Norten | Das Alien tanzt Polka | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Norten Das Alien tanzt Polka

Neue SF und Fantastik aus einem heiteren Universum
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95765-931-6
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Neue SF und Fantastik aus einem heiteren Universum

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-95765-931-6
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Weltuntergangsszenarien gibt es in der Science-Fiction zuhauf, Prognosen für eine düstere Zukunft liefert schon die Gegenwart. Fantastische Literatur behandelt eher ernste Themen, Horror ist per se grausam. 'Das Alien tanzt Polka' präsentiert das Gegenteil und setzt damit die Reihe der tanzenden Aliens - konkret und übertragen - fort. Die Geschichten sind lustig, heiter bis komisch, skurril, obskur oder absurd. 'Der Feinschmecker versuchte, das Mahl zunächst mit allen ihm zur Verfügung stehenden Sinnen zu erfassen, bevor er zurückhaltend - nahezu vorsichtig - daran knabberte. ?Männlich, 1930er Jahrgang, Stadtmensch, Nichtraucher, leicht adipös, mäßiger Fleischkonsum sowie eine zarte Note von Blutverdünnungsmitteln?, konstatierte er sachlich, als nähme er an einer Blindverkostung teil. ?Schmeckt nach einem unspektakulären Leben.?' (Kai Focke) 

Ellen Norten, 1957 in Gelsenkirchen geboren, liebt seit jeher den wohligen Schauer, sowohl bei der Lektüre gruseliger Geschichten als auch bei der Untersuchung von Insektendärmen, die sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit erforschte. Letzteres offenbarte das bizarre Leben skurriler Einzeller. Dies brachte ihr nicht nur den Titel, sondern schärfte auch ihre Vorliebe für Kuriositäten. Die Neugier führte sie schließlich auf den Weg zum Wissenschaftsjournalismus. Mehr als zwanzig Jahre lang berichtete sie im öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen über die neuesten Errungenschaften in der Forschung. Seit 2010 schreibt sie Kurzgeschichten, die in diversen Anthologien und Zeitschriften veröffentlich werden. Unter dem Pseudonym Conni Mainzelmann kam 2015 bei p.machinery das Reisebuch 'Wie ich die Welt sehe' heraus. Außerdem verfasst sie Rezensionen, beteiligt sich an Poetry Slams und Science Slams (erster Platz Oktober 2017 in Berlin) und arbeitet als Herausgeberin. 2013 erschienen das Gesamtwerk des Schriftstellers Hubert Katzmarz, 2017 und 2018 ihre Anthologien 'Das Alien tanzt Kasatschok' und 'Das Alien tanzt Polka', 2018 'Daedalos 1994-2002 - Eine literarische Reise durch den ?Story Reader für Phantastik?', gemeinsam mit Michael Siefener. Mit dem Cartoon 'Mein süßer Parasit' erweist sie dem Protagonisten ihrer Doktorarbeit alle Ehre.
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Claudia Aristov: Von Alpha bis Omega


Schüchtern tasteten erste Strahlen der Morgensonne über die Hauptstadt des ägyptischen Großreiches. Es schien, als überlegte die Sonne, ob es sich am heutigen Tag tatsächlich als vernünftig erwies, durch enge Gassen zu kriechen, um, wie von Anbeginn der Zeit, die dunklen Schatten der Nacht zu vertreiben. Aber, und das unterscheidet Sterne und wandelnde Planeten deutlich von wankelmütigen Menschen, sie betrachten die verlässliche Ausübung ihres Jobs als heilige Pflicht. Und kein interstellarer Tarifvertrag vermöge dies zu ändern. Nun, die solare Vorsicht entpuppte sich als durchaus berechtigt, wie sich noch herausstellen sollte.

Der Erste Architekt sah auf seinen Teller hinab. Sein verdrießlicher Blick deutete darauf hin, dass er es nicht schätzte, wenn sich sein Frühstück bewegte – jedenfalls, wenn es dies zu langsam tat. Trotzdem schnellte seine Zunge hervor und schaufelte einige träge herumkriechende Skorpione in den froschmauligen Mund. »Von wegen frisch«, maulte er in Gedanken, während seine spitzen, scharfen Zähne sich windende Chitinpanzer knackten. Sehnsüchtig dachte er an die schnuckelige Taverne auf …, als ihn ein Hieb an der Schulter traf.

»Mensch, Omega. Hier steckst du, Kollege.«

Omega zuckte zusammen, verschluckte sich und würgte, woraufhin sich eine Salve gut gemeinter Schläge über seinen Rücken ergoss.

