo ein geeignetes Plätzchen für meine besondere Ausgangslage wäre, und dass er diese wunderbare Stelle dann für mich persönlich geschaffen hat.
Ich bin dadurch kein anderer Mensch geworden, und das Leben ist immer noch kein Ponyhof, aber ich habe einen wertvollen Schlüssel für den Umgang mit Herausforderungen gefunden: die tiefe Gewissheit, dass Gott für mich sorgen wird. Und ich mache immer wieder eindrückliche Erfahrungen mit Gott, die mir helfen, diesen Zuspruch auch auf andere Lebensbereiche und Situationen zu übertragen.
Die christliche Schriftstellerin Corrie ten Boom sagte einmal: „Mut ist Angst, die gebetet hat.“ So geht es mir auf meinem Weg vom Sorgen zum Vertrauen: Meine Gespräche mit Gott und die Erfahrung, wie seine Fürsorge mich trägt, helfen mir, aktuelle Krisen und Nöte in seine Hände zu legen und an seiner starken Hand weiterzugehen.
Ich bin Gott sehr dankbar für seine Treue und Geduld und wünsche mir, dass auch andere Gottes Nähe und seinen mächtigen Beistand spürbar erfahren.
Katja Bieneck ist ein Pseudonym.
Der Angst ins Gesicht schauen
Esther Lieberknecht
Lange Zeit geriet ich jedes Mal in Panik, sobald ich die ersten Anzeichen einer möglichen Erkrankung bemerkte. Ich sah mich schon im Krankenhaus, den schlimmsten Behandlungen ausgeliefert. Viele Jahre lang war mir diese extreme Reaktion ein Rätsel. Bis ich meine erste Kindheitserinnerung näher unter die Lupe nahm …
Ich liege in einem Gitterbett aus kaltem, glänzendem Metall. Ich kann nicht weg, bin eingesperrt. Ich bin allein im Zimmer. Schreien hilft nichts. Ich bin krank und der Welt des Krankenhauses ausgeliefert. Ich bin ein vierjähriges Mädchen und wegen Scharlach in Quarantäne. Da sich niemand anstecken soll, darf nur eine Krankenschwester ins Zimmer. Es ist niemand da, der mich tröstet, in den Arm nimmt, mit mir spielt. Sie haben mich vergessen!, denke ich immer wieder. Wo ist meine Mama? Wo ist mein Papa? Wo sind meine Geschwister?
Endlich tut sich etwas vor der großen Fensterscheibe zum Flur hin. Leute laufen vorbei. Aber sie bleiben nicht stehen. Da, ein Klopfen an der Scheibe. Meine Mutter steht davor. Sie hat mich doch nicht vergessen!, denke ich. Meine Mutter lächelt und winkt. Sie holt eine Puppe hervor und zeigt sie mir. Das ist deine Puppe, gibt sie mir zu verstehen. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.
Nachdem meine Mutter gegangen ist, kommt die Krankenschwester und bringt mir die Puppe. Glücklich nehme ich die Puppe in den Arm. Sie haben mich doch nicht vergessen, denke ich immer wieder. Meine Mama ist da. Wenn ich wieder gesund bin, holt sie mich ab. Die Puppe ist das Zeichen dafür.
Dieses Erlebnis hat sich tief in mein Herz gegraben. Deshalb die überdimensionale Angst bei den kleinsten körperlichen Symptomen, die eine Krankheit ankündigen könnten. Ich spulte immer wieder das gleiche Programm ab: das Angst-Programm.
Die Angst trennte mich von anderen Menschen. Ich hatte das Gefühl, ganz allein zu sein auf dieser Welt. Manchmal schaffte ich es noch nicht mal, mit meinem Mann über meine Gefühle zu sprechen. Die Angstgefühle traten besonders dann auf, wenn ich körperlich erschöpft war.
Ja, dieses Kindheitserlebnis hat mich geprägt. Doch heute bin ich erwachsen und kann mich entscheiden, wie eine erwachsene Frau damit umzugehen. Für mich war es wichtig, den Schmerz der Trennung von meiner Mutter noch einmal zu spüren. Als ich diese Kindheitserinnerung in meiner Schreibgruppe vorlesen wollte, war mir das fast nicht möglich, weil ich mit den Tränen kämpfte. Diese Trauer habe ich zugelassen und bewusst empfunden.
Nach der Trauer kam die Wut: „Warum hat meine Mutter das zugelassen? Gab es keine andere Möglichkeit, als mich allein zu lassen?“ Auch dieses Gefühl habe ich mir erlaubt: „Ja, ich bin wütend darüber, wie sie damals mit mir umgegangen ist!“ Um die Erfahrung neu zu bewerten, wollte ich etwas über die Sicht meiner Mutter erfahren. So traf ich mich mit ihr zu einem Gespräch über all meine Fragen: Wie hatte sie diese Situation erlebt? Hatte sie auch darunter gelitten? Hatte es keine andere Lösung gegeben? Warum nicht? Ihre Perspektive hat meine Sichtweise relativiert.
Meine Beziehung zu Gott hat Vergebung ermöglicht. In dem von Gott geschenkten Frieden konnte ich meiner Mutter verzeihen und selbst Frieden bekommen über dieser Erinnerung.
Meine Ängste sind zwar noch immer nicht restlos verschwunden, aber ich habe eine Strategie entwickelt, damit umzugehen:
Der Angst ins Gesicht schauen. Ich versuche so früh wie möglich...