»Massud!«

Der Zweite Architekt grinste und ließ ein Paar blitzende Zahnreihen sehen: »Der Wesir will uns sehen: Revision vor der eigentlichen Bauabnahme.«

»Na, dafür ist es ein wenig spät«, erwiderte Omega gallig und spuckte einen Chitinklumpen in den heißen Wüstensand.

Massud starrte die dürre, in einen landestypischen Lendenschurz gekleidete Gestalt gedankenverloren an. Er, nein, alle hierzulande, vermutlich selbst die Götter, wussten um die Marotten des Ersten Architekten. Seine absonderliche Neigung, lebende Snacks zu konsumieren, erwies sich dabei als die so ziemlich gesellschaftsfähigste von ihnen. Dennoch benahm sich Omega in letzter Zeit noch merkwürdiger als ohnehin schon. Vielleicht war dies aber auch einfach nur der Nervosität geschuldet. Schließlich zeichneten sie beide sich verantwortlich für die erfolgreiche Errichtung des wohl imposantesten Bauwerks der menschlichen Geschichte.

Wenige Minuten später hatten die beiden obersten Architekten dem Beamtenviertel den Rücken gekehrt und ritten auf zwei mürrischen wiederkäuenden Kamelen ihrem Ziel, dem Platz des Göttlichen Friedens, entgegen. Vorbei an den Baracken der Bauarbeiter und Kornspeicher passierten sie die am Stadtrand angesiedelte Ausstellung der Errungenschaften der ägyptischen Volkswirtschaft, ein Vorzeigeobjekt des ägyptischen Pharaos, mit Hunderten zum Teil aufwendig gearbeiteten Pavillons zu den unterschiedlichsten Themengebieten, wie: Zehn Möglichkeiten, ein Kamel doch durch ein Nadelöhr zu bringen, Einbalsamierung für den Hausgebrauch oder Dämonenevokation richtig gemacht, dazu erhältlich für den ambitionierten Anfänger: ein Starterset mit Formeln, geweihten Kerzen und eingelegten Organen aus dubiosen Quellen. Als wahrer Publikumsmagnet allerdings entpuppte sich der Pavillon der Chirurgie, in welchem angehende Medizinstudenten einem gut gelaunten Publikum ebenso plastisch wie drastisch demonstrierten, wie eine effektive Lobotomie zu bewerkstelligen sei.

»Hey, Massud, hallo, Omega!«, brüllte plötzlich eine Stimme aus dem Pavillon der Tausend Freuden. »Hab dich gestern Abend vermisst, Massud. Deine Lieferung ist eingetroffen: gemahlene Springmaushoden. Kannste gleich mitnehmen.« Der Stimme folgte die dazugehörige Gestalt: Pocken-Achmed kam hinausgerannt und breitete einladend die Arme aus, wobei ihm sein Kaftan etwas Fledermausartiges verlieh. »Na, komm«, rief er aufmunternd und verzog den fast zahnlosen Mund zu einem schiefen Lächeln.

Massud schwieg.

Der Händler startete einen neuen Versuch: »Hey, Massud, mein Freund! Kennst du mich nicht mehr?! Deine Eier.«

Massud bemühte sich um einen würdevollen Eindruck und tat, als betrachte er angestrengt einen Punkt in der Ferne.

Konsterniert blickte Pocken-Achmed in die von Massud anvisierte Richtung. Dummerweise erwies sich der Punkt bei näherer Betrachtung als eifrig kopulierendes Mungopärchen. Kopfschüttelnd ging der Händler in seinen Pavillon zurück und ließ das ungleiche Gespann von dannen ziehen.

Bald schon verloren sich die Siedlungen, abgelöst nur von vereinzelten Baracken und der Unendlichkeit der Wüste, aus der sich ein monumentales Bauwerk erhob. Obgleich die Bauarbeiten nahezu vollständig abgeschlossen waren, strömten immer noch Arbeiterbrigaden aus allen Himmelsrichtungen dem Bauwerk entgegen, während andere bereits wieder zurückwogten. Es herrschte eine ebenso hektische Betriebsamkeit wie bei einem Ameisenhügel, in dessen Nesteingang ein ägyptischer Termitenbär seinen Rüssel gesteckt hat.

Rund vierhundert Königsellen zählte das Bauwerk, das erste seiner Art, bereits jetzt geheimnisumflort und dabei nichts weiter als ein simples Pentaeder mit einem Polygon als Grundfläche und vier Dreiecken als Seitenflächen, die sich ihrerseits in der Spitze des Bauwerks trafen. Ebenso wunderbar wie das Bauwerk selbst lautete sein Name:

Oh–du–wunderbares–den–Göttern–geweihtes–Gebäude–das–dem–Himmel–entgegenwächst–und–den–Priestern–als–heiliger–Ort–der–Transformation–und–Medium–für–die–Kontaktaufnahme–zu–den–Göttern–dient.

Der Arbeitgeberverband HGP (Höchster Gesalbter Priester) protestierte massiv gegen diese Bezeichnung. Ihre Argumentation gestaltete sich recht simpel: Ausgehend von einer zwölfsekündigen Aussprache habe die hundertmalige Nennung dieses, wenngleich auch heiligen Begriffes pro Arbeiter und Tag einen Arbeitsausfall von zwanzig Minuten zur Folge. Des Weiteren führe die Artikulation zu spasmischen Kontraktionen der oberen und unteren Darmtrakte und mache zusätzliche Toilettengänge erforderlich, die ihrerseits mit weiteren zwanzig Minuten Arbeitsausfall veranschlagt werden könnten. Bei zehntausend Arbeitern läge der Schaden für das Bruttosozialprodukt sowohl hochgerechnet als auch auf der Basis der Daten des Ägyptischen Statistischen Reichsamtes pro Tag somit bei mehr als sechstausendsechshundertsechsundsechzig Stunden, aufzufangen durch Überstunden. Nach Forderungen der Gewerkschaft SVS (Steine Verarbeitender Sklaven) bezüglich zu leistender tariflicher Ausgleichszahlungen erwürgte sich der Leiter des Statistischen Reichsamtes. Noch im Zweikampf mit sich selbst stieß er ein letztes PinIrreMüde aus. Die ägyptische Bauverwaltung interpretierte dies als Verbesserungsvorschlag und benannte das Gebäude kurzerhand in Pyramide um.

Die Sonne hatte leichtsinnigerweise ihren anfänglichen Argwohn aufgegeben und stand fast im Zenit, als Omega und Massud am Platz des Göttlichen Friedens eintrafen. Von dem als Tjati bezeichneten Wesir fehlte noch jede Spur. Eine Tatsache, die die beiden Architekten begrüßten, verlangte es doch die Tradition, dass sich Oberster Beamter und die, gewissermaßen zum Fußvolk zählenden, Staatsdiener der zweiten Leitungsebene spinnefeind waren. In Massuds Fall allerdings kamen weitere erschwerende Umstände hinzu. »Möge Re geben, dass dem syphilitischen Hurensohn bald die Eier abfallen.«

»Wieso?«, erwiderte Omega und kletterte umständlich vom Kamel. »Deine Frau hat doch schon vorher mit anderen …«

»Halt bloß den Mund!«, fauchte Massud und musterte missmutig das Grabmal. Die Rampen waren bereits demontiert, die Fassaden poliert und weiß gekalkt. Das goldene Pyramidion an der Spitze des Bauwerks funkelte in der Sonne. Am Fuße der Pyramide herrschte munteres Treiben: Händler priesen ihre Waren an, alte Mütterchen verscheuerten noch älteres Federvieh als junge Legehennen und Geldwechsler versuchten sich in Transmutation, indem sie ihren Kunden Bleilegierungen als Goldmünzen unterjubelten. Sie alle hauchten, untermalt von lautem Rufen sowie den Gesängen einiger Eunuchenverbände, deren Schicht gleich zu Ende ging, der Totenstätte pulsierendes Leben ein.

»Hier geht es ja zu wie auf dem Basar«, schimpfte Massud und verscheuchte eine Gruppe bunt bemalter Zwerge, die mit Keulen auf eine Rotte pöbelnder Halbstarker einprügelte. Gerade wollte er die allzu aufdringliche Schlange eines Schlangenbeschwörers zurück in ihren Korb befördern, als sich stählerne Finger um seinen Unterarm schlossen. »Komm mit, schnell!«, raunte ihm Omega ins Ohr und zog ihn mit sich fort.

»Doch nicht jetzt. Der Tjati kann jeden Moment kommen.«

»Egal. Glaub mir. In die kleine Grabkammer.«

Niemand achtete auf die beiden Architekten, die schnellen Schrittes Richtung Pyramide eilten. Allein der Wachtposten stutzte kurz. Überraschung legte sich auf sein einfältiges Gesicht, dann Erkennen. Wie ein Echo folgte das Zittern des Doppelkinns dem zustimmenden Nicken. Die beiden Architekten passierten ungehindert den Eingang ins Allerheiligste.

Hier, im Halbdunkel, bemerkte Massud entgeistert, wie Omegas steinerner Skarabäus, den dieser um den Hals gebunden trug, ein verstörendes...



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